Osterloge 1969 der Fraternitas Saturni
[AI koloriert]
Das Folgende ist der Versuch, ein Gefüge aus Unterlagen, Zahlen und Daten gegen Phantasmen zu stellen. Eine nüchterne Gegenwehr, mit der sich Gerede abkühlen und ersticken lässt. Formal werden deshalb Quellenangaben und redaktionelle Hinweise direkt in den Lesetext gesetzt. Das liest sich nicht immer bequem – soll es auch nicht. Die Dichte der hier gezeigten Materialien verstärkt das Unbehagen.
Gleichzeitig gilt: Dokumente sind nicht selbsterklärend. Zwischen den Zeilen stehen Stimmen und Interessen – Horst Knaut, Walter Jantschik, Friedrich-Wilhelm Haack, Guido Wolther, auch ich – und jede Stimme rahmt, gewichtet, deutet. Wo ich Texte analysiere und Vorwürfe (etwa Fälschungsbehauptungen) prüfe, ist das eine streitbare, textnahe Hypothese: belegbar, revidierbar, aber nicht beliebig.
Es geht dabei um eine Großmeister-Episode (1969), einen Mordfall (1970), ein "Bekenntnis" und dessen späteren Status im Boulevard (1974) – bis hin zu Jantschiks Spätwerk, dem Ordo Baphometis: Kulmination und Selbstabsolutierung eines Systems, das die Journaille nicht widerlegt, sondern überbietet. Mit im Bild: der O.T.O.-Kontext, in der Schweiz vor allem in der Person Hermann Joseph Metzgers – als weiterer Ort, an dem Skandalisierung und Gerichtsakten ineinandergreifen.
Walter Jantschik taucht in der deutschsprachigen okkulten Nachkriegsfolklore wie eine Schaltstelle auf: Man berührt ihn, und sofort leuchten verschiedene Lichter auf – interne Logenpolitik, Briefwechsel, Boulevard, kirchliche "Sektenaufklärungs"-Routinen, Ritualberichte, Gegenberichte. Wer nur nach "Lehre" sucht, übersieht den praktischeren Kern: Jantschik manövriert sich zum Knotenpunkt, nicht zum Zentrum. Er ist anschlussfähig, verfügbar, textfreudig – und gerade dadurch wird er zum idealen Träger fremder Erzählabsichten.
Der Text hält zwei Ebenen auseinander, die nur zu gern ineinander geschoben werden: (1) Ereignis und Faktenlage; (2) nachträgliche Sinnproduktion. Im Fall Jantschik überlagert die zweite Ebene die erste. Wer das nicht trennt, landet zwangsläufig bei dekorativen Deutungen und im Boulevard-Supermarkt des Grotesken statt bei überprüfbaren Mechanismen.
Was an Biografie greifbar wird, stammt aus zwei Quellen: einer boulevardesken Skizze von Horst Knaut und Jantschiks eigener Selbstauskunft. Beides sind keine neutralen Protokolle, sondern Inszenierungen – die eine auf Effekt getrimmt, die andere auf Selbstrahmung. Von Jantschik wird noch einiges zu hören sein; vorher lohnt ein schneller Blick auf den Mann, der ihn in die Öffentlichkeit zerrt: den Journalisten Horst Knaut.
Knaut wird 1926 in Berlin geboren. Nach dem Krieg arbeitet er fünf Jahre im Polizei- und Kriminaldienst in Nordrhein-Westfalen. Es folgt die journalistische Ausbildung in Münster und Bielefeld, danach Stationen als Zeitungsredakteur und Korrespondent für verschiedene Blätter. Sein Themenprogramm – so jedenfalls die Behauptung auf den Umschlägen seiner Bücher – gilt nicht nur dem grellen Tagesereignis, sondern dem, was daneben liegen bleibt: Menschen und Schicksale im Schatten von Gesellschaft und Kirchen, "menschliche Not", soziale Zwangslagen, gefährliche Entwicklungen am Rand des Zeitgeschehens. Das hat Klappentext-Pathos – und schon einen leichten Boulevard-Ton.
Knaut notiert über Jantschik in Stichworten und legt zugleich den Ton fest: Diagnose als Etikett.
Dem gegenüber steht Jantschiks Selbstauskunft aus demselben Jahr. Der Erkenntniswert liegt in der Trockenheit: keine Aura, keine Legende – nur Daten. (Faksimile in: König, In Nomine Demiurgi Nosferati, S. 160 f.)
Walter Jantschik, 8802 Lehrberg, Feierabendstr. 6
verh. rom.–kath. *9.11.39 (34 Jahre alt)
Schulbildung:
8 Klassen Volksschule
4 Jahre Höhere Handelsschule / Mittl. Reife
1 Jahr Paul Pfahler–Institut / ...stufenreife [?]
1 Jahr Nürnberger–Lehrinstitut / Abitur
Berufl. Werdegang:
1962–1967 Quelle–Konzern / kfm. Sachbearbeiter
1967–1971 Weiterbildung / Abitur
1971–1974 Meisterschule Ansbach / Pädagoge
1974 Möbel–Becker KG, Heilsbronn
Lehrberg, 23.2.74 W. Jantschik"
Knaut etikettiert, Jantschik listet – geprüft ist beides nicht.
Mitte der 1980er Jahre taucht Walter Jantschik für mich zunächst nur als Name auf: zuerst in Horst Knauts Skandalisierungsprosa – und dann, eigentümlicher, in den A.R.W.-Publikationen. Schon damals ist klar: Dieser Mann kennt keine Berührungsängste, weder mit Freund noch mit Feind – eher im Sinn eines Menschen, der überall Anschluss findet. Aus Forschungsgründen trete ich in jener Zeit dem Ordo Saturni bei und nehme an Treffen teil: "Feldzugang", ethnologisch gesprochen. Jantschik selbst ist dort nicht zu sehen; stattdessen kursieren Listen geplanter Studienkreise, die man kontaktieren kann. Ich trage mich bei ein paar Themen ein. Einige Wochen später meldet sich Jantschik bei mir – als Leiter des Arbeitskreises "Gnostische Magie". Und ich bin, soweit ich mich erinnere, der Einzige, der sich dafür überhaupt interessiert.
Aus diesem Kontakt entwickelt sich eine ungemein intensive Korrespondenz. Jantschik schreibt ausführlich, detailliert, reagiert auf alles: über seine bemerkenswert kurze Zeit als Großmeister der Fraternitas Saturni, über die frühen Jahre des Caliphate O.T.O. in Deutschland, über sexualmagische Praktiken und die Innenwelten von Orden und Logen, die sich selbst für Weltgeschichte halten. Je länger ich ihn kenne, desto deutlicher tritt ein Charakterzug hervor, den ich als auffallend konfliktvermeidend wahrnehme: ein Unvermögen zu widersprechen. Er bejaht, was man ihm vorlegt, manchmal sogar im Wortlaut des Gegenübers. Nicht aus List, eher aus einer naiv wirkenden, gnostisch aufgeladenen Flexibilität, in der alles irgendwie "passt", wenn man es nur in das richtige Vokabular taucht.
Jedes Mal, wenn ich im Münchner Archiv von Friedrich-Wilhelm Haack recherchiere (dem Gründer der A.R.W.), führt der nächste Schritt, genauer gesagt: die Straßenbahn, zu Jantschik, der in der Nähe lebt. Beim ersten Mal holt er mich sogar am Bahnhof ab. Wir wissen beide nicht, wie der andere aussieht; ich denke nur: Er muss doch irgendetwas Violettes tragen – das würde zu seinen Schriften und Briefen passen. Und tatsächlich ist es so.
Als ich ihn kennenlerne, arbeitet er als Justizvollzugsbeamter. Mir gegenüber ist er sanft und zuvorkommend; bei ihm zuhause herrscht eine offene, unaufgeregte Atmosphäre, Frau und Kinder sind höflich und zurückhaltend. Von der überzeichneten Szene-Figur, vor der andere zittern, bleibt nichts: eher ein gutmütiger Mann, der viel zu leicht zugänglich ist. Er zeigt mir alles, sogar das elterliche Schlafzimmer und das der Kinder. Mir wird in diesen Begegnungen erst richtig bewusst, wie sehr er sich manipulieren lässt und wie bereitwillig er sich missbrauchen lässt: von Journalisten, die aus ihm ein Monster montieren, indem sie ihm Sätze in den Mund legen; ebenso von Sammlern und "Experten", die sich mit kryptischen Rollen ("Abgesandter Baphomets" und ähnlichem Quatsch) Materialzugang erschleichen.
Jantschik öffnet allen sein Archiv, lässt kopieren, schickt dicke Pakete, Kisten voller Dokumente – als wäre Grosszügigkeit bei ihm ein Reflex. Sein Satz "aber letzte Geheimnisse werde ich der profanen Welt niemals offenbaren" kommt oft wie ein nachgereichter Selbstschutz daher, nachdem er zuvor schon alles erzählt hat, was man ihm entlocken will.
So ergibt sich für mich als persönliche Erfahrung eine merkwürdige Doppelperspektive: In der Szene gilt er als Faszinosum, als düsterer Knotenpunkt; in der Realität begegne ich einem freundlichen, erstaunlich wehrlosen Mann, der vor allem eines kaum kann: Nein sagen. Und genau diese Unfähigkeit – nicht Bosheit, nicht Macht, nicht "Geheimwissen" – erklärt am besten, warum so viele ihn so gründlich "verwerten".
Diese Charakterisierung wird 2006 durch Richard Tschudi (im Spätsommer 1963 von Eugen Grosche in die F.S. aufgenommen) gestützt: "Ja ich habe Walter Jantschik mehreremale getroffen (waehrend den Osterlogen) in Frankfurt und in Bochum und dan speater einmal im OS. Deine Meining ueber ihn stimmt mit meiner ueberein. Er war immer sehr freundlich gegenueber allen, sehr hilfsbereit, gerne bereit sein Wissen und Erfahrungen mit allen zu teilen. Er wahr sehr treuherzig. Er konnte keine Fliege umbringen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er je einmal einen Wutanfall hatte. Er war ein 'Suchender'. Hat immer Rituale verfasst." (Email vom 17.11.2006. Die eigenwillige Orthographie des Schweizers Tschudi erklärt sich aus Jahrzehnten in Kanada und einem Alltag auf Englisch.)
Spätestens Ende der 1980er Jahre kippt Jantschiks Selbstetikettierung ins akademische Phantasie-CV: "Nach Volksschule, Handelsschule und Abitur Studium der Philosophie, Psychologie, Soziologie, Theologie und Kriminologie an den Universitäten Erlangen–Nürnberg, Hagen, London und Pretoria. Promotion in Psychologie 1971. Habilitation in Philosophie 1975. Ausbildung als geprüfter Yoga–Lehrer. Auslandsaufenthalte in Mauritius, Tibet und Indien. Tätig als Parapsychologe und Psychologe." So in einem Werbeblatt für seinen Ordo Baphometis (Ende der 1980er Jahre).
Im Sinn der hermetischen Maxime "wie oben, so unten" laufen bei Jantschik zwei Autoritätsbühnen synchron.
"Im Ultra–imaginativen Feld von Sperma und Mens wurde ich vom Höchsten Meister der Plutonischen Ejakulation zum 'Meister über die seminal–menstrualen Ströme vom Oberen und Unteren Pleroma' geweiht." (Jantschik: "Lykanthropische Sexualmagie", möglicherweise Mitte 1990er Jahre, Faksimile in König, Nosferati, S. 288ff.)
Nochmals Tschudi: "Wie er zu der :Pluto Magie" kam weiss ich nicht. Invozieren der Pluto Spaere war zur Gregorius Zeit noch nicht populaer. Ich denke Grossmeister Daniel (Guido Wolter) hat diese Ideen in die Loge gebracht." (Email vom 17.11.2006). Damit meint Tschudi wohl Wolthers Pluto-Ritual.
Das "Oben" liefert die kosmische Bürokratie, das "Unten" die Papierbürokratie – und in beiden Fällen gilt: Das Siegel zählt mehr als der Nachweis.
Dies ist bereits das spätere Grundmuster seiner Baphometischen Doxologie. Belegbarkeit wird durch Terminologie ersetzt; die Sprache verhält sich, als wäre sie ein Amt.
Damit ist der Mechanismus benannt: Jantschik produziert Autorität nicht durch Nachweis, sondern durch Siegel – oben metaphysisch, unten "akademisch". Und genau das macht ihn zur perfekten Projektionsfläche: Man verwechselt Zugänglichkeit mit Einfluss, Harmlosigkeit mit "Macht", Echo mit Tiefe, Zustimmung mit "Geheimwissen". Deshalb lohnt nun der Rücksprung nach 1969, zu seiner Einsetzung zum Großmeister: Dort wird die Rolle installiert, die später alle mitvollziehen.
Jantschiks erster sichtbarer Karrierehöhepunkt in der F.S. ist eine Krönung sans royaume: als Pflaster, nicht als Souverän.
Der Kontext, in dem er 1969 überhaupt Großmeister der Fraternitas Saturni werden kann, ist unerquicklich genug. Der Großmeister Guido Wolther (Daniel) ist Ende 1968 ein angezählter Mann, körperlich und nervlich. Er schreibt: "Ein Schlaganfall lähmte den rechten Arm und das linke Auge sieht kaum noch. In sechs Wochen habe ich 18 kg abgenommen. Ich bin nur noch der Schatten meiner selbst." (Wolther an Jantschik, Brief 22.10.1968; Faksimile in: König, Saturni, 354–355).
Zum selben Zeitpunkt laufen die organisatorischen Verschiebungen bereits im Hintergrund: Am 23.10.1968 legt Johannes Maikowski (Immanuel) sein Frankfurter Grossmeisteramt nieder und erklärt Wolther (Berlin-e.V.) zum neuen GM auch für Frankfurt; der "Zusammenschluss beider Organisationen" passiert damit quasi automatisch, bevor man ihn feierlich ausruft. Am 3.2.1969 geht die Nachricht herum; eine Neu- oder Wiederwahl eines gemeinsamen Grossmeisters drängt sich auf und wird auf Ostern angesetzt. (Rundschreiben Nr. 27 vom 3.2.1969, Faksimile in: König, Saturni, 360).
Gebraucht wird nun also jemand, der die Temperatur senkt, der beruhigt, der "arbeitet", wenn die anderen nur noch Stimmung produzieren. Wer ist überhaupt noch handlungsfähig?
Jantschiks "Krönung" ist dabei nicht nur Personalie, sondern Einigungsritual: Auf der Osterloge 5./6. April 1969 wird offiziell verkündet, was faktisch schon vorher angelaufen war – die Rückführung der 30 Frankfurter zur Berliner Loge (nun ca. 60 Mitglieder). Die spätere Sprachregelung dazu lautet: "Geburtsstunde der Vereinigten Grossloge FRATERNITAS SATURNI". (Rundbrief vom 20.04.1971).
Innerhalb der F.S. bleibt Wolthers Stellung noch eine Zeit lang unklar; im Rundschreiben Nr. 37 vom 12.1.1970 wird er weiterhin als "Hüter des Rituals" aufgeführt. Das passt dazu, dass zentrale Logenunterlagen und Paraphernalien zunächst bei ihm verbleiben – besichtigen ja, zurückgeben nein. Erst später erklärt Wolther am 18.2.1971 die abgespaltene und isolierte Frankfurter F.S. formell für beendet. Praktisch ist die Spaltung jedoch seit Ostern 1969 organisatorisch überbrückt: Die Mitglieder schliessen sich zur Vereinigten Grossloge zusammen, und Jantschik wird inthronisiert.
Detail am Rand: Diese offizielle Verkündung erfolgt einen Tag nachdem Irmtraud Maikowski den Frankfurter Vereinsregister-Eintrag gelöscht hat. Ohne angeblich ihren Mann davon in Kenntnis zu setzen: "Von einer Auflösung der FS Frankfurt hat mir meine Ehefrau Flita nichts mitgeteilt." (Maikowski, Email vom 28.11.2009). Der Ton ist noch nach Jahrzehnten der eines Gekränkten: Aus der früheren Ehefrau wird eine Gegenspielerin – wie später auch aus Karl Wedler.
Nebenbei: Juristisch ist das weniger "Spaltung" als Namens-Duplikat – Rechtsanwälte halten fest, dass ein Namensschutz "nicht möglich" ist; Frankfurt-e.V. und Berlin-e.V. seien "in keiner Weise identisch", höchstens eine Abspaltung von Mitgliedern. (Rundschreiben vom 11.5.1969. Faksimile in: König, Saturni, 375–376).
In so einem Zustand wirkt Jantschik wie der Mann, der Ordnung simuliert, damit überhaupt etwas weitergeht. Er ist 1964 in Berlin beigetreten (am 28.3.1964 und gleich auch der Fraternitas Luminis von Johannes Maikowski am 17.5.1964), er tippt ab (etwa 1966 Miriam Wolthers "Amor Ex Nihil", das Manuskript macht seitdem als "Tagebuch einer Magierin" die Runde – unter dem Pseudonym "Yorick Chevalier du Lys"). Er arbeitet mit anderen Exponenten der Loge an sexualmagischen Beschwörungen, was Karl Wedler möglicherweise gefällt, da er ja Wolther in solchen Angelegenheit unterstützt.
Der Ehrenvorsitzende Karl Wedler (Giovanni) leitet die Neuwahlen. Zu Ostern 1969 wird Walter Jantschik (Jananda) zum neuen Großmeister inthronisiert. Die Wahl soll das turbulente Logengeschehen beruhigen. Unterlagen, die diese Inthronisierung sauber abstützen, fehlen. Weder von Jantschiks 18°–Initiation (18° = Gradus Pentalphae) im Jahre 1965 noch von seiner Großmeister–Ernennung im Jahre 1969 sind Dokumente greifbar. (Jantschik, Brief vom 17.12.1993.) Bestätigungen jedoch schon.
Wedler an Jantschik: "Wie besprochen, übersende ich zu Deiner Kenntnis eine Ablichtung der Ehrenurkunde." Brief am 20.4.1969. Was damit gemeint sein könnte, bleibt unbeantwortet.
Die Inthronisation zu Ostern 1969 ist nicht nur eine Personalentscheidung, sondern eine Krisenmaßnahme: Nach Rücktritt, Konkurrenzstrukturen und Spaltungsresten soll mit Jantschik eine handhabbare Integrationsfigur installiert werden – als symbolischer Knoten, an dem sich die Vereinigte Großloge Fraternitas Saturni festmachen läßt. Der Zusatz "Vereinigte Großloge" entfällt bald.
Das ist der Kern seines Großmeisteramts: nicht Apotheose, sondern Pflaster. Nicht Vision, sondern Verwaltungsberuhigung. Und Verwaltungsberuhigung ist, in esoterischen Kleinstaaten, bereits eine Form von Magie.
Die "Krone" sitzt ohnehin auf einem strukturellen Riss: Maikowski holt sich am 3.10.1969 eine "unbefristete Dispens" und tritt am 18.3.1970 aus dem Verein FRATERNITAS SATURNI e.V. Berlin aus – betrachtet sich aber weiterhin als Grossmeister einer "geistigen Loge" auf Lebenszeit. Das ist die Sorte Doppelboden, auf der kein Amt je stabil wird. (Einschreiben an Jantschik, 18.3.1970, Faksimile in: König, Nosferati, 68).
Kurz darauf wird Jantschiks Funktion sichtbar: Er schreibt beruhigende Briefe an aufgebrachte Mitglieder, ist da, wenn die anderen abtauchen. Und – entscheidend – er bleibt disponibel: ein Mensch, der auf Fragen reagiert, indem er zustimmt; einer, der den Konflikt entschärft, ohne ihn zu klären.
Die Unruhe hält jedoch an. Ein Beispiel: Johannes Göggelmann droht nach einer Mahnung des erst eingetretenen Logensekretärs Stanislaus W. Wicha mit dem Austritt; Jantschik beruhigt ihn mit dem Hinweis, Wicha "arbeitet sehr eigenwillig und selbständig" (Jantschik an Göggelmann, Brief vom 30.6.1969).
Jantschik versucht, die finanziellen Ungereimtheiten seines Vorgängers Wolther zu bereinigen, ist aber rasch entnervt und legt das Amt nach rund einem halben Jahr nieder, bleibt zunächst noch im Vorstand. Sein Abgang wird in einem späteren Brief an mich als Intrigenlage beschrieben: "Weshalb ich das Amt als Großmeister niedergelegt habe, waren hauptsächlich Intrigen von allen Seiten, etc. ... Seit meinem Austritt 1970/71 aus der F.S. hatte ich keine Kontakte mehr zu dieser Loge." [Jantschik, Brief an mich vom 2.3.1990.]
"Der Giovanni wollte als Ehrenmitglied, ebenso seine Frau, ernannt werden …"
Dieses Scharmützel hat sogar eine interne Regel-Dramaturgie: Willi Hauser – Teil jenes Triumvirats (Wedler/Wagner/Hauser), das nach dem Tod Margarete Berndts 1965 die organisatorische Leitung übernehmen sollte, während Wedler als 33° das letzte Wort behält – notiert, Giovannis "Austrittserklärung dürfte aber den wenigsten bekannt sein. Nach meinem Dafürhalten könnte jener Entschluss von Giovanni stillschweigend rückgängig gemacht werden, denn er konnte ja damals nicht ahnen, dass Daniel später sein Amt niederlegen würde. Ganz abgesehen davon, dass ein Austritt im 33. Grad gar nicht möglich ist! Oder, falls Giovanni trotzdem auf seinem Austritt beharrt, sollte man ihn als Ehrenmitglied bestätigen, wobei in den Logengesetzen ein entspr. Nachtrag betr. Ehrenmitgliedschaft nachgeführt werden müsste." (Hauser an Jantschik, 28.9.1969)
Die geplante Verwaltungsberuhigung entpuppt sich also als Gerangel um Austritt und Ehrenstatus. Die Macht kleinster Titel in kleinsten Räumen: Sie sind Statuswährung, und Statuswährung erzeugt — zuverlässig — Machtneid.
Das alles ist sogar dem sonst robusten Jantschik zu viel.
Nach ihm folgt im Herbst der erst vor einem halben Jahr eingetretene, 40-jährige Pole und Logensekretär Stanislaus W. Wicha als Großmeister der F.S. – aufgenommen an derselben Osterloge 1969, an der Jantschik Großmeister wird. Ein erneuter Hinweis darauf, wie sehr dieses Amt zur Worthülse gerinnt.
Ein Auszug aus Jantschiks magischem Tagebuch aus dieser Phase. Die freien Stellen auf den Seiten nutzt er später für Nachträge; eine saubere Chronologie lässt sich daraus nicht mehr herstellen. Im Folgenden werden daher einige Seiten kommentarlos gezeigt. Festzuhalten bleibt nur der Kontrast: Von den Unterlagen zur Baphometischen Doxologie der 1980er Jahre unterscheidet sich dieses Material deutlich.
Hier gilt – wie bereits in der Vorbemerkung – die Unterscheidung zwischen zwei Ebenen:
Das kriminalistische Ereignis (Mord) und die nachträgliche Sinnproduktion ("Auftrag", "Opfer"). Die zweite Ebene überlagert die erste — und genau das ist das Thema. Der Mord wird zur Inszenierung; der Tatort zur Kulisse. Der Text: Groschenromansprache und -stimmung.
In diesem Kapitel wird folgende chronologische Leitlinie (Fixpunkte und Textproduktion) verfolgt:
Der vollständige Abdruck von Jantschiks zweiseitiger Stellungnahme erfolgt erst nach einem kurzen Abstecher zu Guido Wolther – weil dessen Vorwurf, Jantschik habe das berüchtigte 18°-Ritual verfasst, bereits zu jener Boulevardverwertung gehört, von der hier die Rede ist.
Mit diesen Fixpunkten lässt sich nun Schritt für Schritt verfolgen, wie aus einem Ereignis eine Ansammlung von Deutungen wird: vom Besuch zum Dokument, vom Dokument zum Alarm, vom Alarm zur Boulevardmontage.
Ausgangspunkt ist die Tat vom 6. Mai 1970. Alles Folgende zeigt, wie sie textlich umgebaut und ausgeschlachtet wird.
Im Boulevard-Magazin QUICK (09.05.1974, Nr. 20, S. 35–40, Fotografie folgt weiter unten) publiziert Horst Knaut die Ergebnisse seiner Recherchen. Diesen ist ein Besuch bei Walter Jantschik vorausgegangen, auf den gleich eingegangen werden wird. Vorerst aber die Pointe vor der Herleitung: Boulevard als gieriger Schwamm. Er saugt ein Ereignis auf und presst es als moralisches Szenario wieder aus. Am Ende bleibt nicht ein Milieu, sondern ein Effekt.
QUICK rahmt den Stoff schon im Titel als Serien-Programm: Ursache wird vorab gesetzt, Wirkung als Schock verkauft. Schon der Vorspann formuliert die These als Schicksalssatz: "Oft steht die Vergangenheit gespenstisch vor uns auf. Ein Schock in der Kindheit kann Jahrzehnte später zu einer Wahnsinnstat führen …"
Die Überschrift erledigt die Arbeit: Schock. Töten. Teufel. Etiketten, die jeden Zwischenschritt ersetzen. Der Text muss danach nicht mehr erklären, sondern nur noch ausmalen.
Es folgen nun ein paar transkribierte Ausschnitte. Fotografien des ganzen Artikel sind als "5. Kapitel 09.05.1974: QUICK Nr. 20 veröffentlicht den Lehrberg/Fall-Jantschik-Teil" zu finden.
Namenszuordnung im QUICK-Artikel:
Knaut setzt nicht bei Aktenlage an, sondern bei filmischer Gewalt-Dramaturgie: Countdown, Hausflur, Dialogfetzen, Täter als "Marionette". Die Methode ist Montage: banales Familienidyll, dann der Schuss.
Sogar die Zwischenüberschriften/Bildzeilen arbeiten wie Urteile: "Der Todesschütze fühlte sich als Richter", "Als die Frau des Großmeisters nackt war …", "Auf dem Altar wurden Sexspiele zelebriert".
Später folgen dann Pseudopsychologie und das Etikett "Teufelssekte" (dazu kommen wir gleich). Als Schutzformel liefert die Redaktion "Tatbestand authentisch" bei geänderten Namen – ein Wahrheitsversprechen ohne Beweisführung, aber mit maximaler Suggestion. Sprachlich ist das Krimi-Prosa im Reportagekostüm, Kioskliteratur: Tonfall ersetzt Recherche; es entsteht keine Milieustudie, sondern eine moralische Kulisse.
Hier noch ein weiterer Auszug: Er führt den Leser ins okkulte Milieu.
Solche und ähnliche Sätze konnten wertvolle Hinweise dafür geben, wie es zu dem Verbrechen kam. Doch die wackeren Polizisten kümmert dies nicht.
Für sie ist das ganz einfach ein Fall für den Psychiater.
Die psychiatrische Untersuchung leitet der Nervenarzt Dr. Mayer. Ihm gegenüber rechtfertigt Berger seine Tat: "Ich habe ständig mit dunklen Mächten zu kämpfen. Auch Schwab war so eine schwarze Macht. Ich mußte
ihn beseitigen."
Dann wieder behauptet er: "Ich wollte Schwab ja gar nicht töten. Es ist eben plötzlich geschehen. Ich kann das nicht im einzelnen erklären."
Und immer wieder spricht er von "unheimlichen Kräften und Mächten". Kein Zweifel: Georg Berger ist völlig in okkulte Vorstellungen verstrickt.
Nach monatelangen Untersuchungen und Beobachtungen kommt Dr. Mayer schließlich zu dem Ergebnis: "Georg Berger leidet an paranoidem
Verfolgungswahn."
In der Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht führt er am 20. April 1971 aus: "Diese Krankheit äußert sich durch die Überbewertung einer bestimmten Idee. Bei Georg Berger war es die Überbewertung des Okkultismus, mit dem er sich schon länger beschäftigt hatte. Sonst ist er völlig normal."
Der Psychiater bescheinigt dem Angeklagten sogar überdurchschnittliche Intelligenz. Bezüglich der Tat allerdings meint Dr. Mayer, Berger habe im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit (Paragraph 51) gehandelt.
Das Gericht folgt dem Sachverständigen. Es spricht den Angeklagten frei und ordnet seine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt an, da die Gefahr der Wiederholung besteht."
Hier zeigt sich das Boulevardverfahren in Reinform: Erst wird behauptet, die "wackere" Polizei und Justiz hätten den "Schlüssel" übersehen – damit der Journalist als nachträglicher Entdecker auftreten kann. Dann wird Text (Unterstreichungen, "Kostproben") zur Tatursache umdeklariert. Das ist nicht Rekonstruktion, das ist Rückwärts-Montage: Das Verbrechen bekommt im Nachhinein sogar sein "Gesetzbuch". Der Boulevard setzt sich damit über Ermittlungsarbeit hinweg und spielt den besseren Kriminalisten – weil er am Ende nicht Fakten, sondern Deutungshoheit verkauft.
QUICK setzt unmittelbar davor einen Gelenksatz, der die Trennlinie zwischen Aktenlage und Deutung offen markiert:
Hier kippt der Fall von der (prüfbaren) Aktenlage in eine (verkaufbare) Sinnproduktion. Aus dem Urteil wird die Erlaubnis zur Totaldeutung.
Knaut setzt die Kontaminations-Phantasie noch einen Schritt weiter – bürgerliche Berufe als Angstverstärker:
Das ist kein Befund, sondern Technik: Respektabilität wird als Träger der Bedrohung ausgestellt. Die Pointe ist nicht "Randfiguren", sondern: Es könnte der Nächste sein – im Wartezimmer, im Amt, im Treppenhaus. Bei Kindern wartet das Böse unter dem Bett oder im Wandschrank. Für Groß und Klein aber gilt: Es lauert mitten unter uns.
QUICK schließt nicht mit Akten, sondern mit Tiefenpsychologie – und mit einem Seriencliffhanger:
Damit ist die Funktion klar: Das Verbrechen ist der Köder, das Produkt ist die fortsetzbare Figur. "Tiefenpsychologie" wird hier weniger als Befund eingesetzt denn als Lizenz zur Dramaturgie – und der Schluss fragt nicht nach Akten, sondern nach der nächsten Folge.
Namenszuordnung im QUICK-Artikel:
Diesem Artikel ist ein Besuch bei Jantschik vorausgegangen.
Nach dem Tatkern, dem Mord von 1970, folgt 1974 der Scharniermoment, an dem die spätere okkulte Erzählung mit ihrer eingebauten Zielrichtung überhaupt erst angelegt wird: der Besuch von Journalist Horst Knaut und dem Sektenbeauftragten Friedrich-Wilhelm Haack zuhause bei Jantschik am 22. März 1974. Im Gefolge dieses Besuchs unterzeichnet dieser am 26./27.03.1974 ein "Bekenntnis"; als Textreservoir steht es dem späteren QUICK-Artikel auffällig nahe.
Transkript:
"Walter Jantschik
8802 Lehrberg bei Ansbach — Feierabendstraße 6
Ich gebe hiermit das folgende Bekenntnis:
Ich bin 34 Jahre alt. Ich bin seit 1971 geschieden.
Ich bin seit einem halben Jahr wiederverheiratet mit einem 19jährigen Mädchen aus Mauritius, das ich durch einen Briefbund kennengelernt
habe.
Seit meinem 18. Lebensjahr befasse ich mich mit Okkultismus, Magie, Parapsychologie. Yogabücher aus einer Schulbibliothek weckten meine ersten Interessen an der Erforschung höherer Bewusstseinsebenen des Menschen.
Ich habe mich dann intensiv mit weiterer okkultistischer Literatur befasst. Ich abonnierte die Zeitschrift "Die andere Welt", die jetzt "Esotera" heißt. Über diese Zeitschrift lernte ich andere Geistesfreunde, auch Gruppen, Zirkel, Kreise und Orden verschiedener Geistesrichtungen kennen.
Ich habe bald erkannt, dass sich magische Arbeit zum Zwecke der Höherentwicklung nur auf den Lehren Meister Therions aufbauen lässt, den
die profane Welt als Aleister Crowley gekannt hatte. Ich wurde Mitglied und
später Großmeister des deutschen Geheimordens Fraternitas Saturni, in dem ich
mit den Lehren und Weltbildern Meister Therions in noch engere Berührung kam.
In unseren Kreisen wird Meister Therion auch in der Zahl 666, als das Große
Tier oder als Baphomet verehrt, auch in anderen, streng geheimen Erkennungen,
die man im Profanen als satanistisch und noch schlimmer ansehen würde. Ich habe selbst ihm zu Ehren satanische Lektionen verfasst. Meine Einweihung in den sexualmagischen Grad Pentalphae [18°] habe ich mit der Frau eines Ordensbruders rituell erfahren. Über unsere Körper wurde während des geschlechtlichen Verkehrs ein schwarzer Hahn getötet; das heiße Tierblut ergoss sich über unsere Körper.
Ich stehe auch schon sehr lange mit der Abtei Thelema in Verbindung [1965] und beziehe seit vielen Jahren die "Oriflamme". Die Abtei in Stein gilt in eingeweihten Kreisen als die zentrale Verehrungsstätte für Aleister Crowley. Mehrere meiner Ordensbrüder und –schwestern waren vor mir schon dort gewesen.
1970 weilte ich in Thelema. Mit einigen Geistesfreunden aus der Schweiz, die nicht zur Fraternitas Saturni gehören, lernte ich Herrn Metzger, Frau Borgert und Frl. Eschbach persönlich kennen. Sie zeigten mir in der Abtei auch den Ritualraum, in dem mir nichts fremd vorkam. Aus meinem Studium der rituellen Magie sowie aus meinen persönlichen Erfahrungen der Einweihungen wusste ich alles über Ausgestaltung, Sitzfolge und Zweck derartig geweihter Räume. Über Rituale, die in diesem Raum stattfinden, wurde nicht gesprochen. Es gehört zu den strengsten Ordensgesetzen, darüber absolutes Schweigen gegenüber all denen zu wahren, die dort noch keine Einweihung erfahren haben. Ich durfte in der Abtei auch die Crowley–Stele aus Ägypten sehen, die dort einen würdevollen Aufbewahrungsort gefunden hat, was wohl ein Verdienst des Herrn Metzger ist. Für mich als Eingeweihten der Fraternitas Saturni war es ein großes Erlebnis, dieser Stele gegenüberstehen zu dürfen, auch wenn ich zum Zeitpunkt meines Besuchs kein Mitglied der in Thelema vereinten Orden war und dies auch heute noch nicht bin.
Mein weiterer Kontakt mit der Abtei bestand dann in dem Erwerb von Büchern
über Magie und artverwandte Gebiete, die ich sonst nicht erwerben konnte. Zu
weiteren Begegnungen oder einer Teilnahme an einem Ritual ist es bis jetzt
nicht gekommen.
Nach den von Herrn Metzger bezogenen Originaltexten Meister Therions wollte ich nun noch weiter für mich allein arbeiten. Ich widmete mich
besonders der Kontaktaufnahme mit Naturgeistphänomenen.
Als mein Ordensbruder Paul–Günther Diefenthal von der Fraternitas Saturni zu
mir nach Lehrberg gezogen kam, studierten und praktizierten wir gemeinsam. Ich nahm Paul–Günther bei mir auf. Therions Lehre von den blutigen Opfern und
verwandten Dingen faszinierte uns besonders. Zu diesem Zeitpunkt waren uns
bereits die wirklichen Motivationen der Vorfälle in Amerika klar, die auch hier öffentlich bekannt und als profane Verbrechen aufgebauscht wurden. Wer Meister Therions Werk richtig zu lesen versteht und es in sich aufgenommen hat, der versteht auch das Wirken der Kräfte und Mächte in uns, die nicht nur 1969/70 in Kalifornien wirksam wurden, [Solar Lodge of the O.T.O. und/oder Charles Manson] sondern die schon immer wirksam waren und stets wirksam bleiben werden.
In einem magisch–rituellen Bewusstseinszustand erschoss auch mein Ordensbruder Paul–Günther Diefenthal am 6. Mai 1970 in meinem Haus in
Lehrberg meinen Schwager Josef Göttler. Ich bin davon überzeugt, dass
Paul–Günther dabei von höheren Mächten gelenkt wurde und nur einen Auftrag
ausgeführt hat. Auch er kannte das Kapitel XII der magischen Theorie– und
Praxislehren Meister Therions.
In dem Opfer, das durch ihn dargebracht wurde, sehe auch ich keine böse Tat. Nach den Lehren Therions gelten hier keine irdisch–rechtlichen Gesetze und auch keine christlichen Moralvorstellungen. Ich habe auch kein Mitleid mit dem Opfer; es hat Erlösung gefunden.
Das Gesetz von Thelema hatte meinen Ordensbruder in seinen Bann gezogen. Er war ein dienender Verehrer eines großen Meisters, den die profane Welt nicht versteht und nie verstehen wird.
Ich bin heute nicht mehr als Großmeister des Ordens Fraternitas Saturni im Amt. Dennoch bleibt mein Leben und Wirken der Magie und dem Werke Meister Therions gewidmet. Im Streben nach wirklich Höherem will ich seinen Lehren und meinen Eingebungen folgen. Ich will seinen Gesetzen verschworen bleiben, auch dann, wenn mich die derzeitige menschliche Gesellschaft auf Grund meines Tuns und Handelns womöglich aus ihren Reihen ausschließen sollte. Tu was du willst — das ist auch mein Gesetz!!
Lehrberg, den 26. März 1974
Walter Jantschik (Unterschrift)
[handschriftlich]
27.3.74 / 21.00 Uhr (♂ Mars-Zeichen, Dreiecksymbol mit Innenzeichen = Penis/Vagina)
Letzte Geheimnisse die mir bekannt sind und weiter bekannt werden, werde ich niemals der profanen Welt preisgeben.
Walter Jantschik (Unterschrift) (♂ Mars-Zeichen, Dreiecksymbol mit Innenzeichen = Penis/Vagina)
Schwöre hiermit bei Baphomet keine Geheimnisse der profanen
Welt preiszugeben.
21°° Uhr 27.3.74
Walter Jantschik (Unterschrift) ( ♂ Mars-Zeichen, Dreiecksymbol mit Innenzeichen = Penis/Vagina)
Dieses nach dem Besuch Knauts und Haacks entstandene Dokument wirkt wie eine karikierte Vollendung einer christlich-juridischen Beichttechnik: Subjektivität als Protokoll, Schuld als Tatbestand, Wahrheit beglaubigt mit Unterschrift. Die "letzten Geheimnisse" fungieren dabei wie eine ironische Sperrklausel: erst maximale Offenlegung, dann ein nachgereichter Satz, der diese Offenheit ex post als Souveränität ausgibt. Jantschik erscheint hier wie eine lebende Akte, die sich selbst abstempelt.
Ob Jantschik diesen Text als metaphysische Erklärung, als Schutzbehauptung, als mythologisches Sprechen oder als naives Ja, genau so versteht, ist fast nebensächlich. Denn ab hier übernimmt Knaut das Skript.
Aus dem Gespräch wird nun Inszenierung.
Das Wort "Auftrag" ist ein semantischer Zündfunke: Der Boulevard liebt ihn, weil er sofort eine Bühne aufstellt. Und sobald der Vorhang aufgeht, steht das Requisitenarsenal bereits bereit - jetzt fällt nur noch das Scheinwerferlicht darauf: "Opfer", "Satanismus", "okkulte Szene". Im fertigen Artikel passiert der Rest mit Routine: Sätze werden ausgewählt, gekürzt, geschärft; Akzente werden gesetzt - und alles rückt in jene Kulisse, in der es automatisch nach Bedrohung aussieht.
Das "Bekenntnis" verankert den Mord ausdrücklich in einem "magisch–rituellen" Rahmen. Es koppelt Intimisierung (Biografie, Ehe, Motive) an Sakralisierung (Schwur, Zeichen, Gelübde). Genau diese Mischung macht es für Boulevard und "Sektendiskurs" so verwertbar: Es liest sich wie Selbstbezichtigung. Der Kern steht schon im ersten Satz zur Tat: "In einem magisch–rituellen Bewusstseinszustand erschoss auch mein Ordensbruder Paul–Günther Diefenthal am 6. Mai 1970 in meinem Haus in Lehrberg meinen Schwager Josef Göttler."
Mit diesem Dokument als Vorlage eskaliert Knaut die Dramaturgie: Aus dem Interview wird Alarmrhetorik, aus Andeutung Zuständigkeitsdruck. In folgendem Brief an Haack steigert er die Kultblut-Verschwörungstheorie bis zur Ritualmord-Panik um ein Baby – die Behauptung steht schon fest, bevor überhaupt geprüft wird (18.04.1974).
"Lieber Fritz,
noch kurz vor Ostern wurde ich bedrängt, unbedingt einer Ermittlungsbehörde von unseren Wahrnehmungen in Lehrberg [dem Wohnort Jantschiks] Kenntnis zu geben. Damit wir uns womöglich nicht eines Tages irgend einen Vorwurf machen müssen, habe ich an die Staatsanwaltschaft beim Landgericht in Ansbach geschrieben. Wenn ich die Sache heute bedenke, könnte uns womöglich eines Tages wirklich ein Vorwurf nicht erspart bleiben. In ein paar Wochen kommt in Lehrberg ein Baby zur Welt. Und nach den "heiligen" thelemitischen Gesetzen ist ja das Kultblut eines unschuldigen kleinen Kindes ein ganz besonderer Saft…
Die Psychotherapeutin Frau Dr.med. Claudia Sies sieht in Jantschik eine Gefahr für Geist, Leib und Leben anderer. Auch Herr Dr.phil. Zacharias, Psychologe in München, schließt sich dieser Meinung an und meint sogar, Jantschik sei anstaltsreif. Auch Dr. Wimmer, der den Vorgang kennt, ist
der Meinung, daß man hier nicht schweigen dürfe.
Mir tut nur Jantschiks kleine Frau von der Briefmarkeninsel leid.
In Quick Nr.19 beginnt meine Serie. In der Folge Nr.2, also in Heft 20, werde ich über den Fall Jantschik berichten - nur psychologisch gewertet."
"Mit bestem Gruß Dein ⟨Unterschrift⟩"
[Brief Horst Knaut an F. W. Haack vom 18.04.1974, faksimiliert in: König, Nosferati, S. 164.]
Knauts Einleitung ist als Pflichtgestus gebaut: Er präsentiert sich nicht als Initiator, sondern als jemand, der "noch kurz vor Ostern" bedrängt wird, "unbedingt" eine Ermittlungsbehörde zu informieren. Dieses Passiv ("wurde ich bedrängt") erzeugt den Eindruck einer übergeordneten Dringlichkeit, lässt aber den entscheidenden Punkt im Dunkeln: Wer drängt ihn – und mit welchem Interesse? Gerade die Anonymität der angeblichen Antreiber schützt die Behauptung vor Nachprüfbarkeit und macht Knaut zugleich zum scheinbar widerwilligen Überbringer.
Der zweite Satz verschiebt dann die Begründung von Fakten auf Moral: "Damit wir uns womöglich nicht eines Tages irgend einen Vorwurf machen müssen …". Das ist Vorsorge-Rhetorik, keine Begründung. Auffällig ist auch die Wortwahl "unsere Wahrnehmungen": nicht Erkenntnisse, nicht Befunde, nicht überprüfte Angaben, sondern Wahrnehmungen – eine Formulierung, die maximalen Deutungsspielraum bietet, während sie die Verpflichtung zur Beweisführung elegant umgeht. So entsteht die Pose der Verantwortung (man müsse handeln), ohne dass bereits gezeigt wird, was genau überprüft wurde.
Im Kontext des Abschnitts kippt diese Pflichtpose rasch in Alarmdramaturgie: Unmittelbar nach dem Vorsorge-Satz folgt die Zuspitzung auf das Baby, also der emotional stärkste Trigger, bevor überhaupt eine These sauber geprüft ist. Parallel dazu läuft im selben Schreiben bereits die mediale Verwertung mit: Knaut verweist auf seine QUICK-Serie und rahmt die Darstellung als "nur psychologisch gewertet" – Pflichtpathos und Publikationsroutine stehen nebeneinander.
Man beachte die Technik: Das "unschuldige kleine Kind" ist der Trigger, nicht die These. Er verwandelt ein Gewaltverbrechen in ein universales Schreckensszenario. Es geht nicht um Definition, es geht um Wirkung.
Und dann dieser nebenbei hingeworfene Satz: "Mir tut nur Jantschiks kleine Frau von der Briefmarkeninsel leid." Das ist Boulevard-Kolonialkitsch als Reflex: Die Frau wird verniedlicht, ihre Herkunft zum exotischen Etikett degradiert. Hier inszeniert Knaut Überlegenheitsgestus: Er setzt sich über andere, indem er sie "psychologisch" einsortiert und zugleich entwürdigt. Genau so funktioniert die Diefenthal-Affäre: nicht Aktenlage, sondern Erzählkontrolle — plus Haustherapie-Tonfall, der Autorität simuliert.
Knaut versorgt am selben Tag die Staatsanwaltschaft Ansbach mit weiteren, in seinen Augen unentbehrlichen "Informationen" zur "pervers–satanoiden Glaubensgemeinschaft", der Jantschik und Diefenthal angehören sollen – Ferndiagnose inklusive. Zugleich möchte er, angeblich ebenso wie Haack, namentlich nicht bekannt werden: Beide seien um ihre "persönliche Sicherheit besorgt". Das bestätigt das bereits sichtbare Muster: moralische Legitimation nach außen, Abschirmung der Akteurskette nach innen. (Brief Horst Knaut an die Staatsanwaltschaft Ansbach vom 18.04.1974, faksimiliert in: König, Nosferati, S. 161).
Transkript:
"An die
Staatsanwaltschaft
in Ansbach
Sehr geehrte Herren,
Im Zuge journalistischer Recherchen zu einem Thema über neue magisch-mystischen Geheimgruppierungen bin ich auf Herrn Walter Jantschik in Lehrberg, Feierabendstraße 6, gestoßen. Ich erhielt von Herrn Jantschik
Bekundungen, die äusserst bedenklich stimmen müssen.
Ich gebe sie Ihnen hiermit, auch auf Anraten von Psychotherapeuten, mit denen ich bei diesem Thema zusammenarbeite, zur Kenntnis. Gefahren für Geist, Leib und Leben anderer im Wirkungsbereich Jantschiks und womöglich darüber hinaus erscheinen nicht ausgeschlossen.
Gemeinsam mit Herrn Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack aus München, Bunzlauer Straße 28, Tel. München 141/2841, habe ich am 22.3.1974 Jantschik in seiner Wohnung in Lehrberg aufgesucht, um ihn zu interviewen. Herr Haack ist der amtliche Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern; mit ihm arbeite ich in der Studiengemeinschaft für Weltanschauungsfragen, München über Fragen des modernen Okkultismus.
Nach unserem Besuch, bei dem Jantschik uns für irgendwelche Geheimbündler von hohen Graden hielt, weil wir uns im Okkultistenvokabular verstehen, beantwortete er auch noch schriftlich gezielte Fragen.
Dieser Fragenkatalog ist in Zusammenarbeit mit Psychologen zustande gekommen; er dient tiefenpsychologischen Wertungen und gibt noch mehr
Einblicke in die Verwirrungen des Täters. Jantschik war Diefenthals
Lehrmeister.
⟨Fortsetzung von S. 161⟩
Das in den anliegenden Fotokopie-Protokollen auch erwähnte "Handbuch
für kultische Morde (Therion Magie) wird von einer Psychosophischen
Gesellschaft in Stein b. Appenzell, Schweiz, Gasthof "Rose" vertrieben. Hinter der öffentlichen Bezeichnung "Psychosophische Gesellschaft – Abtei Thelema – Gasthof Rose – Freie Geistesschule" befindet sich der Sitz mehrerer obskurer Gemeinschaften, auch der des berüchtigten Orientalischen Templer-Ordens (OTO), der in einem Zusammenhang mit den Manson-Morden in Kalifornien genannt worden war.
Der Chef der Geheimbruderschaft von Stein ist ein Herr Hermann Josef Metzger, ein früherer Bühnenhypnotiseur, jetzt um 55 Jahre alt. In Okkultistenkreisen erhebt er Anspruch auf Weltgeltung seiner Zentrale.
Das von Metzger herausgegebene Buch (genauer Titel: "Magie als Lebensphilosophie", 2. Teil, von Meister Therion, Aleister Crowley, O.T.O.) ist für magisch orientierte Sektierer so etwas wie eine Heilige Schrift. Es kommt nicht in den freien Buchhandel, sondern wird von Personen direkt bezogen, die für derartige Geisteshaltungen anfällig sind und dann danach "arbeiten".
In einem anderen Therion-Buch, "Ex Occidente Lux", ebenfalls von Metzger herausgegeben, werden u. a. sogenannte Thelema-Gesetze verkündet, die alle bestehenden Rechts- und Sittenordnungen aufheben! Das "Gesetz Nr. 5" z. B. besagt, der Mensch habe "das Recht all diejenigen zu töten", die ihn nicht so leben, lieben, glauben, essen, trinken usw. lassen wie er will.
Bei den kriminalpolizeilichen Ermittlungen in der Mordsache Diefenthal vom 6.5.1970 in der Jantschik-Wohnung in Lehrberg ist von dem Buch "Therion Magie" keine Notiz genommen worden, was verständlich ist. Die von Jantschik und Diefenthal unterstrichenen Stellen in dem Kapitel "Vom blutigen Opfer und verwandten Dingen" geben noch mehr Einblicke in die magischen Verwirrungen des Täters. Jantschik war Diefenthals Lehr-
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-meister in Magie und seinerzeit auch Großmeister des Geheimbundes Fraternitas Saturni, der Kultkennern als eine pervers-satanoide
Glaubensgemeinschaft bekannt ist.
Herr Pfarrer Haack und ich dürfen in dieser Sache nicht bekannt werden, da uns sonst weitere Quellen verschlossen bleiben und wir um unsere persönliche Sicherheit besorgt sein müssen.
Ihr mögliches Vorgehen in dieser Sache interessiert mich. Vielleicht wird auch die Frage erwogen, ob und durch wen eventuell schweizerische Stellen informiert werden sollten. Für eine Mitteilung wäre ich Ihnen dankbar.
Mit hochachtungsvollen Gruß
Anlagen!"
Das ist boulevardeske Psychoseprosa im Gewand kirchlicher "Sektenschutz"-Moral. Und es zeigt, warum "Satanismus" als Etikett so widerstandslos klebt: Es muss nichts beweisen, nur suggerieren.
Ich habe Jantschik alle Unterlagen zur Einsicht vorgelegt. Seine Reaktion folgt nach dem Kapitel über Guido Wolther; dort ergibt sich der inhaltliche Anschluss.
Aus ethnologischer Perspektive ist die "Jantschik-Boulevardisierung" ein Beispiel für Stigma-Ökonomie, Gerücht und Abgrenzungsarbeit: Man baut ein bedrohliches Außen, um ein sauberes Innen zu behaupten. Das Etikett "Satanismus" funktioniert wie der klassische Hexereivorwurf: nicht als Befund, sondern als Ordnungskategorie – es erklärt alles, ohne etwas prüfen zu müssen, und macht aus Unschärfen Handlungszwang (Ausschluss, Disziplinierung, Zuständigkeit). Solche Paniken docken oft an verschwörungstheoretische Stereotypen an: Komplexe Konflikte werden personalisiert, moralisch aufgeladen und als verborgenes Netzwerk erzählt, das jede Gegenrede bereits als Teil des Plans markiert. Ethnologisch interessant ist dabei weniger "das Geheimwissen" als das Geheimnis als soziale Form: Zugehörigkeit entsteht, indem man Zugang, Signaturen, Rituale und Rollen verwaltet; Autorität wird als Infrastruktur hergestellt.
Vor diesem Hintergrund ist Knauts Verwendung des Wortes "Opfer" – bereits im Brief an Haack und dann im QUICK-Artikel – weniger Beschreibung als Eskalationssignal.
Er verwendet zwar das Wort "Opfer", doch selbst seine eigene Schilderung liefert keine belastbaren Anhaltspunkte für eine Opferung im engeren Sinn. Was sich daraus rekonstruieren lässt, ist keine rituelle Dramaturgie, keine Liturgie, keine Kerzen, kein Weihrauch, keine magischen Beschwörungen mit sogenannten "barbarischen Namen" (nomina barbara), etwa in henochischen Formeln, kein besonderes Szenario – jedenfalls nichts, das über die Tathandlung hinaus als "Opferung" ausweisbar wäre: kein besonderes Szenario, kein Ritualrahmen – und erst recht kein In Nomine Demiurgi Saturni.
Vielleicht ist der Begriff "Ritual" hier ohnehin doppeldeutig: Im (Jantschik zugeschriebenen) "Bekenntnis" erscheint die Tat als Geschehen in einem "magisch-rituellen Bewusstseinszustand" – also als Deutungsrahmen und Selbstentlastungsfigur. In der Beschreibung des Tatablaufs hingegen findet sich kein klassisches Opferszenario: kein Mensch auf dem Altar, keine geregelte Abfolge, keine kultische Bühne. Im Fall Diefenthal sieht man vielmehr eine eskalierte Gewaltlage im Hausflur: jemand hantiert mit einem Kleinkalibergewehr und drückt ab. Das kann rituell gedeutet werden; es ist aber nicht ohne Weiteres ein Ritual im engen, liturgisch strukturierten Sinn. Und genau diese Verschiebung – vom Befund zur Suggestion – ist Knauts Handwerk: Aus dem Wort "Opfer" wird ein Rahmen, der mehr behauptet, als der Ablauf hergibt.
Übrigens: Das "Kind", von dem Crowley in seinem ihm eigenen Humor spricht, ist nichts anderes als Sperma. Jede "Opferung eines Kindes", die Crowley nach eigenen Angaben so häufig vollzogen hat, ist schlicht eine Ejakulation.
Das Bekenntnis und der Briefwechsel sind der Vorlauf; am 9. Mai 1974 wird daraus die publizierte Boulevardmontage.
Hier la pièce de résistance.
Namenszuordnung im QUICK-Artikel:
Zu dieser Zeit ist die Auflagenlage der QUICK erkennbar rückläufig. Zwar nennt Wikipedia für die Wochenzeitschrift eine Spitzenphase von bis zu rund 1,7 Millionen Exemplaren und verweist für II/1960 auf eine durchschnittliche Druckauflage von 1.389.608; das markiert die Größenordnung, ersetzt aber nicht die konkrete Heftzahl für 1974.
Einen belastbaren 1974-Anker liefert kress
(im Rückblick auf die IVW-Statistik): Für Oktober 1974 gilt QUICK als "größter Verlierer" – minus 134.000 Hefte, Rückgang auf 1,17 Mio. verkaufte Exemplare.
Das liefert Kontext und Bewegungsrichtung, aber keine belastbare Heftzahl – erklärt jedoch, warum sich das Blatt in dieser Phase erkennbar weiter in Richtung Boulevardisierung bewegt. Trotz wachsender Busenparade auf den Umschlägen (kolportierter Insiderspruch: "Titten – Tresen – Temperamente") wird die QUICK am 27. August 1992 eingestellt.
Fast zwanzig Jahre nach dem am 26./27.03.1974 unterzeichneten "Bekenntnis" verschiebt Jantschik den Fokus: Aus der Tat wird eine Frage der Textautorität.
Nicht der Mord steht jetzt im Zentrum, sondern die Frage, wer den Tatort erzählerisch besetzt – der Text wird so selbst zu einem weiteren Tatort. "Dieses Bekenntnis wurde von Knaut vollständig gefälscht." (Jantschik, Brief vom 9.7.1993, Faksimile in: König, Nosferati, 347–348. Abbildung folgt gleich unten.) Das ist mehr als eine Behauptung: Der Fälschungsvorwurf verschiebt die Zuständigkeit. Wer eine Fälschung behauptet, beansprucht rückwirkend die Deutungshoheit. Er legt damit fest, welche Deutung als "Fakt" gelten soll – und welche als bloße Rahmung, als Lesart, als rhetorische Dramatisierung, die dem Geschehen erst nachträglich Sinn, Motiv und vielleicht sogar "okkulte" Richtung gibt.
Nur: Woran lässt sich eine Fälschung im Detail überhaupt erkennen?
Ein mögliches Indiz ist die Bezeichnung der Fraternitas Saturni als "Orden". Die Fraternitas Saturni bezeichnet sich selbst durchweg als "Loge" und nicht als "Orden", weil sie sich als arbeitender, quasi-freimaurerischer Kreis inszeniert und nicht als hierarchische Gehorsamsstruktur nach Art eines ritterlichen oder religiösen Ordens. Die Selbstbezeichnung als Loge signalisiert rituelle Arbeit, die auf individuelles Bewusstsein und saturnische Selbstentwicklung zielt; sie rahmt die Tätigkeit als nach innen gerichtete, technische, initiatorische Praxis. Jantschik bezeichnet die F.S. kaum als "Orden", weil diese Fremdbezeichnung genau das verfehlt, was die F.S. mit "Loge" markieren will. Für Mitglieder – erst recht für einen ehemaligen Großmeister – ist eine solche Terminologie praktisch ausgeschlossen.
Ebenfalls eigenartig ist die Betonung des Textes auf die Stele der Offenbarung. In der F.S. ist sie kein saturnisches Requisit, sondern erscheint nur im Zusammenhang mit dem von Eugen Grosche 1954 publizierten Abdruck von Crowleys "Gnostischer Messe" (Liber XV), wo sie als vorgeschriebenes Ritual-Accessoire geführt wird. In der thelemitischen Praxis begegnet sie meist als bemalte, handwerkliche Kopie nach dem hölzernen Original.
Und auch hier lohnt Präzision: H.J. Metzger von der Abtei Thelema in Stein (Appenzell) (von der Jantschik in seinem "Bekenntnis" spricht) besitzt nicht das Original, sondern Friedrich Lekves Druckplatte – möglicherweise identisch mit (oder abgeleitet von) Crowleys Druckplatte für die Equinox-Bände ("The Equinox" I:7 und III:3). Lekve verschickt zudem seit 1948 kostenlos Kopien jener Stele, die 1904 – vermittelt durch Crowleys Ehefrau Rose Kelly – den Anlass zu Crowleys "inspirierter" Niederschrift des Buches des Gesetzes gibt. Lekves Versionen sind Papierabzüge, die auf Holz aufgeklebt werden. Diese Idee übernimmt Metzger.
Walter "Englert und ich [Paul Rüdiger Audehm] halfen ihm [Metzger] seinerzeit dabei. Fertigten – unter Schwitzen – ca. 30 Stelen an. Werden ausgesägt; erhalten einen Holzsockel; werden mit Sandpapier geschmirgelt; dann mit den beiden Drucken (vorn farbig/hinten schwarz) beklebt – und mit dem 'Abramelin–Öl' dick eingestrichen. Letzteres ist ein Geheimnis Metzgerscher Fabrikation. Anne[marie Äschbach] […] wollte verhindern, dass ich eine Stele erhielt – hatte vorausblickend auch recht, denn ich beförderte dieselbe '74 in den Müll." (Paul Rüdiger Audehm, Brief vom 24.8.1988).
Bei Jantschik zuhause in München ist nirgends etwas zu sehen, das auch nur entfernt an Okkultismus erinnert – geschweige denn an ägyptische oder thelemitische Mythologie. Über dem Ehebett hängt ein ausgestopfter Widderkopf: das Einzige, was allenfalls in Richtung Baphomet deutbar wäre. So etwas haben allerdings auch manche Jäger oder Sammler an der Wand.
Ich erinnere mich auch an keine Schriften Jantschiks, die von ägyptischer Nomenklatur oder entsprechender Rhetorik überflutet sind – also jenem Ton, der einen Thelemiten von der F.S. unterscheidet. So schon Eugen Grosche: "Die Brüder der Loge FS sind keine Thelemiten […] Die starre wortgetreue Haltung mancher Therion–Anhänger ist sowieso unseres Erachtens nach nicht gutzuheißen. Der immer stärker werdende magische und kosmische Influxus dieses Zeitalters verlangt eine fluktuible Anpassung und Anwendung der von Therion [Crowley] gegebenen Lehren. Trotzdem ist dieses Wissen und das gegebene Weistum wert, den kommenden Generationen erhalten zu bleiben. Die Loge selbst verwendet dieses Wissen zur Persönlichkeitsschulung ihrer Brüder und Schwestern. – Die Lehren sind nicht immer wörtlich zu nehmen oder zu befolgen. Sie sind an erster Stelle sinngebend und wegweisend." ("Blätter für angewandte okkulte Lebenskunst", Nr. 93, Berlin, Dezember 1957, S. 21).
Crowley spielt in der F.S. tatsächlich eine untergeordnete Rolle – gerade weil die Loge aus dem Bruch mit seinen Ansprüchen hervorgeht: Als er Mitte der 1920er Jahre die organisatorische (und geistige) Unterordnung der deutschen Okkultisten verlangt, verweigert man sich; aus dieser Verweigerung formiert sich die F.S. als autonome Organisation.
Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass im Text Crowleys "Tue, was Du willst, ist das ganze Gesetz!" zu "Tu, was du willst – das ist auch mein Gesetz!!" umgeformt ist.
Zu viel der Finessen für den Boulevard?
Was haben die beiden Texte gemeinsam?
Wenn man QUICK und das "Bekenntnis" nebeneinanderlegt, sieht es zunächst so aus, als würden sie denselben Fall in zwei unterschiedlichen Registern erzählen: hier Reportage, dort Selbsttext. Im QUICK-Stück steht dabei gleich die entscheidende Spielregel, ausdrücklich: "Die Namen wurden von der Redaktion geändert. Der Tatbestand ist authentisch."
Damit sind die Namensdifferenzen (Schwab/Bloch/Berger vs. Göttler/Diefenthal/Jantschik) als Gegenargument kaum brauchbar: QUICK erklärt sie selbst zur gewollten Oberfläche. Zugleich baut der Satz eine doppelte Absicherung ein. Wird Identifizierbarkeit kritisiert → "Namen geändert". Wird Glaubwürdigkeit kritisiert → "Tatbestand authentisch". So wird "Namensgleichheit" als Kriterium methodisch entwertet.
Die relevante Frage lautet daher nicht "heißen sie gleich?", sondern "erzählen sie dasselbe – mit denselben Bauteilen?": Rollenverteilung, Schauplätze, Ablauf, Dramaturgie, seltene Details (wer ist wer im Hausgefüge, welche Konstellation, welche ritualisierte Rahmung, welche Szene, welche Pointe).
Und da wird es auffällig. Beide Texte hängen am gleichen Fixpunkt: 6. Mai 1970. QUICK inszeniert den Moment als Countdown ("am 6. Mai 1970 um 18.30 Uhr …"), der Bauarbeiter wird im Flur erschossen, der Täter ist als Gast im Hausumfeld des Schwagers untergebracht.
Das "Bekenntnis nennt ebenfalls den 6. Mai 1970, ebenfalls das Haus, ebenfalls den Schwager als Opfer – und ebenfalls den Täter als Logenbruder, den man aufgenommen hat.
Dass beide Texte dieselbe Sozialgeometrie bedienen (Gast/Logenbruder im Haus → Schwager als Opfer), fällt sofort ins Auge. Noch interessanter ist, wie sie das Ganze interpretieren. Denn sie teilen nicht nur "Crowley" als Kulisse, sondern dieselbe hochspezifische Schlüsselformel: das Kapitel "Vom blutigen Opfer und verwandten Dingen". QUICK druckt daraus Kostproben und bindet das als "Gesetzbuch" an die Tat zurück.
Das "Bekenntnis" sagt fast spiegelbildlich: "Therions Lehre von den blutigen Opfern und verwandten Dingen faszinierte uns besonders" – und rückt genau diese Denkfigur an die Stelle, an der die Tat als "Opfer" rationalisiert wird.
Dazu kommt die identische Leitparole: "Tu, was du willst" – in QUICK als Gesetzsatz, im "Bekenntnis" als Selbstbekenntnis ("… das ist auch mein Gesetz!!").
Das eigentliche Schlüsselmerkmal ist jedoch die Ritualszene. Der Hahn, das Blut über nackten Körpern. Das klingt nach Boulevard pur. QUICK erzählt das als skandalisierbares "Osterritual": 'Bloch', also Jantschik, soll den "Gradus Pentalphae" erhalten; kurz vor dem Orgasmus wird ein Hahn geköpft, "das warme Blut" fließt über die Körper.
Knaut liefert die moralische Übersetzung gleich mit und setzt "Gefahr" als Pointe: "Man muß solche Riten kennen, um zu begreifen, wie gefährlich die Welt des Okkulten … werden kann — diese makabre Mischung aus Feierlichkeit und Schweinerei, Sex und Blut."
QUICK zeigt diese Beschreibung nicht als bloße Behauptung, sondern als ausstaffierte Szene; gerade dadurch wird sie zitier- und zirkulationsfähig:
Knaut kennt das 18°-Ritual, dass womöglich aus der Feder von Guido Wolther stammt:
Offiziell gibt es in den Saturn-Logen kein sexualmagisches 18°-Ritual, in dessen Rahmen ein Hahn geschlachtet wird. Jantschik bestätigt mir jedoch einmal im Gespräch das Gegenteil: Bei ihm sei es genauso geschehen – während des rituellen Geschlechtsverkehrs sei über ihm ein Hahn geschlachtet worden.
Horst Knaut spricht in seinem QUICK-Artikel von der "jungen Frau des Großmeisters" und montiert sie zur Sexualpartnerin Jantschiks. Falls damit die Ehefrau Wolthers gemeint sein sollte – Jantschik ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Großmeister –, käme Miriam Wolther in Frage. Belegen lässt sich das nicht. Ob Knaut hierzu je bei Miriam Wolther rückgefragt hat, ist nicht ersichtlich. Ich selbst habe es später versucht und bin abgeblitzt.
Denkbar ist ferner, dass Jantschik hier lediglich wiederholt, was ihm Knaut suggeriert hat. Ebenso möglich ist, dass er in diesem Moment bloß zustimmend auf eine beiläufige Bemerkung meinerseits reagiert, obwohl ich im Gespräch nach Möglichkeit jede Suggestion vermeide.
Knaut verknüpft nun im QUICK-Artikel Jantschik und das von ihm als "Osterritual"/"Gradus Pentalphae" erzählte sexualmagische Ritual direkt mit dem Täter: "Bald nach dem seltsamen 'Osterritual' wird Martin Bloch [gemeint ist Jantschik] für zwei Jahre [sic; tatsächlich nur rund sechs Monate] zum Großmeister der 'Fraternitas Saturni' gewählt. In dieser Eigenschaft lernt er auch seinen Ordensbruder Georg Berger [Paul-Günther Diefenthal] kennen." [F.S.-Terminologie: "Loge", nicht "Orden"]
Knaut konstruiert 'Bloch' und 'Berger' als Paarung: "Sie fühlen sich … 'seelenverwandt'", beide mit Kindheits-"Schockerlebnis".
Jantschik wird nun als "Lehrmeister" und als innerer Motor der Täterfantasie gezeichnet: 'Berger' "nistet" sich bei ihm ein; sie reden "in jeder gemeinsamen Stunde" über okkulte Dinge – und 'Bloch' erzählt "immer wieder in allen Einzelheiten", wie er "die junge Frau des Großmeisters auf dem Altar … liebte", während 'Berger' sich "keiner Frau zu nähern wagt".
Knauts Pointe des 18°-Rituals ist nicht der rituelle Inhalt, sondern die Form: Requisiten, Rollen, Litaneien, Körper, Blut – ein fertiges Drehbuchbild. Und genau so entstehen seine "Beweise": als zitierfähige Szene, die man weitererzählen kann, nicht als nüchterner Befund, den man prüfen müsste.
QUICK liefert die Sex-Szene als ausstaffierte Reportage: Ein "Gradus Pentalphae", ein schwarzer Hahn, der im Moment des Verkehrs geköpft wird, und "warmes Blut" über nackten Körpern – nicht als trockene Behauptung, sondern als Bild, das im Kopf hängen bleibt.
Das "Bekenntnis" liefert dieselbe Sequenz in Ich-Form: Einweihung "in den sexualmagischen Grad Pentalphae", ein schwarzer Hahn wird während des Verkehrs getötet, "heißes Tierblut" ergießt sich über die Körper.
Das ist nicht "ähnliche Stimmung", sondern derselbe Kern: einmal als Reportagebild, einmal als Selbstprotokoll.
Parallel läuft auch die Moralmechanik. QUICK lässt Bloch sagen, die Tat sei "befohlen", der Schwager sei nach "unseren Gesetzen" "erlöst".
Das "Bekenntnis" sagt: der Täter sei von "höheren Mächten gelenkt" gewesen, habe "nur einen Auftrag" ausgeführt, und das Opfer habe "Erlösung" gefunden; irdisch-rechtliche und christliche Moral gelten hier nicht.
Erlösung gibt es, übrigens, im thelemitischen Gedankengut im strengen Sinne eines christlichen "Heilsbegriffs" oder als "Heilsversprechen" nicht. Vielleicht in einem gnostischen Kontext ...
Es ist praktisch dieselbe Legitimation, nur anders verpackt: QUICK bringt sie als Pointe im Interviewton, das "Bekenntnis" als Selbstbindung im thelemitischen Jargon.
Und, was ist das — Mitleid, Vorwurf, Anklage? Oder nur der schon erwähnte Seriencliffhanger, mit dem Knaut seinen Artikel beschließt:
Über ein möglicherweise sexualmagisches Ritual Jantschiks habe ich bereits an anderer Stelle berichtet.
Heißt das nun: gleicher Autor? Die Übereinstimmungen machen vor allem eines plausibler: dass hier eine direkte Textabhängigkeit oder eine gemeinsame Vorstufe vorliegt. Denn es geht nicht bloß um "Fakten aus derselben Affäre", sondern um denselben narrativen Apparat: Das Delikt wird über genau diese Crowley-Passage, genau diese Ritualik, genau diese Erlösungsformeln "sinnvoll" gemacht.
Die Texte sind so eng verwandt, dass sie sehr wahrscheinlich aus demselben Entstehungszusammenhang stammen – dieselbe Quelle, dieselbe Vorlage, dieselbe Gesprächsnotiz oder dieselbe redaktionelle Bearbeitung. Entscheidend ist: Diese Nähe beweist noch keine Autorschaft, sondern zunächst nur Verwandtschaft.
Dass der QUICK-Autor selbst das "Bekenntnis" verfasst hat, bleibt möglich. Ebenso möglich ist aber das Umgekehrte: dass Jantschik den Text schrieb (oder mitformte) und Knaut später daraus übernahm – und dass Jantschik Jahrzehnte später die fremde Verwertung (oder die eigene Mitwirkung) als "Fälschung" zurückweist. Aus den Texten allein ist die Richtung der Abhängigkeit nicht zwingend zu entscheiden.
Von den Daten auf den Texten ist eines klar: Jantschiks Bericht ist mit dem Datum vom 26./27.3.74 versehen, die betreffende QUICK-Nummer trägt das spätere Datum vom 9. Mai 1974.
Die Frage bleibt offen: Wie kommt Jantschiks Unterschrift unter ein Dokument, das er später als Fälschung bezeichnet? Hat er tatsächlich einfach alles unterschrieben? Ich prüfe das später mit einem kleinen Experiment.
Ein zweiter Skandalstrom entsteht aus Ritualmaterial, das aus internen Zirkeln nach außen dringt, medial verwertet wird und als Vorwurf wieder zurückkehrt. Ein Kristallisationspunkt ist das sogenannte 18°-Ritual im Umfeld von Guido Wolther (dem Vorgänger von Jantschik im Amt des Großmeisters der F.S.) – ein Material, das durch Publikation und Gegenpublikation die Szene dauerhaft kontaminiert.
1967 publiziert Adolf Hemberger unter dem Namen Klingsor ein Buch über "Experimental-Magie" (Freiburg im Breisgau), das Materialien der F.S. verwendet. Der Verdacht, Hemberger habe diese Unterlagen aus Wolthers Umfeld bezogen – konkret aus dem Umkreis der ehemaligen F.S.-Loge in Frankfurt – wird bereits 1968 ausdrücklich formuliert (Wolther an Geisler, 1.2.1968). Spätestens als Wolther und Hemberger ab Ende 1969 gemeinsam öffentliche Vorträge in der F.S.-"Studiengruppe für psychologische Probleme" geben (angekündigt am 21.11.1969), erhält dieser Verdacht ein Gesicht. Wolther reagiert zunächst empört. Bald jedoch – obwohl beide Seiten es bestreiten (Wolther an das Sekretariat der F.S., 18.2.1971; "Erklärung" vom 7.2.1971) – holt Wolther für Hemberger Unterlagen aus dem Archiv, die Hemberger zwischen 1971 und 1977 kompiliert in Dutzenden von Bänden verkauft. Das angeblich von Wolther verfasste 18°-Ritual erregt bald die Gemüter. Hemberger und Jantschik speisen die A.R.W. mit Unterlagen, die in der Hiram-Edition 10 veröffentlicht werden; das alles befeuert im deutschsprachigen Raum ein reges Interesse an okkulten Milieus.
Die Publikation von F.S.-Material schwemmt auch Hemberger in die Öffentlichkeit (Horst Knaut: "Rückkehr aus der Zukunft", München und Bern 1970), was seinen wissenschaftlichen Ruf untergräbt. Hinzu kommt, dass er tatsächlich in mehreren Geheimgesellschaften führend tätig ist, etwa in seinem Deutschen Adonistenbund, in einer Memphis-Misraim-Version sowie in seiner Gruppe C27. Zwanzig Jahre später unterzeichnet Hemberger Unterlagen als "Ordensgeneral des Deutschen Martinisten-Ordens, Meister einer regulären blauen Freimaurerloge und Mitglied der Forschungsloge Quatuor Coronati." (Faksimile in: König, Noch Mehr Materialien zum OTO, 300.) Doch schon 1972 distanziert sich die Quatuor Coronati jedoch vehement von Hemberger und dessen Schriften und erwägt sogar "den Vorwurf böswilliger Verleumdung" ("Würdigung des Buches von Dr. Adolf Hemberger", 15.12.1972, Faksimile in: König, Nosferati, 96–101).
Wie oben berichtet, verwertet Horst Knaut das Wolther zugeschriebene sexualmagische 18°-Ritual in seinem Revolverblatt-Artikel über Jantschik.
Wolther schießt daraufhin empörte Briefe an das Boulevard-Magazin QUICK und an Haack; in diesem Zusammenhang wird auch Jantschik denunziert (Wolther an QUICK, Briefe vom 18.5.1974 und 19.7.1974; an Haack, 5.9.1978; Faksimiles in: König, Nosferati, 166ff.).
Wolther beschuldigt also Jantschik, der Verfasser des berüchtigten 18°-Rituals zu sein. Dieser wehrt sich später, als er davon erfährt: "Habe nie ein Pentalphae-Ritual verfasst. […] Was […] Wolther von sich gibt […] spottet jeder Beschreibung." (Brief vom 9.7.1993, Faksimile in: König, Nosferati, 347–348. Abbildung folgt gleich unten)
Knaut hingegen reagiert gelassen und droht mit Strafanzeige, falls Wolther seine berufliche Tätigkeit als Journalist zu diskreditieren gedenke (Knaut an Wolther, Brief vom 11.7.1974, Faksimile in: König, Nosferati, 170). Auffallend in diesem Schreiben an Wolther ist Knauts Satz: "… höre ich wiederholt, dass Ihnen meine Berichterstattungen nicht zusagen, was ich verstehen kann …"
Von den Skandalen ermüdet, zieht sich Wolther zurück.
In diesem Klima zirkulieren Texte und Zuschreibungen schneller als Fakten. Rückzüge werden als Geständnisse gehandelt. Wolther ist damit erledigt – und die Bühne gehört dem unermüdlichen Jantschik.
Knaut - Brief vom 18.6.74:
Eine Bezahlung der Schriften wurde mir von Knaut niemals angeboten.
Mein Bekenntnis vom 26.03.1974:
Dieses Bekenntnis wurde von Knaut vollständig gefälscht.
Schreiben vom 18.04.74 von Knaut an F.W.Haack:
Knaut schreibt darin "nach den heiligen thelemitischen Gesetzen ist ja das Kultblut eines unschuldigen kleinen Kindes ein ganz besonderer Saft...".
Er spricht hier wohl von okkulten Opferungen - eine Ungeheuerlichkeit, die hier vermutet wird!
Die Psychotherapeutin Dr. Sies und der Psychologe Zacharias haben von Psychologie und Psychotherapie keine Ahnung!
Um meine Frau und Familie braucht sich der Knaut und Konsorten
keine Gedanken machen. Sind seit 20 Jahren glücklich verheiratet.
Schreiben von Knaut vom 18.4.74 an die Staatsanwaltschaft Ansbach:
Ich zitiere: "Herr Pfarrer Haack und ich dürfen in dieser Sache nicht bekannt werden..." Wie scheinheilig und feige!
Von der Staatsanwaltschaft Ansbach habe ich bis heute nichts gehört.
Brief vom 18.5.74 von Guido Wolther:
Wurde von der Loge niemals wegen Unfähigkeit abgesetzt.
Wenn sich Wolther wegen der Ernennung zum "Magus Pentalphae" nach einjähriger Mitgliedschaft künstlich aufregt, dann ist zu sagen, daß er selber - Herr Wolther - nicht einmal 2 Jahre in der FS war und schon zum "Gradus Solis" ernannt wurde, was
logenrechtlich nicht statthaft ist. Verstoß gegen das LogenGesetz!!!
Brief vom 19.7.74 an "Quick":
Man fragt sich nur, wer der gefährlichere Narr ist und ins Irrenhaus gehört. Womöglich sitzt Herr Wolther bereits im Irrenhaus. Habe nie ein Pentalphae-Ritual verfaßt.
Was dieser Wolther von sich gibt in diesen Briefen spottet jeder Beschreibung. Alles erstunken und erlogen!!!
Dieser sog. Magier?, dessen Verlogenheit ihm Sicherheit verleiht, ist nichts als ein arbeitsloer Dandy der Bordelle.
Fortsetzung!
-2-
Vampire, die in ihrer Anziehungskraft der niedrigsten Laus um nichts nachstehen! Seine Praktiken zeigen nur seine Unfähigkeit, und er hat keine Magie, um das Normale zu intensivieren...
Seine Methoden, wenn überhaupt Methoden vorhanden sind, auf einem Morast der Einbildungskraft und einem Chaos von Bedingungen beruhen.
Brief vom 5.9.78 von Wolther an Pfarrer Haack:
Wußte gar nicht, daß sein Sohn Patrick ein Wolther ist. Wurde mir von Frau v. Bernus nicht vorgestellt. Und im Auftrage von Pfarrer Haack habe ich niemals spioniert. Alles erlogen! Ein moderner Leo Taxil !! Auf Herrn Wolther paßt diese Beschreibung.
Zur Karteikarte:
Wurde niemals 1976 - Pfingsten - aus der Loge ausgeschlossen! [Jantschik verwechselt hier eine Null mit einer Sechs: Auf der in diesem Artikel gezeigten Karteikarte ist die entsprechende handschriftliche Notiz tatsächlich irreführend.]
Bin bis zum heutigen Tage Mitglied der "FRATERNITAS SATURNI"!!!!!
Wolther wurde aus der FS ausgeschlossen!
Bezüglich der Grade der FS:
Was nützt es einem wenn man sämtliche Grade der FS bekäme und nehme Schaden an seiner Seele und Geist? Nichts!!!!
Außerdem, einer der keine Grade besitzt kann ein fähigerer Magier sein, als einer der alle 33 Grade sein Eigen nennt!
Zu meinem "Magischen Tagebuch" gibt es nichts zu sagen. Die Angaben stimmen.
Mit baphometischen Grüßen [handschriftliche Unterschrift] Frater CIT"
In Berlin entsteht 1971 ein Arbeitskreis Antares. Über Inserate in der ESOTERA gewinnt man rund 25 Mitglieder, darunter Walter Jantschik und Jürgen Gisselmann. Dieser pflegt Beziehungen zu Ulla von Bernus und zur Fraternitas Saturni. Publikumswirksame Skandale um Frau von Bernus und der Selbstmord Gisselmanns wühlen das Milieu auf. Hier wirkt Jantschik wie ein ferner Beobachter — und doch ist er so oder so, wenn auch schattenhaft, dabei. Wirklich aktiv wird er dann im Ordo Saturni, dessen Personal sich zum Teil aus obigen A.A.– und F.S.–Konstellationen rekrutiert.
Jantschik ist in Dauerbewegung: produktiv, anschlussfähig, unruhig. Seine Selbstbeschreibung pendelt zwischen akademisch aufgeladenen Fantasien und nüchternem Alltag — und genau in dieser Zwischenzone stehen die Texte: sexualmagische Rituale aus eigener Hand, der Ordo Baphometis, die Nebenrolle als Ideenlieferant (alias Levum) im saturnischen Nachbarbiotop. Dazu passt weniger ein sauberes Mitgliedschaftsprofil als ein Zugehörigkeits- und Korrespondenzgeflecht. Gemäss den vorliegenden Unterlagen ist er (unter anderem) in mehreren Systemen entweder als Mitglied geführt oder zumindest durch Korrespondenz nachweisbar — beim Schweizer O.T.O., beim brasilianischen O.T.O. von Marcelo Ramos Motta, beim A.M.O.R.C., in der Goden–Loge und der Stephanios–Loge; zudem steht er mit Josef Grassers "Loge Kether" in Paris sowie mit AMOOKOS in Verbindung. Daneben liefert er Texte bzw. Material an den O.T.O.A. und die Monastery of the Seven Rays; er ist Mitglied im Ordo Saturni und steht auch mit Michael Aquinos Temple of Set in Kontakt.
In Deutschland startet 1980 der Caliphate O.T.O.; Jantschik gehört zu den Mitbegründern. Rückblickend schreibt er 1988: "Anwesend an der Gründung waren [außer mir]: Norbert Straet, Werner *, Jürgen * und der Bruder aus Offenburg." [Brief an mich, 22.09.1988]. Viele Mitglieder werden es vorerst nicht. In einem Protokoll vom 22.12.1984 tauchen neben Jantschik nur sechs weitere Teilnehmer auf.
Christopher Dietler (Zardoz) in den USA wittert eine Gelegenheit, um Jantschik für ein Projekt einzuspannen: "Keep trying to find out where T. Reuss is buried." Und weiter: "[…] if we can find his grave, dig it up, and retrieve the skull & some bones, and return them to the G.L. [Grand/Agapé Loge des Caliphates], a lot of power will manifest throughout the order." Er setzt noch einen drauf: "we can have a Illuminati championship, between Amerika & Germany for world control. A good training exercise for reality." (Briefe an Jantschik am 2.6.1983 und am 18.3.1983).
Dietler wird am 27.09.1980 (im Original US-Datierung: 9/27/1980) in der "Thelema Lodge" zum Minerval aufgenommen und am 04.12.1985 zum P.I. befördert. Am 05.03.1987 wird er aus dem Caliphate ausgeschlossen, nachdem er Kenneth Angers Soundtrack von Jimmy Page zu Lucifer Rising raubkopiert hat. Die dafür werbenden "Magical Link" müssen eingestampft werden ("The Magical Link" I;1 (New Series), New York, Februar 1986, S. 4). Dietler stirbt am 15.04.2008.
Jantschiks Arbeitspensum ist immens. Er verschlingt Unterlagen, Zeitschriften, Logenblätter und Interna, liest alles intensiv, markiert und unterstreicht jede Stelle, die ihm wichtig scheint. Manuskripte und Bücher stapeln sich ordentlich in jeder Schublade, jedem Schrank, jedem Regal – selbst die Schränke im Kinderzimmer sind voll mit Material.
Allmählich entfremdet er sich von allen Logen und Orden, schreibt aber noch für meine Publikationen.
Wer Jantschik nur als Produzenten eigenwilliger Texte liest, verpasst seine eigentliche soziale Funktion. Er ist nicht nur Autor, sondern auch Infrastruktur: Schnittstelle, Kopierarchiv, Zustimmungsautomat mit Großmeister-Aura. Diese Aura ist für diejenigen spürbar, die das wollen. Ich nehme einmal zwei Saturnianer zu ihm nach Hause mit; ihre Hände zittern vor Aufregung.
Tradução para o português: A Animação do GOTOS
Ein Kernzug von Jantschiks Haltung zeigt sich in einem kleinen, spontanen Experiment. In einem völlig alltäglichen Rahmen – nach einem Mittagessen bei ihm zu Hause aus Kartoffelsalat und Würstchen – sprechen wir über die GOTOS-Belebung und die Verwendung von Körperflüssigkeiten. Während des Gesprächs schreibe ich vor seinen Augen mit roter Tinte auf ein Blatt Papier: "GOTOS-Belebung ab 12° mit eigenem Blut". Ich reiche es ihm hin; er unterschreibt sofort.
Das belegt nicht, dass es in den Saturn-Logen generell so gehandhabt wird. Es
belegt auch nicht, dass er die Konsequenzen des Satzes in diesem Moment prüft. Es zeigt jedoch: In dieser Situation bestätigt er den formulierten Anspruch ohne Nachfrage – ein Verhalten, das zumindest nahelegt, dass Zustimmung und Signatur für ihn als performativer Akt genügen können.
Er setzt keine Schranken, er erzeugt Anreize. Wer mit Titel, Ritualsprache und Aura als Träger fremder Drehbücher verfügbar ist, wird auch so behandelt.
Um 1988 wird Jantschik "Baphometor" in seinem eigenen Ordo Baphometis. Der Titel ist nicht Dekoration, sondern Programm: Er signalisiert den Anspruch auf ein geschlossenes System (Lehre, Ritual, Personal), das sich gegen Einwände nicht argumentativ, sondern initiatorisch immunisiert. Von mir initiiert publiziert Jantschik nun in mehreren Szene–Heftchen.
Spätestens mit dem Ordo–Baphometis–Konstrukt kippt Jantschiks Rolle: vom befragbaren Informanten zur Systeminstanz, die sich dem Zugriff entzieht. Die Funktionsbeschreibung ist sehr klar formuliert: Jantschiks "Baphometische Doxologie" konstruiert eine geschlossene Weltinterpretation; sie simuliert ein Wissenssystem, das "sämtliche metaphysischen, spirituellen und energetischen Ebenen" durchdringt; und sie delegitimiert Außenkritik, indem sie jede Alternative als mangelnde Initiation markiert.
Darum kann Kritik ihm scheinbar nichts anhaben. Nicht weil er "recht" hätte, sondern weil das System so gebaut ist, dass jede Außenkritik als Unzuständigkeit erscheint. Das Sprachregime erledigt den Rest: Neologismen, Diagramme, pseudo–technische Syntax. Das Diagramm ersetzt das Dogma — nur subtiler, weil es nicht "glaubt", sondern "ausführt".
Bei den Saturnianern taucht Jantschik inzwischen weniger als Person denn als Chiffre auf. Ein instruktives Beispiel liefert Johannes Maikowski: Er liest Stephen E. Flowers’ "Fire and Ice" (1990), in dessen Vorwort Jantschik dankend erwähnt wird, offenbar um dem Werk etwas geliehene Seriosität anzuschminken, und stößt dort auf Darstellungen zur F.S., die ihm als Mitglied seit 1950 offenkundig in dieser Form nicht bekannt waren — ein Schicksal, das das Büchlein mit allen mir bekannten F.S.-Mitgliedern teilt. Die Lektüre genügt, um Maikowski die Worthülsen seines Rituals für die Communitas Saturni umstellen zu lassen und gleich eine neue Loge aus der Taufe zu heben: die Communitas Solis. Jantschik zirkuliert damit bereits nur noch als Requisit aus einem saturnianischen Kuriositätenvorrat.
Zu Flowers selbst fällt Jantschiks Urteil denn auch weit weniger ehrfürchtig aus: "Glaube, dem geht es nur ums Bücher veröffentlichen, von profunder magischer Arbeit keine Rede." Und: "Der Flowers sammelt gierig Material und rupft die Leute aus, um sie dann wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen."
Verschiedene Spaltungen und Neugründungen (zum Beispiel die Großloge Gregor A. Gregorius Der FS in Kaiserslautern, GAG) konkurrieren in dieser Phase mit der F.S. Berlin.
2000 erscheint Jantschik wieder: im Magazin der "Saturnarbeiter". Theoretisch sollen hier alle damals bekannten Saturnlogen unter einem Dach vereint werden, so auch Jantschiks OB — obwohl man unsicher ist, ob der OB überhaupt als Saturnloge im Sinne von Eugen Grosche gelten kann. Will man ihn wirklich ins saturnische Universum holen? Der entscheidende Satz fällt; er ist so trocken, dass er als Milieu–Temperaturmessung taugt — und als Hygienevorschrift in einem Umfeld, das sich permanent kontaminiert fühlt:
Wer in dieser Gemengelage nach "Satansmessen" sucht, findet vor allem eines: Vereinsrealität mit libidinöser Verwaltung. Jantschik ist dafür eine Schlüsselfigur, weil er zugleich harmlos wirken und hochwirksam funktionieren kann – als Knotenpunkt, als Signatur, als Lieferant von Anschlussmaterial.
Horst Knaut ist in dieser Geschichte nicht nur Chronist, sondern Motor, ein Mechaniker der Kulissen. Er tritt als Volkstribun der Normalität auf, als Journalist, der Deutungshoheit als Fürsorge verkauft und Fürsorge als Alarm inszeniert. Seine "Experten" sind weniger Personen als Requisiten: Stimmen, die Autorität simulieren, damit die Erzählung als Diagnose durchgeht. Sein Verfahren ist Boulevard als System: Material beschaffen, dramatisieren, moralisch aufladen – und die nächste Instanz (Redaktion, Staatsanwaltschaft, "Sektenschutz") mit "Hinweisen" versorgen. Begonnen hat alles mit seinem Rückkehr aus der Zukunft, Bern 1970.
Hermann Joseph Metzger vom Schweizer O.T.O. ist lange der festen Überzeugung: "Lächerlichkeit ist unser größter Feind" (EOL–Mitteilungsblatt, Nr. 10, Zürich 1955, S. 4; Oriflamme, Nr. 137, Zürich 1973, S. 1566; Text von Ostern 1950; ähnlich in einem Brief an Eugen Grosche, 21.5.1951).
Irrtum, nicht nur. Denn was sich nun abspielt, ist nicht Spott, sondern ein Boulevardprinzip. Wo sich Massenpresse und Sektenbeauftragte berühren, gehen Neugier, Gier und Moral ein handfestes Bündnis ein; selbst Randdetails werden herausgebrochen, sexualisiert, aufgeblasen und als Skandalstück öffentlich inszeniert.
Paul Rüdiger Audehm schildert Knauts Vorgehen rückblickend so: "Horst Knaut; rief mich im Sommer '72 an. Erzählte mir vom O.T.O. und der Manson–Familie und dass in Deutschland Ähnliches abliefe. Meines Wissens sandte ich ihm (leihweise) die O.T.O.–Messe und zwei Photos aus Stein (auf einem Metzger; auf dem anderen — in Ordensgewändern — der 'Meister und seine Schafe', darunter Englerts, Hemberger, Heber [von Maikowskis F.S.–Loge], alle Damen und ich; Hemberger und Heber — obwohl Gäste — im Templermantel [...]) Dieser saubere Herr meldete sich dann nie mehr bei mir; das entliehene Material wurde trotz meiner schriftlichen Anmahnungen zum gestohlenen Material." (Paul Rüdiger Audehm, Brief vom 12.8.1988).
Ähnliches erlebt auch Jantschik.
Am 16.1.1972 recherchiert Knaut zusammen mit seiner Frau in Stein (Appenzell), ohne seinen Beruf als Journalist bekanntzugeben. Nach seiner Darstellung erfährt er dabei, die jugoslawische Staatsangehörige Frl. Elza Brda sei von Metzger dazu angehalten worden, an "sexuellen religiösen Messen" teilzunehmen; sie habe daraufhin sofort bei der Fremdenpolizei St. Gallen und beim jugoslawischen Generalkonsulat Rat gesucht. Das Rathaus zu Trogen leitet eine amtliche Untersuchung ein.
Knaut publiziert nun in QUICK und der ähnlich gelagerten NEUEN REVUE über die "Religion der wilden Lüste". Friedrich-Wilhelm Haack hingegen verfasst Schriften ohne Boulevardton.
Die erste Welle ist rasch datierbar: NEUE REVUE 13 (Hamburg, 25.3.1972, 86), Metzgers Gegendarstellung in NEUE REVUE (26.3.1972) und QUICK 29 (München, 12.7.1972, 30).
1973 eskaliert Knaut die Sache dann seriell in QUICK. Unter dem Label "Die Satansmörder" startet – laut Eigenwerbung "bestens informiert" – eine Folge von Schlagzeilen, die Gewissheit behaupten und sofort ins Totale gehen: "Sie sind unter uns: die Teufelsanbeter." [...] "Sie feiern perverse Sexorgien und berauschen sich an Blutkulten. Selbst vor Ritualmorden schrecken sie nicht zurück." [...] "Ein Augenzeuge berichtet: Das grausige Mahl der Kapuzenmänner. Wie ein rothaariges Mädchen dem Satan geopfert wird." (08.03.1973). Eine Woche später: "Augenzeugen berichten über die grausigen Rituale internationaler Geheimsekten: So werden Menschen und Tiere geopfert." (15.03.1973). Danach: "Das ist das gotteslästerliche 5. Gebot einer internationalen Geheimsekte: Du darfst töten!" Knaut reklamiert nun Infiltration: "Wie ich die Weltzentrale der modernen Satansreligion ausfindig machte." (22.03.1973). Diese von Knaut "ermittelte" "Weltzentrale" verortet er im kleinen Gasthof Rose, unmittelbar neben dem Sitz des Schweizer O.T.O. in Stein/Appenzell. Ein erneuter Bericht folgt in NEUE REVUE 13 vom 22.3.1973.
Die Nachläufe reichen weit über die Erstwelle hinaus: Friedrich-Wilhelm Haack, z.B. Von Gott und der Welt verlassen (Düsseldorf 1974), und später Hans Baum, Freimaurerischer Satanismus heute (Stein am Rhein 1986(4)).
Einiges daran wirkt wie eine Boulevard-Übersetzung älterer völkisch-ludendorffscher antiokkultistischer Feindbildmuster: weniger in der Doktrin als im Tonfall, in der Wortwahl und in der Feindbilddramaturgie (Gregor Schwartz-Bostunitsch, Freimaurer, Weimar 1929; ders., Doktor Steiner - Ein Schwindler wie keiner, München 1930; Mathilde Ludendorff, Induziertes Irresein durch Okkultlehren, 1933, Pähl 1970; Hermann Rehwaldt, Das schleichende Gift, München 1935; ders., Die unsichtbaren Väter, Landsberg 1935, u.a. mit Illustrationen, die an Saturn-Rituale erinnern, sowie Zitaten aus Grosches Magischen Briefen).
Zum historischen Vorlauf dieser Feindbildrhetorik siehe meinen Beitrag Das Milieu des Templer Reichs - Die Sklaven Sollen Dienen (2006). Dort sind ältere völkisch-antiokkultistische Muster (u.a. Schwartz-Bostunitsch, Ludendorff, Rehwaldt) mit Faksimiles und Kontext versammelt - also genau jenes Material, aus dem der spätere Boulevard seine Dramaturgie der "Enthüllung" speist. Knauts Tonfall erscheint vor diesem Hintergrund weniger als Ausnahme denn als modernisierte Pressefassung eines älteren Feindbildschemas.
Ein Polizeikommandant spricht bei einer überraschenden Kontrolle in Stein, wo der Schweizer O.T.O. seinen Sitz hat, von "religiöser Geltungsbedürftigkeit". Die Formulierung trifft auf "Papst Paragranus" (so nennt sich der Führer des Schweizer O.T.O.) in denkbar passender Verfassung: Metzger ist stets streitlustig und sieht überall "dummdreiste Versuche alberner, ehrgeiziger Leute, uns zu unterwandern oder uns zu zerstören" (Schweizer Illustrierte 26, Zofingen 1975, 26).
Einmal aus dem Untergrund gespült, trifft die Skandalpresse den Gasthof Rose und seine Bewohner mit voller Wucht: Stammgäste bleiben aus, neue kommen aus Neugier und machen "unflätige Bemerkungen". Abends schleichen Leute um das Haus und spähen durch Fenster und Türen. Im Dorf Stein erzählt man sich sogar, einige Jungbauern seien eines Tages mit Heugabeln zu einer Reiterattacke gegen die Abtei Thelema angeritten (Mein Interview mit dem ehemaligen Gemeindepräsidenten von Stein am 8. und 9.9.1986). Ein Erich Schulz bietet sich Metzger schriftlich als Opfer eines künftigen Ritualmordes an (Schweizer Illustrierte 26, 1975, 25).
Knauts Publikationen ziehen auch Schweizer Boulevardmedien nach Stein. In der Schweizer Illustrierten erscheint im Juni 1975 ein vergleichsweise differenzierter Bericht unter dem Titel "Wir feiern keine Gruselmessen." (Faksimile in König, Ecclesia, 191ff.). Wiederholt werden Fotos vom Altar der Schweizer Gnostisch Katholischen Kirche publiziert (QUICK 29, Hamburg 1979, 30; ohne Stele, dafür mit einer Art Dreieinigkeitsikone; F.-W. Haack, "Von Gott und der Welt verlassen", Düsseldorf 1974, mit Stele).
Knaut blühen nun Akten statt Erregung.
Gegen Knauts publizistische Kampagne wird juristisch vorgegangen. Hermann Joseph Metzger und Anita Borgert klagen wegen Ehrverletzung; mitangeklagt wird der verantwortliche Redakteur der "Neuen Revue", Dr. W. Kuntze. Verlangt werden 20'000 Fr. "nebst Zins zu 5% seit 25. März 1972" als Schadenersatz und Genugtuung ("Rechtsbegehren der Kläger Anita Borgert und Hermann Joseph Metzger", Schweizer Illustrierte 26, 1975, 25). Im Ermittlungsverfahren kommt es zu einer Hausdurchsuchung: angeordnet wird die "Durchsuchung der Wohnung und Geschäftsräume des Beschuldigten Knaut" (Amtsgericht München, 23.03.1973). Gesucht werden u.a. Manuskripte zu "Die Botschaft aus der Gespensterwelt" (NEUE REVUE 13, 1972, 86-89; und 18, 1972, 114-115) sowie "Das gemischte Kloster von Appenzell" (QUICK 29, 1972, 28-30). Faksimiles bei König, Ecclesia, 174-175, 180-182, 191-193.
Der Hauptprozess findet am 12.07.1975 in Trogen vor der Strafkammer des Kantonsgerichts Appenzell A.Rh. statt, knapp vor absoluter Verjährung (Bodenseezeitung, 26.01.1976). Im Instanzenzug folgt am 20.02.1976 ein weiteres Urteil: Verurteilt wird Knaut wegen eines Satzes, in dem von einer "heiligen Sexmesse" [...] die Rede ist, die nur Vorbereitung für später stattgefundene "unheilige Sexorgien und Schwarze Messen" gewesen sei. Metzger und Borgert unterliegen in 7 von 8 Punkten (Haack, Brief vom 15.09.1986; "Urteil des Kantonsgerichtes von Appenzell A.Rh.", 20.02.1976). Kuntze wird freigesprochen ("Urteil des Kantonsgerichtes von Appenzell A.Rh.", 20.02.1976). Knaut macht geltend, der Verlag habe seine Manuskripte umgeschrieben; er wird wegen Gehilfenschaft zu übler Nachrede schuldig befunden und mit Buße sowie Kosten- und Entschädigungsfolgen belastet (u.a. Neue Zürcher Zeitung, 26.02.1976; St. Galler Tagblatt, 25.02.1976; Ostschweiz (St. Gallen), 25.02.1976). Parallel dazu und im weiteren Verlauf werden Rechtsmittel in Lausanne abgewiesen (u.a. "Urteil des Schweizerischen Bundesgerichts", Lausanne, 20.01.1976; Knaut an Luigi Rossi, Brief vom 28.02.1977).
1979 publiziert Knaut erneut über Metzger ("Das Testament des Bösen"). Im Vorfeld erkundigt er sich zur Vollstreckbarkeit eines Schweizer Strafurteils in der Bundesrepublik und erhält die Auskunft, es fehle an einer Rechtsgrundlage für die Vollstreckung (H. H. Jescheck an Knaut, Brief vom 11.10.1976; ähnlich Behrens, Bundesminister der Justiz, Brief an Knaut vom 15.02.1977).
Annemarie Äschbach, Geldgeberin des Schweizer O.T.O., hält später fest: Knaut sei "uns noch viel Geld schuldig." (Telefongespräch mit mir, 19.8.1986).
Der 1990 verstorbene Knaut findet späte Epigonen. Guido und Michael Grandt: "Der Avantgardist der Satanismus–Exploration, Horst Knaut [...] hat sich wegen der Fülle der Fälle, mit denen er konfrontiert wurde, auf das Spiel mit Zahlen eingelassen; so vermutete er [...] dass jeder fünfte Mord in Deutschland ein nicht erkannter Ritualmord sei [...] Bestätigen können wir nur: es sind sehr, sehr viele." (Guido und Michael Grandt, Schwarzbuch Satanismus, Augsburg 1995).
In der Praxis setzen sie noch eins drauf: Kamera-Überfall, Perücken, angeklebte Schnurrbärte — wohl mit Wallraff-Ambition. Ende der 1990er Jahre versuchen sie zum Beispiel Walter Englert mit einem TV–Team in seinem Laden zu stellen — und werden sofort hinausgewiesen. Als sie Walter Jantschik in einem öffentlichen Lokal auflauern, steht er auf und geht; die Brüder rennen ihm nach. Der Ordo Saturni reagiert mit Briefen an den Verlag. Der Schweizer O.T.O. erinnert sich vermutlich an den Streisand–Effekt; bei den Rudolf-Steiner–Leuten fällt die Gegenreaktion jedoch weniger sanft aus. Und ja: in irgendwelchen ihrer Bücher tauche auch ich auf — ich weiß nur nicht mehr, in welchen.
In Nomine Demiurgi Saturni 1925-1969 (in den Quellenangaben als Saturni markiert)
In Nomine Demiurgi Nosferati 1969-1998 (in den Quellenangaben als Nosferati markiert)
In Nomine Demiurgi Homunculi (in den Quellenangaben als Homunculi markiert)
In den Materialien zum O.T.O. sind ebenfalls hier zitierte F.S.-Dokumente zu finden
Dito: Noch Mehr Materialien zum O.T.O.
Ebenfalls als Quelle zitiert: Ecclesia Gnostica Catholica (in den Quellenangaben als Ecclesia markiert)
Und natürlich Der O.T.O. Phänomen RELOAD
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