Grade, Chartas und Reuss’ Vorfeld
Frage Was ist ein freimaurerischer Grad, und was bedeuten die einzelnen Grade?P.R.K. Die Freimaurerei ist ein loser Organisationsbund von verschiedenen Logen und Riten (d.h. Einweihungsritualen), die sich mehr oder weniger einer Mutter- oder Grossloge angeschlossen haben. Der Freimaurer arbeitet an sich selbst, was sich in Entwicklungsgraden ausdrücken kann, die von der Loge verliehen werden. Es gibt verschiedene Gradsysteme, manchmal zehn, manchmal 33, manchmal 97 Grade, meistens sind es jedoch drei: Geselle, Lehrling, Meister. Ein Grad kann entweder den Wissensstand, die Mitgliedsdauer oder eine Position innerhalb der entsprechenden Loge anzeigen. Einige Grade werden mit einem Ritual begleitet, meistens ist es jedoch lediglich eine Urkunde, auf der der erworbene Grad oder das entsprechende Amt den Mitgliedern bekannt gegeben wird.
Frage Wie ist es zu verstehen, dass sich jemand die Erlaubnis erwirbt bzw. erkauft, einen Ritus in einem Land zu vollziehen?
P.R.K. Potentielle Mitglieder wollen sich einem "authentischen Orden" oder einer solchen Loge anschliessen. Authentizität basiert hier auf "Regularität", d.h. "Bewilligungen", "Chartas", "Sukzessionen", "Konstitutionen" etc. Um sich "regulär" nennen zu können, braucht es eine Erlaubnis einer übergeordneten Mutter- oder Grossloge. Denn falls eine Grossloge eine andere (Gross)-Loge als "irregulär" bezeichnet, könnte das ja potentielle Mitglieder abschrecken. Bis 1900 konstruierte man mindestens 70 sogenannte Hochgradsysteme, die alle eine Erweiterung und Vertiefung der regulären Johannisgrade zu sein behaupteten. Praktisch bestehen kaum Unterschiede zwischen den Systemen. Insgesamt umfassen diese Riten etwa 400 verschiedene Grade aller Arten. Weltweit existieren zwei Grosslogen, die sich "befehden"; der französische "Grand Orient" und die englische "Grand Lodge". In diesem Umfeld ist die maurerische Geschichte nun voll von Männern, die ihre Position innerhalb der Orden zum regen Verkauf solcher Bewilligungen benutzten; ähnlich wie beim Handel mit Adelstiteln.
Frage Haben diese Grade und Regeln irgendeine geistige Bedeutung, oder sind sie lediglich eine äussere Abmachung?
P.R.K. Je nach Auslegung. Für Nichtmitglieder bleiben es äusserliche Regeln, für "Eingeweihte" hat natürlich "alles" eine Bedeutung. Das kann dem jeweiligen Ritus entsprechend variieren. Im O.T.O. ist die "Sukzession" wichtig, d.h. die korrekte Regelung der Nachfolge der Oberhäupter. Das Oberhaupt trägt so etwas wie die magische Flamme des Ordens, und natürlich sind auch Copyrights damit verbunden. Jedesmal, wenn z.B. heutzutage das Aleister Crowley-Tarot verkauft wird, bezieht der 1977 gegründete, neue amerikanische O.T.O. Tantiemen.
Frage Wer war John Yarker?
P.R.K. Hmm. Geboren 1833, gehörte er zu denjenigen Freimaurern, die viel herumreisten und Bewilligungen verkauften. Er starb 1913.
Frage Und wer war Theodor Reuss?
P.R.K. Via Theodor Reuss (1855-1923), einem anglo-deutschen Freimaurer, sind der berühmt-berüchtige "Alte und Primitive Ritus von Memphis und Misraim" [MM] und der "Alte und Angenommene Schottische Ritus" [AASR] 1902 via dem Engländer John Yarker nach Deutschland geraten. Es ist bezeichnend für den schwunghaften Handel mit Chartas, dass kaum nachdem Yarker die höchsten Grade erhalten hatte, er diese sofort an Reuss weiterverkaufte. Reuss hat aber auch eine Menge anderer Orden in Deutschland eingeführt und ein grosses Durcheinander damit geschaffen. Er war, wie viele andere, ein Freimaurer, der selbst gerne Bewilligungen verkaufte und eigene Orden aus der Taufe hob. Es ist ihm zuzuschreiben, dass zwischen 1906 und 1912 der O.T.O. mit der Hilfe einiger AASR- und Memphis-Misraim-Mitglieder konstruiert und ab 1912 bekannt wurde. Auf seine Kappe gehen jedoch auch eine Version des "Illuminaten-Ordens" und diverse Rosenkreuzerorganisationen. Reuss hat aus all seinen Unternehmungen ein undurchsichtiges Gewusel gemacht: alle Orden schienen irgendwie miteinander verbunden, die Bezeichnungen variierten beinahe nach Tageszeit, manche Mitglieder waren in allen Orden gleichzeitig, andere überhaupt nicht. Weder Reuss noch seine selbsternannten Nachfolger schienen daran interessiert, hier Klarheit zu schaffen. Viele meinten und meinen auch noch heute, Mitgliedschaft im O.T.O. bedeute auch Mitgliedschaft in allen anderen Organisationen, die irgendwie mal etwas mit Reuss zu tun gehabt hatten. Von "regulären" Freimaurern wurden und werden Reuss und seine Orden bis heute abgelehnt. Als Hauptgrund wird oft angegeben, dass z.B. Reuss' Ordo Templi Orientis Frauen aufnähme, eine Unmöglichkeit in der traditionellen Freimaurerei.
Frage Was war seine Zeitschrift Oriflamme für ein Blatt?
P.R.K. Die Oriflamme erschien von 1902-14, zunächst als Mitteilungsblatt für den "Swedenborg-Ritus" und einen "Orden der Rosenkreuzer", bald für den "Alten und Angenommenen Schottischen Ritus" und "Memphis-Misraim"; ab 1912 jedoch hauptsächlich als Organ seines O.T.O. Als O.T.O.-Blättchen sind jedoch nur sehr wenige Nummern erschienen. In all den Jahren enthielt die Oriflamme hauptsächlich ordensinterne Mitteilungen wie Statuten, Ernennungen, Tagungsprotokolle, Abrisse über die Entwicklung des Ordens, also typische Klub- und Vereinsnachrichten; hier aber in sehr pompöser Sprache und mit Insiderhinweisen, die ein Nichtfreimaurer kaum verstehen kann.
Frage Reuss wollte den Schottischen Ritus und den MM für Deutschland von Yarker erwerben. Initiierte er damit in Deutschland unrechtmässig einen Ritus?
P.R.K. Es gibt verschiedene Versionen von Chartas, die Reuss' Vollmachten auflisten. Und es kommt immer darauf an, wer wann einen Ritus als "irregulär" definiert. Es gibt heute noch Freimaurer, die den Memphis-Misraim-Ritus nicht als irregulär empfinden. Andere lehnen ihn jedoch vehement ab. In der Schweiz gibt es zum Beispiel drei regularisierte Memphis-Misraim-Logen. Sie mussten ihre Rituale etwas an die gängige Form anpassen und darauf verzichten, offiziell Hochgrade zu erteilen. Heute hochangesehene Freimaurerlogen können ursprüngliche Memphis- Misraim-Logen sein, die im Laufe der Zeit regularisiert worden sind. Natürlich hat das nicht das Geringste mit dem O.T.O. zu tun.
Reuss hat in den Augen einiger Zeitgenossen einen Schwindel begangen, als er "irreguläre" Riten in Deutschland einführte und die Mitglieder weder über die "Irregularität" aufklärte, noch genau Angaben über die Namen dieser Riten/Orden machte, in denen die Mitglieder sassen. Viele haben deshalb seine Orden wieder verlassen. Das könnte erklären, weshalb er daraufhin den O.T.O. gegründet hat: als eine Art Retortenhochgradfreimaurerorden. Die Vorstellung, dass sich dieser Orden mit seinen Uniformknöpfen, hochtrabenden Titeln und der Sehnsucht nach religiösem Adel im Laufe der Jahrzehnte in ein Jahrmarktszelt verwandelt, wo ein "Caliph" und seine "Scharlachrote Hure" Tarot-Karten legen (so wie in der amerikanischen"O.T.O.-Newsletter" von 1978 abgebildet), entspricht sicherlich auch Aleister Crowleys Milch der frommen Denkungsart. Heutzutage wird in den Medien der O.T.O. ja meist mit Aleister Crowley gleichgesetzt, was historisch überhaupt nicht stimmt. Aber vielleicht beginnen wir ganz vorne, damit der Leser etwas Einblick in die komplexe Entwicklung des O.T.O. gewinnen kann.
Carl Kellner
Frage Wer war Carl Kellner?P.R.K. Dazu am besten ein Auszug aus dem "Österreichischen Biographischen Lexikon 1815-1950":"Kellner Karl, Chemiker und Grossindustrieller, geb. Wien, 8.9.1850: gest. Wien, 7.6.1905. Stud. in Wien und Paris. In einem Wr. Privatlaboratorium arbeitend, machte er bereits im Alter von 22 Jahren jene entscheidenden Beobachtungen, die nach seinem 1876 erfolgten Eintritt in die Fabrik des Hektor Frh. von Ritter- Zahony in Podgora bei Görz in dem nach ihm und Ritter benannten und binnen kurzem von zahlreichen Papierfabriken in Verwendung genommenen Sulfit-Zelluloseverfahren gipfelten ... (Elektrochem. Bleichverfahren) ... The Castner-Kellner Alkali Ko., baute in England die damals grösste Anlage der Welt zur Chloralkali- Elektrolyse ... K. befasste sich auch mit techn. Erfindungen ... wie Gewinnung von Gespinstfasern, Beleuchtung, Photographie, künstliche Edelsteine u.a." Dr. Walter, III. Band, Graz-Köln 1965, Seite 290.
Frage Welche maurerischen Aktivitäten entfaltete er in Europa?
P.R.K. Kellner wurde (laut Reuss und Franz Hartmann) 1873 in die Loge Humanitas in Neuheusl (Neudörfel?) aufgenommen. Diese Loge war am 9. März 1871 unter der Konstitution der Gross-Loge Ungarns erleuchtet worden. Sie war die erste und respektierteste der sogenannten "Grenz-Logen", die nach 1870 in Österreich errichtet wurden. Von "regulären" maurerischen Aktivitäten Kellners ist mir aber nichts bekannt geworden, da er sich bald den sogenannten Hochgraden zuwandte, d.h. dem AASR und MM. Kellner kannte John Yarker in Manchester persönlich, da er ja eine Fabrik dort besass. Warum Kellner am AASR und MM interessiert war, kann nur vermutet werden. Ich nehme an, dass Kellner eine "ehrenhafte" Organisation suchte, aus der er quasi als filtrierenden Vorhof Yogaschüler für seinen privaten Hatha- Yoga-Kreis rekrutieren konnte. Reuss als Mann fürs Grobe (Kellner: "Sie hätten eine Bismarck-Karriere als Diplomat gemacht") wurde so finanziell für die Organisation verschiedener Freimaurerorden unterstützt. In Reuss' Oriflamme sind hin und wieder Kellners AASR- und Memphis-Misraim-Grade zu finden. Im Dezember 1902 ernannte ihn John Yarker in London zum 96° und zum "Souveränen Ehren-General Grossmeister" "unseres Ordens". Am 27.12.1903 wurde Kellner zum 33°, 90° und 96° von England und Deutschland ernannt, 1904 wurde er Freundschaftsrepräsentant des MM für Amerika, da war er aber eigentlich schon schwer krank. Im Zusammenhang mit dem Begriff "O.T.O." tauchte Kellners Name zu dessen Lebzeiten nicht auf. Es gibt überhaupt keinen schriftlichen Beleg dafür (nur "oral History" der Kellner Familie), dass dieser Begriff vor 1906 existierte. Das wurden erst Konstruktionen nach Kellners Tod. Und zwar frühestens ein halbes Jahr später: In der Oriflamme vom Juni 1905 zum Tode Kellners wurden nämlich alle Titel und Ämter Kellners aufgezählt, der Begriff "O.T.O." und seine angeblichen Grade fehlten aber. Mit Rudolf Steiner hat er übrigens wahrscheinlich auch nie Kontakt gehabt.
Nach 1905: Theodor Reuss
Frage Wodurch geriet Reuss in eine Aussenseiterposition, so dass er 1905, nach dem Tod Kellners, von einigen Gründungsmitgliedern angeklagt wurde?P.R.K. Ähnlich wie Aleister Crowley sass Reuss häufig in Gerichtssälen. An der Sitzung der "Grossloge" des Swedenborg- Ritus am 2.9.1902 stellten eine Handvoll Gründer um Reuss fest, dass sich Leopold "Engel und Miller weigern, ihre Diplome der Loge zurückzugeben. Von einer Klage wird Abstand genommen.
Dagegen sollen die Certifikate in der Oriflamme... für ungültig erklärt werden." Die ersten Mitglieder traten nun "aus dem Illuminatenorden" aus, den Reuss und Engel neugegründet hatten. Wie vorhin gesagt, sprach Reuss dermassen verschwommen von seinen Orden, dass der Eindruck erschien, man sei "irgendwie" in einem anderen Reuss-Orden gleichzeitig, und wer aus dem einen Orden austrat, war nie ganz sicher, ob er nun auch aus einem anderen automatisch raus war. Auf jeden Fall zwang der daraufhin einsetzende Geldmangel Reuss, von privater Hand Geld für die Oriflamme zu leihen. Er bezahlte die Schulden mit der Vergabe der höchsten Memphis-Misraim-Grade. Reuss fasste das Darlehen nun aber als Privatdarlehen (und nicht als Darlehen an die Loge) auf und wurde deswegen zwei Monate nach Kellners Tod vor die Gerichte gezerrt. Man fand nun heraus, dass Reuss' Unternehmen (weitere Ordensgründungen und die Herausgabe der Oriflamme) ohne Erlaubnis der "Mutterloge und Tempel 'Zum heiligen Gral'" (Swedenborg-Ritus) in Berlin als völlige Privatsache des Beklagten, d.i. Reuss, gelaufen waren. Hier war nun endlich einmal Klarheit geschaffen: Reuss' Memphis-Misraim hatte nichts mit Reuss' anderen Orden zu tun, obwohl er auch deren Chef in Deutschland war.
Frage War er nach diesem Prozess noch weiterhin Repräsentant des MM-Ritus?
P.R.K. Selbstverständlich. Allein John Yarker hätte das widerrufen können. Es fällt aber auf, dass unter Reuss (und auch bis heute in den vielen O.T.O.-Gruppen) eine starke Fluktuation der Mitglieder herrschte. Immer wieder versuchte Reuss, Anschluss an andere Orden zu finden oder selbst welche zu gründen.
Frage Was beinhaltete die Genehmigung Yarkers vom 4.06.1905 an Reuss, Hartmann und Heinrich Klein, die MM-Grade 1 bis 33, 90 und 95 zu bearbeiten?
P.R.K. Diese Grade rituell "aufzuführen", d.h. Mitglieder zu initiieren, deutsche Logen zu gründen, die diese Rituale verwenden durften, und andere Männer mit solchen Graden zu belegen. Anders gesagt: es kriselte und Reuss erwarb sich ein neues Public-Relation-Instrument, um neue Mitglieder zu werben. Um diese Zeit entstand wahrscheinlich Reuss' Vorsatz, aus gewissen AASR- und Memphis-Misraim-Gradinhabern Mitglieder für einen neuen Orden, den späteren O.T.O., zu rekrutieren. Der Name war um diese Zeit noch gar nicht klar. Einmal war von "Orientalischen Freimaurern" die Rede, dann wieder vom "Orden der Altem Templer-Freimaurer" (Ausdrücke, die auch für den AASR stehen konnten). Der Memphis-Ritus alleine nannte sich manchmal "Antient and Primitive Rite of Masonry", manchmal "Oriental Order of Memphis". Es kann gut sein, dass Reuss und Kellner schon 1895 über einen Namen für eine noch zu gründende "Academia Masonica" diskutierten. Ich glaube, der Opportunist Reuss hat einfach ausprobiert, womit er am meisten Mitglieder ködern konnte. Als er dann den "Orientialischen Templer Orden" aus der Taufe hob (sicherlich nicht vor 1906, obwohl Reuss 1914 behauptete, schon 1905 vor seinem Haus in Berlin eine öffentliche Tafel mit dem Begriff "Ordo Templi Orientis" gehabt zu haben), entstand erst recht ein Durcheinander. Wer war nun in welchen von Reuss' Orden? Wurde nicht der Memphis-Ritus schon "Orientalische Templer" genannt, die Plakette sich nur auf ihn als Orden beziehen konnte? Wie gehörten sie alle zusammen? War man automatisch O.T.O.-Mitglied, wenn man MM-Mitglied war? Von 1906 bis 1913 (dem Tode Yarkers) waren das sicherlich noch getrennte Orden (falls der O.T.O. vor 1912 schon existierte), sonst hätte nicht Aleister Crowley 1912 zum Oberhaupt des O.T.O. von England gemacht werden können, wo doch zeitgleich und ortsgleich allein John Yarker und niemand anderer dortiger Chef des MM war. Wenn er von "Unserem Orden" sprach, war nach wie vor nie klar, was Reuss damit meinte. Es ist aber sicher Unsinn, den O.T.O. als "Sammelorden" zu sehen, der Memphis-Misraim, Illuminaten-Orden, die reguläre Freimaurerei, die Gnostisch Katholische Kirche, die Rosenkreuzer, den Golden Dawn etc. etc., in sich aufgesaugt hätte, und wer Mitglied im MM gewesen sei, sei so Mitglied in all den anderen Körperschaften geworden oder umgekehrt. Die vielen Abspaltungen, Streitereien und Gerichtsprozesse beweisen ja eindeutig, dass es manchmal mehr O.T.O.- oder MM-Grüppchen gegeben hat, als Mitglieder. Der O.T.O. war einfach Reuss' jüngstes Kind, das er als sein gelungenstes verkaufen wollte und es deshalb als allen anderen überlegen darstellte.
Frage Was hat es mit den Gerüchten über Reuss' unsittliches Verhalten auf sich, die im Januar 1906 aufkamen? Was sind die konkreten Hintergründe?
P.R.K. Tantrische Yogaübungen, wahrscheinlich in leicht bekleidetem Zustand. Reuss sprach im Schema einer "Mystischen Anatomie" von der "W.O.M.B.", also dem Schoss, wo Prana gespeichert werde, das er schon 1893 zur Heilung propagierte. Je nach Art der zur Erreichung von Prana angewandten Verfahren unterschied schon Carl Kellner die traditionell verschiedene Arten von Yoga, und eine wichtige Rolle spielten dabei die Nervenzentren (Nadis) und 10 verschiedenen Arten von Atem (Vayus). Die altindischen physiologischen Bezeichnungen für die 10 Vayus sind: Prana (im Herzen), Apana (in der Gegend des Anus), Samana (in der Nabelgegend), Udana (in der Kehle), Vyana (im ganzen Körper), Napa (im Genital), Kurma (öffnet die Augenlider), Krikara (verursacht Niesen), Devadatta (verursacht Gähnen), Dhananjay (durchdringt den äusseren groben Körper). Mit dem an sechster Stelle genannten Vayus Napa (im sog. "Reproduktionsorgan") beschäftigte sich nun die Reuss'sche Sexual-Magie, wie er 1912 publizierte. Er nannte seine Praktik "die Transmutation der Reproduktions-Energie". Im Verlaufe der ziemlich umständlichen Übung konzentrierte man seine Gedanken darauf, die Reproduktions-Energie aus den Genitalien zum Solar- Plexus hinaufzuziehen, wo sie "willentlich" zu "Transmutationszwecken" aufgespeichert werden sollte. Damit verband man ein genau geregeltes Atmen. Schliesslich sollte die "Grosse Vereinigung" eintreten, in der der Übende zum Seher würde und — bei vollem Bewusstsein — das "Gesehene" erlebte.
Dies war für Reuss "weisse Sexual-Magie".
1906 wurde Reuss von einem Herrn angeklagt, gegen diesen eine homosexuelle "Attacke" geführt zu haben. Daraufhin nahm ein Reuss-Mitglied die gewissen Hatha-Yoga-Lehren in Schutz, denen eine künstliche "unsittliche" Bedeutung zugetragen werde. Erst in der Oriflamme 1914 verteidigte sich Reuss öffentlich, nachdem ein anderes Exmitglied, A.P. Eberhardt in seinem Buch "Winkellogen Deutschlands" [Leipzig 1914], auf diese Ereignisse in München 1903 zurückgegriffen und darüber publiziert hatte. Dieser Eberhardt meinte auch, dass er in seiner jahrelangen Mitgliedschaft in den höchsten MM-Rängen nie etwas vom O.T.O. gehört hätte, bis dass Reuss 1912 damit auftauchte, als er Crowley zum Oberhaupt von England machte. Nach dem Tode Reuss publizierte die "Wiener Freimaurerzeitung" 1926, dass Reuss 1906 nach Bekanntwerden obiger Vorfälle aus der "Societas Rosicruciana in Anglia" entlassen worden sei und umschrieb die Vorkommnisse als "Betasten der gegenseitigen phalli." 1936 berichtete der völkische "Judenkenner" erneut über diese Gerüchte. Vermutlich spielte hier der "Eid bei den Genitalien" (1. Moses 24;9), den auch Casanova in seinen Memoiren als "Eid der Rosenkreuzer" erwähnte, eine Rolle.
Streng genommen hatte Reuss wenig Anlass, sich über Klatsch in Bezug auf phallische Angelegenheiten zu wundern. Sein 1906 erschienenes Büchlein Lingam–Yoni oder die Mysterien des Geschlechts–Kultus setzte alles — von indischen Tempeltürmen bis zu christlichen Kuppeln, von den Kreuzen von Palenque bis zu den Hausgöttern der Hebräer — mit der dyadischen Einheit von Lingam und Yoni gleich. „Alle diese Türme, Kuppeln und christlichen Tempelgebäude sind Reproduktionen […] des aufrechtstehenden Phallus.“ Selbst das Kreuz zerfällt in seine Grundelemente: „der Querbalken […] das weibliche Reproduktionsorgan […] der senkrechte Balken […] das männliche.“
Jegliche Möglichkeit interpretativer Vielfalt kollabierte zu einer sexuellen Allegorie. Das Ergebnis von Reuss’ Konstruktion war eine „Universalgeschichte des Phallus“, eine Erzählung, deren suggestive Kraft auf radikaler Homogenisierung beruhte, deren kritische Fundamente jedoch ausgesprochen brüchig waren.
Die O.T.O.-Gründung
Frage Sie schreiben, dass die erste englische O.T.O.-Gründung auf den 22.01.1906 und die erste deutsche O.T.O.-Gründung auf den 21.06.1906 datiert ist. Auf welche Quellen beziehen Sie sich hierbei?P.R.K. Da muss ich mich unklar ausgedrückt haben. Das sind keine Gründungsdaten, sondern Daten der Konstitutionen. Exakte Gründungsdaten konnten bislang nicht eruiert werden. Quellen für die von Ihnen genannten Zahlen sind die schriftlichen Angaben in den publizierten Konstitutionen, die dieses Datum tragen. Man könnte auch darüber diskutieren, was unter einer "Gründung" zu verstehen ist. Vielleicht bestand der O.T.O. um 1906 lediglich im Briefkopf von Reuss? Gesichert ist zumindest, dass der Begriff "Order of Oriental Templars" im Briefkopf des Edikts zu finden ist, das Reuss 1907 an Rudolf Steiner geschickt hat. Ein Briefkopf, übrigens, macht Steiner noch zu keinem O.T.O.-Mitglied.
Frage Wieso wurden diese Konstitutionen erst 1912 bekannt, oder wurden die beiden 1912 rückdatiert?
P.R.K. Das kann wohl niemand genau beantworten. Vielleicht hat Reuss gewartet, bis dass auch Carl Kellners Freund Franz Hartmann, ein rühriger Theosoph und Ariosoph, im Sommer 1912 gestorben war, bevor er den O.T.O. im Herbst desselben Jahres publik machen konnte. Ohne Hartmann gab es nun ja keinen Einspruch von leitenden MM-Mitgliedern im deutschsprachigen Raum mehr. Ähnlich war es mit den 1906-Konstitutionen (insofern sie nicht zurückdatiert wurden). Reuss musste erst den Tod Kellners (1905) abwarten, bevor er seinen eigenen Orden, nämlich den O.T.O., "gründen" konnte, obwohl möglicherweise schon Kellner mit einem solchen Gedanken geliebäugelt haben könnte, um wohlhabende Interessierte für seinen Hatha-Yoga-Kreis gewinnen zu können. Und im nachhinein publizierte dann Reuss, dass beide, Carl Kellner und Franz Hartmann, Gründungsmitglieder des O.T.O. gewesen sein sollen, obwohl sich dafür nicht der geringste Nachweis erbringen liess.
Frage Wie sah eigentlich die Reuss'sche Ordensstruktur um 1905/06 aus?
P.R.K. Carl Kellners "Inneres Dreieck" (wahrscheinlich ein unstrukturierter europäischer Ableger der amerikanischen "Hermetic Brotherhood of Light") war sicherlich schon 1904 auseinandergefallen, als sich Franz Hartmann gleichzeitig von Reuss und den yogischen Aktivitäten seines Freundes Kellner distanzierte, und sogar Reuss mit Kellners Hatha-Yoga nicht mehr einverstanden war. Dieser "Okkulte Kreis" war deutlich von all den anderen Orden um Reuss, Kellner und Hartmann getrennt, es konnten jedoch Doppelmitgliedschaften bestehen. "Okkulter Kreis" oder "Inneres Dreieck" waren Eigennamen und konnotierten allein rhetorisch ein Eingebundensein in etwas anderes. Mit dem Tod Kellners endete die Existenz dieses losen Privatzirkels.
Hartmann wollte schon 1904 mit Reuss nichts mehr zu tun haben, und Reuss konnte so nur noch den Stempel mit Hartmanns Unterschrift für die Ordensschreiben verwenden. Blieben also noch der Swedenborg Ritus, AASR, Memphis und Misraim, die Societas Rosicruciana in Anglia (SRiA), der Martinismus und eine Unmenge geheimnisvoller völlig unbekannter Ritterorden um Reuss. Man kann niemals einen definitiven Ordensschematismus festlegen, weil Reuss dauernd den Aufbau zu ändern schien. Deshalb muss man immer die zu einem bestimmten Zeitpunkt festgefrorenen Aufbausysteme festhalten. Im Oktober 1905 sah es folgendermassen aus: Kellners "Inneres Dreieck" existierte nicht mehr. In Deutschland leitete Reuss als "Souveränes Sanktuarium" den Orden der Alten Templer-Freimaurer vom Schottischen Ritus (33 Grade), und den Memphis- (95 Grade) und Misraim Ritus (97 Grade). AASR und MM waren aber autonom und seit August 1905 ausdrücklich voneinander unabhängig. Im Januar 1906 "re-konstituierte" dann Reuss den O.T.O. zumindest auf dem Papier angeblich aus einer sogenannten "Hermetic Brotherhood of Light" (und weder aus AASR noch aus dem MM).
Offensichtlich meinte Reuss mit dieser HBL jedoch etwas anderes als Kellner, der sich auf die amerikanische Organisation berief. Wie aus verschiedenen Texten hervorgeht, ist das bei Reuss eine Anspielung auf die "Asiatischen Brüder des Lichtes" und sicherlich nicht auf den MM-Ritus. Ich bezweifle, dass um diese Zeit der O.T.O. aus mehr als einem Mitglied, nämlich Reuss selber, bestanden hat. Am 24.7.1907 trennte Reuss dann auch noch Memphis von Misraim, die also ganz eindeutig verschiedene Körperschaften wurden. Erst 1908 konstituierte Reuss wieder einen Souveränen Grossrat des MM für Deutschland, da er in Paris auf rege Interessenten traf, die frisches Blut in seine Ordenskollektionen versprachen. Reuss' andere "Ordensaktivitäten" z.B. im Martinismus, der SRiA, dem Illuminaten-Orden etc. schienen ihn vorläufig weniger zu interessieren. In der Oriflamme blieben bis 1912 allein der MM, der Swedenborg Ritus und der AASR erwähnt, niemals der O.T.O. Seine O.T.O.-Rituale, soweit sie vor 1912 stammen mögen, waren ein wirres Durcheinander aus den Ritualtexten des AASR, des Cerneau-Ritus, des Royal Arch, der Rosenkreuzer, von Albert Pike und Laffon de Ladebat und natürlich den verschiedensten Memphis und Misraim Variationen. Reuss hielt unbeholfen, aber ausnahmsweise eindeutig fest, "The mere possession of these various Masonic degrees does not constitute a Member as an: O.T.O." Umgekehrt dachte er wohl anders. Im Klartext: In den Augen von Reuss konnte Mitgliedschaft im O.T.O. zwar automatisch Mitgliedschaft im AASR, MM, etc. bedeuten, aber niemals bedeutete Mitgliedschaft im MM oder AASR automatisch Mitgliedschaft im O.T.O. Nach dem Tode Hartmanns war der O.T.O. 1912 folgendermassen strukturiert. Die ersten drei Grade entsprachen der regulären Freimaurerei, der AASR mutierte zum IV°; im V° wurden nun Hartmanns obskure "Esoterische Rosenkreuzer" mit dem 11.- und 18.-Grad Ritual des AASR verquickt; Titel und Katechismus des VII° waren dem 4. Grad der Fratres Lucis (der Ritter vom Wahren Licht/Order of the Asiatic Brethren, worunter Reuss' und Crowleys "Hermetic Brotherhood of Light" zu verstehen ist) entnommen, der VII° schien jedoch ein reiner Beamtengrad zu sein; mit dem VIII° begann erst die eigentliche O.T.O.-Mitgliedschaft; der IX° bezog sich auf den früheren Reuss'schen Illuminaten-Orden und der X° war Reuss selber. Sexualmagie wurde erst mit dem IX° Teil der praktischen Anleitungen. Erst 1914, ein Jahr nach dem Tode Yarkers, dem weltweiten Chef des MM in England, wurden durch Crowley einige AASR- und Memphis- Misraim-Grade mit den O.T.O.-Graden gleichgesetzt. Nehmen wir Steiners Grade: Sein 30°, 67° und 89° passen nirgends in den O.T.O./AASR/MM-Schematismus hinein, sondern wären irgendwo zwischen dem VI° und VII° O.T.O. anzusiedeln. Der 30° nennt sich "Ritter Kadosch", der 67° heisst "Ritter der Wohltätigkeit", der 89° "Auserwählter der Mystischen Stadt". Erst der 33°, 90° und 96° wären als X° O.T.O. anzusehen. Abgesehen davon, sind der 33° AASR, die Grade 90 (Memphis), 95 (Misraim) und X (O.T.O.) reine Verwaltungs- oder Beamtengrade. Aber wie gesagt, das wären Zuweisungen im Nachhinein. Steiner leitete auch niemals einen Memphis-Misraim-Zweig, sondern benutzte allein den Begriff "Misraim-Dienst", der aus einem Misraim-Ritual stammt. "Mystica aeterna" war eine neue Bezeichnung für "Misraim-Dienst" und sicherlich weder Ableger des Memphis-Misraim noch des O.T.O. Erst ab 1917 verstand sich der O.T.O. als eine Art Sammelorden, der die Autorität besässe, Grade in anderen Orden zu erteilen.
Viele O.T.O.-Mitglieder meinen noch heute, sie seien automatisch reguläre Freimaurer, seit Reuss diese in den O.T.O. "eingebaut" hat. 1917 änderte Reuss die O.T.O.-Struktur nochmals, verteilte die 33 Grade des AASR auf die ersten 6 Grade des O.T.O.; der VII° wurde identisch mit dem Meistergrad der Johannisfreimaurerei; wiederum begann die eigentliche O.T.O.-Mitgliedschaft ausdrücklich erst mit dem VIII°, nun "Esoterischer Rosenkreuzer" genannt. Erneut lehrte erst der IX° Sexualmagie.
English version: Synopsis of Degrees.
Traduction française: Synopsis des Degrés.
Theodor Reuss to Aleister Crowley, 1917
Rudolf Steiner
Frage Wusste Rudolf Steiner eventuell von all dem?P.R.K. Obwohl Steiner 1904 ein Kellnersches und Reuss'sches Manifest "Unseres Ordens" von 1903 zitiert, kann er dabei weder von "Sexualmagie" noch einem "O.T.O." gewusst haben.
Dieses Manifest distanziert sich von "Geisterbeschwörungen" und "spiritistischen Praktiken" — etwas, das Steiner sicherlich zugesagt hat. Weder taucht der Begriff "Sexualmagie" noch "O.T.O." auf. 1903 hat Kellner ja noch gelebt. Seine Praktik ist nicht Magie, sondern Hatha-Yoga, also eine Art Mystik. Erst in der Juni-Ausgabe der Oriflamme 1906 wird Reuss deutlicher und spricht vom göttlichen Zeugungsakt. Im August 1906 distanziert sich dann Steiner im berühmtem Brief an Sellin von Reuss. Der Begriff "Sexual-Magie" taucht erstmalig in der Dezember-Ausgabe der Oriflamme 1906 und dann erst wieder 1912 auf, als der O.T.O. Reuss' neustes Aushängeschild wird.
Frage Am 27.03.1906 wurde Steiner in einem Brief von Reuss mit dem 33. und 95. Grad angesprochen. Hatte Rudolf Steiner diese MM- Grade durch seine Mitgliedschaft am 24.11.1905 erworben, oder hat ihn Reuss in seinem Brief einfach nur dazu erhoben?
P.R.K. Womöglich letzteres.
Frage Im Brief an Sellin beschreibt Steiner seine absolute Missachtung und Ignoranz von Reuss und seinen Aktivitäten. Gibt es irgendeinen Beleg oder Hinweis darauf, dass Steiner — ausser im Zusammenhang mit der MM-Mitgliedschaft — persönlichen Kontakt zu Reuss hatte?
P.R.K. Nein.
Frage Warum hat Steiner sich nicht gegen diese Überfrachtung und Eingemeindung durch Reuss schriftlich gewehrt?
P.R.K. Ich nehme an, es gehörte zu Steiners Absicht, Reuss komplett zu ignorieren.
Frage Inwieweit ist Alice Sprengels Gedächtnisnotiz glaubwürdig, dass Steiner sein MM-Eintrittsgelöbnis zerrissen haben soll, weil es ihn zum O.T.O.-Mitglied gemacht hätte?
P.R.K. Das ergibt sich aus dem Zusammenhang. Alice Sprengel erwartete, dass Rudolf Steiner sie heiraten würde. Als er das nicht tat, lief sie 1915 enttäuscht zu Reuss' O.T.O. über. Ihr Verhältnis zu Steiner lässt sich aus ihren Briefen an ihn ablesen. Die sind in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe 253 zu finden.
Frage Was hat Frau Sprengel im O.T.O. gemacht?
P.R.K. Das kann man detailliert in meinem "Das O.T.O.-Phänomen" nachlesen. Sie erhielt von Reuss eine Autorisation zur Gründung von O.T.O.-Logen und gehörte 1921 dem "executive council of 3" des O.T.O. an. Die beiden anderen Führungsmitglieder ihrer Loge waren ebenfalls Frauen; sicherlich eine Sensation für die damalige Zeit. Nach dem Tode Reuss' 1923 wollten alle O.T.O.- Mitglieder weltweit sein Nachfolger werden. Aber erstens war nicht klar, von welchen Orden man überhaupt sprach, noch war die Identität desjenigen klar, der von Reuss selber als Nachfolger eingesetzt worden war. Bis heute gibt es unzählige Anwärter, aber von keinem ist ein definitives Papier entdeckt worden, auf dem ihn Reuss eindeutig zu seinen Nachfolger im O.T.O. bestimmt hätte. Dafür wurde nun heftig intrigiert; auch in den verschiedenen Schweizer O.T.O.-Logen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg fungierte Frau Sprengels Tessiner O.T.O.-Loge in der Schweiz als eine Art Exil-Loge für viele vertriebene ausländische Okkultisten, so auch für den Gründer der berühmten Fraternitas Saturni, Eugen Grosche. Es ist gut vorstellbar, dass zwei Jahrzehnte nach ihrer Enttäuschung mit Steiner, an einem lauschigen Sommerabend im Tessin die Pferde mit Frau Sprengel durchgingen, und sie sich im Kreise ihrer Lieben an das sogenannte O.T.O.-Gelöbnis Steiners "erinnerte".
Dieses angebliche Gelöbnis verfasste Alice Sprengel tatsächlich Jahrzehnte NACH dem angeblichen Verfassungsdatum aus dem Gedächtnis. Als mittlerweile langjähriges O.T.O.-Mitglied ersetzte sie wahrscheinlich die Gelöbnisformel, die im Original möglicherweise ähnlich war, wie die im Vertrag vom 3. Januar 1906, durch das ihr nun geläufige "Alte und Primit. Ritus von M. u. M. O.T.O." desjenigen Ordens, in dessen obersten Rängen sie ja selbst seit ihrem Austritt aus der "Mystic aeterna" sass. Die Abkürzungen zeigen, dass sie vielleicht sogar ein tatsächliches O.T.O.-Dokument vor sich hatte, von dem sie aber in Eile abschrieb, als sie es auf Steiner zurückmünzte. Solche Abkürzungen kommen nämlich weder im Briefkopf, noch auf Chartas oder Gelöbnissen vor: da wird immer ausgeschrieben. Selbst von Alice Sprengels Rekonstruktion des angeblichen O.T.O.- Gelöbnisses im nachhinein gibt es kein "Original", sondern nur eine weitere Abschrift, die über eine Frau Gundula Bader (ebenfalls involviert in die Intrigen um die Schweizer O.T.O.- Logen) an einen Emil Bock gelangte. Dieses Papier kam dann 1966 über einen Erich Gabert ins Archiv des Goetheanum und wurde von Steiners Nachlassverwaltern in der Gesamtausgabe 265 auf Seite 100 nachgedruckt — es also beileibe nichts Geheimnisumwittertes ist.
Frage Was hat es mit der Reussschen Buchanzeige über "Das Sexuelle in der Theosophie und Anthroposophie" von 1917 auf sich?
P.R.K. Keine Ahnung.
Frage Gab es je einen persönlichen oder schriftlichen Kontakt zwischen Aleister Crowley und Rudolf Steiner?
P.R.K. Davon weiss ich nichts. Crowley hat 1944 Steiner ein Gedicht gewidmet und sich 1919 auch einmal in einem Privatbrief über den Unsinn geäussert, den Steiner, der "in relation with the O.T.O." sei, "rauslasse". Aber das scheinen allein Crowleys Phantasien zu sein. Selbst heute behaupten viele O.T.O.- Oberhäupter noch, Steiner sei einer der ihren gewesen. Crowleys O.T.O.-Manifesto von 1912 listet ja auch Hermes, Dante, Ulrich von Hutten, Paracelsus, Goethe, Ludwig II., Richard Wagner, Nietzsche und v.a. als verflossene O.T.O.-Grossmeister auf. Dann muss es ja stimmen. Immerhin zeigt Crowleys Bemerkung, dass er nicht viel von Steiner hielt. Da kann man indirekt annehmen, dass es umgekehrt genauso gewesen wäre.
Crowley und der O.T.O.
Selbstverständlich unterschieden sich die Praktiken von Carl Kellner, Theodor Reuss und Aleister Crowley voneinander -- genauso wie seit dem Revival in den 1970er Jahren neue O.T.O.-Gruppen mit neuen Lehren und Praktiken entstanden sind. Bis ca. 1905 galten im privaten Kreis um Kellner sicherlich dessen völlig harmlosen Yoga-Ansichten um Meditationen zur Kontaktaufnahme mit früheren Inkarnationen. Kellners Symbolik war theosophisch-indisch-chaldäisch. Nach seinem Tod verwendete Reuss ägyptisch-indische Symbole und sexualisierte die Lehren in seinem neugeschaffenen O.T.O.; Crowley personifizierte sie. Sowohl unter Reuss wie auch unter Crowley wollte der O.T.O. letztendlich sogar die ganze Gesellschaft reformieren. Natürlich im Hinblick auf die Sexualerziehung, die den sogenannten "Priester-Ärzten" obliegen sollte. So schrieb Reuss 1914: "Ist der Jüngling [...] reif, dann wird er im Tempel, unter Leitung und Weisung der "Matrona" (Ober-Priesterin) in ritueller Weise und in der Form einer "sakramentalen Handlung" den ersten Coitus vollziehen. Ebenso wird die Jungfrau im Tempel von der Matrona in die Mysterien des Geschlechtsakts eingeführt. Solange Jungfrau und Jüngling ausserhalb des gesetzlich vorgeschriebenen Ehestandes leben, sind sie gebunden, alle Befriedigung des Triebes im Tempel zu suchen." Privateigentum sollte abgeschafft, dafür Zwangsarbeit und genetische Auslese eingeführt werden, denn Kinder sollten nur von körperlich perfekten Eltern gezeugt werden. Die O.T.O.-Religion wollte Staatsreligion sein. Crowley betrachtete 1919 ausserdem jeden, der nicht seine Religion teilte, als Höhlenmenschen.Frage Was änderte sich im O.T.O. durch Crowley ab 1912?
P.R.K. Crowley, immer in Geldnöten, benutzte seinen Zweig als Einkommensquelle (Mitgliederbeiträge) und später als Anhängsel, um seine Bücher publizieren zu können, die kein Verlag veröffentlichen wollte. Ausserdem fand er im O.T.O. einen Orden, der seine sexualmagische Religion "Thelema" transportieren konnte. Er schrieb 1914 die Rituale für seinen englischen Zweig um, indem er sie mit thelemitischen Worthülsen ausstopfte.
Diese Rituale wurden aber nie von Reuss selbst oder anderen O.T.O.-Logen verwendet. Soweit ich mich erinnere, hat auch Crowley seine eigenen O.T.O.-Rituale nie zelebriert. Der Kandidat musste sie am Vorabend der Einweihung auswendig lernen und flugs geschah über Nacht im Traum, d.h. astral, die Initiation. Man wurde also im Schlaf O.T.O.-Mitglied. Crowley verwandelte seinen kleinen Zweig in das, was man heutzutage im nachhinein eine "indoktrinäre Gruppe" nennen könnte. Spitz formuliert: ein Oberguru, der tyrannisch über eine Gruppe fanatischer Anhänger regiert, die ihm sexuell und finanziell hörig sind und der sich selbst als Prophet, Antichrist und Weltheiland feiern lässt. Kein Wunder, dass ihn Reuss 1921 aus dem O.T.O. verstossen hat. Resultat: Crowley diagnostizierte aus der Ferne einen Schlaganfall bei Reuss und rief sich zu dessem Nachfolger aus. Bis heute ist Reuss' angeblicher Schlaganfall die offizielle O.T.O.-Version in fast allen O.T.O.-Gruppen geblieben, obwohl es dafür nicht den geringsten historischen Nachweis gibt, im Gegenteil. Nach seinem Rausschmiss umschrieb Crowley Reuss nun auch als aggressiven Aufschneider, der ihn letztendlich langweilte.
Man könnte Crowleys O.T.O. theoretisch als faschistoide Körperschaft ansehen. Dazu zählt vor allem das Verständnis von der Rolle als einer revolutionären Bewegung, als hierarchisch gegliederte Kampfgemeinschaft (so wie Thelema in Crowleys "Buch des Gesetzes" angetönt ist) und als "Elite".
Das Selbstverständnis als ein auf einen Führer ausgerichteter Bund zeigt sich durchweg in der Betonung von Symbolen und Ritualen, im Personenkult und in einer gemeinhin romantisch-irrationalen Selbstdarstellung. Das Totalitäre findet sich theoretisch auch in der gewünschten Transzendierung von Crowleys Thelemas. Trotz alledem fehlt es in den modernen O.T.O.-Gruppen aber an ausreichender Solidarität unter den Mitgliedern und so können diese verstreuten Grüppchen und Logen heutzutage auf keinen Fall als autoritär bezeichnet werden, so wie es "der O.T.O." zu Lebzeiten Crowleys (gest. 1947) noch gewesen ist. Der Grund ist einfach: In unserer zerklüfteten Informationslandschaft ist totalitäre Manipulation kaum mehr denkbar, selbst wenn sie noch so ästhetisch von Leni Riefenstahl gestaltet wäre.
Gnosis?
Frage Können Sie die biographischen Hintergründe zu Reuss' und Crowleys Systemen näher beleuchten?P.R.K. Reuss' Gnostizismus lehnt sich einem eher libertinistischen Manichäismus und den Ophiten an, vermischt mit Tantrismus. Crowleys Thelema hingegen kann schwerlich als Tantrismus aufgefasst werden. Tantrismus erfordert ein sich gehen lassen können, während bei Thelema alles unter Kontrolle des Willens stattfindet. Im Manichäismus ist die Materie böse, also ein Ort der Verwesung. Obwohl sich der Manichäismus in seinen Schriften ausdrücklich asketisch äussert (kein Fleisch, keine Ehe, kein Geschlechtsverkehr), gibt es auch anderweitige Berichte. Es gehört zum festen Bestandteil des Manichäismus, dass sich "Engel" mit den Archonten geschlechtlich vereinigen und so deren "schlechte" Fesseln lösen. Durch die Vermählung des Guten mit dem Schlechten werden die Seelen reingewaschen, und was übrig bleibt "allen Arten auf der Erde beigemischt".
Archonten sind die Mächte, die das zwiebelschalen-artig aufgeteilte Universum bewohnen und die Menschen versklaven. Der Singular Archon ist der Demiurg, der Weltengestalter/Schöpfer.
Die Babylonier, die Mayas, Homer, Aristoteles, Ptolemaios, Platon u.v.a., jeder Philosoph und jede philosophische Schule vertraten ein eigenes Modell, bis Nikolaus Kopernikus 1543 mit "De revolutionibus orbium caelestium" die moderne Astronomie einläutete. Dies verlagerte das gnostische Universum nach Innen: deren Protagonisten manchmal sogar auf Ausserirdische. Die Schlange der Ophiten, die sich selbst in den Schwanz beisst, findet sich auch auf dem Umschlag von Reuss' "Aufbauprogramm und Leitsätze der Gnostischen Neo-Christen O.T.O." von 1920. Die Schlange symbolisiert die geschlechtliche Vereinigung von Mensch mit Gott: sexualmagisch ist sie das Spermatozoon. Nicht alle Gnostiker sind Sperma-Gnostiker. Von diesen ist aber im O.T.O.- Kontext zu reden. Allen Sexualmagiern/Gnostikern (ob asketisch oder libertinistisch) ist nämlich gemeinsam, im Sperma das Zentrum menschlich-göttlichen Schicksals zu sehen. Bei den Sexualmagiern ist das Sperma(tozoon) Abbild der Sonne/des Universums. So auch Crowley: "Die Eichel des Penis entspricht der Form des menschlichen Gehirns."
1906 erscheint in Belgien die libertinistisch ausgelegte "L'Eucharistie" des Clement de Saint-Marcq, in der der Eklektiker Theodor Reuss das grösste Geheimnis des O.T.O. publiziert sieht: die von Jesus Christus gelehrte Einswerdung des Menschen mit Gott durch Assimilation, d.h. Verzehr von Sperma. Konsumation des Sperma zu magischen Zwecken ist definitiv als VIII°-Lehre in Crowleys O.T.O. verankert. Die Bedeutung des Sperma als Logos- Träger findet sich theoretisch jedoch erst im IX° — hier werden u.U. noch Vaginalsekrete dazugemischt. Durch Crowley wird der IX° jedoch zu einem rein magischen Grad degradiert, in dem die Sexualsekrete zur Beschwörung von Hilfsgeistern und Dämonen auf Talismane oder Kristallkugeln geschmiert werden. Theodor Reuss und Aleister Crowley haben einen gut gedüngten gnostischen Nährboden libertinistisch übernommen, obgleich beide ihre Quellen nicht so ausführlich angeben. Es fällt sogar auf, dass Reuss die vielfältige Literatur der französischen asketischen Gnostiker seiner Zeit überhaupt nicht erwähnt. Im 1917-Gemeinschaftswerk von Reuss und Crowley, der Gnostisch Katholischen Messe des O.T.O., finden wir den "Gnostizismus" des O.T.O. illustriert. Nur halbwegs die Pflichten der "Manichäischen Auserwählten" übernehmend (nämlich durch Konsumation das Göttliche Licht wieder einzusammeln, das der Logos spermatikos spurenweise im Menschen hinterliess, als er wieder ins Pleroma zurückkehrte), vernachlässigen die beiden den asketischen Aspekt des Manichäismus (keine körperlichen Aktivitäten, Fleischverzicht, etc., die das Göttliche Licht im Menschen wieder zerstreuen würden) und konzentrieren sich auf die Herstellung des Göttlichen Licht-Körpers, der durch Konsumation die Rückkehr in den Heiligen Bereich des Himmels, das Pleroma, ermöglichen soll. Dieser Licht-Körper ist die aus Sperma, Vaginalsekreten und Menstruationsblut bestehende Hostie. So wird aus der Gnostisch Katholischen Messe a la O.T.O. und dem IX° O.T.O. eine Parodie der christlichen Eucharistie, was vor allem die Konsumation der Hostie (die auch als "Universalmedizin" eingesetzt wird) betrifft.
Crowley benützt für "Privatzwecke" auch eine ganz besondere Mischung für seine Hostie. Zwischen 1920-23 frönt er den Drogen Kokain, Äther und Heroin, der Koprophagie und sadomasochistischen Phantasien, in denen er als Sklave fungiert. "In my Mass the Host is of excrement [seiner Geliebten, die "Scharlachrote Huren" genannt werden] that I can consume in awe and adoration; while I make my Holy Guardian Angel the latrine of my imagination" (Tagebucheinträge vom 5. Juli und 13. August 1920). Im Sadomasochismus kommen alle Formen religiöser Frömmigkeit zum Ausdruck (knien, beten, verehren, opfern, anrufen, bestrafen) und werden in ihren Idealrollen ausgelebt: die perfekte Superiorin zu entdecken und den perfekten Sklaven (Crowley). Das ewige Schuldgefühl überträgt sich auf sein Umfeld und verschmutzt dieses: wer Crowley liebt oder zu ihm zärtlich wird, muss von ihm vernichtet werden, denn er kann nur das Unerreichbare lieben: seine unpersönliche Scharlachrote Hure (was ja ein Amt, also eine ritualisierte Stereotype, ist), die auf ihm, dem selbsternannten Tier, reitet (so auch seine Tarot- Karte). Die Selbstverleugnung äussert sich im Schutz des Prinzips Thelema, die Abstumpfung des Körpers im Drogengenuss und yogischen Körperübungen. Die lustbetonte Minderwertigkeit sucht sich im Widerstand gegen alle Vernunft. Auf diese Weise wird Crowley gezwungen, die Grenzen seines persönlichen Gottes, der Logik, zu erkennen und die Selbstzerstörung soweit zu treiben, dass die Möglichkeit rationalen Denkens zerstört wird. Crowley drückt seine Schuldgefühle durch Koprophagie aus: Indem er über andere (seine Anhänger und die Nicht-Thelemiten) Gericht hält und sie bestraft, macht er sich einerseits zu seiner eigenen Obrigkeit, sucht jedoch anderseits selber nach Schutz. Zusammen mit seinem religiösen Verlangen, vor einem höheren Wesen (seinem Schutzengel) die Kontrolle zu verlieren, als Botschafter einer höheren Macht zu fungieren (also selber brauchbares Manipulationsmaterial zu werden), sucht er mit offenen Armen nach der tödlichen Wunde der Selbstauslöschung mithilfe der Selbsterniedrigung durch vollständige Identifikation mit dem Niedrigen. Der Kot der Scharlachroten Hure reinigt den Sklaven und ausserdem ergattert er eine "göttliche" Reliquie, die ihm Energie zuführt.
In Crowleys Fall scheitert der Sadomasochismus an der Unfähigkeit der ausgewählten Scharlachroten Huren, korrekte Sadistinnen zu sein: er hat sich potentielle Säuferinnen ausgewählt, deren schwache Ich-Barriere in Trance von aussermenschlichen Wesenheiten während magischen Ritualen durchbrochen werden muss. Crowley wendet sich nun gegen sie, greift sie an, wirft sie als Gebrauchsgegenstand weg. Auf seine Erniedrigung folgt keine befriedigende Verherrlichung. Sein Schutzengel zieht sich aus ihm zurück, wird im Laufe der Zeit ein externes Wesen und letztendlich verschwindet er ganz. Crowley stirbt vereinsamt 1947.
Coprophagy vs Poetry?
Ergebnis einer interessanten Diskussion auf http://groups.yahoo.com/group/thelema93-l im Jahr 2005. Tagebucheintrag vom 26. Juli 1920: Crowley prahlt gegenüber seiner Schweizer Scarlet Whore Leah Hirsig – beflügelt von Kokain – er sei ein so mächtiger Priester und Magier, dass er Exkremente in seine Eucharistie-Hostie verwandeln könne. Sie durchschaut sein Prahlen (was er später im Eintrag auch einräumt — "I'm a Coward, and Liar. Leah-Alostrael — my Scarlet Woman — knew it."). Also fordert sie ihn auf, den Beweis zu erbringen, indem er ihren Kot isst. Zunächst ist er unfähig. Sie verspottet ihn: kein Priester, wer sein eigenes Wort nicht halten kann. Also fügt er sich. Crowley klagt: "my mouth burned; my throat choked; my belly retched; my blood fled whither who knows, and my skin sweated.... My teeth grew rotten, my tongue ulcered; raw was my throat, spasm-torn my belly ..."Hier ein Auszug aus seinem „Leah Sublime“:
"Sprawl on me! Sit On my mouth, Leah, shit! Shit on me, slut Creamy the curds That drip from your gut! Greasy the turds! Dribble your dung On the tip of my tongue!"Dieser kleine Auszug vermittelt nur einen schwachen Eindruck von Crowleys Freude an Coprophagie. Er notiert auch, dass Leah Hirsig diese Neigung teilte ("worn whore that has chewed your own pile of manure" und "splutter out shit [...] turn to me, chew it with me, Leah"). Dazu kam ein Urin-Fetisch und eine gewisse Lust an Geschlechtskrankheiten — Crowley zeigte also ein Faible für Krankheit, bis hin zu Hirsigs mangelhafter Mundhygiene oder Gingivitis: ihr Atem stank, und er wollte, dass sie ihn anspuckt.
(Anmerkungen zu obskuren medizinischen Begriffen: „Gleet“ ist ein alter Name für Gonorrhö. „Pox“ — hier abgekürzt für „the French pox“ — bezeichnet nicht die bekannten Pockenkrankheiten wie Variola oder Windpocken, sondern war ein Euphemismus für jede sexuell übertragene Krankheit. „Cheeses“ bezieht sich auf eine venerische Hefepilzinfektion oder eine Trichomonas-Infektion, oder beides. „The itch“ — früher auch „Cupid's Itch“ — kann sich wahlweise auf eine Hefepilzinfektion, eine Trichomonas-Infektion, Ringelflechte im Schambereich oder eine schwerere Geschlechtskrankheit beziehen.) Das vollständige Gedicht „Leah Sublime“ findet sich online in der Magickal Library des Ra-Hoor-Khuit Network: http://www.rahoorkhuit.net/library/crowley/sublime.html Wie schon erwähnt: Crowley frönte zwischen 1920 und 1923 Kokain, Äther und Heroin, der Coprophagie und sadomasochistischen _DAYDRAMS_.
Es gibt keinen Anlass, anzunehmen, dass dies alles Alltagsroutine gewesen sei.
Zusammenfassung
Falls überhaupt je ein gnostisches Übergebäude dem O.T.O. unter Reuss Halt gegeben hat, wird mit Crowley die Religiosität endgültig durch Magie und sog. "Selbstvergottung" verdrängt. Obwohl man in Crowleys O.T.O. immer noch vom "Sanktuarium der Gnosis" spricht (womit die sexualmagischen Grade gemeint sind), ist von Gnosis nicht mehr viel vorhanden. Die Bedeutung des Sperma als Logos findet keine Verwendung mehr bei Crowley, der es praktisch-magisch mehrheitlich für seine "weltlichen" Interessen einsetzt.Der Gott gewordene Mensch a la Crowley will letztendlich irdischen Wesen durch die Kraft seiner Göttlichkeit befehligen. Bis die endgültige Gottwerdung jedoch verwirklicht ist, möchte er sich durch rituelle Identifikation mit dem Göttlichen lediglich stimulieren. Letzeres ist auch bei Reuss' O.T.O. Mittelpunkt und Ziel des Ganzen. Reuss' "unter Kontrolle des Willens in Gott vollzogener Liebesakt," "eine sakramentale Handlung, eine "mystische Hochzeit mit Gott", ein Kommunizieren, ein Sich-Vereinen mit Gott, mündet bei Crowley jedoch in ein zum "selber Gott werden." Als Magier löst sich Crowley so nicht im Licht auf, sondern durchlebt einen Werdeprozess im Irdischen. Er verpasst es, sich als Gnostiker im fliessenden Licht des Göttlichen aufzulösen. Nach erfolgter Angabe seiner Literaturliste in "Parsifal und das enthüllte Grals-Geheimnis" von 1914 hat Reuss persönlich nichts mehr zu sagen. Der Lauf seiner Sexual-Reform biegt sich jetzt von an selbständig in den O.T.O. Im Vergleich zu Reuss wirkt Crowley aber irgendwie prüde. Seine "Geheimnisse" scheinen sich eher zu erkälten. Sie werden dick wattiert und geschützt durch einen Wust aus künstlerischen Posen in männlicher Stimmung, Magie auf Hinterbühnen und in Dampfbädern, Kabbala, Yoga, Tarot und I- Ging. Im Vordergrund: Crowley selbst, der jede Gelegenheit beim Schopf packt, schon lange existierende Ideen und Organisationen als seine eigenen auszugeben. Crowleys Biographie entpuppt sich zudem als riesige Achillesferse des O.T.O. Crowleys Universum besteht aus theoretischen Ritualisierungen von Selbstauflösungskonzepten, Strategien der Entkoppelung von Persönlichkeit, Identität und Handeln, die jedoch in der Person Crowleys und seiner Anhänger zu narzisstischen Selbst- Stilisierungen und Selbstdressurexperimenten degenerieren.
Als Theodor Reuß im Oktober 1923 starb, hinterließ er nicht nur eine esoterische Organisation ohne klare Nachfolgeregelung, sondern auch einen symbolisch aufgeladenen Nachlass, dessen Verbleib die Entwicklung des Ordo Templi Orientis über Jahrzehnte prägen sollte. Der darauf folgende Machtkampf wurde nicht auf juristischer Ebene ausgetragen, sondern auf sakralem, politischem und rhetorischem Terrain. Während Heinrich Tränker, Charles Stansfeld Jones und Aleister Crowley jeweils seinen Anspruch auf die Nachfolge erhoben, verflochten sich Fragen von Besitz, Legitimität und spiritueller Autorität unauflösbar miteinander. Was hier beginnt, ist ein ideologischer und struktureller Bruch, in dem die Frage „Wer ist der O.H.O.?“ weit mehr bedeutet als eine bloße Personalie — sie wird zur Frage nach dem Wesen esoterischer Autorität selbst.
Der verschlossene Schrein
Dramatis Personae:
- Pauline Reuß, die Verwahrerin der Zeichen
- Aleister Crowley, der Prophet
- Heinrich Tränker, der Unterhändler
- Charles Stansfeld Jones, der Zweifler
- Hans Rudolf Hilfiker, der schweigende Erbe
- Theodor Reuß, als Geist
Der neue O.T.O. in Amerika
Q Die Boulevardpresse wiederholt oft die Geschichte von Charles Mansons angeblichem Kontakt mit Jean Braytons 'Solar Lodge of the O.T.O.'. Das 'Caliphate' (die neue amerikanische O.T.O., gegründet 1977) behauptet häufig, dass Braytons Gruppe aus O.T.O.-Sicht unregulär war, doch Phyllis Seckler, eine Schlüsselfigur bei der Gründung des 'Caliphate', hat zugegeben, dass es sich tatsächlich um eine echte O.T.O.-Loge handelte. Stimmen Sie dem zu?A Ja, wenn auch mit einigen Vorbehalten. Zu Crowleys Lebzeiten gab es in den USA nur eine aktive O.T.O.-Loge – die sogenannte 'zweite' Agapé Lodge in Kalifornien. Einer ihrer Mitglieder, Grady Louis McMurtry, erhielt von Crowley bedingte Anweisungen: Im Falle eines "Notfalls" sollte er die Leitung der Loge übernehmen, allerdings nur mit Zustimmung von Crowleys designiertem Nachfolger in O.T.O.-Angelegenheiten, dem in Deutschland geborenen Karl Germer. Germer hatte jedoch kein Vertrauen in McMurtry und bezeichnete ihn als "Minus", während er die USA als "spirituelle Wüste" abtat. Am 7. September 1953 schloss Germer die Agapé Lodge endgültig und favorisierte stattdessen H.J. Metzger in der Schweiz als seinen Nachfolger innerhalb der O.T.O. Zu diesem Zeitpunkt zog sich McMurtry aus O.T.O.-Angelegenheiten zurück.
Die Phase der O.T.O.-Inaktivität in den USA bereitete den Boden für spätere Entwicklungen. Die Solar Lodge entstand Mitte der 1960er Jahre, agierte unabhängig, beanspruchte jedoch den O.T.O.-Namen für sich. Gleichzeitig war McMurtrys Rückkehr zur O.T.O. im Jahr 1969 weitgehend eine Reaktion auf die Solar Lodge-Affäre, die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit und seine Überzeugung, dass eine strukturierte Wiederbelebung der O.T.O. notwendig sei, um ähnliche Vorfälle zu verhindern.
In den 1960er Jahren führte ein ehemaliges Agapé-Lodge-Mitglied, Mildred Burlingame, Initiationsriten mit Jean Brayton durch und gründete damit ohne offizielle Genehmigung die Solar Lodge als Abzweigung der O.T.O. Weder Burlingame noch McMurtry (der sich zu diesem Zeitpunkt entschieden hatte, seine O.T.O.-Beteiligung wieder aufzunehmen) hatten die Erlaubnis, zu initiieren oder eine neue Loge zu gründen. Die O.T.O.-Statuten verboten ausdrücklich Initiationen oder die Errichtung neuer Logen ohne Genehmigung einer höheren Instanz, doch der fragmentierte Zustand der Organisation führte zu konkurrierenden Legitimitätsansprüchen.
Die angebliche Verbindung zwischen Charles Manson und der Solar Lodge bleibt spekulativ. Während gelegentlich behauptet wird, dass Manson an Treffen der Loge teilnahm, gibt es keine eindeutigen Beweise für eine direkte Beteiligung. Gesichert ist lediglich, dass McMurtry das FBI über Brayton informierte, um sich und seine Gruppe von dem aufkommenden rechtlichen Skandal zu distanzieren. Außerdem versorgte er den Journalisten Ed Sanders mit Hintergrundmaterial zur Lodge; im Gegenzug ließ Sanders jede Erwähnung McMurtrys in seinem Buch "The Family" weg.
Nach diesen Ereignissen gründeten McMurtry und Phyllis Seckler eine kleine Gruppe namens "The Continuum", die begann, Crowley-Material zu veröffentlichen. Diese Gruppe bildete später den Kern der 'Caliphate' O.T.O., die 1977 formal strukturiert wurde. Ein Hauptziel dieser Reorganisation war es, den steuerbefreiten Status als religiöse Organisation zu erlangen und die rechtliche Kontrolle über Crowleys Schriften zu sichern. Allerdings wurde McMurtry in Crowleys Testament überhaupt nicht erwähnt; stattdessen ernannte Crowley den Engländer John Symonds zum "Literarischen Testamentsvollstrecker".
McMurtry stand vor einer weiteren Herausforderung: Braytons Solar Lodge existierte bereits vor dem 'Caliphate' und hatte bereits den Anspruch erhoben, eine legitime O.T.O.-Gruppe zu sein. Um seine eigene Autorität durchzusetzen, verwarf McMurtry die Solar Lodge als “unregulär”, indem er argumentierte, dass Burlingames Initiationsbefugnisse ungültig gewesen seien — während er gleichzeitig andere ehemalige Agapé-Lodge-Mitglieder anerkannte, die seine Führung unterstützten, darunter seine Ehefrau Phyllis Seckler. Zudem wies er Kenneth Grant, Marcelo Ramos Motta und H.J. Metzger als legitime O.T.O.-Nachfolger zurück und festigte damit seinen exklusiven Führungsanspruch.
Diese strategische Entscheidung wurde durch eine sorgfältig koordinierte Kampagne untermauert — sowohl rechtlich (durch Urheberrechtsansprüche) als auch organisatorisch (durch interne Anerkennung von Unterstützern). In diesem Rahmen gelang es McMurtry letztendlich, den 'Caliphate' O.T.O. als die dominierende thelemische Organisation zu etablieren.
Die zentrale Widersprüchlichkeit bleibt bestehen: Wenn Braytons Solar Lodge illegitim war, könnte man dann nicht auch McMurtrys Gruppe, die unter ähnlichen nicht autorisierten Bedingungen entstand, in Frage stellen? Später erkannten Mitglieder des 'Caliphate' O.T.O. stillschweigend an, dass Burlingame „begrenzte O.T.O.-Aktivitäten“ durchgeführt hatte – allerdings ohne näher zu spezifizieren, was diese genau umfassten.
Solar Lodge and the 'Caliphate': Documents from the Early Struggles.
Frage Haben Sie den Eindruck, dass sich der Grossteil der Leserschaft nur auf Crowley stürzt und den OTO mehr oder weniger als Beiwerk sieht?
P.R.K. Tatsächlich wird "der" OTO zu oft in einen zu nahen Zusammenhang mit Crowley gebracht, der ab 1923 (dem Tod Theodor Reuss') aus seinem Zweig ein säkularisiertes Unternehmen aufzubauen versuchte. Es existiert z.B. ein Plan Crowleys, das OTO- Lebenselixier (d.h. Sperma und Vaginalsekrete) unter dem Namen "Amrita" als Massenprodukt herzustellen und zu verkaufen: "It means shifting the Centre of Gravity of the Human Race!", Tagebucheintrag vom 6. August 1923.
Solche werbestrategisch unglücklichen "Ausrutscher" werden vom "Caliphat" natürlich nicht gern gesehen. Nichtsdestotrotz wird die Ware Crowley von der 1977 in Kalifornien gegründeten Firma "Caliphat" (die sich selber auch als "OTO International" bezeichnet) als Marketing- und Public Relation-Produkt mit einem Mini-Aufgebot von Anwälten an den Mann, resp. Frau, gebracht.
Frage Dem Caliphat haben Sie in Ihrer Konzept-Darstellung in Gnostika Spiessigkeit und Engstirnigkeit vorgeworfen, die jede eventuelle Bewusstseinsveränderung/Erweiterung verhindert. Sehen Sie die Arbeit dieser Gruppe als zum Scheitern verurteilten Versuch, Spiritualität zu "organisieren"?
P.R.K. Die "Arbeit" dieser Gruppe besteht laut inoffiziellen Selbstaussagen der massgeblichen Protagonisten allein in der Publikation von Crowley-Material. "O.T.O. is just a club. A simple club. A wholly mundane thing. Its fate is in no sense tied into that of the Äon itself," so James Eshelman, ehemaliger Stellvertreter des "Caliphs" am 8. April 1997. Und am 12. April 1997, Eshelman über William Breeze, dem jetzigen "Caliph": "he is willing to sacrifice the spiritual development of the present generation [von Mitgliedern] (since it's impossible to reform the post-Grady version of the Order anyway [d.h. die Crowley- oder Reuss-Version des OTO]) in order to lay the best foundation for the spiritual growth of humanity for the next couple of thousand years," indem Breeze Crowley-Bücher publiziert. Etliche Stellen bleiben undiskutiert: "Der Grund, dass [...] Aspekte von Thelema ausgelassen sind, ist das aktuelle Problem, wie Thelema in der Öffentlichkeit als Religion darzustellen ist, um so vom Staat anerkannt zu werden. Thelema ist ganz eindeutig konträr und an den Grenzen der normativen Gesellschaft. Thelema weist die normativen Werte und Moral ab und zielt auf die Überschreitung und Verletzung eben dieser Normen. Die Miteinbeziehung von Drogen in die Rituale, die positive Betonung der Sexualität, die als Werbung für Promiskuität angesehen werden kann und der autoritäre und pro-Nietzscheanische Aspekt von Thelema zwingen die normative Gesellschaft zur Ablehnung und gleichzeitig ermutigt Thelema seine Anhänger, die meisten Aspekte der normativen Gesellschaft abzulehnen." ["Journal of Thelemic Studies", 1;2, 2008, Seite 40, übersetzt]
Siehe auch Das Milieu des Templer Reichs.
Kenneth Grant's O.T.O. hingegen ist ohne Ordensstruktur und allein am kreativen Aspekt von Crowley's Neureligion "Thelema" interessiert.
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Dank an Wolfgang Weirauch (Flensburger Hefte, fax (0461) 2 69 12, Germany) und Thomas Lückewerth (Sigill, Postfach 160 142, D 01307 Dresden)
Rudolf Steiner: Never A Member Of Any O.T.O.
Rudolf Steiner: Niemals Mitglied in irgendeinem O.T.O.
Online facsimile Dokumente zu Reuss und Steiner
Material von und über Theodor Reuss
Early documents with the expression "Ordo Templi Orientis" or "Order of Oriental Templars"...
Material von und über Carl Kellner
Mehr über diese Orden und ihre Protagonisten in: Andreas Hüttl und Peter-R. König: Satan — Jünger, Jäger und Justiz
© Dezember 1998