Ausgabe
Die McDonaldisation der Okkultur
Dieser Essay wurde 1997 geschrieben und wird hier, 2011, erweitert wiedergegeben.[1] Der Leser sei ausserdem auf die Unterkapitel "Does Crowley Sell?" und "Besucher meiner Website" am Schluss des Kapitels "Copyright Battles" im 2. Band und auf das Kapitel "Spielausgabe einer O.T.O.–Fatamorgana" im 3. Band des "O.T.O. Phänomen RELOAD" (München 2011) hingewiesen, wo statistische Angaben zu finden sind.
Begriff
Was ist McDonaldisierung?
Unter McDonaldisation verstehe ich die Betonung auf zählbare und quantitativ bestimmbare Elemente. Quantität wird in diesem Zusammenhang zu einem sich selber bestimmenden Masstab für Qualität und gibt letztendlich keinen Hinweis oder Zugang mehr zu einer solchen. Unter McDonaldisation verstehe ich ausserdem ein stabiles System von Symbolen, das langanhaltende Stimmungen erzeugen will; das Ordnung und Faktizität vortäuscht, um realistisch zu erscheinen. Dies ist, was der PRODUZENT von McDonaldisation erwartet.
Der angestrebte Zustand der McDonaldisation setzt sich zusammen aus: einer immer weiter wachsenden Effizienz und Rationalität à la Fastfoodkette McDonalds, der Voraussehbarkeit der Produkte und deren Beständigkeit (in Grösse, Anzahl, Umfang, Geschmack, etc) und dadurch Kontrollierbarkeit. Ein Beispiel sind die Effizienzsteigerungsmechanismen im deutschsprachigen Raum im Post– und Gesundheitswesen, wo die Standard of Performance–Werte, z.B. vorgeschriebene 1,71 Sekunden für den Einwurf eines einfachen Briefes, immer mehr durchgesetzt werden. Ähnlich herrscht im Okkultismus seit jeher die seltsame Sehnsucht nach Wissenschaftlichkeit und minutiös vorgeschriebenen Szenarien, als drohe all das, was sich nicht in Form von Ziffern, Codes und tradierten Symbolen ausdrücken lässt, aus der Realität zu verschwinden.
Was erwartet nun der KONSUMENT vom Prozess der McDonaldisierung? Schnell, überall und auf einfache Art und Weise an ein verhältnismässig durchschnittliches Produkt mit einem typischen und allseits bekannten Geschmack zu kommen. Eine wichtige Eigencharakteristik bestimmt dieses Produkt: mit seinem Angebot immer schon präsent zu sein, ohne dass Vorbereitung und spezifische Aktivität für die Nutzung zu nahezu jeder beliebigen Zeit erforderlich wären: Immer da zu sein. Hier sieht sich die Gesellschaft mit Interpretationen konfrontiert, die Marktmanager, Marktpolitiker und Marktwissenschaftler sich von menschlichen Beziehungen und Seinsweisen zueignen, um sie zu verdinglichen und damit konsumier– und kommerzialisierbar machen zu können. Information unterliegt den Kapitalverwertungs– und Absatzinteressen.
All diese Eigenschaften/Mechanismen können im 1977 gegründeten amerikanischen O.T.O. gefunden werden. Wie die McDonaldisierung selber, breitete diese junge O.T.O.–Gruppe zunächst ihren Wirkungskreis von den (nicht nur geographischen) Dörfern über die Vorstädte in die Grosstädte aus und blüht nun, ganz zeitgeistgemäss, auch im Cyberspace. Ihre Filialen heissen "Gnostisch Katholische Kirche", "Mysteria Mystica Maxima", "The Esoteric Rosicrucians", "The Home of the Order of the Oriental Templars", "Hermetic Science College", "Translator's Guild", "Exo–Psychology Guild", "Drama and Thaumaturgy Guild", "Alcoholics Guild of O.T.O." und"Psychology Guild".[2] Manchmal versucht die Zentrale sich auch von anderen Organisationen wohlklingende Namen auszuleihen: "Fraternitas Rosicruciana Antiqua", "Illuminaten Orden", "Hermetic Brotherhood of Light", "Memphis Misraim", "Academia Masonica".
Für den Konsumenten ist das Endprodukt dieser McDonaldisation Erleuchtung durch Sexualmagie: McGnosis, transportiert mit der/durch die Ikone Aleister Crowley: eingepackt in einen Wust Worthülsen, am besten sonntäglich als Hostie aus Sexualsekreten konsumiert und mit einer religiösen Gebrauchsanweisung (als vom jetzigen Führer in wieder aufgelegte Crowley–Bücher gesetzte Fussnoten) versehen. Gewisse Textstellen bleiben undiskutiert. "Der Grund, dass[...] Aspekte von Thelema ausgelassen sind, ist das aktuelle Problem, wie Thelema in der Öffentlichkeit als Religion darzustellen ist, um so vom Staat anerkannt zu werden. Thelema ist ganz eindeutig konträr und an den Grenzen der normativen Gesellschaft. Thelema weist die normativen Werte und Moral ab und zielt auf die Überschreitung und Verletzung eben dieser Normen. Die Miteinbeziehung von Drogen in die Rituale, die positive Betonung der Sexualität, die als Werbung für Promiskuität angesehen werden kann und der autoritäre und pro-Nietzscheanische Aspekt von Thelema zwingen die normative Gesellschaft zur Ablehnung und gleichzeitig ermutigt Thelema seine Anhänger, die meisten Aspekte der normativen Gesellschaft abzulehnen." ["Journal of Thelemic Studies", 1;2, 2008, Seite 40, übersetzt]
Supermarkt
Der amerikanische O.T.O. als typisches Beispiel von McDonaldisierung, oder: der Supermarkt als höchste Kulturleistung
Es finden sich unzählige Beispiele von mcdonaldisiertem Okkultismus: angefangen vom täglichen Horoskop im Blätterwald, von Tarotlesen und Fernheilungen am TV,[3] bis hin zu Do–it–yourself–Liebeszauberbaukästen in esoterischen Buchhandlungen. Noch nimmt der amerikanische O.T.O. an diesen Techniken nicht teil.[4] Mit der zunehmenden Popularisierung der amerikanischen Version des O.T.O.–Phänomens und der allgemeinen Akzeptanz von immer näher rückenden Grenzbereichen der Okkultur ins Interesse des Mainstreams, dürfte es jedoch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis via Internet von O.T.O.–Homepages aus nicht nur wie heute T–Shirts und Baseballmützen[5] mit dem O.T.O.–Lamen und dem A.·. A.·.–Siegel[6] und wie bis vor kurzem via www.venus.com Pornographie, sondern auch tiefgefrorenes Amrita ins Haus bestellt werden kann. Vor allem die lokale Loge des akademischen Aushängeschildes Richard Kaczynski, die William Blake Lodge in Greater Baltimore, Washington D.C., bemüht sich um den Mainstream. Es werden Halloweenfeste in öffentlichen Parks gefeiert, wo die Kinder ihre Köpfe durch Crowley–Pappkarton–Figuren stecken und sich so fotografieren lassen können, Sommerpicknicks mit Tierballonfiguren werden angeboten, Fahrradfahren, Gesichter Bemalen, Haare Färben, Barbecue und natürlich immer das obligate Tarotkarten–Legen und der Hinweis, mehr über Thelema und den O.T.O. und die Gnostisch Katholische Kirche erfahren zu können. Alles für Nichtmitglieder. "Knights have been traditionally viewed as protectors of children, so please join The Order of Oriental Templars in some charity for kids!"[7] Diese Bagatellisierung Crowleys und Thelemas basiert auf dem einfachen Grundprinzip, dass Gemeinschaften im Wettbewerb und somit in der kulturellen Evolution auf Dauer wenig Chancen haben, wenn sie nicht aktiv zu Kinderproduktion und Familiengründungen ermutigen. Dies trifft besonders auf religiöse Gemeinschaften zu, die langlebiger sein wollen als weltliche – und zwar umso beständiger, je restriktiver die Regeln sind, die sie ihren Mitgliedern auferlegen. Jede Gemeinschaft versucht Mechanismen zu entwickeln, die Trittbrettfahrer abschrecken oder zur Ordnung rufen. Die Rituale dienen dazu, diese Verbindlichkeit unter Beweis zu stellen: Denn wer sich anstrengenden Prozeduren unterzieht, signalisiert unmissverständlich, dass er sich mit einer Gemeinschaft identifiziert und bereit ist, dafür auch einiges zu opfern. Je radikaler sie angewendet werden, umso wirkungsvoller sind diese Mechanismen. Die Bedeutung der Rituale kann auch Fetisch–Charakter annehmen. (Dazu ein gesondertes Kapitel im RELOAD.)
Andere lokale Logen scheinen tatsächlich in einem Supermarkt zu existieren: "In the Agape newsletter, the OTO USA lists two 'business offices', both of which are simply post–office boxes, (in CA and NY), and then it lists the 'corporate headquarters' of the OTO as 24881 Alicia Pkwy, Laguna Hills CA. This address appears to be in a mall of some sort, with lots of listings for hair salons, donut shops and the like. A search for images online turned up nothing, and I was wondering if in fact their corporate headquarters are in some sort of shopping mall, and if so, does anyone have a picture of this building?"[8]
Der Begriff Okkultur umschliesst den kulturell–schöpferischen Aspekt dessen, was sich im okkulten ethnologischen Untergrund des Abendlandes abspielt und sich aufgrund seiner kulturellen Ambitionen spurenweise in der Mainstream–Kultur wiederfindet. Ein sich verteidigendes O.T.O.–Mitglied, nachdem es mit meiner Hypothese, es trage zur McDonaldisation der Okkultur bei, konfrontiert wurde: "Kürzlich sah ich eine riesige Werbetafel für die Freimaurerei. Sie wies das FM–Logo auf, eine Telefonnummer und die Überschrift: 'To be one, ask one'. Und all das genau gegenüber einer McDonalds–Bude. Was kommt als nächstes? Wegwerfschürzen als Beilage zum Big Mac?" Wie so vieles in der Welt des Marktes und der Waren stellt sich der Beitritt in einen Orden leicht als opportunistisches Konsumverhalten dar.
Unser Beispiel, der amerikanische O.T.O. als esoterischer Supermarkt, bietet auf postmoderne Art und Weise gleichrangig Kabbala, Yoga, Dämonen– und Engelbeschwörungen, Exorzismen, Tierweihungen, Sexualmagie, Religion, Gnosis, Skandale, Philosophie und Pseudowissenschaft. Denn wer vieles bringt, bringt manchem etwas. Vor allem im permanent keimenden esoterischen Markt mit Bauchladencharakter. Bekanntes wird als neu verkauft. Crowleys Thelema entpuppt sich als schlichter Hamburger in einer schillernden Verpackung. Jeder kann sich sein eigenes Gebräu aus dem Repertoire Crowleys und des O.T.O. zusammenmischen. Der heutige organisierte Okkultismus à la Crowley stellt nur die Technologie bereit, wie man sich des Materials, seiner Fähigkeiten, der Kenntnisse, der Regeln und Richtlinien, der Verfahren und Abläufe, zu bedienen hat. Die heutigen Funktionäre des amerikanischen O.T.O. interpretieren darüberhinaus Crowleys Worthülsen und Rituale, modifizieren diese, abstrahieren daraus neue Rituale, Dogmen und Lehrgebäude (z.B. das KEW– und das VIII° Ritual, christlich angehauchte Rituale zur Kinder–Adoption, Tierweihungen, Heilungen per Handauflegen und Exorzismen). Somit wird aus diesem O.T.O. eine Art perpetuum mobile: es bleibt nicht bei einer einzigen Wiedergeburt: der Kunde erwartet, dass sich die Einweihungsschübe wiederholen und somit wird das Heil scheibchenweise geliefert. Die versprochenen Geheimnisse und Abenteuer werden nur Schritt für Schritt enthüllt und die Organisation fungiert als Dealer der Sehnsucht. Der O.T.O. als Verein stellt die jeweils ERLAUBTEN Methoden fest. Dieses effiziente Angebot von Rezepten (Sexualmagie, Yoga, keine illegalen Drogen, etc) bietet Instant–Illumination, die genau nach Schema, nämlich der Ordenshierarchie, abläuft. Jeder Einweihungsgrad bedeutet eine vorhersagbare Spezialisierung in einem genau definierten Bereich aus Symbolen und Techniken, auch um das von der Gesellschaft projizierte Stigma zu neutralisieren[9] oder sogar zu potenzieren.[10] Jede Initiation stellt neue Regeln und Vorschriften zur Verfügung, die bei der Ausführung zur Erleuchtung dienen. Die Klassengesellschaft im gnostischen Himmel soll sich auf der Erde fortsetzen. Die Hierarchie der Ordensstruktur, der Lehrplan, erlaubt zentrale Kontrolle, eine Vereinheitlichung und deren Überwachung. Der optimale Weg ist vor–entdeckt und braucht nur befolgt zu werden.[11] Die Struktur ist institutionalisiert und strengen Massstäben, z.B. Prüfungen, unterworfen. Selbstredend wird kaum über die Preise, Glaubenssätze oder über Organisationsfragen diskutiert, kein Anführer wird demokratisch gewählt. Alles ist immer gleich (z.B. lässt sich angeblich jeder V° eine Rose über der Brust tätowieren;[12] 729 bleibt immer Bafomithr: also ein McBaphomet). Ordensübergreifende Kreativität wäre ineffizient oder nicht mehr linientreu.
Die Fixierung auf Crowley bedeutet jedoch Stagnation. Hier beginnt nun die Irrationalität der mcdonaldisierten Okkultur. Freiheit im Crowley–O.T.O. spiegelt sich in Dogmen und der Logik des Massenmarktes, dessen Elemente sich überschneiden, sich aber auch gegenseitig ausschliessen können:
- in Geheimniskrämerei (niemand soll erfahren, dass das ultimative Geheimnis lediglich Sperma-Gnosis ist) und klar ausgesprochener Zensur: technokratischer Besitz von Informationen und Monopol auf Auslegung und Vermittlung, denn wer manipulieren will, muss selber die besseren Geheimnisse auf dem Markt anbieten. Dies führt zur bizarren Manie des amerikanischen O.T.O., die Sperma–Gnosis (ähnlich wie Coca Cola seine Rezeptur) als Geschäftsgeheimnis zu behandeln[13] und jegliche Verbindung dazu bis ins Absurde hin abzuleugnen, ansonsten man ja das Geschäftsgeheimnis verlieren würde;[14]
- in einer ArtThelemic Book Patrol mit Flammenwerfern à la Fahrenheit 451, das heisst Anwälten. Mitglieder, die geheime Dokumente verkaufen, werden vor eine interne Inquisition gebracht und anschliessend aus dem Orden verstossen. Die Bücher (auch antiquarisch) und Manuskripte, die durch Bibliotheken erhältlich sind, werden vom Chef der Gruppe kontrolliert. Ganz egal, wann man die geheimen Rituale erstanden hat, das Caliphat kontrolliert deren Umgang;
- in Unüberschaubarkeit: wer ist wofür zuständig?
- in der sich nach oben verengenden Ordenshierarchie–Pyramide (da ja nie alle Mitglieder die höchsten Grade erreichen können).
- in einer Anpassung ans Gruppendenken infolge einer ansteigenden Anzahl von Mitgliedern und einer daraus folgenden Intoleranz gegenüber anderem Verhalten innerhalb der Gruppe. Integration in die Gruppe bedeutet eine ideologische Auflösung des Selbst;
- in endloses Papiere Ausfüllen und Tests über Wissen, Passworte, Zeichen;
- in der gradabhängigen Interpretation aller Ereignisse: höhere Grade dominieren die unteren Mitglieder: alle Thelemiten sind Sterne/gleich, aber einige sind gleicher als andere;
- "If one were to substitute OTO for Army, this would work very well for the Order";[15]
- in den Kosten der jahrelangen Mitgliederbeiträge, die lediglich für Gerichtsprozesse gebraucht werden;
- in den Wartezeiten auf höhere Einweihungen (die nur den Ordensoberen Geld bringen), vergleichbar mit Warteschlangen vor einem Zollhäuschen;
- in der Austauschbarkeit von Qualität durch Quantität: Aufsteigen in der Firma kann nur, wer am meisten Mitarbeiter/Mitglieder anwirbt. Das Individuum verliert die Bindung an Mitglieder der gleichen Stufe innerhalb der Hierarchie, da ja der Aufstieg, also die Vergottung angestrebt wird. Das bedeutet auch, dass sich das nach Oben strebende Individuum schon auf der erst zu erreichenden Ebene wähnt;
- in der vermehrten Verwendung der wir–Form: wir denken, wir wollen, etc. Auf diese Weise wird die Vielfalt der unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven eingeebnet und zu einer indifferenten Gruppenmeinung vermischt.
- in der Strukturdominanz: keine Alternativen zu anderen O.T.O.–ähnlichen Gruppierungen werden erlaubt. O.T.O.–Mitglieder dürfen nicht zum Temple of Set gehören. Eine marktbeherrschende Stellung, die sich auch in Bill Gates' Microsoft–System findet.
Während in einer Demokratie öffentliche Amtsträger, Personen in Vertrauenspositionen und Stars nur eingeschränktes Recht auf Privatsphäre und Anonymität geniessen, ist es in organisierten okkulten Nischen à la O.T.O. genau umgekehrt: je höher die Amtsträger, um so pseudonymer deren Machtausübung (z.B. die Geheimhaltung profaner Namen der jeweiligen Landesfürsten, sprich Rex Summus Sanctissimus, oder des Caliphs).[16] Sie hören auf, Personen in einer realen Welt zu sein, da sie all der vielen überflüssigenunddetaillierten Charakteristika verloren gehen, die eine echte Person ausmachen. Diese Gesichtslosigkeit und Formlosigkeit hat den Effekt, dass die Menschen ebenso gesichtslos und formlos werden. Sie leben in einer Kafkaesken Welt, in der der Mensch lediglich nach seiner Funktion identifiziert wird. Sie sind in einer inneren Welt der Stimmungen, Gefühle und Imaginationen gefangen. Diese private Welt wird überbetont und das Ergebnis scheint ein Mangel an Identität. Nichts bleibt, ausser eine Art Wimmern nach Aufmerksamkeit. Gekoppelt mit Sexualität und Aggressivität, wird diese zu einem Thema sich wiederholender Destruktivität im Internet.
Also alles nur Vortäuschungen von Effizienz (denn die meisten Mitglieder erreichen kaum einen höheren Grad als den III°). Es scheint, als wäre der Konsument, der diesen Burger kaut, Ergebnis desselben Prozesses, wie der Burger selber. Eigentlich ist das Geheimnis der Sperma–Gnosis eh ein offenes Geheimnis: jeder kann sie ausüben, ohne Klubmitglied zu sein. Trotzdem sollen die Mitgliederbeiträge, so wollen es die Ordensoberen, nicht als Gegenleistung für Waren und Leistungen (5–10 Prozent Preisreduktion für Mitglieder auf die vom USA–O.T.O. publizierten Crowley–Bücher), sondern als privilegierter Beitrag zum Grossen Werk verstanden werden. Und überhaupt: was ist von einer Organisation zu halten, deren Mitglieder einzig erstrebenswertes Ziel es ist, einen weiteren wohlklingenden Titel, Orden, Amt, Karnevalskostüm mit selbstgebastelter Paraphernalie oder Grad zu erreichen? Was passiert, wenn deren keine mehr anzubieten sind: wenn der O.T.O. seine Funktion als Zwischenhändler und Vermittler des Heils verliert?[17] Warum werden Individuen freiwillig Mitglied in einer von der Gesellschaft stigmatisierten Organisation: wird durch den Orden das Stigma neutralisiert? Können sich Mitglieder ihr Stigma selber wählen? [Diese Fragen werden im Kapitel "Fetisch, Selbstinduktion und Stigma" des 3. Bandes RELOAD diskutiert.]
Internet
Das Internet als Beispiel der McDonaldisierung der Okkultur
Während ich die McDonaldisation eher von ihrem utilitaristischen Aspekt her aufrolle, spiegle ich deren Mechanismen im Internet weniger aus der utopistischen, als aus der apokalyptischen Warte wider:
"Imperfectly educated, shut out from intercourse with their fellow–men, and engaged in a trade which employed the fingers and left the mind unoccupied, these men could wander in thought into the most extraordinary regions, and the more imaginative among them found a congenial ailment in works which spoke of a familiarity with spirits, and a power to anticipate the revelations of the future..." "A Little Magic," in Charles Dickens Magazin "All the Year Round", Volume 5, 1862, 400.[18]
Die Internationalisierung des Handels und die Produkte der Filmfabriken Hollywoods haben wesentlich dazu beigetragen, u.a. die McDonaldisierungs–Mechanismen der amerikanischen Kultur weltweit zu verbreiten. Das Internet als Kommunikationssystem und Träger neuer, informationsbezogener Realitäten (Cyberspace) fördert nun solche Tendenzen auf dem globalen Supermarkt der Kosmischen Vibrationen. Das Internet (World Wide Web, Email, Multi User Domains, ftp, mailing lists, newsgroups, Foren, USENET, p2p, chat rooms, ICQ, Web 2.0: Blogs, Twitter, MySpace, Facebook, YouTube, Flickr, etc.) dient als chaotisches Sammel– und Verwertungslager auch okkult–digitaler Dokumente, in dem alle Daten gleichwertig erscheinen, in dem aber das Kräfteverhältnis am Markt zwischen Produzenten und Konsumenten digitaler Werke dermassen verschoben ist, dass die meisten wertvollen Daten gar nicht erst in elektronischer Form allgemein zugänglich gemacht werden (Ausnahme: virtuelle Bibliotheken. Hindernisse: Copyrights, Datenschutz, Trivialität der meisten on–line–Veröffentlichungen). Gelegenheitsnutzer und ernsthafte Forscher vertrauen auf die Genauigkeit und Vollständigkeit der Daten im Netz. Doch sie bauen auf Information unbekannter Provenienz und zweifelhafter Qualität: Denn digitalisierte Suche allein bleibt lückenhaft und Fragen aufwerfend.
Ngram
Books Ngram Viewer
2004 bis 2010 digitalisiert Google mit der Unterstützung von 40 Universitätsbibliotheken, vor allem aus dem angelsächsischen Raum, 15 Millionen Bücher. Dieser Korpus umfasst englische, deutsche, französische, spanische, chinesische, russische und hebräische Texte, rund vier Prozent aller Bücher, die jemals gedruckt worden sind. Forscher der Harvard–Universität rufen nun Ende 2010 eine neue Wissenschaftsdisziplin aus, die culturomics, die geisteswissenschaftliche Phänomene mathematisch erforschen soll.[19] Aus dem gescannten Textkorpus wurden rund 5,2 Millionen Bücher herausgelöst und zu einer einzigen Datenbank zusammengefügt.[20] Nach welchen Kriterien diese 5,2 Millionen ausgewählt worden sind, bleibt unklar. Von nun an werden Digital Thinking und Digital Reading vom Benutzer gefordert, der Texte nicht mehr lesen, sondern durchforsten will, anstatt sich dem Zwang des Kontextes und der Interpretation auszusetzen. Die Chimäre der simulierten ubiquitären Verfügbarkeit[21] ersetzt die Frage nach dem Warum? durch das Was und Wo! [22] Fundstellen–Fetischismus ersetzt empathisches Lesen. Der damit verbundene Zeitgewinn wird als Fortschritt verbucht.[23] Ein Mehrwert auf Kosten der gestutzten Empathie und des fehlenden Kontextes entsteht durch komplexe linguistische und kulturelle Auffälligkeiten. So lässt sich zum Beispiel quantifiziert aufzeigen, dass die Grösse der englischen Sprache rasant wächst oder dass es früher länger dauerte, um berühmt zu werden, heute dagegen berühmte Namen schnell vergessen gehen. Es lässt sich zum Beispiel zeigen, dass die Namen von Avantgarde–Künstlern oder jüdischen Intellektuellen in deutschen Büchern während des Dritten Reiches sehr viel seltener auftauchten, was die Zensurmassnahmen im Nachhinein mit quantitativen Mitteln erkennen lässt. Googles Ngram Viewer weist im Dezember 2010 für den Begriff "Aleister Crowley" seit 2003 einen Abstieg der Suchergebnisse auf. Für den eingegeben Suchbegriff "Ordo Templi Orientis" wird ein Graph ausgegeben, der für englischsprachige Bücher einen zuerst unaufhaltsamen Anstieg bis 2005 aufweist, worauf ein dramatischer und anhaltender Abstieg erfolgt.[24] Ein ähnliches Ergebnis wird für deutschsprachige Bücher ausgegeben. Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, denn erstens sind ja nur 5,2 Millionen Texte zur Analyse freigegeben[25] und zweitens erweitert sich der Datensatz täglich. Der Ngram Viewer ist ausserdem case sensitive, was in Sprachen wie Englisch, wo Gross– und Kleinschreibung eine andere Rolle spielen, als im Deutschen, eine quantitative Messung verkompliziert. Ähnliche Probleme werfen Sprachen wie Chinesisch und Hebräisch auf.
Fragmente
Fragmente
Fragmentierung ist das grosse Hauptthema der Okkultur (im Sinne hinduistischer Vielheit), des Internets und der Identitäts–Definition der Postmoderne. Die Gleichheit zwischen der Person und ihrer Rollen wird aufgebrochen: multiples oder dezentriertes Selbst sind die neuen Landmarken zum Verständnis. Die Verknüpfungen zwischen den Fragmenten (oder der fragmentierten Wahrnehmung) haben einen Grund, aber es steckt keine letztgültige Wahrheit dahinter: Postulat der Instabilität von Bedeutungen und deren Simulation als Rollen. Das Surfen auf den veränderlichen Oberflächen der Homepages im Internet bedarf keiner Suche nach Tiefenmechanismen, keines Forschens nach Ursprüngen und Strukturen. Es bedarf allein einer Simulationsästhetik und einer Navigationstechnik, um sich in virtuellen Räumen zurechtzufinden; in einer Welt, die man nicht analysiert, sondern schon beinah als Jungsche Archetype mit einem Repertoire von Rollen bewohnt.
Das fragmentierte Ich (die multiplen Subjektivitäten und postmodernen Selbstkonzepte), das Leben als System von kabbalistischen Konstanten, das die Realität vieler Okkultisten ausmacht, spiegelt sich als endlose Bildmanipulation (von in Trance wahrgenommenen Visionen, deren Niederschrift und auch von den Imaginationen auf und hinter dem Bildschirm). Ist dies die virtuelle Gnosis?: der unerträgliche Körper wird virtuell transsubstantiiert und neu erfahren? Diesmal weder durch eine Extremsportart, nicht durch Sexualmagie, noch Drogen oder Hatha–Yoga? Wird Gnosis zur Dia–Gnosis, da, wo der Mensch seinen alten Tempel, den Körper, verlassen will, um eine neue Heimat im Netz zu finden? Kritiker sehen in der Reduktion der Körperlichkeit auf Maus und Tastatur eine Amputation des Selbst, die Psychose erzeugen kann. Die freiwillige Reduzierung des Users auf die Software und ihre sogenannte benutzerfreundliche Oberfläche generiert lediglich noch Profile mit wechselnder Statusmeldung. Zusammen mit einem inflationären Informationsfluss, der Konfusion und Entscheidungshemmung auslöst, sehen Kritiker die körperliche Reduktion als eine der wichtigsten stressauslösenden Momente der Kultur, so auch der Okkultur. Desorientierung stellt einen Schritt zur Amputation des Selbst in einem See der Auswahlmöglichkeiten dar, was von vielen Okkultisten jedoch als wünschenswerte Ich–Auflösung um–interpretiert wird.
Die einzige Qualitätskontrolle im okkulten Sein bietet die Intensität des Erlebten: Authentizismus, Erfahrungspathos, Selbstbeobachtung. Das Internet simuliert nun dieses Gefühl der Dringlichkeit, den starken Eindruck des Gegenwärtigen. Der Cyberspace als Raum hinter den Bildern führt zu einer totalen Entkoppelung der Kommunikation in zeitlicher, räumlicher und sozialer Hinsicht. Die virtuelle Okkultur entsteht: die technologische Doppelung der Realität in reale und virtuelle Realität, die Aktivität und Instant Illumination vortäuscht. Die Gedanken und Ideen, die durch das Netz wandern, sind nicht völlig gestaltlos, aber ihre Flüchtigkeit, ihre Vergänglichkeit und ihre Virtualität nehmen zunehmend quantitativ und weniger qualitativ zu. Indem das Netz wächst und sich fortentwickelt, werden die Materialisationen der Ideen oder Konzepte immer schwieriger zu greifen, zu beurteilen und zu beobachten. Unversehens bietet sich so Gelegenheit, die traditionellen Betrachtungsweisen von Realität zu revidieren.
Marshall McLuhan erkannte an der Grenze der Moderne zur Postmoderne die Medien als extensions of man, einer Konsequenz des Dual–Konzeptes Organismus/Umgebung. In einer religiösen Bedeutung wird nun das aus den menschlichen Körpern in die Rechnernetze verlagerte Gesamtbewusstsein der Menschheit ein Fluchtpunkt technischer wie auch heilsgeschichtlicher Entwicklung. Diese Erweiterung des menschlichen Gehirns (resp. reduktive Gleichsetzung des Menschen mit Information) entspricht dem Bedürfnis vieler Okkultisten, einen homo superior zu erzeugen, eine Über– und Herrenrasse, die das eigene Genmaterial willentlich verändern kann. Für viele Okkultisten ist das Internet eine Art erweiterte unbewusst–elektronische Verlängerung des Nervensystems, ein astrales Selbst, das zu einer neuen Form menschlichen Zusammenlebens zu führen scheint. Die Festplatte entspricht dem erdgebundenen physischen Leib, der Arbeitsspeicher dem Merkur, der Prozessor vermittelt astrale Energie; aus der amputierten Reduktion des fleischlichen Körpers auf Maus und Tastatur entweicht sakrales Feuer: der Citizen des Cyberspace, der die ikonenhafte, visuelle Programmiersprache dem Tarot gleichsetzt; in der Akasha–Chronik,[26] den Datenspeichern der search engines im Internet. Dass dabei Rationalität im Sog der Bildschirmangebote weitgehend auf der Strecke bleibt und einem Neo–Animismus Platz macht, erweist sich als eigentümliches Augenzwinkern der Geschichte.
Das Internet als Kollektivhirn, als Schwarmintelligenz, als Wiki–Weisheit des Kollektivs, als Religion des offenen Netzwerks, widerspricht natürlich der Geheimniskrämerei gewisser O.T.O.–Gruppen, deren Auffassung es ist, Denken über ein Produkt sei gleichbedeutend mit dessen Herstellung, Verteilung und Verkauf. Der alleinige Anspruch auf Sperma–Gnosis als Geschäftsgeheimnis inmitten des Kollektivhirns ist, als würde eine neue Firma behaupten, Feuer und Luft zu besitzen. Hier zeigt sich der Tanz der Synopsen auf dem Grab des Copyrights. Intellektueller Besitz muss umdefiniert werden. Neue Grundlagen für Gesetze werden entwickelt. Verschlüsselungstechniken ersetzen die traditionellen Abgrenzungen von mir und dir.
Geschwindigkeit korreliert mit Echtzeit, real time, instant approval und instant delivery. Charakteristisch für das Lebenstempo erscheint die Popularität so genannter rushwear, von Schuhen und Kleidungsstücken also, die auf zeitraubende Schnürsenkel, Reissverschlüsse und Knöpfe zu Gunsten von Instant–Verschlüssen aus Klettenband verzichten. Die Geschwindigkeit der Datenübertragung stimuliert und simuliert das Gefühl von Reichtum, Macht und Gemeinschaftlichkeit. Die durch die Geschwindigkeit verlorene Selbstbeherrschung scheint dem Okkultisten den gewünschten instant Zugang zu seinem Innern zu öffnen, das nun keine Grammatik, kein analytisches Denken, keine political correctness und höflichen Umgangsformen mehr zu kennen scheint. Das rasant einfacher werdende Pidgin English im Internet ist eine Folge seiner Kommunikationspragmatik. Die Buchstaben und Ikonen (Bilder, Codes, Animationen) auf dem Bildschirm, das Schweigen, in das man hineintippt, das Fehlen visueller Hinweise auf ein körperliches Gegenüber führen zu übertriebenen Sympathien in einem virtuellen Vertrautheitsraum, Antipathien, Idealisierungen und Dämonisierungen. Das Verschwinden der klassischen, u.U. bewusstseinsfördernden Reibungswiderstände (z.B. durch Umstände des Alltags, Zeitdauer des traditionellen Postversands, editoriale Selektion, lokale Begrenzung, kulturelle Grenzen, etc.) bedeutet auch den Verlust traditioneller Konfliktlösungsstrategien. Nikes "just do it"–Turnschuhe an den Füssen der Heaven's Gate Selbstmörder kommen da in den Sinn: scheinbarer Missbrauch der Kommunikationsrituale als Steigerung der awareness? Crowleys "Do what thou wilt" wurde in den 1960ern zum "Do your own thing", mit der Kommerzialisierung zum "Just do it" und nun zum demonstrativen "Do!".
Die Möglichkeit, im Cyberspace die Persönlichkeit, das Geschlecht, das Alter willentlich zu verändern und nur als rein körperloser Text oder Ikone (Avatar) zu existieren,[27] steht im krassen Gegensatz zu der Körperlichkeit, mit der der traditionelle Okkultismus seine Abenteuer und Erlebnisse auszutragen pflegt (z.B. Sport, Drogen, Musik, Tanz, Lichteffekte, Yoga und Sexualmagie). Auf dem Bildschirm ist alles nur noch uniforme Schriftart, Stil und Formatierung. Das Schlüpfen in körperlose astrale virtuelle Larven wird von einigen Okkultisten jedoch nicht nur als Vollzug des Great Work, sondern auch als parasitär und tumorös erlebt, da ihnen mentale Energien durch die künstlich induzierten Identitätsbilder abgezogen werden: als wäre das Internet ein bösartiger Egregor. –– Die Datenverarbeitung ist ebenso eindimensional: geistiger Konsum bei körperlicher Starre mit Folgen: Augenerkrankungen, Sehschwäche, RSI (Repetitive Strain Injury), Überspanntheit, Kopfschmerzen, Konzentrations– und Schlafstörungen. Der Verlust der traditionellen emotionalen Authentizität fördert den Verschmelzungs–Wunsch mit der Maschine. Hier treffen wir auf Andy Warhols Wunsch, eine Maschine zu sein und in einem entfernteren Sinne auf David Bowies"Heroes just for one day." Aber wer braucht Verschmelzungen? In einer Zeit, in dem das individuelle Identitätsgefühl immer bruchstückhafter wird, sollte es nicht erstaunen, dass populäre Mythen aufkommen, die die Welt wieder zu einer Einheit zusammenfügen wollen. Fällt uns dieser Mythos einfach zu, ringen wir um ihn? Und welcher ist es?
Der Mythos der Allmacht und Allpräsenz, der Mythos der Befreiung vom Körper (einer Art gnostischem Selbsthass?), der Mythos der Unsterblichkeit oder der Mythos der Gottähnlichkeit und Neuschöpfung? Dies sind jedoch alte Konzepte. Die neuen Medien koppeln sich nicht an die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, sondern an den Drang gnostisch perfekt zu werden. Der Körper hat keinen eigenständigen Wert, da er partiell ersetzt werden kann und sollte. Die Neurotechnologien zielen auf die Loslösung vom Körper hin, um den Mind elektronisch zu speichern, zu verbessern, neu zu programmieren. Die Möglichkeit und der Wunsch den Körper zu beeinflussen, zu verändern und zu verbessern sind nur ein Ausdruck einer wachsenden Unwilligkeit, körperliche und geistige Behinderungen zu akzeptieren. So werden wiederum die Reicheren siegen und diejenigen, die in den O.T.O.–Gruppen bestimmen, welches Mitglied die höchsten Grade bestätigt erhält: denn zur perfekten Ausübung der perfekten Sexualmagie zur perfekten Erzeugung des perfekten Amrita können natürlich nur perfekte Körper und perfekte Eingeweihte verwendet werden.[28]
So bekommt ein neuer Mythos Nährboden: "Being fiction becomes seen as an integral part of being real." Eine Simulation unter Simulationen zu sein. Hier fühlen sich diese Magier wohl: allein willentlich die physische Welt zu beeinflussen. Dabei will der Wille dieser Konsumenten nur konstanten Reizen (aus anderen Dimensionen) ausgesetzt sein oder sich einen neuen Mind aus dem Internet downloaden. Das faschistoide Selbst verbunkert sich in einer globalen Gesellschaft ohne Körper. Safe sex, safe drugs, safe transcendence und safe feminism.
Timothy Leary versuchte, umzuformulieren. Er wollte, dass die menschlichen Gehirne lernen, in der Datmosphäre genauso aus– wie einzuatmen, während die Leiber sich fröhlich in der langsamen, lasziven, fleischig–materiellen Welt vergnügen. Auf der Haut–Gewebe–Ebene sind unsere linken Gehirnteile auf mechanische, materielle Bilder beschränkt, während im Cyberspace die rechte Hirnhälfte frei scheint, um die grellen Cyberrealitäten des schnellen Austauschs von Feedback mit anderen Informationsquellen und weiteren out–of–body–Erfahrungen zu erforschen. Aber kann ein Bildschirm erweiterte Bewusstseinszustände ausserhalb der autorisierten Realitäten schaffen?
Die meisten Okkultisten wanderten seit eh und je in anderen, meist astralen Welten. Der Cyberspace scheint für viele so eine weitere Erweiterung der Dimensionen darzustellen, die man zum Hausgebrauch der eigenen Bewusstseinserweiterung gebrauchen könnte. Andere wiederum versuchen auf diese Weise erfolgreich die Realität zu meiden, die Okkultisten meist skeptisch oder ablehnend gegenübersteht. Oder wie es ein Teilnehmer an meinem Fragebogen über den "Gebrauch des Internet" ausgedrückt hat:[29] "We can just exist" –– dies führt zum surrealen Effekt, dass nach Abnehmen des Cyberhelms oder Abschalten des PCs die physische Welt als hyperreale Realität wieder wahrgenommen werden kann. Also ein erneuter Hinweis auf die Medien als extension of man, die auf die physische Welt zurückgreift, die nun wie Phantomschmerzen wahrgenommen werden kann.
Wohnzimmer
Aufruhr im Wohnzimmer
Es finden sich Anthroposophen, die im Internet wesentliche Zukunftsbilder Rudolf Steiners bestätigt sehen: Gedankenfreiheit, soziales Menschenverständnis und Geisterkenntnis. In der elektronischen Informationskultur wird die Renaissance humanistischer Ideale wie weltanschaulicher Toleranz und Ablehnung von Zensur und Gewalt entdeckt: Geistesleben, unverfälscht durch Politiker, Ideologen oder Massenmedien.[30]
In Tat und Wahrheit entpuppt sich das Internet jedoch meist als globale Bühne der Selbstentblössung mit nur vorgetäuschter kathartischer Wirkung: ein Medium des Tabubruchs und der Nivellierung. Hier treffen Selbstbewusstsein und auf die tradierten individuellen Sehnsüchte und Defizite verweisende Muster des Volkstümlichen aufeinander. Der Zugang zum Netz verschafft extremistischen Auffassungen Glaubwürdigkeit und Publikum. In dieser soziologisch gesehen unüberbietbar hybriden Konstellation (de)generiert der Cyberspace zu mehr oder weniger ästhetisch vermittelten Entblössungen des sozialen Mainstream, so auch des okkulten Alltags aus ritualisiertem Geplapper um Yoga, Kabbala, Gnosis, Rituale und z.B. Crowley–Bewunderung in Internet–Foren.[31] Die reklamierte Bewusstseinserweiterung erweist sich als simple Umstellung tradierter Werte, allein um die Dinge erneut ihren alten Lauf gehen zu lassen. Der Schein der individuellen Wahl und Programmgestaltung, der Schein der Freiheit im rituellen Seh–Korsett. Die Sage des Narziss in einer modernen Variante: McNarziss.
Eine sich ständig ausbreitende Masse von okkulten Experten (da im Internet keine Zensur und keine editoriale Selektion herrscht, ist bereits jedes O.T.O.–Mitglied mit einer Homepage im Internet automatisch ein O.T.O.–Experte – es also beinahe keine Stümper mehr im Internet gibt) mit der Joseph Beuys–Formel im Gepäck, derzufolge jeder Mensch ein Talkmaster ist, sieht sich selber einer Vervielfältigung scheinbarer Wahrheitsquellen gegenüber, die ohne Unterbrechung der Abschreibkette in absoluter Wahrheitsentkräftung mündet. Alles ist gleichermassen unbedeutend und enthemmt, obwohl es in der Weise, wie es präsentiert wird, nicht so erscheint. Benetton-Werbung, Anti–Kult–Organisationen oder Tarot–Karten: es funktioniert: Die Welt als Einwickelpapier. In der gesetzlosen, hyperdemokratischen Weltschau des Internets gibt es kein wahr oder unwahr mehr, sondern nur noch das, was die oben beschriebenen Elemente der McDonaldisation diktieren: schneller, lauter und bunter, saftiger, wiederholbarer. Im interkontinentalen Gerangel um Erkenntniswert kapitulieren letztendlich Einfühlungsvermögen und Neugier auf Qualität vor dem schieren Informations–Overkill durch Quantität. Was wie Rebellion und Anarchie aussieht, ist im Grunde Konsumentenwunsch: ein Merkmal der Postmoderne: sie täuscht vor und braucht das Verblüffende, um nicht haltbar zu werden, sie verziert eine Gesellschaft.
Fast jede O.T.O.–Homepage teilt selbst–referentiell allein mit, dass man sich etwas mitteilt: auf einer anderen O.T.O.–Homepage nämlich.[32] Die Verpackung suggeriert, sie sei der Inhalt. Diese Gewohnheit ist sehr häufig bei Okkultisten (z.B. Crowleyanern, der Scientology), Freimaurern und Gelehrten anzutreffen, die nur Werke aus ihren eigenen Kreisen für ihre Forschungsstudien oder Arbeiten heranziehen, also die eigenen Vorurteile bewirtschaften. Die McDonaldisation der Okkultur scheint diesen Mechanismus da aufzubrechen, wo er sich selber öffentlich (z.B. eben im Internet) entlarvt. Wo es sonst akademische Titel hagelt und es den alten Unterschied zwischen krawattiertem Anzug, Weisskittel und Uniform gibt, herrscht nun reiner ascii– und html–Code, css, javascript. Die selektive Aufmerksamkeit wird in Zukunft über den Wert von Informationen entscheiden – es ist nicht mehr wichtig, ob eine Information richtig oder falsch ist, sondern ob und wie sie wahrgenommen wird. Die Netizens organisieren sich neu in Netzverbindungen, nicht mehr durch geographische Nähe, in Interessengemeinschaften auf Zeit, die auf weitgehender Anonymität basieren und mit wechselnden Interessen wechselnde Identitäten variieren. Konstanz und Verlässlichkeit bestehen in Zugehörigkeit zur Netzgemeinde, auf der Meta–Ebene/Symbolik des Online–seins.
Dank dem Internet verwandeln sich ehemalige Ordens–Aktivitäten in Popkultur, Sachfragen schrumpfen zu Web 2.0–Happenings und Meinungs–leasing, Wissen wird Datenspeicherung, Lineares wird interaktiv, Freundschaften lösen sich in auswechselbare Cyber–Interaktionen auf: die Okkultur zerklüftet zum Spartenpublikum, das sich seine Halbwahrheiten aus dem endlosen digitalen Pool klaubt. Die so mcdonaldisierte Okkultur ist eine Anything goes–Arena, in der Verschwörungstheorien gezimmert werden und Halbwahrheiten sogar universitär hochgepeitscht sind (z.B. die rein quantitative Reduzierung auf allein im Internet vorhandene Stichworte als Referenzen universitärer Studien). Die Zurückdrängung überprüfbarer Fakten durch halluzinierte Spekulationen erlaubt keine Wahrheitskontrolle mehr und mündet in ein endlos fragmentiertes Labyrinth grenzenloser Beliebigkeit. Die Informationen sind einem konstanten elastischen Prozess der Transformation und interaktiver Rekonfiguration unterworfen. In den Hypertextkatakomben geht das Gefühl für das Ganze verloren. Im trüben Schein des nicht vorhandenen Überblicks verlieren sich Zusammenhänge. Wo Hypertext herrscht, bleibt der Kontext auf der Strecke. Muss der Benutzer des Internets in Zukunft ein robustes Informations–Immunsystem benötigen gegen die Falschmeldungen, die im Internet bazillenartig keimen?
Wikipedia–User entfernen im Februar 2009 Links, die zu lashtal.com führen,[33] einem seit 1998 bestehenden Forum, dessen Inhalte stark von linientreuen Caliphats–Anschauungen geprägt sind. Der Moderator Paul Feazy wehrt sich, denn "Many people's first exposure to Crowley and Thelema will be through Wikipedia[34] and this sort of vandalism cannot be left unchallenged just because of my inexperience with the format!," was sich als Schuss ins eigene Knie erweist. Ein Wiki–User: "It appears that the site owner is now attempting to recruit people to help him violate WP policy on his site.[35]That about tears it, I will be requesting a formal blacklisting of the site."[36] Feazy entfernt daraufhin seinen Aufruf und löscht gleich selber die Links von Wikipedia auf sein Forum. Auch Google greift ein und löscht am 29. August 2010 die Google AdSense Box, die bis dato auf den Lashtal–Seiten Werbung geschaltet hat.[37] Um den Finanzausfall auszugleichen, stellt Feazy sofort das Amazon.co.uk–widget auf seine Site, so dass 10% der von lashtal.com aus gekauften Bücher ihm zufliessen.[38] Das widget wird im November 2010 entfernt.
Sichtbares
Das Sichtbare
Die Informationsfülle im Internet kann dem sorgfältigen Benutzer auch eine Quelle der Inspiration oder Aufklärung sein. Das Netz macht es für einige Gruppen unmöglich, eventuell gesellschaftlich geächtetes (Miss)Verhalten weiterhin geheim zu halten. An dieser Stelle ist im Hinterkopf zu behalten, dass die Ideenlieferanten der O.T.O.–Gruppen (Theodor Reuss und Aleister Crowley) eine äusserst grosszügige Haltung bzgl. Sexualität und Kindererziehung einnahmen, die z.B. den sog. Priester-Ärzten, d.h. libertinen Gnostikern, obliege und ausserhalb der traditionellen Familienstruktur zu erfolgen habe.[39]
Die zahlreichen Manifestationen von multiplen Identitäten in unserer Kultur, die Erschaffung von Internet–personae eingeschlossen, tragen zu einer umfassenden Überprüfung traditioneller, unitärer Identitätstheorien bei und unterstützen die postmoderne Weltschau. Entsprechende Metaphern durchziehen Gebiete wie Informatik, Psychologie, Kinderspiele, Literatur, Werbebranche, Biologie, Medizin (wo schon Froschsezierungen rein virtuell vorgenommen werden können), die Massenkultur und selbstverständlich die okkulte Kultur. (Das Prinzip der Verkörperten Intelligenz ist in der Physik, Informatik, Biologie und Verhaltensforschung schon länger z.B. in der Form von künstlichen Wesen, die eigenständig agieren, kooperieren, sich selbst organisieren, verbessern und erhalten, bekannt.). Noch nie war die Trennlinie zwischen Hochkultur und Massen– oder Konsumkultur so dünn. Das Sichtbare muss nicht mehr auf das Verborgene weisen, die Existenz nicht mehr auf die Essenz und der Signifikant nicht mehr auf das Signifikat. Wir leben in Oscar Wildes (elektronischer) Maske: "Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare." Und der Nachteil der Postmoderne? Das Herumspringen im Schein der Unmittelbarkeiten und Gleichzeitigkeiten tilgt das Geschichtsbewusstsein. Die Bewegungslosigkeit und Passivität des postmodernen Individuums und ein erhöhter Bedarf an Überstimulation scheinen Hand in Hand zu gehen. Dinge sprechen für ihre Besitzer. Eigentum spiegelt das Ich. Will das Geplapper der Dinge ein Ende nehmen? Das Gewöhnliche ist vom Aussterben bedroht. Stilgemeinschaften werden bedeutsamer als der Milieudschungel der Religionsgemeinschaften. "I am the Brand Name. When all things began, the Brand Name already was. The Brand Name dwelt with God, and what God was, the Brand Name was." Fassbare Gegenstände implodieren im Raum der Imagination: die umgekehrte Vision der Neutronenbombe …
Branding
… und ein infant body suit
Der O.T.O. ist heute eine Marke, ein branding.
- So werden unter dem O.T.O.–Logo und verschiedenen Crowley–Insignien T–Shirts, Kühlschrankmagnete, Küchenschürzen, Säuglings– und Kleinkinderbekleidung, Einkaufstüten und Basketballmützen verkauft, nicht zu vergessen Teetassen, Wasserflaschen für unterwegs und Unterwäsche für Erwachsene.[40]
- Letzthin ist sogar ein Computergame entworfen worden, in dem thelemitischeCharaktere auftreten. Es gibt dazu eine entsprechende War Guild. Am meisten freuen sich die Spieler in den Blogs an den Bekleidungen der Game–Identitäten.
- Mitglieder fordern sich gegenseitig auf, www.goodsearch.com anstelle der üblichen Internet–Suchmaschinen zu verwenden. Dort kann man eine gemeinnützige Organisation, hier den O.T.O., eintragen, an die bei jeder Suche ein Penny fliesst. Bei Wohltätigkeit denkt man wahrscheinlich auch an sich selbst: So ergehen immer wieder Bettelbriefe an die Mitglieder.[41] So zum Beispiel am 11. März 1998, wo William Breeze (der Chef des amerikanischen O.T.O.) um "Financial Support" bittet, um die legalen Kämpfe um die Copyrights führen zu können. "We will put it to good work."
- An der Areopagus Sitzung vom 26. Juni 2000 werden neue Möglichkeiten des Fund Raising diskutiert: O.T.O. Credit Cards und Frequent Flyer Miles. Bei Naturkatastrophen will man den Wohltätigkeitsgedanken in die Tat umsetzen. So errichtet man 2005 je einen Fundus für die Opfer der Hurrikane Rita und Katrina. 14 Logen bieten Übernachtungsmöglichkeiten an.
- 2007 bietet man auf der homepage des Hauptquartiers in den USA die Möglichkeit an, sein Auto der Organisation zu spenden.[42]
Während sich eine Weltmarke durch Einheitlichkeit, Erkennbarkeit und kompromisslose Erfüllung der Kundenerwartungen auszeichnet, um Identifikation und Loyalität anzustreben, ist der amerikanische O.T.O. jedoch mehrheitlich nichts weiter als eine Firma, die ihrem Boss erlauben soll, von angeblichen Tantiemen an Aleister Crowleys Werken zu leben. Es sind nicht Mitgliederbeiträge, von denen die O.T.O.–Oberen sich ein Gehalt abschneiden, sondern die Tantiemen, die sie von Crowley–Werken beziehen: der amerikanische O.T.O. also nur ein juristisches Anhängsel zum Wohle sehr weniger verkümmert. Die Übertünchung dieser Tatsache durch Dutzende von überzuckerten und bewusstseinserweiternden Internet Homepages lässt diesen Friede–Freude–Eierkuchen als das aussehen, was er scheint: als McOTO. Aus apokalyptischer Sicht wird der okkulte Bereich des Internet so zum Ort, wo Information als Produktionsfaktor und Konsumgut, als Kontroll–, Herrschafts– und Steuerungsmittel einiger weniger verwendet wird, die die grosse Masse so auch okkulter Konsumenten zu manipulieren versuchen. Religiöse Sondergruppen und neoliberale Wirtschaftsideologie à la McDonaldisation sind zwei Seiten derselben Dollar–Münze.
Endnoten
Versionen
Ausgaben und Übersetzungen
© P.R. König, August 1998 / 2011
The McDonaldisation of Occulture Deutsche Version: Die McDonaldisation der Okkultur — Das Internet im Spannungsfeld potentieller Schöpfung. Version 2011. По русски: Макдональдизация оккультуры.