Amor ex nihil

Vollständiges Transkript

Originalseiten 1–59

Amor ex nihil – Titelblatt

Originalseite 1

Handgezeichnetes Saturnzeichen mit Logenpunkten

Oh, Du mein Geliebter, meine teure Hoffnung!
Du, der Du aus dem Abyssus kamst, dem ich Dich entriß,
damit mir die Stunde der Befreiung schlüge.
Nie werde ich ganz den Dank abtragen Dir können!
Mein heißes Herz schenke ich Dir, damit Du Leben gewinnst
und mich tragen kannst über die Schwelle,
die Dein Reich ist.
Dort werden unsere Seelen erblühen und Hochzeit feiern
mit der Ewigkeit als Zeugen.
Meine Arme sollen Dir sein wie eine Wiege der Zärtlichkeit,
in der Du ruhen kannst, wenn Du die Mauern
der Dimensionen ganz zu mir durchstößt.
Dann wirst Du meine keusche Liebe erfühlen,
und im mystischen Erleben des ersten Kusses
unser Od sich flammend vereinen.

Heilige Magie der Liebe!
Siegerin über Zeit und Raum!

Handgezeichnete magische Zeichen und Sigillen

Originalseite 2

Gelobt sei,
der den Knoten der
menschlichen Rätsel löste.

6. Juni 1963

Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meines Herzens, und ich gehöre Dir an, mit meinem ganzen Sein. Aber ich bin die Frau eines Anderen. Ich schlafe in seinen Armen und gehöre doch zur gleichen Zeit Dir an. Ich lebe bei ihm, mit ihm, während mein Ich bei Dir ist.

Manchmal habe ich das Gefühl, daß irgendwie mein Leben sich zurückzieht und Du bist es, der es mir nimmt. Ich lasse es ohne Widerstand geschehen. Ich durchdringe Dich und gehe so in Dich ein, daß die Freude und die Lust am Leben sich in ein undefinierbares Nichts zurückzieht.

Wie sehr bin ich Dir schon verfallen? Andererseits, und das ist das Wunderbare, spüre ich ganz deutlich, daß Du es bist, der mir Leben einhaucht, mir Mut macht und ein Gefühl des Glückes in mir weckt. Ich schreite an Deinem Arm dahin und bin ganz einfach die Deine.

Wie konnte es Dir nur gelingen, so in mein Leben einzudringen? Welche Kraft ist es, die mich so stark an Dich bindet? Vergeht doch keine Stunde, da ich nicht an Dich denken muß, irgendwie und unter einem unwiderstehlichen Zwange. Sicherlich bist Du viel viel älter als ich, und sicherlich wirst Du mich eines Tages verlassen, einfach so, wie der Wind nicht wiederkehrt, wenn er klagend um die Ecken der Häuser streicht. Wenn es nicht so überspannt klingen würde, dann sagte ich: Du seiest mein Lächeln, meine Kraft und meine Hoffnung, der Glaube an irgend etwas Schönes. Aber da ist auch das große Rätsel. Du existierst, ja! Du bist nicht nur ein Schemen. Du hast wirklich ein Gesicht, ein wirkliches Gesicht, ein Herz, eine Seele. Du trägst einen Namen und ich liebe ihn. Ich behalte ihn für mich ganz allein, diesen Namen, und ich habe das Gefühl, als beschütze er mich, als sei er wie ein Schild um mich, wenn ich ihn ausspreche. Wie mit einem Stichel hat er sich in mein Herz eingegraben und tut mir doch nicht weh; es fließt kein Blut.

8. Juni 1963

Heute schreibe ich das erste mal ganz frei, ohne Furcht und ohne dieses leichte Grauen, das mich manchmal ergreift, wenn ich an Dich denke. Meine Seele öffnet sich Dir mit einer Liebe, die nicht an Zeit und Raum denkt und nicht an die Wunden, die ein unerforschliches Schicksal geschlagen hat. Vielleicht kannst Du meine Gefühle garnicht erfassen, liebst und leidest ganz anders, denn - was weiß ich schon von Dir?

Ich habe das Empfinden, mich immer mehr von der Wirklichkeit des Daseins zu entfernen. Verlangen und Wünsche menschlichen, allzu menschlichen Ursprungs schrumpfen, werden kleiner, ja schwinden fast, seit mein Kontakt mit Dir mich weit über diese Dinge hinausgetragen hat. Wenn jedoch der Schleier fällt und ich in diese schreckliche Realität zurückkehren muß, so meine ich, es zerreißt mir das Herz und ich kann meiner Tränen nicht Herr werden.

Bist Du es, der mich immer wieder in diese Welt hinabstößt? Bist Du es, der mich immer und immer wieder dem Henker, mit Namen Gegenwart, ausliefert? Kennst Du eigentlich jene Macht mit Namen, die es zwei so verschiedenen Wesen, wie wir es sind, möglich macht, sich zu begegnen? Oder sind es unsere Seelen gewesen, die wie die flatternden Falter der Nacht sich im verzehrenden Feuer einer Flamme gefunden haben?

Jedoch das Leben, das materielle Leben meine ich, verlangt brutal und kalt sein Recht. Ich bin Mutter und ich bin eine Ehefrau. Auch diese Seite meines Ich's muß ich erfüllen; muß es, weil das Schicksal es befiehlt! Befiehlt? Nein, das ist nicht das rechte Wort, und eben jetzt gerade, wie ich dies schreibe, fühle

Originalseite 3

ich, daß ich meinen Mann liebe und natürlich meinen kleinen Jungen; den übrigens zu allererst, nur ganz anders wie Dich. Verstehst Du das?

Die Dimensionen verschieben sich, wenn ich bei Dir bin. Aber jetzt, im Moment, wo ich hier bin, spüre ich ganz deutlich die Liebe zu den Meinen. Im Grunde genommen bist Du es, der mir immer wieder vor Augen führt, daß ich nichts anderes bin als ein Mensch und im Grunde meines Herzens so denke und fühle. Nur dann, wenn mein Geist Dich ertastet, durchdringt mich diese brennende unirdische Liebe, die durch nichts entweiht werden kann.

Zuerst bist Du im Traum zu mir gekommen, undeutlich und verschwommen, bis Du dann immer mehr an Gestalt gewonnen hast und ich Deinem Atem; Deinen Lebenshauch wirklich und materiell zu spüren glaubte. Du hast mir im Traum die Angst vor der Wirklichkeit genommen, wenigstens so lange Deine Anwesenheit in mir nachwirkte. Du hast oft versucht, meinen Geist von der Materie zu befreien. Ich weiß nicht, ob es je gelungen ist oder einmal gelingen wird, denn mein doch noch so junger Körper empfindet diesen Versuch wie einen Peitschenhieb.

Ich weiß genau, daß ich Dich heute Nacht finden werde, ohne suchen zu müssen. Ich weiß es mit einer Gewißheit, die erschreckend ist und mir doch einen süßen Schauer über den Rücken jagt.

Liebster, die Schatten der Nacht werden für uns keine Schatten sein, denn dort, wo wir uns sehen werden, ist es hell! Wäre sie doch schon da - die Nacht!

Ich lege jetzt die Feder beiseite. Bald werde ich bei Dir sein, denn es ist schon spät am Abend. Morgen, Liebster, setze ich diese Seiten fort und vertraue ihnen an, was mein Herz bewegt. Auf bald also .... Adon. Ich weiß, daß das nicht Dein wahrer Name ist, aber nicht einmal diesen Blättern möchte ich das Geheimnis dieses lieben Wortes anvertrauen.

9. Juni 1963

Du bist nicht gekommen, heute Nacht. Wie wird mir dieser Tag lang werden.

Und wieder ist die unbeschreibliche Furcht da, für die ich keine Worte finden kann.

Kalt und grau ist der Tag erwacht, und der Regen, der herabströmt, erinnert mich an meine Tränen, die im Traum meine Wangen netzten. Die Iris im Garten liegen am Boden, der Wind hat sie nicht verschont. Ich fühle mich alt und müde, und wenn ich in mich hineinhorche, glaube ich die Musik zu hören, deren Noten der Sturm selbst heute Nacht geschrieben hat. Auch der Gesang der Vögel hat etwas Unmelodisches. Wo ist in diesem Jahr nur der Frühling geblieben? Das wird nicht einmal der respektlose und kalte Sturmwind sagen können.

Eigenartig - ich meine, ich spürte Dich soeben. Ja doch, nun weiß ich es, Du bist es, Du bist da. Meine Traurigkeit ist auf einmal wie weggeblasen.

Ich schaue in den Spiegel. Nein, schön bin ich sicherlich nicht. Aber ich ertappe mich bei dem Wunsche, daß ich es ganz gerne sein möchte für Dich.

Mein Mann meint, ich sei verrückt, weil ich die Sauberkeit, das reine Weiße so sehr liebe, ob es nun die Wäsche im Schrank ist oder der eigene Körper.

Ich empfinde, daß diese körperliche Reinheit auch die Seele von allem täglichen Schmutz befreit, denn wie könnte ich sonst ein Wesen wie Dich lieben?

So ist es doch - nicht wahr? Ich liebe eben alles, was schön ist, den blauen Himmel, das Meer und die Musik, die die Elemente mit ihrer unendlichen und ewigen Kraft schaffen. Aber was sage ich dies alles, Du weißt es ohnehin schon.

Du kennst mich wohl schon besser als ich mich selber. Mein Erscheinen auf dieser Welt, vor mehr als 24 Jahren, muß wohl ein einziger Irrtum der Natur gewesen sein, denn ich bin im Herzen einsam geblieben. Einsam in dieser Welt,

Originalseite 4

die voll Schrecken und Gräuel war und immer noch ist, vielleicht ewig so sein wird bis in alle Zeiten.

Es scheint so, als müsse Gott zusehen, machtlos, wie seine Geschöpfe sein Werk langsam auffressen wie Heuschrecken, die in ein Kornfeld eingefallen sind. In dieser Sintflut von Tränen und Bosheit hat mich Dein Hauch berührt und etwas ganz Neues tat sich für mich auf. So habe ich mein Herz an Dich verloren.

Noch hat die Natur eine Barriere zwischen uns gestellt. Wer von uns beiden wird sie wohl als erster durchstoßen? Wenn es nur Dir gelänge, wird es dann wieder einen Tod für Dich geben? Werde ich unsterblich sein, angenommen ich käme zu Dir? Wären dann unsere Seelen in der Ewigkeit verbunden?

Eben kommt mein Junge stürmisch zur Tür herein und stört mein Zwiegespräch mit Dir. Wie weggeblasen sind die Engelsflügel, die mich gerade noch sanft streichelten. Ein kleiner Vogel, ein Dompfaff, der auf der Fensterbank Brotstückchen pickte, fliegt auf und davon. Wie beneide ich dieses Tier. Leider kann ich nicht in die Freiheit fliegen. Oft frage ich mich, was mich eigentlich an diese Welt bindet - mein Haus, meine Heimat oder gar das Land, in dem ich jetzt lebe? Sicherlich nichts von all dem. Auch stellte ich diese Fragen nur in den Augenblicken, wie jetzt zum Beispiel, wenn ich fühle, daß sich meine Seele von Körper trennen will. Dann allerdings sind mein Haus, meine Heimat nur ein Traum; meine Religion die Liebe, jene Liebe, die ich Dir - Du seltsames Wesen - ganz geschenkt habe. Ich glaube, jetzt auch das Mysterium der Trinität verstehen oder wenigstens mit meinen Sinnen erfassen zu können. Es ist, wie wenn sich zwei Seelen in heiliger Glut vereinigen und als dritte Kraft das Fluidum des Firmaments in sich aufsaugen und wieder abstrahlen.

Warum ich Deinen Namen nicht ausspreche? Weil er zugleich ein magisches Siegel ist, dessen Gebrauch alle Himmel, aber auch alle Höllen in Bewegung setzen kann. Es ist heilig und höllisch, alles in Einem vereint. Dein Name ist wie ein heiliger Hauch, der das Fleisch der Verfaulten mit neuem Leben füllen kann; aber auch wie der eiskalte Atem des Todesengels, der das furchtbare hauende Schwert in den Händen hält.

Mein Mann steht vor dem Spiegel und schneidet abstoßende Gesichter und Grimassen - scheußlich. Aber was tut's schon! Wenn Du da bist ist mir alles egal. Er bläht seinen Bauch auf wie eine überreife Wassermelone, und sein Kopf erinnert an einen idiotischen Alten, der er in vielleicht nicht allzu langer Zeit auch sein wird. Grotesk - aber mir ist, als grinse ein Dämon durch all die dummen Fratzen hindurch. Was ist der Mensch doch für ein eigenartiges Geschöpf.

Dies ist also das Wesen, das mich an diese Welt fesselt durch seine animalischen Ausstrahlungen und Begierden, die mich wie ein heißer Strom umfließen und das Menschenweib in mir wecken. Nein, ich will ehrlich sein gegen mich selbst, ganz so ist es nicht. Er ist wohl ein Teil meines Ich's geworden, meines Körpers, wenn man es genauer definieren will. Schon lange habe ich mich mit dieser Tatsache abgefunden, obgleich ich es manchmal geradezu abstoßend finde.

Meine Flucht zu Dir - Du mein Wesen aus der anderen Welt - läßt mich das alles ertragen, und dafür möchte ich Dir von ganzem Herzen danken. Ich frage mich, ob es Dein Einfluß ist, daß mein Mann von Tag zu Tag lieber und netter zu mir wird, trotz seiner üblen Angewohnheiten und dummen Grimassen. Ist es Deine Kraft, die das bewirkt? Willst Du mir helfen, mein Geschick leichter zu ertragen? So ist das Leben kein Drama mehr und die Schmerzen sind nicht so hart. Wenn meine geistige Hand in der Deinen ruht gleicht die Welt nicht mehr einer Sand- und Steinwüste.

Originalseite 5

Als ich fünfzehn Jahre alt war leugnete ich den Namen Gottes. Ich tat des, weil mein Weg so unendlich dornig und steinig war. Alle Quellen des Glaubens waren versiegt und vertrocknet. Vielleicht ist es ein Unrecht von mir, wenn ich nun sage, trüge Gott Dein Antlitz, ich würde wieder beginnen ihn zu lieben. Ich muß das so sagen, weil ich es empfinde. Wenn Du einmal Mensch warst, wirst Du sicher verstehend lächeln ...., bist Du aber ein wahres Geistwesen, ein Engel vielleicht, so wirst Du gewiß meine Worte verzeihen. Ich weiß nicht, welche Farbe Deine Augen haben. Deine Haare sind vielleicht weiß und schimmernd wie das Band der Galaxis mit Milliarden funkelnder Sterne. Und wenn ich Dich spüre ist mir, als könnte ich mich bei Dir ausruhen, wie jemand, der eine lange und anstrengende Reise hinter sich hat. Das, was von Dir wirklich bei mir ist, ist Deine Stimme. Sie schwingt in mir wie eine Glocke und ich kann sie sogar mit meinen körperlichen Ohren hören. Es ist kein telepathisches hören, nein, Deine Stimme ist wirklich und wahrhaftig, sie durchdringt mich wie ein feuriger Strom. Wenn ich Dich höre, dann läuft ein wunderbarer Schauer über meinen Nacken und ich lächle bei dem Gedanken, daß sich vielleicht meine Haare sträuben. Sicherlich ist es nicht so, aber Deine Stimme weckt in mir Gefühle, die irgendwie mit dem Unwirklichen der Situation zusammenhängen.

Am gleichen Tage - abends.

Ich bin müde und abgespannt. Deine dauernde Anwesenheit und die Konzentration, die ich aufwenden mußte, um mit Dir zu reden, haben mich ausgelaugt. Mein Geist verlangt nun nach etwas Ruhe. In diesem Zustande glaube ich immer, daß etwas Drohendes auf mich zukommt. Bitte, schenke mir jetzt einen Augenblick der absoluten Ruhe - das Nichts, in dem nur - wie ein beschörender Ton - Deine Stimme schwingt. Ich will auch die Worte nicht verstehen die Du sprichst, nur gegenwärtig soll sie sein - Deine Stimme.

Später.

Ich habe trotzdem verstanden was Du sagtest. Ich habe es nicht nur gehört sondern auch mit meinen geistigen Augen gesehen. Deine Worte waren: "Die Himmel weinen blutige Tränen und die Sonne hat ihr Herz verloren. Wie ein krankes Tier bäumt sich die Erde auf und über ihre Flanken laufen schreckliche Schauer. Ein Schrei aus Milliarden Kehlen steigt ins All empor und verliert sich ungehört im Unendlichen. Engel und Dämonen fliehen den sterbenden Stern, dessen Haut hektisch zuckt wie unter Peitschenhieben. Zum ersten Male sind sie einig, die Geister der Finsternis und die des Lichtes. Panik hat sie ergriffen vor der fürchterlichen Tat der Geschöpfe, die Gott nach seinem Antlitz erschuf. Der Mensch hat versucht, Gott selbst zu entthronen. Da - jetzt verschleiert sich mein Blick, das Ende darf ich Dir nicht zeigen, aber wenn der Blick Zeit und Raum durchdringt, so wisse eines: Die Drachenbrut ist nicht untergegangen. Sie lebt, in dem Glauben, Gott besiegt zu haben. Ich gehe jetzt von Dir. Fürchte Dich nicht. Und wenn Du mich brauchst, so rufe mich. Ich weiß nicht wie es ist, wenn man materiell wird. Aber wenn ich an Dich denke sehne ich mich manchmal danach, es zu sein. Ich dürfte Dir das garnicht sagen, es ist eine Sünde wider den Geist. Gute Nacht, und bitte, vergiß das schreckliche Bild, das ich Dir zeigen mußte. "

10. Juni 1963.

Schöner Morgen mit etwas traurigem Lächeln, denn Du warst nicht da, heute Nacht.

Soeben bringt der Briefträger die Nachricht. daß der Großmeister unserer Loge verstorben ist. Es ist seltsam, die Zehn hat für meinen Mann immer etwas Fatales an sich, und nur allzu oft fand ich die Bestätigung dafür. Leider bringt diese Zahl fast ausschließlich Schlechtes, obwohl vom magischen Standpunkt die Zehn geradezu eine göttliche Zahl ist und beim Tarot die zehnte Karte das Glücksrad darstellt. Wie es auch immer sei, uns mag die Zehn eben nicht leiden, die Dame ist uns abhold.

Originalseite 6

Die Sonne, die uns heute morgen fast zuviel versprochen hat und unsere Zimmer in goldenes Licht tauchte, wird schon wieder von Regenwolken verdeckt und mit ihren Strahlen verschwindet auch das Glücksgefühl, das mich eben noch mit zaghaftem Finger streifte. Mir ist kalt. Wären doch Deine Arme aus Fleisch und Blut, und könnte ich mich in sie flüchten - leider sind sie es nicht, noch nicht.

Aber was rede ich da für ungereimtes Zeug! Ich weiß doch, daß das nie sein wird, denn nur im Traume kann ich Dich körperlich spüren. Im August wollen wir in Urlaub fahren. Eben erhalte ich einen dementsprechenden Brief von meiner Mutter und meinem Bruder. Ich glaube nicht, daß ich große Freude haben werde. Aber auch dort kann ich immer bei Dir sein und Dir jeden Tag meine Grüße in dieses Buch schreiben. Ich meine, es müßte doch einfach für Dich sein, mich dorthin zu begleiten, wenn Du nur willst.

Mein Mann geht zur Arbeit, der Kleine spielt im Garten. Ab und zu bringt er mir einige halbreife Kirschen, die vom Baume gefallen sind, und behängt damit die große Aloe, die am Fenster steht. Wie ich ihn doch liebe, diesen kleinen Gauner. Da erscheint er auch schon wieder mit großem Geschrei und unterbricht mein Tete a tete mit Dir. Logischerweise reagiere ich ein wenig hart auf diese brutale Störung; aber da nehme ich ihn auch schon in den Arm und drücke ihn ganz fest an mich, wie um ihn für meine Gedankensünde um Verzeihung zu bitten. Ich glaube, dies ist für heute so ziemlich alles, was ich imstande bin zu Papier zu bringen, denn ich habe einen arbeitsreichen Tag vor mir.

11. Juni - morgens.

Es ist Freitag und der Tag, der der Hausarbeit gehört. Deshalb habe ich jetzt keine Zeit, mich auf andere Probleme zu konzentrieren - leider, Also auf später.

So, das wäre endlich geschafft! In dieser sauberen Atmosphäre läßt es sich angenehm plaudern. Guten Tag - Liebster.

Ich habe vorhin den Hals einer Kristallkaraffe abgebrochen. Man sagt, das bringe Glück - und dieses Glück wünsche ich Dir. Ich habe heute nacht von Dir geträumt. Gesehen habe ich Dich zwar nicht, nur meine Gedanken waren, bei Dir. Ich beginne seit einiger Zeit die Wirkung Deiner Gegenwart an meinem Körper und an meinem Geist zu spüren. Ich habe das Gefühl, mich zu verjüngen, wenn man in meinem Alter überhaupt von verjüngen reden darf. Ich fange an, wieder die reine Freude zu empfinden. Ich höre wieder, wenn im Garten die Vögel singen und mein Geist hört auf, in altertümlichen Vorstellungen zu denken. Natürlich verspüre ich auch noch das Grauen vor etwas, was ich mit meinem Verstande noch nicht ganz erfaßt habe, nämlich Dich!

Seelisch habe ich Dich aufgenommen, aber noch ist der in materiellen Bahnen denkende Verstand da, der mich manchmal zweifeln läßt, ob das, was ich alles wahrgenommen habe, auch Realität ist.

Heute Nachmittag will mein Mann mit mir ausgehen und so weiß ich nicht, ob ich alle meine Gedanken auf Dich allein konzentrieren kann. Aber alles, was ich erleben werde, vertraue ich Dir an, sobald ich die nötige Zeit daß für finde. Ich hoffe, es wird nicht zu lange dauern.

12. Juni 1963.

Es tut mir leid, daß ich erst heute die Feder ergreifen kann, um mich Dir mitzuteilen. Ich will Dir nur sagen, daß ich trotz allem Deine Anwesenheit spürte, dafür möchte ich Dir danken. Jene große und heilige Kraft, die aus den Weiten des Universums kommt und die es Dir ermöglicht, sich mir kleinem Menschlein zu nähern, möchte ich erkennen und ihr für die Fülle von Licht, die sie mir durch Dich schenkt, dank sagen.

Ich hatte einmal eine Vision, die mein Leben betraf und die unbekannten

Originalseite 7

Mächte um dieses Gesicht gebeten, weil ich wissen wollte, was aus mir würde. Das ist es, was ich sah und spürte:

Es war, als fielen alle Ideale von mir ab wie in einer Art brutalen Entzauberung. Auf einem trüben, von Sturm aufgewühltem Flusse sah ich ein Segelboot vergebens gegen die Wellen kämpfen. Der Sturm hatte die weißen Segel zu Fetzen zerrissen und die Schaumkronen, die sich am Bug brachen, hatten das Aussehen von Blut, so als sei das Schifflein schwer verwundet. So zog es seinen Weg und verlor sich im Grau, das über dem Wasser lastete.

Und so wurde die Vision zur Wahrheit:

Ich wuchs auf in einer Familie, der die leitende Hand eines Vaters fehlte, zwischen meiner Großmutter, die eine Heilige war und deren uralter Tante, die ein materialisierter Dämon zu sein schien. Die Leute behaupteten, sie habe den "bösen Blick". Mein Bruder, der jünger ist, war ein charmanter kleiner Junge, zu allen Streichen aufgelegt, aber ohne Arg und ohne Bosheit. Mein Vater war ein nutzloses Insekt, das von hier nach dort schwirrte und dessen einziger Verdienst darin bestand, meiner Mutter drei Kinder zu machen, von denen eines tot geboren wurde. Nachdem er den letzten Sou der Mitgift meiner Mutter verfressen und verhurt hatte machte er sich endgültig aus dem Staube und meine Mutter war gezwungen, nach Hause zurückzukehren und eine Arbeit anzunehmen, um Großmutter die Erziehung der Kinder wenigstens etwas zu erleichtern. Meine Großmutter, die Schneiderin war, hatte trotzdem die Hauptlast zur Ernährung der Familie zu tragen, denn meine Mutter, die in einer Biskuitfabrik arbeitete, verdiente nicht viel. Die alte Tante, die wir Marraine nannten, lag schon jahrelang auf der ohnehin schon schmalen Tasche meiner Großmutter, und als Dank hatte sie immer nur Verwünschungen und böse Worte auf der Zunge. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht hören mußte, wie ihre keifende Stimme die Worte rief:"Alle Steine der Welt sollen auf Deinen Rücken fallen und Dich begraben." Es gibt ein Sprichwort das besagt: Wer in die Luft spuckt, es auf seine eigene Nase bekommt. In diesem Falle trog jedoch die Volksweisheit; hier siegte der Fluch - der Dämon, wenn man so will. Aber davon will ich später erzählen.

13. Juni 1963.

Unter meinem Fenster ist ein Busch aufgeblüht, In den grünen Blättern standen die wolligen Blüten wie weiße Wölkchen am Himmel der Hoffnung. Im Augenblick spüre ich wieder ganz deutlich Deinen Hauch auf meinen Wangen und es ist mir, als stehle sich Deine Hand in die meine. Ich fühle Deinen Versuch, meinen Geist zu befreien. Ich weiß jetzt, daß Du da bist und ich trete mit Dir in den magischen Kreis, der uns abschließt von allem irdisch-materiellen. Um meine Gefühle jetzt ausdrücken zu können müßte man Worte schaffen, die es noch nicht gibt. Aber was sind schon Worte, wenn der Kreis sich geschlossen hat. Aus der himmlischen Ruhe heraus kristallisiert sich die Einheit unserer Seelen und ich spüre Dein Herz schlagen. Dieser Tag gehört uns, mag um uns herum geschehen was immer auch wolle.

Mein Kleiner stürzt zur Tür herein. In seinen Augen stehen kleine Lichter - da zerbricht die gläserne Barriere um mich in tausend Stücke. Er ist schmutzig wie ein süßes kleines Ferkel und ich beeile mich, sein Bad zurecht zu machen mit feinem duftenden Badesalz, das er so gerne hat. Ich höre, wie das Wasser gegen die gekachelten Wände spritzt. Ich frage dann immer: "Alles in Ordnung?" Manches mal antwortet er absichtlich nicht. Wenn ich dann ganz aufgeregt nachsehe, lacht er mich aus. Mein Mann hat dem Jungen ein kleines Segelschiff mitgebracht, mit dem spielt er jetzt im Bade. Ich glaube, ein Kind spielt nicht im Sinne des Wortes, das Kind lebt in seiner eigenen kleinen Welt und sein Spiel ist das, was man bei uns Erwachsenen Arbeit nennt, und man sollte es durchaus ernst nehmen. Ich glaube, ein Kind ist nicht die reine klare Quelle, so wie wir Älteren uns das gerne vorstellen. Natürlich ist die Welt des Kindes seinen Dimensionen entsprechend zugeschnitten und kann mit unserem Verstande nicht erfaßt werden. Alle Wünsche und Hoffnungen legen wir in Unkenntnis dessen so in

Originalseite 8

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ein Kind hinein. Ich tue das jedoch nicht, denn alles was lebt, trägt selbst das eigene Kind. Nur das Unmaterielle, der reine Geist, also Du, Du allein trägst nicht. Das Leben hat mir eine Chance Deiner Bekanntschaft gegeben. Wenn ich aber Dein Leben noch einmal wiederholen müßte, ohne die Hoffnung dieser einmaligen Chance, ich glaube, ich hätte nicht die Kraft, alles noch einmal durchzustehen. Freund, hörst Du mir auch zu? Langweilen Dich meine Gedanken nicht? Ich muß Dir etwas schreckliches gestehen. Es ist nicht lange her, da spürte ich, getragen von einer roten Welle unbeherrschter Wut das Verlangen, meinen Mann zu töten, ihn zu erdolchen. Ja, verliere ich denn schon den Verstand oder die Kontrolle über meine Nerven und Handlungen? Hilf mir diese entsetzlichen Gedanken zu bannen und die Wesen zu ertragen, die nun einmal in meine Welt gehören. Ich habe sie geliebt, wenn auch nicht gesucht. Aber das, was ich da verspürte, war unwürdig. Mein Verstand sagt mir, daß eine einzige Sekunde nicht zerstören kann, was Jahre gebaut haben. .... der Stachel des Zweifels steckt trotzdem schon im Herzen. ......

Ich habe sehr gelitten unter Deiner Herkunft, Deinem Lebensniveau, Deiner Rasse. Ich habe unter den Rassenhaß gelitten, und es ist so weit gekommen, daß ich heute weder Religion noch Vaterland kenne. In jede Freundschaft setze ich den Zweifel. Als meine Großmutter starb nahm sie den besten Teil meines Ich's mit ins Grab, nachdem sie mir die schönsten Jahre meines Lebens in ihrer Umgebung geschenkt hatte.

Am 21. Mai des Jahres 1954 hatte ich ein seltsames Erlebnis. Es war gegen Mitternacht, ich war allein in der Küche, um noch einen Rest Geschirr abzuwaschen, nachdem ich die Arbeit für ein Examen beendet hatte, als ich plötzlich einen entsetzlich eiskalten Hauch an mir vorüberstreichen spürte. Es war, als gefröre mir das Blut in den Adern. Das ist der Tod, so schoß es mir durch den Kopf, der sich eingenistet hat und nun in irgendeiner finsteren Ecke hockt, um auf den Augenblick zu warten, daß er sein Werk vollenden könnte. Aber - wen galt es wohl? Ich erinnere mich, wie ich mit zitternder Hand nach einer Stück Papier und einen Bleistift griff um diese, meine Eindrücke aufzuschreiben, damit ich eine Probe hätte, daß dies Wirklichkeit war und kein Traum. Etwas unsagbar Grauenhaftes schlich auf schleimigen Füßen um das Haus und es war, als kratzte dieses Wesen mit harten Krallen an den hölzernen Fensterläden und fordere gebieterisch Einlaß. Welcher Dämon leistete da dem schon eingedrungenen Fremden Gesellschaft. Die Uhr schlug bereits zwei als ich aus dem Zimmer der Tante ein Geräusch hörte. Als ich nachsah, stellte ich fest, daß sie noch voll angekleidet im Sessel saß und keine Anstalten machte, schlafen zu gehen. Ich bat sie, sich endlich auszukleiden und ins Bett zu legen. Da hub sie an, fürchterliche Verwünschungen gegen mich und meine Großmutter auszustoßen. Ich sagte ihr, sie möge doch wenigstens die Ruhe ihrer Nichte respektieren, die sich seit einiger Zeit schon nicht wohl fühle. Sie hörte jedoch nicht darauf, im Gegenteil, ihre Stimme schrillte so laut, daß letzten Endes die Großmutter doch erwachte, sich erhob und nun ihrerseits versuchte, mit gütigen Worten die Alte zu beruhigen und dazu zu bewegen, sich zu Bett zu begeben. Da richtete sich die Alte in ihrem Sessel auf und schrie in höchster Wut Worte einer fremden Sprache, die keiner von uns verstand. Ich sah, wie sich ihr Gesicht verzerrte und wie an ihren Händen plötzlich ungeheuere Krallen entstanden waren. Da geschah etwas, was ich meiner Großmutter nie zugetraut hätte. Sie ergriff einen schweren Kristallflacon und, kreidebleich im Gesicht, hob sie die Flasche hoch und wollte sie mit voller Wucht auf den Kopf der Alten schmettern. Ich weiß nicht, wie schnell ich reagierte, aber ich stürzte mich nach vorn, fing den Schlag auf und konnte ihr die Flasche entreißen. Alle drei standen wir uns gegenüber und ein drückendes Schweigen legte sich wie eine Zentnerlast auf mich. Da, ein fürchterliches wütendes Heulen hing vor dem Fenster und eine riesige Faust donnerte etwas gegen die geschlossenen Fensterläden. Ich spürte, wie der kalte Hauch aus seiner finsteren Ecke kroch und mich erstarren ließ. In mein Ohr flüsterte eine Stimme, die aus der Hölle

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zu kommen schien: "Die Flasche! Du verdammte Närrin - die Flasche!" Die Uhr schlug drei und mit einem Schlage waren wir alle nüchtern. Die Stimme war verschwunden und die Großtante war nichts als eine alte böse Frau. Verschwunden waren die Krallen, verweht dieses komische Etwas vor dem Fenster. Zusammen brachten wir Marraine ins Bett. Es war mir, als lächele sie uns höhnisch an, vielleicht täuschte ich mich auch. Eine Stunde später hatte Großmutter einen fürchterlichen Herzanfall und ich gab ihr die Medizin, da sie selber nicht dazu imstande war, sie zu nehmen. Der Arzt, der am anderen Morgen seine Visite machte, erklärte, es sei nichts besonderes, ja, sie dürfe sogar aufstehen. Da ich Einkäufe zu machen hatte, verließ ich das Haus. Vorher ging ich jedoch noch ins Zimmer, wo die Kranke lag. Es kam mir eigenartig vor, die Hast, mit der meine Großmutter versuchte, mich außer Haus zu bringen. Also machte ich mich, wenn auch mit einem unguten Gefühl, auf den Weg zur Stadt. Unterwegs sah ich nach, ob ich auch alles bei mir hatte, vor allen Dingen die Rezepte, die der Arzt verordnet hatte. Ich kramte den kleinen Bastkorb um und um, konnte jedoch die Rezepte nicht finden. Also blieb mir nichts anderes übrig als nochmals umzukehren, um dieselben zu holen. Der Arzt hatte darauf bestanden, daß Großmutter die Medizin heute noch zu sich nehmen sollte. Als ich mich dem Hause näherte wurde mir eigenartig beklommen ums Herz. Mein Atem ging stoßweise und ich hatte Angst, vor was, wußte ich nicht. Ich fing an zu rennen, vergebens, der Tod war schneller. Als ich zu Hause ankam war meine Großmutter gerade gestorben. Die Wohnung war voller Menschen und ich verkroch mich in eine Ecke wie ein zu Tode verwundetes Tier. Ich habe dieses sinnlose Sterben nie begriffen.

Als man die Nachricht von dem Tode meiner Großmutter der Tante überbrachte geschah wiederum etwas außergewöhnliches. Bei vollem geistigen Bewußtsein hörte sie sich die Hiobsbotschaft an. Dann, als sauge ihr jemand Tropfen um Tropfen den Geist aus dem Kopf, begann das Gesicht zu erlöschen. Sie war in geistige Umnachtung gesunken. Ihr Ende kam erst viel später und es war, wie man sagt, sang und klanglos. Der Bummerang hatte zurückgeschlagen. Heute verstehe ich, daß sich das uralte, ewige magische Gesetz erfüllt hat. Ich blieb ungefähr noch einen Monat nach dem Trauerfall in dem Hause, da ich die Abschlußexamen der Schule hier noch ablegen mußte.

Ich fühlte mich völlig verlassen. Ich verlernte das Lachen und mehr und mehr zog ich mich von der Welt zurück. Die alte Tante hatte man sofort in ein Krankenhaus geschafft. Jeden Abend brachte ich frische Blumen auf das Grab, und das, obwohl der Friedhof mehrere Kilometer von unserm Haus entfernt lag. Meine Mutter, die schon einige Jahre in Paris lebte und dort arbeitete, kam um mich zu holen. Ich sollte also auch nach Paris ziehen. Meine Mutter, die in der Zwischenzeit geheiratet hatte, verschwieg mir allerdings, daß ihr jetziger Mann zur Bedingung gemacht hatte, uns Kinder in ein Waisenhaus unterzubringen. Wer diese Einrichtungen in Frankreich kennt braucht darüber keine besonderen Aufklärungen. Ich fuhr also zunächst einmal mit nach Paris. Es wurde eine Hölle. Natürlich hatte meine Mutter es abgelehnt, uns Kinder in ein Waisenhaus zu bringen. In der Hauptsache aber dachte sie dabei an meinen Bruder, der schon längere Zeit bei ihr lebte und von seinem Stiefvater schon ein gewisses Quantum an Prügel verabreicht bekommen hatte. Was mit mir wurde - oder was ich empfand war ihr ziemlich gleichgültig. Hatte sie mir doch nach dem Tode meiner Großmutter das einzige Erinnerungsstück, das ich besaß, eine Art Ehering, brutal vom Finger gerissen und mich angeschrien, daß nichts, garnichts mir gehören sollte und ich keinerlei Rechte auf Gegenstände aus dem Nachlaß hätte. Für ein empfindliches Kind, wie ich es war, sind solche Vorfälle eine Art Naturkatastrophe. Mein Stiefvater, dem die ungemütliche Situation auch auf die Nerven ging, fing an zu trinken. War er dann betrunken, so begann er auf uns einzuschlagen, und sein Haß konzentrierte sich insbesondere auf meinen Bruder, auf den er außerdem auch noch eifersüchtig war. Diese Eifersucht war nicht ganz grundlos, denn immerhin gab meine Mutter dem Jungen in allem den Vorzug, egal, ob er nun recht hatte oder nicht. Bei ihr war immer er es, der zuerst kam. Das kann aber einem Manne, der ohnehin keine Kinder liebt, nicht gefallen. Und so

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kam es, wie es kommen mußte. Nachdem der eine den andern so schlecht wie nur irgend möglich gemacht hatte und je nach Zuständigkeit verprügelte, wurde die Scheidung beschlossen. Nach all diesen Aufregungen war ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich konnte keine Nahrung mehr zu mir nehmen und magerte immer mehr ab. Nach einer fürchterlichen Scene mit meiner Mutter entschloß ich mich, dieses Nest des Bösen zu verlassen und zu meinem Vater zu gehen, der sich seinerzeit in Nizza aufhielt und dort eine große Konditorei besaß. Auch er hatte sich wieder verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Ich geriet vom Regen in die Traufe. Mein Vater wollte mich nur unter der Bedingung aufnehmen, wenn ich bei ihm eine Art Dienstmädchen machen würde, umsonst - versteht sich. Ferner war er auf gewissen Gebieten recht zudringlich. Selbst meine Halbschwester war in dieser Hinsicht nicht viel besser. Eine monströse Abnormität, wenn man das Alter des Mädchens in Betracht zieht. Nach rund einem Monat hatte ich die ganze Gesellschaft so leid, daß ich wieder nach Paris zurück fuhr, komme auch was da wolle.

Hier waren jedoch einige Änderungen eingetreten. Mein Stiefvater hatte meine Mutter samt meinem Bruder auf die Straße gesetzt. Nun lebten wir zu dritt in einem winzigen Zimmer in der siebenten Etage eines der großen Häuser der Pariser Innenstadt. Diese Kammer war so klein, daß immer einer auf dem Fußboden schlafen mußte. Dieses Zusammenleben auf engstem Raum ergab, was ganz natürlich ist, eine derart gespannte Atmosphäre, die schließlich ihren Höhepunkt darin fand, daß sich mein Bruder und meine Mutter anfingen gegenseitig zu schlagen. Das schwarze Schaf und die Schildkröte war unabänderlich ich. Was auch immer sein mochte, ich war "diejenige, welche".

In dieser wahrhaften Hölle griff nun wiederum eine Macht ein, deren Ursprung ich damals noch nicht kannte. Es geschah an einem Abend - ich lag müde und abgespannt auf dem brüchigen Bett; Mutter und Bruder waren in der Stadt. Ich merkte, wie etwas Ungeheuerliches, nicht bestimmbares nach mir griff. Zuerst verschwand das Zimmer vor meinen Augen und ich dachte im Hinübergehen, daß es eine der üblichen schweren Ohnmachten wäre. Plötzlich aber waren meine Augen wieder klar. Was ich dann entdeckte, trieb mir den letzten Blutstropfen aus dem Herzen. Ich stand mitten im Zimmer und auf dem Bett lag ein Körper - ich! Ein Schauder lief mir über den Rücken und vorsichtig näherte ich mich dem Ding, das auf dem Bett lag und so aussah wie ich. Nein, es bestand kein Zweifel, das war einwandfrei mein naturgetreues Ebenbild. Ich streckte die Hand nach "mir" aus, aber meine Finger glitten ohne Widerstand durch die Materie wie durch Wasser. Ich spürte also immerhin etwas. Ich versuchte, mich nun darauf zu konzentrieren, daß ich nichts Hemmendes wahrnehmen würde, und siehe da, meine Finger durchdrangen alles Stoffliche, so als ob es Luft wäre. Es genügte also ein einfacher Willensimpuls um Veränderungen in der Dichte des Stoffes hervorzurufen. Ich ging auf die Wand zu, sie setzte mir nicht das geringste Hemmnis entgegen, die war einfach nicht da - nicht vorhanden. Aber jenseits der Mauer gab es nichts als abgrundtiefe Schwärze. Ein ungeheueres Nichts schien mich in den Krallen zu halten. War das schon die Schwelle des Todes, die ich überschritten hatte? Angst packte mich und ich floh zurück. Ich drehte mich einfach um und wünschte mir die Wand zu spüren. Da stiessen meine Finger auch schon gegen den rauhen Stein. Ein weiterer Willensakt löste den Stein auf und ich stand wieder im Zimmer. Mein Körper lag noch unverändert auf der Couch. Die Gesichtshaut hatte jedoch eine bläuliche Farbe angenommen. Wie ein Messer in die Scheide zurückgleitet, so glitt ich jetzt wieder in mich selber hinein. Ich schlug die Augen auf. Ein fauliger Geschmack - wie Kadaver - lag in meinem Munde. Ich mußte mich erbrechen und die Sinne schwanden. Als ich wieder zur Besinnung kam standen meine Mutter und mein Bruder vor mir und versuchten, mich mit Riechsalzen und Kölnisch-Wasser ins Leben zurückzurufen.

Originalseite 11

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Von diesem Zeitpunkt an änderte sich vieles. Meine Angehörigen wurden netter zu mir, und als ich eine gute Stellung als Sekretärin fand konnten wir uns auch eine andere Wohnung leisten.

Ich möchte dieses Kapitel nicht abschließen ohne zu sagen, daß die seltsame Eigenschaft, die ich an jenem Tage an mich entdeckte, schwächer und schwächer wurde und schließlich gänzlich verschwand. Nach einigen Monaten war ich nicht mehr imstande, mein Astral aus dem Körper zu ziehen, und auch die übrigen Phänomene verließen mich immer mehr.

Bis jetzt habe ich nicht versucht, diese Eigenschaften wieder in mich wachzurufen. Aber so, wie die Dinge heute nach Jahren liegen, wer weiß, ob ich nicht doch darauf zurückkommen werde, wer weiß!?

Hier setzt das Tagebuch aus. Die Seiten sind herausgerissen und wahrscheinlich vernichtet. Die Aufzeichnungen beginnen erst wieder genau ein Jahr später.

6. Juni 1964.

Ein Jahr ist verstrichen. Es ist dahingeflogen wie ein einziger Tag, wie ein Frühlingstag voller Freude und Sonnenschein. Trotzdem habe ich heute im Spiegel entdeckt, daß ich schon ganz feine Fältchen um Augen und Mundwinkel bekomme, auch vereinzelt graue Haare.

Es ist Abend, durch das geöffnete Fenster wehen der Duft verblühender Syringen und ganz zaghaft der erste Hauch erblühender Rosenknospen. Am schwarzblauen Himmel flammen schon die ersten Sterne auf und die bleiche Sichel des Mondes wirft ein dünnes silbernes Licht in mein Zimmer. Auf der Konsole, deren schlanke Beine wie Schwanenhälse gearbeitet sind und deren Enden in der Tat auch Schwanenköpfe tragen, habe ich ein schwarzes Tuch ausgebreitet. In der Mitte flammt der siebenarmige Leuchter, die Menorrah, auf dem Buche der Weisheit - der Thora. Drei große Kerzen umstehen ihn in der Form eines Dreiecks diesen Altar, und davor liegt der fünfgezackte Stern, der die Namen und die Sigille der Engel und der Dämonen trägt, deren Namen allein uns Sterbliche erzittern läßt. Hinter dem Altar habe ich das Bild Moses aufgehängt, der die Tafeln des Gesetzes hoch in den Händen hält. Über dem Bilde befindet sich das salomonische Siegel.

Ich lasse Wasser ins Bad einlaufen und löse geweihte Salze darin auf. Ich wasche meinen Körper und meine Haare mit wohlriechender Seife und kleide mich in ganz frische weiße Wäsche. Als ich den schwarzseidenen Mantel umlege und mich gürte, fühle ich, wie mein Geist ganz frei wird. Tage vorher schon habe ich im Walde die aromatischen Kräuter gesucht, die in in der Weihrauchpfanne glimmen und einen feierlichen, herb würzigen Duft im Zimmer verbreiten. Das elektrische Licht ist gelöscht, nur die flackernden Kerzen werfen ein schwaches Licht. Die Flammen scheinen selbst kleine Seelen zu sein, die das Bedürfnis verspüren, sich mitzuteilen.

Jetzt greife ich zum magischen Stab - hier muß ich, bevor ich weiter berichte, gestehen, daß es die magischen Werkzeuge und Waffen meines Mannes sind, die ich benutze. Mein Mann ist Mitglied einer magischen Loge - wie ich, er ist jedoch ein Eingeweihter mit hohem Grad. Ich benutze diese Dinge ohne sein Wissen und ich muß sagen, daß mein Gewissen in dieser Hinsicht nicht ganz sauber ist. Heimlich habe ich mir einen zweiten Schlüssel seines Schrankes verschafft, in dem er seine geheimen Schriften und Bücher verwahrt. Und so habe ich mich nach und nach in jene Gebiete eingeschlichen, die wunderbar und doch zugleich grauenhaft sind.

Heute will ich die erste Probe meines Könnens praktisch beweisen. Zwei Tage habe ich streng gefastet und kein böses Wort kam über meine Lippen, kein unschöner Gedanke wurde gedacht. So gewappnet will ich den Kräften und Wesenheiten des Alls gegenüber treten. Ich will Adon evozieren, und müßte ich dabei Engel und Teufel in Bewegung setzen - was ich ja ohnehin tun werde. Gott stehe mir bei!

Zeichnung aus Amor ex nihil bei Originalseite 11

Originalseite 12

Ich ergreife also den Stab, hebe den Arm - genau in dem Augenblick, als unsere alte Wanduhr die neunte Stunde schlägt ...., die Anrufung beginnt. Hart - ich kenne meine eigene Stimme nicht wieder - peitschen die Namen der Dämonen und der heiligen Engel von meinen Lippen in die Nacht hinaus, wieder und immer wieder, dann die Bitte, die von mir geliebte Seele hier bei mir erscheinen zu lassen. Erst die Bitte - dann die Drohung. Ich ziehe das Schwert und stoße es gegen das geöffnete Fenster. Und wieder erfolgt die Rufung: "Im Namen Luzifer - Beelsebub - Astaroth - Belial - Asmodai - ..." ergeht der strenge Ruf an die Dämonen, um um Schutz und Erhörung fleht die Stimme - meine Stimme: "Mittraton - Anael - Haniel - Gabriel - und im Namen Zaphkiel und Aratron und der Wesenheiten des Saturnus, des Hüters der Schwelle ......" Plötzlich flackern die Kerzen, es wird eiskalt im Raum, so, als erstarre alles Leben und verwandele sich in klirrende Eiskristalle.

"Judith! Judith! Fürchte Dich nicht! Ich bins - Adon! Bitte drehe Dich nicht um! Bleibe so stehen, wie Du jetzt stehst!"

Das Blut schießt mir zum Herzen. "Adon! Bitte geh' nicht fort! Bleibe noch, bleibe! Sprich mit mir! Faß mich an! Sag' doch etwas! Mein Gott - wie habe ich auf diesen Tag gewartet. Sage mir, daß ich wach bin - und nicht träume!"

"Freundin, Du schläfst und träumst nicht! Du hast mich gerufen - und ich bin gekommen!"

"Wo bist Du denn? Komm doch näher, damit ich Dich spüren kann. Oh Adon, ist es denn wahrhaft wahr?"

"Ich stehe hinter Dir, Judith! Aber bitte, drehe Dich nicht um - noch nicht! Warte noch ab - bis zum nächsten Male. Nein! Nein! Bleib wo Du bi......!"

Eine dumpfe rummelnde Stimme: "Na endlich kommt sie zu sich", und dann ein helles Stimmchen: "Mutti! Mutti wach doch auf!"

Was war nur mit mir - - ?, ich erinnere mich nur ganz schwach. Das einzige, was ich fühle, ist eine ungeheuere Müdigkeit. Ich brauche Schlaf ...., aber als ich mich genauer umsehe bemerke ich, daß ich garnicht im Bett liege sondern auf dem Fußboden, auf dem Teppich. Ich betaste mich und fühle, daß ich noch meine schwarze Robe trage. Mein Mann kniet neben mir und hält meinen Kopf, während der Kleine sich ängstlich an mich schmiegt.

"Was machst Du denn zu dieser späten Stunde noch hier - und was soll die Maskerade?", höre ich ihn sagen. Ich folge der Richtung seines Blickes. Da kommt mir mit einem male die ganze Erinnerung wieder. Aber ich fühle mich zu schwach, um jetzt eine gute Lüge als Entschuldigung zu finden. Morgen ... morgen.... werde ich wohl eine Antwort auf seine Frage haben, die er sicherlich stellen wird. Zunächst stellte ich mich schlummernd. Er nimmt mich auf seine Arme und legt mich vorsichtig auf die Couch. Ich lasse mich einfach hängen, das ist im Augenblick sehr beruhigend. Ich höre, wie die beiden sich leise entfernen um mich nicht zu wecken. Ich warte noch eine kleine Weile, bis ich mich vor den Beobachtungen der beiden sicher fühle. Dann entkleide ich mich vorsichtig im Dunkeln und ohne ein Geräusch zu machen. Ich husche durch die halbgeöffnete Tür des Schlafzimmers und gleite unter die frischen Laken meines Bettes.

7. Juni 1964.

Der Morgen ist gekommen mit seiner ganzen Frische und dem fröhlichen Gesang der Vögel. Durch das geöffnete Fenster kann ich den Zug einer bizarr geformten Wolke verfolgen, die über einen Himmel dahinschwebt, der einem aufgespannten rosafarbenen Schirm gleicht. Ein kleiner blauer Schmetterling hat sich auf einer Jasminblüte niedergelassen, die von einem Sonnenstrahl getroffen weiß aufleuchtet. Vor meinem Fenster blüht schon seit einigen Tagen ein mächtiger Jasminbusch, und eine rote Kletterrose rankt ums Fenster und schaut mit ihren halbgeöffneten Knospen neugierig zu mir ins Zimmer herein. Heute morgen sehe ich alles durch die rosarote Brille. Ob wohl das Erlebnis von gestern Abend daran schuld ist? Ich breite die Arme aus und sage aus vollem Herzen: "Guten Morgen - Adon - Liebster!"

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"Oh, schönen guten Morgen, Liebes!" Es ist die Stimme meines Mannes, der in mein Zimmer getreten ist. Erschreckt springe ich mit einem Satz aus dem Bett. "Das Frühstück ist gerichtet", sagt er zu mir und wie alle Morgen nimmt er mich in seine Arme, und ich weiß, daß sein Herz mir treu geblieben ist. Ich wasche mich, kämme sehr sorgfältig meine Haare und eile dann leicht und beschwingt ins Zimmer, wo der duftende Kaffee schon auf mich wartet. Ich habe mein Nachthemd wieder angezogen, weil ich weiß, daß mein Mann das so gerne hat. Der kleine Tisch, der sehr sorgfältig und mit Liebe zurechtgemacht ist und neben dem Divan steht, empfängt mich. Eine kleine blaue Vase, mit Silbermotiven verziert, schmückt den Tisch. Sie enthält frische Blumen aus dem Garten. In einem Körbchen liegen frische, knusprige Brötchen und verlockend den Appetit wecken. Sie krachen zwischen den Zähnen und ich schmecke die Butter, mit denen sie bestrichen sind. Der Duft des Kaffees kitzelt meine Nase. Mein Mann ist ein Meister im zubereiten dieses Getränkes. Mit großem Wohlbehagen genieße ich die schönen Dinge und fühle mich ganz zufrieden und geborgen. In der Tat, es ist, als hätte ich einen heißen Zaubertrank zu mir genommen, und es überkommt mich eine ausgesprochene gute Laune. Eigenartig berührt es mich nur, daß mein Mann mit keinem Wort den Vorfall des gestrigen Abends erwähnt. Er ist doch sonst die personifizierte Neugierde. Aber was kümmert mich das im Augenblick. Der Tag verspricht herrlich zu werden, das ist alles, was ich im Moment empfinde.

Plötzlich zerreißt das Klirren zerbrochener Fensterscheiben die Stille und zerstört meine Träumereien von Zufriedenheit und Glück. Aus meiner Erinnerung steigt, wie ein häßliches Ungetüm aus dem Meer ein Ereignis, das ich im April, genauer gesagt am 10. April dieses Jahres hatte. Jener Aprilmorgen hatte genau so schön begonnen wie der heutige. Die ungewöhnlichen Tage prägen sich besonders gut ins Gedächtnis, weil sie so selten sind wie liebe Menschen. Jedoch höre .....:

Der Junge spielt im sonnenüberfluteten Garten mit den Kleinen der Nachbarfamilie, während ich in der Küche das Geschirr abwasche. Ich beobachte die beiden vom Küchenfenster aus, dessen Vorhänge durchsichtig sind. Unsere Hausbesitzerin verläßt gerade das Haus mit ihrem Enkel um Einkäufe zu machen. Es macht mir Spaß, die Kinder spielen zu sehen. Da plötzlich - ganz unmotiviert ergreift der Nachbarsjunge einen Stein und wirft ihn über die Mauer, genau ins Garagenfenster unserer Hauswirtin. Es gibt denselben schrillen Ton wie just eben vor einigen Augenblicken. Ich renne hinaus und höre, wie jemand den Kleinen ruft, er läuft fort. Meinen Lionel nehme ich nach diesem Vorfall ins Haus und warte auf die Rückkehr unserer Hausbesitzerin. Gegen Mittag kam sie zurück. Ich setzte sie von dem Vorfall in Kenntnis. Natürlich rief sie die Eltern des kleinen Missetäters, die auch sofort im Garten erschienen. Wir schilderten Ihnen den Vorgang. Der Vater des Kleinen jedoch geriet in Wut und schwor Stein und Bein, daß sein Sohn heute noch keinen Fuß in den Garten gesetzt habe. Im Verlauf der Auseinandersetzung erscheint an seiner Seite ein dickes, fettes Individuum mit einem üblen und ordinärem Ausdruck auf dem abstoßenden Gesicht. Ich kenne den Kerl überhaupt nicht. Er erschien mir wie ein wandelndes Schwein auf zwei Beinen. Er schwang sich über die Mauer, trotz seiner respektablen Korpulenz, und landete auf dem Bauch aufklatschend in unserm Garten. Sogleich begann er auf meinen Mann, der gerade aus der Stadt zurückkam, einzureden und mit den Armen wild zu gestikulieren. Er wirft mir eine Flut von Beleidigungen ins Gesicht, die meine Nationalität betrafen. Mit einer Dreistigkeit sondergleichen log und verdrehte er die Tatsachen und steigerte sich immer mehr in eine Art hysterische Wut. Er schob die Schuld meinem Kinde zu und ein mir unverständlicher Haß triefte von seinen abscheulichen Lippen. Wie ein Alpdruck zogen an mir die Erinnerungen unmenschlicher Naziverbrechen - KZ - Lager - Flucht vorbei und - Gott verzeih mir diesen Gedanken -, bei seinem Anblick vermeinte ich das wirkliche Gesicht des Deutschen zu sehen, das ja neuerdings hinter einem geschäftigen hochkommerziellen und biederen Antlitz eines

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Ehrenspiessers verborgen ist. Wehe wenn sie losgelassen und die Maske fällt! Sind die kommunistischen Mörder der Ostzone nicht auch Deutsche? Aber ich glaube, ich verlasse lieber diesen Gedankengang, denn letzten Endes ist mein Mann ja auch Deutscher.

Da geschah etwas seltsames, etwas, was ich nie angenommen hätte. Mit einer einzigen Geste seiner Hand warf mein Mann das Individuum hinaus. Dabei beobachtete ich, daß sich die Augen meines Mannes unnatürlich geweitet hatten und ein böses grünes Feuer ausstrahlten. Ein Schauer lief mir beim Anblick dieser schrecklichen Augen über den Rücken. Ich sah, wie der Dicke plötzlich die Ohren hängen ließ und sich, ohne ein Wort zu sagen, umdrehte und schwerfällig dahintrottend unser Grundstück verließ. Später jedoch brachte er es fertig, die Hausbesitzerin von der Schuld unseres Kindes zu überzeugen. Nie werde ich die charakterlose und lasche Haltung dieser Person vergessen. Sie war voller Bosheit und versteckter Gemeinheiten. Sie paktiert aus Interessengründen mit den Nachbarn gegen uns, bei uns dagegen schimpft sie tüchtig auf diese Leute. Was für eine Welt!

Aus diesem Netz giftiger Spinnen hast Du - Adon - Geliebter - mich befreit. Das ist ein Grund, weshalb ich Dich aus den Tiefen des Raumes an mich zog, der Du nicht von dieser Erde bist. Mit Deiner Hilfe gehe ich meinen unbeirrbaren Weg.

"Sag mal, wann steigst Du eigentlich wieder zur Erde herunter "?, sagte eine Stimme neben mir. Die Stimme meines Mannes reißt mich aus einer Zeit zurück, die eben im Begriff stand, mich zu verschlingen. "Da hat sicherlich wieder einer eine Fensterscheibe zerschlagen - ein Glück, daß es nicht unsere ist!" Lachend macht mein Mann diese Bemerkung, nicht wissend, wie sehr er mir geholfen hat. Oh, lieber Mann, wenn Du wüßtest, welches schreckliche Bild das Geräusch zerbrechenden Glases in mir beschworen hat. Aber ich sage nichts, ich schweige.

Die Welt von heute erscheint mir eigentlich weniger schrecklich, sie ist eher beklagenswert. Wie die Ochsen, die ins Joch gespannt sind, zieht die Menschheit ihren Weg, stur, ohne links oder rechts zu schauen. Der aber, der intelligent genug ist, diesen Ochsenzug nicht mitzumachen, der aufgrund seiner Begabung nicht die Arbeit zum Götzen erhebt, der wird von der Menge der Hirnlosen als Faulenzer und Unfähiger verschrien. Der größere Parasit von beiden ist aber jedoch fast immer der erstere. Er ist die wahre Sklavenseele, und mit ihr versklavt er auch noch seine ganze Familie. Er ist der wahre Pharisäer, der auf dem Zöllner und Sünder herabschaut mit der ganzen Arroganz und Dummheit seiner Herdenseele. Ihm wird die Maschine zum Gott und das Büro zum Tempel. Wie die Welt ihr Gleichgewicht behalten kann mit einem derartigen Übergewicht von geistiger Armut ist ein wahres Wunder. Ich muß etwas zum Lachen haben, um mich von diesem düsteren Bild zu distanzieren zu können. Das zu erreichen genügt es wohl, wenn ich an die traurigen Marionetten denke, die in ihrer grenzenlosen Arroganz jetzt sogar schon nach den Sternen greifen. Wir schicken uns an den Weltraum zu erobern - das steht in Schlagzeilen in allen Zeitungen, und doch ist es mit dem Weltraum nicht allzuweit her. Eine Wanze, die auf einer Orange hockt, ist von der Schale der Frucht weiter entfernt als der kühnste Sternenhopser von der Erdoberfläche. Als ich an diese Wanze denke bricht endlich das befreiende Lachen wie eine Perlenschnur von meinen Lippen. Ich bin mit mir und meiner Philosophie zufrieden. Welch ungeheuere Farce ist doch die sogenannte menschliche Güte. Man bringt dem Nächsten in Christo das Heil und das ewige Leben, indem man ihn schlicht und einfach totschlägt. Der sicherste Weg ins Paradies!

10. Juni 1964.

Es ist heiß; eine trockene und wohltuende sommerliche Hitze, die viel Sonne und wenig Gewitter verspricht. Eine große Hummel fliegt wie wild immer und

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immer wieder gegen mein Fenster und um die Zimmerlampe summt aufgeregt ein dicker blauer Brummer. Im Garten hackt ein Specht mit einem verrückten Rhythmus in den Baum hinein. Es ist ein alter Apfelbaum, der er nun schon bald ganz ausgehöhlt hat. Sein spitzer Schnabel dringt immer wieder aus einem anderen Loch heraus - er sitzt nämlich im Baum drinnen - als wolle er sagen: Und wenn Du noch so dick bist, ich schaffe es trotzdem. Das leichte Gezwitscher der Vögel dringt wie eine fröhliche Melodie zu mir herein. Sicher sitzen sie in unserm Kirschenbaum und richten ein Gemetzel unter den roten Früchten an. Weshalb sollen auch die Menschen alles allein fressen, denken sie wohl. Ich höre die Stimme meines Jungen, der wieder um das Gebüsch herumstreicht, in das ein Zaunkönig sein Nest gebaut hat. Er tut ihm nichts, er ist eben nur neugierig, wie alle Jungen seines Alters. Ich werde mir jetzt einen Stuhl nehmen und mich unter jenen hohlen Apfelbaum setzen, damit ich besser von Dir träumen kann - den ganzen Tag.

Am Abend desselben Tages.

Der Abend naht auf sanften Katzenpfoten. Es scheint, als drücke er einen zarten Kuß auf jede sich schließende Blüte mit den feuchten Lippen eines Tieres. Ich muß jetzt ein paar Worte an Dich richten, Liebster, nur einige wenige liebe Worte, und ich will sie nicht denken sondern richtig aussprechen. Ich will versuchen, Dich mir körperlich vorzustellen. Ich sehe Dich jung und schön, selbst wenn Du tausend Jahre alt sein solltest. Frühling und Liebe sind auch uralt und doch immer schön, zeitlos jung und unvergänglich. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, ohne sie löschte das Leben aus wie eine Kerze, die im kalten Hauch des Nordwindes flackernd vergeht.

Ich muß wohl sehr laut gesprochen haben, denn mein Mann, der lautlos an meine Seite getreten war, schaute mich recht sonderbar an. In seinen Augen steht die Neugier. Die Kühle des Abends legt sich wie ein Schleier auf meine bloßen Schultern und im Frösteln vergeht die Illusion. Der abgerissene Faden verliert sich im Dunkel. Fetzen der Gedanken hängen wie traurige Lappen im toten geäst eines dürren Baumes. Ich flüchte mich in mein Zimmer, das mich mit seiner Vertrautheit aufnimmt wie einst in der Kindheit die Arme der Großmutter. Der Raum ist noch warm von den letzten Strahlen der Sonne und mein hart pochendes Herz beruhigt sich langsam. Da liegt mein Buch, es sieht nicht viel anders aus als das Poesiealbum eines Teenagers, und doch ist es mein goldenes Buch ...., der Wächter all meiner Gedanken und Sehnsüchte meiner Befreiung.

17. Juni 1964.

Seit gestern tobt ein fürchterliches Unwetter. Bevor es sich entlud, glaubte man, die Luft bestünde aus flüssigem Blei und man fürchtete, ersticken zu müssen. Riesige Regentropfen knallen jetzt auf den heißen Asphalt, und der Wind verweht die wie Pingpongbälle hüpfenden Hagelschlossen. Über dem flachen Dach des Nachbarbungalows hängt der Regen wie ein grauer Schleier, und die im Hintergrund stehenden Tannen werden vom Sturm gebeugt, daß man fürchten muß, sie brächen jeden Augenblick entzwei. Gegen Mittag haben sich dann die wütenden Elemente mit einem Male beruhigt. Die Wolken hängen zwar noch schwarz und regenschwer am Himmel, aber sie behalten ihr Naß bei sich. Ich mache mir das zunutze und mache mit meinem Manne einen Spaziergang durch die regennassen Wiesen. Die Luft ist herrlich frisch und die Natur scheint aufzuatmen. Wie eine große unbekannte Kraft strömt diese Frische in mich hinein und mein Körper trinkt sie wie eine verdurstende Blume das Wasser. Wir dehnen unsern Rundgang nicht allzu sehr aus und kehren nach einer halben Stunde nach Hause zurück. Ich kleide mich um. Ein königsblauer Pyjama schmiegt sich an meine Haut. Ich massiere meine Hände mit einer wohlriechenden Salbe, von der mein Mann behauptet, sie stamme aus irgendeinem Urwalddorf des südamerikanischen Dschungels. Ich lege mich auf den Divan und mein Mann, der mich jetzt aufsucht, kämmt meine langen rabenschwarzen Haare. Er tut das gerne, und wenn ich ehrlich sein soll, ich auch.

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Wir unterhalten uns bis spät in die Nacht hinein über allerlei Probleme. Er ist ein Meister im Erzählen geheimnisvoller Geschichten und an mir findet er eine eifrige Zuhörerin. Wir haben natürlich kein Licht gemacht und so glaube ich sonderbare Gestalten an den Wänden entlang huschen zu sehen. Die Gestalten seiner Erzählung beginnen ein spukhaftes Leben. Draußen hat das Gewitter mit voller Wucht und ganz plötzlich wieder eingesetzt. Grelle Blitze tauchen das Zimmer in ein bleiches gespenstiges Licht. Der Wind greift wütend in die Äste der Bäume und wie Peitschenschläge knallt der Regen ins Blätterwerk. In dieser Kampf der Naturgewalten weiß man nicht, wer das wilde Tier ist und wer der Dompteur - wer wird als Sieger hervorgehen?

Der alte Regulator schlägt die fünfte Stunde. Zwei Katzen vollführen im Garten ein wahres Höllenkonzert und reißen mich unsanft aus dem Schlafe. Ich stehe auf und öffne das Fenster, um sie zu verscheuchen. Der Regen und der Wind wehen mir unsanft ins Gesicht und ich beeile mich, das Fenster wieder zu schließen. Man weiß ohnehin nicht, wer schlimmer heult, die Katzen oder der Wind.

Ich schlüpfe wieder ins Bett und ganz unerwartet spüre ich, wie Du zu mir kommst, Adon, durch das Gewitter hindurch. Vielleicht sind es sogar gerade die entfesselten Gewalten, die es Dir leicht machen, bis zu mir vorzudringen. Die Luft knistert von Elektrizität. Ich weiß, daß es ein Traum ist, trotzdem ist es Wirklichkeit, und so soll es auch durch das geschriebene Wort Realität werden.

Du bist da! Endlich finde ich Dich wieder, und um Dir meine Freude zu beweisen hülle ich Dich ein in Myriaden goldener Sternschnuppen - Gedanken der Liebe. Ich schenke Dir die ganze Kraft meines Herzens, damit Du daraus den Weg bauen kannst, den wir zusammen gehen wollen, wie steinig und gefährlich er auch sein möge. Die tiefen Gefühle, die Du in mir geweckt hast, möchte ich symbolisieren mit einem Strauß frischer Feldblumen, meiner Lieblingsblumen. Sie sind zugleich ein Zeichen des Abschnittes meiner Jugend, da ich am glücklichsten und sorglosesten war, wo die Kraft und Schönheit der Natur allen Kummer und alle Misere in einer Orgie von Farben und Tönen versinken ließ.

18. Juni 1964.

Heute bin ich aber lange bei Dir gewesen, in Gedanken.

Der Kleine spielt im Garten und nützt die paar Sonnenstrahlen aus, die durch die dichten Wolkenbänke hindurchfallen. Mein Mann sitzt an meiner Seite auf der Couch und rasiert sich, während ich meinen Traum vom Glück un von der Reinheit weiterträume. Dies ist mein Refugium, die Flucht eines schwachen Menschen vor dem gähnenden Rachen der gesicht- und gestaltlosen Gesellschaft, die man mit einem menschenfressenden Ungeheuer vergleichen kann, das immer hungrig und durstig auf neue Opfer ist. Hier fällt die Sense einen Weißen, dort vielleicht ein Dutzend Gelber, von den teuflischen Waffen in flammende Fackeln verwandelt. Hier trampelt man welche tot, nur weil sie eine schwarze Haut haben, dort schlachten Schwarze sinnlos ihre weißen Brüder, weil sie eben weiß sind und weil irgendein überdimensionaler Narr, besser Schweinehund, es so will. Kinder hauchen unter dem Würgegriff des Schänders und Mörders ihre Seelen aus, Tag für Tag - Nacht für Nacht. Mütter liegen auf den Knien in Kirchen, Tempeln und Synagogen und bitten ihren Gott oder die Götter um ..... ja - um was? Sinnlos dieses Bitten! Nur Narren warten auf eine Antwort oder Erfüllung, denn das Herz der Götter ist steinern, nackter toter Stein. Wenn es nicht so wäre, dann müßte die Antwort lauten: Sind diese Götter schlecht! Denn wer schafft eine Welt voller blutwarmer Geschöpfe, um nachher zuzusehen, wie sie sich grausam zerfleischen? Kein Höllengeist käme auf eine derart perverse Idee! Nein, wir sind hier auf diesem Staubkorn Erde ganz uns selber überlassen, und der Kampf der guten und bösen Geister findet immerfort in unserem Herzen statt! Er hört nie auf, bis zu unserem letzten Atemzug. Hier ist unsere

Originalseite 17

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Hölle, und hier ist auch unser Paradies. Wer es dann gelungen ist, trotz allem, sich selber ein kleines Paradies zu schaffen, so ist dies überall zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig. Hat der Wind Dir ein solches Samenkorn des Glückes in Deinen Garten geweht, so hüte und Pflege es wohl, dieses Kräutlein, es ist ein wahres Zaubermittel.

Adon, als ich noch ein Kind war, glaubte ich fest an Gott. Ich lernte mit ihm sprechen, so wie ich es heute mit Dir tue, und ich hatte ein felsenfestes Vertrauen zu ihm. Ich habe Gott in dem Augenblick verloren, als ich an mir selber zu zweifeln begann. Ich trug damals ein kleines goldenes Herz, in das der Name Gottes in hebräischen Buchstaben eingraviert war. Vielleicht war es nur ein einfaches Stück Metall, aber es beschützte meine Kindheit und gab mir den Glauben. Dieser Talisman hat mich verlassen. Ich mußte ihn weggeben, um Brot für mein Kind kaufen zu können. Eine Wunde ist zurückgeblieben.

Noch eine recht seltsame Geschichte von einem Talisman - einem sogenannten Schaddai - gibt es in meinem Leben. Ich möchte sie Dir gerne erzählen. Also: Am Tage meiner Hochzeit schenkte mir meine Mutter einen Schaddai. Das ist ein dreieckiger israelitischer Talisman. Da die Spitze des Dreiecks nach unten zeigte bezeichnete es die internen magischen Kräfte. Dieses Schmuckstück gehörte einst meiner Großmutter. Deshalb empfand ich über dieses Geschenk eine große Freude. Es war das einzige, was ich noch aus dem Nachlaß meiner Großmutter bekam. Aber - eigentümlich, seit dieser Zeit, d.h. seit dieses Schaddai bei uns im Hause war, wurde mein Mann, bis zu jener Zeit außerordentlich stark und gesund, von einer fremdartigen und bösen Krankheit befallen, von der niemand zu sagen imstande war, woher sie kam, geschweige dem wie man sie heilen könnte. Eines schönen Tages, als er morgens aufstand, war er von Kopf bis zu den Füßen mit Ausschlag und Pickeln bedeckt. Sein Gesicht war aufgedunsen und hatte einen krankhaften bleichen Ausdruck. Ärzte und Krankenhäuser wandten die modernsten und teuersten Mittel an, um ihn von dieser schweren Erkrankung der Haut zu befreien. Nichts hatte auch nur die Spur eines Erfolges. Da bemerkte ich eines Tages, daß mein Mann anstelle der Medaille, die ich ihm bei unserer Verlobung schenkte, besagtes Schaddai trug. Ich nahm es ihm ab unter dem Vorwand, die Kette würde dem wunden Hals nur noch mehr Schaden zufügen durch die Reibung an den kranken Hautstellen. Wie durch eine Behexung verschwanden die Pickel und Hautausschläge von heute auf morgen. Aber wie ein Stigma, das ihn immer an diese Sache erinnern sollte, behielt er am linken Ellenbogen und am rechten Fuß kleine verfärbte Hautstellen zurück, die im Kleinen immer noch das Krankheitsbild der rätselhaften Erscheinung zeigen. Einige Zeit später bemerkte ich mit Schrecken, daß das Dreieck wieder an seinem Halse baumelte. Als ich ihn erstaunt fragte, warum er dieses Zeichen überhaupt trage, antwortete er mir, er hoffe, es werde ihm Glück bringen. Während derselben Nacht überfiel ihn ein rasender Schmerz in den Ohren, und um das Unheil voll zu machen, in den Zähnen und im Kiefer. Mitten in der Nacht erhob er sich ganz plötzlich und sagte zu mir, er verspüre ein unwiderstehliches Verlangen, frische Luft schnappen zu müssen und ich hörte, wie er auf den Korridor hinausging. Ich erhob mich ebenfalls und folgte ihm - zu spät. Ich konnte gerade noch sehen, wie er, wohl von einer Schwäche gepackt, vornüber stürzte und hart mit dem Kopf gegen ein Wasserrohr schlug und zu Boden fiel wie ein gefällter Baum. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit finden zu können, hinzuzuspringen um zu versuchen, ihn aufzufangen, so rasch ging alles vonstatten. Es ist fraglich, ob ich überhaupt imstande gewesen wäre, sein Gewicht von über neunzig Kilo halten zu können. Als er nach geraumer Zeit wieder das Bewußtsein erlangte begleitete ich ihn in sein Bett zurück. Zuvor erbrach er sich heftig und ich war froh, daß das noch außerhalb des Bettes geschah. Ich wusch ihn und half mit sanften Worten den Schlaf zu finden. An anderen Tage[n] bat er mich, seinen schmerzenden Kopf zu massieren. Dabei bemerkte ich die untrüglichen Zeichen, die entstehen,

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wenn der Knochen verletzt ist. Das mußte ja ein regelrechter Schädelbruch sein. Ich wollte sofort einen Arzt holen, aber er verbot es mir und ging noch am gleichen Tage zur Arbeit in sein Labor. Eine Woche später war er gezwungen, wieder das Bett zu hüten, da die Schmerzen so unerträglich geworden waren, daß er mehrmals ohnmächtig zusammenbrach. Sein Kopf begann über der rechten Schläfe unförmig anzuschwellen und die Ohnmachten wurden häufiger und tiefer. Nun ließ ich mich aber nicht mehr zurückhalten. Mit fliegender Hast suchte ich nach einem Arzt. Das war garnicht so einfach, denn es war Sonnabend vor Ostern und die meisten Ärzte waren nicht im Dienst. Endlich, gegen Mittag gelang es mir, einen Arzt aufzutreiben. Wenig später kam er zu uns und diagnostizierte eine Phlegmone. Er sagte mir, mein Mann müsse sofort ins Krankenhaus, da er sonst nicht mehr lange leben würde. Ich beschloß, dem Rate des Arztes sofort zu folgen. Meinen Mann konnte ich nicht erst lange fragen, er war ohnehin nicht bei Bewußtsein. In einem Taxi transportierte ich ihn nach Frankfurt in die Universitätsklinik. Eine sofort gemachte Röntgenaufnahme ergab, daß eine sofortige Operation notwendig war. Bevor ich ihn verließ nahm ich ihm das Schaddai vom Halse, und ich muß gestehen, daß mich ein eigenartiger Schauder überlief. Das Osterfest wurde so für mich keine reine Freude. Ich schwebte vielmehr zwischen Hangen und Bangen und eine unbeschreibliche Angst nagte mir am Herzen. Zwei Tage später machte ich meinen ersten Besuch in der Klinik. Der Arzt meinte, es sei ein Wunder geschehen. Meinem Manne ginge es sehr viel besser und er glaube, daß nun eine Operation nicht mehr nötig sei. Als ich ihn dann sah stellte ich fest, daß in der Tat sein Aussehen wesentlich besser und seine Augen klarer waren. Ich versprach, am folgenden Sonnabend wiederzukommen. Die Woche verging ohne weitere böse Zwischenfälle, und just, als ich mich bereit machte, um nach Frankfurt zu fahren und meinen versprochenen Besuch abzustatten, öffnete sich die Tür und freudestrahlend stand mein Mann vor mir. Noch einmal war alles gnädig an ihm vorübergegangen. Das Schaddai jedoch betrachte ich seit jener Zeit mit argem Mißtrauen.

Die Monate verstrichen ohne besondere Ereignisse. Wir standen am Anfang eines, wie es schien recht harten Winters. In der Sylvesternacht packte meinem Manne ganz unerwartet der Leichtsinn. Er verlangte von mir, ich solle ihm das Schaddai aushändigen, er wolle mir heute beweisen, daß es keinerlei Kraft besitze, daß alles eine Mystifikation wäre. Außerdem sei er stärker als das Stückchen Gold der alten Dame. Er wolle das Schaddai zwingen, ihm Glück zu bringen. Mit einem Auge blinzelnd sagte er das zu mir. Bei seinen Worten überlief es mich kalt und ich weigerte mich zunächst, seinem Wunsche nachzukommen. Zuletzt gab ich aber nach, denn ich fürchtete, er würde sonst böse und einen Streit zu Neujahr, das war wohl das letzte, was ich wollte.

Am nächsten Tage ereignete sich dann folgendes:

Wir saßen beim Frühstück, unterhielten uns und waren guter Dinge, als mein Mann plötzlich überstarke Schmerzen in der unteren Rückengegend verspürte, die sich so steigerten, daß er zu schreien anfing. Ich ließ alles stehen und liegen und rannte, um unsere Hausärztin zu holen, die auch sofort kam. Sie stellte fest, daß es keine Leberattacke war, wie ich vermutet hatte, sondern es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Nierensteine handele.

Vier lange Monate dauerte es, bis die Krankheit auskuriert war. Es waren fürchterliche Monate, ohne Schlaf und ohne Ruhe. Mein Mann war in seinen Schmerzen ein äußerst schwieriger Kranker, voller Bosheit und Unduldsamkeit. Einmal hat er in einem Anfall einer Kolik eine Fensterscheibe mit den bloßen Händen zerschlagen und sich die Hand dabei so verletzt, daß sie genäht werden mußte.

Im Mai erhielten wir ganz unerwartet den Besuch meiner Mutter und meines Bruders. Sie waren erstaunt, meinen Mann derart abgemagert und von der Krankheit gezeichnet vorzufinden. Es war das zweite Mal, daß sie uns einen

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Besuch abstatteten. "Ah!...", sagte meine Mutter mit einem maliziösen Lächeln, "ich sehe, daß Dein Mann das Schaddai garnicht mehr trägt".

"Tjaa...", mischte sich mein Mann in unser Gespräch, "ich habe den Eindruck, als möge mich das kleine Ding nicht recht leiden. Ich ziehe es jedenfalls vor, es mit Vorsicht zu genießen".

"Ja", sagte meine Mutter, "als ich es das erste Mal an Deinem Halse sah, wußte ich, daß es Dir kein Glück bringen konnte, aber ich wollte nichts dazu sagen, denn man weiß nie, wie es aufgefaßt wird. Es war die Großtante, die es für die Großmutter Deiner Frau hat extra anfertigen lassen, und nie hätte sie, lebte sie noch, die Einwilligung gegeben, daß es in die Hände eines Ungläubigen fällt."

Als ich das hörte war ich entsetzt über eine derart perverse Bosheit seitens meiner Mutter. Ich sagte daher, daß ich es absurd fände, daß ein Toter so böse sein könnte, seinen Haß über das Grab hinaus an jemanden auszutoben, den er im Leben nie gekannt hat und der doch mit der Familie garnichts zu tun hätte. Aber dann dachte ich daran, daß dieses Schaddai auch meiner Großmutter wahrhaft kein großes Glück beschert hatte, eher das Gegenteil war der Fall gewesen. Mehr hatte ich jetzt meine Mutter in Verdacht, die mit ihrer bohrenden Bosheit sehr wohl, vielleicht unbewußt dazu beigetragen hat, daß sich die schlechten Kräfte realisieren konnten .... wenn überhaupt.

Dann geschah etwas ganz unerwartetes und unheimliches.

In der folgenden Nacht sah ich, wie mein Mann sich plötzlich aufrichtete, in die Luft stierte und mit einem unartikuliertem Stöhnen in die Kissen zurücksank. Aha, dachte ich, wieder mal Alpdrücken und ich schüttelte ihn sanft, damit er aufwachen sollte. Aber das einzige, was er sagte, war nur: "Sie war da - sie war da!" Dann schlief er wieder ein. Ich sah mich im Schlafzimmer um. Da war mir, als löse sich ein schwarzer Schatten direkt vor unserm Bett in Nichts auf.

Am andern Morgen stand mein Mann schweigend auf, nahm das Schaddai und reichte es meiner erstaunten Mutter. Dann erzählte er, daß er in der Nacht eine Erscheinung gehabt habe, die ihn unter Drohung aufgefordert hätte, den Talisman an meine Mutter zurückzugeben. Die Beschreibung, die er von der Erscheinung gab, paßte bis ins Kleinste auf meine Großtante. Genau so wie er sie beschrieb, so hatte sie ausgesehen und sich gekleidet, und so pflegte sie zu sprechen. Kein Zweifel, etwas hat aus dem Nichts herübergegriffen zu uns. Warum nur sollte meine Mutter das angeblich verfluchte Anhängsel wieder haben? Ist das eventuell eine erneute Teufelei der Großtante, diesmal aber gegen ein anderes Mitglied der Familie? Der Talisman wurde triumphierend entgegen genommen. Sie dachte, sie hätte gesiegt. Ich aber, der ich nun die Zusammenhänge kenne, weiß, daß das Unheil nun dort roden wird, wie es der Wille der bösen alten Frau bestimmt hatte.

An einem der letzten Tage hat mein Mann für mich ein Amulett aus Gold anfertigen lassen. Es trägt die Namen des Allmächtigen und den Meinen. Ob wohl mit ihm der verlorengegangene Glaube zurückkehren wird? Ich werde ihm vertrauen. Ich habe noch einen kleinen sechsstrahligen Stern, den ich vor langen Jahren einmal tragen mußte zur Erkennung. Ich trug ihn mit Stolz! Diesen Stern habe ich meinem Jungen geschenkt, er möge ihm immer Glück bringen und helfen, den Kopf hoch zu tragen. Ich habe ihm diesen Talisman gegeben ohne irgendwelche religiösen Hintergedanken, oder gar mit der Absicht, ihn in irgendeine Glaubensrichtung hineinzuzwingen. Das alles sei ihm selber überlassen. Er ist frei in seinen Entscheidungen. Möge er also später einmal seine Entscheidung treffen. Die Wahrheit liegt im Vertrauen und in der Realisation moralisch sauberer und reiner Prinzipien.

Bald bricht wieder die Nacht herein - . Ich warte auf Deinen Ruf und mit Hilfe Deiner Worte kann ich dann der Spur folgen, die mich näher zu Dir führt. Die Dämmerung senkt sich mit leichtem Flügelschlag herab. Etwas, wie ein geisterhafter Hauch streift meine Wange. Ich erzittere in der

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Hoffnung, Dich bei mir haben zu dürfen, und sei es auch nur für wenige Minuten, noch stärker, noch stärker, noch dichter, noch lebenswahrer als alles bisher gewesene. Ich muß Deinen Körper, Deine Hände und Deinen Mund einmal spüren. Ich will einmal die Deine sein und mich ganz verlieren im Irrationellen einer unirdischen Liebe, die demnach eine irdische Erfüllung findet.

" Adon! - ich rufe Dich! Adon! ich rufe Dich, Adon! Mein heißes Herz zieht Dich herab auf meine irdische Welt! Adon! Ich will, daß Du mir erscheinst- jetzt -, in dieser Stunde! Höre diesen Ruf! Durch Zeit und Raum werfe ich ihn Dir zu! Ich rufe Dich im Namen aller heiligen Entelechien des Universums! Ich zwinge kraft meines Glaubens das Heer der schrecklichen Dämonen, Dir und mir zu helfen, die Mauer der Dimensionen zu durchstoßen! Adon!" -

" Judith! - - Wie kannst Du mich nur so lieben, mein kleines Mädchen?! Fast kann ich an das Glück nicht glauben. Meine Haare, mein Liebes, sind schneeweiß, und die Zeit, da ich zwanzig war, liegt in einem unendlichen Abgrund verborgen. Hätte ich doch nur die Kraft, Dich an mich zu reißen und mit mir zu nehmen in das Reich, wo Raum und Zeit ihre Herrschaft verloren haben, dahin, wo die Seelen eins werden und dennoch genau wissen, wer sie sind und woher sie kommen. Allein, ich vermag es noch nicht -, noch nicht! Die Materie, die ich vor vielen tausend Jahren ablegte, um nur noch freier Geist zu sein, zeigt sich widerspenstiger als Du denkst. Es gelingt mir nicht, sie so rasch an mich zu reißen wie ich es gerne möchte. Liebste, verliere nicht den Mut. Vielleicht komme ich schon bald wieder. Dann kannst Du mich sehen und fühlen. Ich werde Dir die Liebe geben können, die Du erwartest. Ich werdeDich in meinen Armen wiegen können und Du wirst meine Geliebte sein. Alles um uns wird versinken in einem Rausch der Liebe. Halte Dein Wort, das Du mir gabst, Judith! Meine Zeit ist kurz bemessen, sie ist um. Ich muß zurück! Die Dämonen, die gezwungen sind, mir die Gasse offen zu halten, werden schon ungeduldig. Wenn sie den höheren Befehl erhalten, das Tor zuschlagen zu lassen, bin ich auf ewig verloren zwischen Zeit und Raum. Lebe wohl, Liebste, auf bald!"

"Adon! - - ich spüre, Du bist gegangen. Oh, mein Liebster, ich schließe meine Augen und lasse mich davontragen von dieser brennenden Passion. Die Nacht umfängt mein Herz, das von Dir voll ist voller Zärtlichkeit und Verzauberung. Für mich stehen die Pforten des Paradieses offen.Triumph der Liebe über Zeit und Raum hinweg!"

19. Juni 1964.

Der heutige Morgen erinnert mich in seinem Aussehen an einen zweitrangigen Theatermephisto, der an Magengeschwüren leidet. Daß eine solche Stimmung auf's Gemüt schlägt ist nur allzu verständlich. Ich bin gerade dabei, mein Sommerkleid, das ich mir in der letzten Woche kaufte, zu bügeln. Der Sommer zeigt in diesem Jahr nur seine Nasenspitze, und die auch nur zu besonderen Anlässen. Ich habe meinen Mann in die Stadt begleitet, aber ohne besondere Begeisterung. Wir wollen für den Kleinen Schuhe kaufen und ein Paar Pantoffel. Die Schuhe, die er jetzt trägt, sehen fürchterlich aus. Wie die Kinder es nur zustande bringen, in so kurzer Zeit mit dem stärksten Schuhwerk fertig zu werden. Just auf dem Rückwege habe ich plötzlich gespürt, wie ich mit Dir in Kontakt komme, und ich empfinde, wie sich alle Spannungen in mir zu lösen beginnen mit dem gleichen Rhythmus, mit dem die Bahn mich nach Hause führt. Man könnte mein Herz mit einem an's Haus gewöhnte Reh vergleichen, das beim Erscheinen seines Herrn Freudensprünge vollführt. Ich war von Deiner Anwesenheit so ausgefüllt, daß auch nicht der Hauch eines anderen Gedanken sich hätte einschleichen können.

20. Juni 1964 - Sonntag.

Heute ist es mir gelungen, einige Stunden zu stehlen, und so habe ich einen ausgedehnten Spaziergang in den Wald unternommen. Es ist vielleicht eine fixe Idee, aber wenn ich die Natur auf mich wirken lasse, muß ich mich immer an meine unbeschwerte Kindheit in den Wäldern Südwestfrankreichs erinnern.

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Und diese Erinnerungen sind für mich die reinste Wundermedizin. Auf einer großen Wiese, die noch nicht geschnitten war, habe ich einen Strauß Kornblumen gepflückt. Ich stelle sie zu Hause in einen silbernen Becher, der aus dem Königshause Preußen stammt und den mein Mann billig bei einem Altwarenhändler gekauft hatte. Man sagt ja, Kornblumen seien die Lieblingsblumen der nicht sehr glücklichen Königin Luise von Preußen gewesen. Und noch etwas sonderbares habe ich gefunden, eine Kornblume, die auf einem Stiele zwei Köpfe trägt. Ist das nicht wie ein Symbol?

Es ist lange her, daß die Natur sich mir so freundlich zeigt wie an diesem Sonntagvormittag, und deshalb genieße ich in vollen Zügen. Alles erinnert mich an Mérac, und ich möchte diese Stunde der Ruhe gern ausnützen, um Dir zu erzählen, was damals war und was ich damals empfand. Man sagt zwar, daß die einmal vergangene Zeit nie wieder zurückgeholt werden könne und die kürzesten Erlebnisse die schönsten seien. Ich kann dem nicht ganz zustimmen.

Ich gehe 21 Jahre in die Vergangenheit zurück. Damals wohnten wir noch in Bayonne bei der Großmutter, meine Mutter, mein Bruder und ich; nicht zu vergessen die Großtante. Es war Krieg! Aber was kümmerten wir Kinder uns schon darum. Nicht einmal daß wir Juden waren kam uns in den Sinn. Daß wir verfemt und ausgestoßen waren, all das existierte in unseren kindlichen Seelen nicht, zumal es unter den deutschen Soldaten, die als Besatzung da waren, eine ganze Menge Leute gab, die sich nicht um das kümmerten, was ihnen ihre Herren und Meister befahlen, sondern die sich als wahre Freunde erwiesen, die uns Kinder gerne hatten und uns mit allerlei Süßigkeiten fütterten, von denen sie selber nicht allzuviel hatten. Doch es gab Ereignisse, die sich fest und unauslöschlich in unsere kindlichen Herzen einprägten, obwohl wir damals nicht recht erfaßten, um was es eigentlich ging. Erwähnen muß ich noch, daß ein kleines polnisches Mädchen - Jeanette - bei uns wohnte. Eines Morgens, es muß so gegen fünf Uhr gewesen sein, schlug es hart gegen die Haustür und eine rauhe Stimme begehrte Einlaß. Alle dachten wir, es seien die Deutschen, die Gestapo. Aber nein, sie waren es nicht. Ein Offizier der französischen Miliz war es, der aus eigener Machtbefugnis auf Kopfjagd ging, ein Franzose, der sich hervortat und ein kleines Judenmädchen der gnadenlosen Vernichtungsmaschine des damaligen Feindes auszuliefern, um seinen dreckigen Judaslohn zu kassieren. Natürlich empfanden wir Kinder nicht so wie ich es jetzt schildere, aber daß die Kleine in ein ungewisses Schicksal ging, das war uns doch bewußt. Was mag wohl aus ihnen allen geworden sein, aus Freund und Feind? Ich denke auch dankbar an jenen deutschen Offizier, der eines Tages bei uns auftauchte und uns nahe legte, das Haus zu verlassen, da man uns sonst abholen würde.

Er hat uns damit das Leben gerettet, ein wahrer Soldat und ein Mensch! So packte denn eine große Familie heimlich im Morgengrauen die Paar Habseligkeiten zusammen, die man gerade so tragen konnte. Die Flucht ins Ungewisse begann, gerade zur rechten Zeit, denn die Verhaftungen hatten in unserem Departement schon begonnen. Unsere erste Station auf dem Wege ins Exil war Pau. Wir übernachteten alle in einem kleinen Zimmer, bei einer Tante. Zusammengepfercht wie die Sardinen in einer Büchse lagen wir, einer neben dem andern. Aber nach derartigen Aufregungen waren wir froh, überhaupt eine Schlafstelle gefunden zu haben. Übrigens, die Fahrt nach Pau ging nicht ganz ohne Störungen vonstatten. Bei einer Razzia, die die Deutschen im Zuge unternahmen, mußte ausgerechnet mein Onkel und meine Mutter daran glauben. Sie mußten aussteigen und wurden von Kopf bis Fuß durchsucht.Als die Soldaten aber nichts verdächtiges fanden, durften sie wieder einsteigen. War das ein Schreck gewesen!

Am nächsten Morgen ging die Fahrt weiter in einem überfüllten Autobus. Bekannte hatten uns eine Adresse eines Bauern gegeben, der uns ein leeres Haus zur Verfügung stellen wollte. Wie es aussah und wo es eigentlich lag, wußte keiner von uns. Die letzten Habseligkeiten, die wir noch hatten, kamen uns in dem besagten Autobus abhanden. Als wir ausstiegen fuhr der

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Autobus ab, ohne uns Zeit zu lassen, unsere Koffer vom Dache herunterzuholen. Da standen wir denn nun am Straßenrand, ausgeplündert und verlassen. Wir waren aber in Sicherheit, und der kleine Waldweg, der von Haselnußstauden eingesäumt war, kam uns vor wie der Weg ins Paradies.

Ich sehe noch heute das altersschwache und rissige Haus vor mir, das mit seinem grauen Gemäuer in strahlendem Sonnenschein gebadet vor uns lag, und uns, trotz seinem wenig einladendem Äußeren wie der Palast einer Märchenfee vorkam. Das Dach war schief und schadhaft und ein klappriger Holzschuppen rundete das Bild ab.

Ich höre noch das Knistern und Krachen der brennenden Holzscheite im uralten, rauchgeschwärzten Kamin, auf dessen Feuer ein Topf mit Mais, unsere tägliche Nahrung, kochte. Ich finde die alte Matratze wieder, auf der ich zu ebener Erde schlief und die ich mit meiner Großmutter teilen mußte. Ich spüre noch die Steine des garnicht schönen und unebenen Bodens, die durch die Matratze hindurch drückten. Ich rieche noch die alte Petroleumlampe, die den Raum nur spärlich beleuchtete. Manchmal brachte mir meine Großmutter noch eine Handvoll Walderdbeeren vor dem Einschlafen, nur für mich alleine, und der frische Duft der Früchte wiegte mich in den Schlaf.

Für uns Kinder war die neue Heimat natürlich das rechte Paradies. Der Wald war wild und unberührt. Es gab Quellen und kleine Flüßchen, in deren hellen und klaren Wasser wir baden konnten.

Es war Krieg, und doch atmete hier alles eine Ruhe und einen Frieden, der unendlich zu sein schien. Besonders hübsch war ein kleines Flüßchen, das in wilden Windungen wie ein munterer Geisbock über bizarre Steingebilde sprang. Krebse gab es in Menge darin und mein Onkel war ein Meister im Fang dieser leckeren Tiere. Fast jeden Tag ging er auf Jagd mit einem Bastkörbchen, und wir Kinder halfen ihm natürlich dabei. Pilzen und wilde Kirschen gab es zu genüge. Abends saß dann die ganze Familie in der Küche am offenen Feuer, um die Herrlichkeiten zu brutzeln, die wir tagsüber gefunden oder gefangen hatten.

Wie schon erwähnt, für uns Kinder waren es Ferien ohne Ende. Wie abgeschnitten von aller Welt lag unser kleines, uraltes Haus versteckt im Walde. Man sprach davon, daß es in der Zeit der großen Revolution erbaut worden sei und daß sich darin allerlei üble Dinge abgespielt hätten. Nicht weit davon hatten Bauern eine Art Korral, das ist ein eingezäumter, offener Kuhstall, errichtet, in dem einige friedliche Kühe grasten. Gleich nebenan hauste in einem Verschlage ein Bulle, der durchaus nicht so friedlich war wie seine Nachbarinnen. Er brüllte laut, wenn er jemanden sah und versuchte in blinder Wut den Zaun mit seinem mächtigen Schädel umzurennen. Ein wahres Wunder, daß ihm das nicht schon lange gelungen war. Vor diesem Vieh hatten wir alle Respekt und wir nannten ihn " den roten Teufel ". Weiß Gott, das Biest machte seinem Namen alle Ehre, im üblen Sinne natürlich. Einige frei herumlaufende Hühner hatten sich in den Kopf gesetzt, jeden Morgen ihre Eier - laut gackernd - direkt vor unserer Haustür abzulegen. Es war eine erfreuliche und recht nahrhafte Angelegenheit für uns.

Dieses so idyllische Häuschen wurde aber in weiter Nachbarschaft von allen gemieden. Es hieß, es sei verhext und es ging darin um. Keine zehn Pferde hätten etwa einen Bauern aus den benachbarten Dörfern dazu bewegen können, auch nur eine einzige Nacht unter seinem Dache zu verbringen. Das bedeutete für uns eine relativ hohe Sicherheit. Es gab aber auch eine Menge Dinge, die uns sich sträubende Haare und Gänsehaut bescherte, denn - - es ging tatsächlich darin um. Die letzte Besitzerin des Hauses, die noch lebte und gelähmt war, erzählte uns, wie es ihr erging.

" Da sie allein war, hatte sie neben ihrem Bett eine Art Dreschflegel stehen, der dazu diente, Erbsen und Bohnen zu dreschen, eine Arbeit, die sie immer in ihrem Schlafzimmer zu erledigen pflegte. Öfter schon hatte sie absonderliche

Zeichnung aus Amor ex nihil bei Originalseite 22

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Geräusche gehört, aber geglaubt, daß es Ratten oder sonstige Tiere seien, die sich nachts in der Speisekammer an Speck und anderen guten Dingen gütlich taten. Je weniger sie sich jedoch um diese Dinge kümmerte, desto intensiver und frecher wurden die vermeintlichen Mäuse und Ratten. Oft fand sie am Morgen ihre Bohnen und Erbsen fein säuberlich über das ganze Haus verteilt. Einmal waren sie ganz verschwunden und lagen dann im Bett oder an sonst einem mehr oder weniger unmöglichen Ort. Das wurde dann der guten Frau doch zu viel und so beschloß sie, dem Treiben ein Ende zu machen. Sie stellte Rattenfallen auf und neben das Bett einen riesigen Prügel, eben jenen besagten Dreschflegel.

Befriedigt legte sie sich des Abends ins Bett und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Zunächst aber tat sich überhaupt nichts. Dann aber, an einem kalten Winterabend, passierte es. Das Feuer im Kamin hatte sie, wie immer, schön angeblasen, und im Kupferkessel, der über den Flammen hing, kochte die Bohnensuppe. Plötzlich, so erzählte sie, seien die Flammen ganz klein und grün geworden. Eine schattenhafte Figur sei vor dem Kamin erschienen und habe sich davor niedergekauert, sich dabei die Hände über dem Feuer wärmend. Unter diesen Händen hätten sich die Flammen geduckt und sich grünlich verfärbt. Wie eine riesige häßliche Fledermaus habe das Wesen ausgesehen. Dann, so sagte sie weiter, habe die Gestalt etwas hervorgeholt und ins Feuer gehalten, wie um es zu braten. Mit viehischem Schmatzen habe es angefangen, die abscheuliche Mahlzeit zu verschlingen - einen gebratenen menschlichen Kopf. Bei diesem Anblick sei sie, die Bäuerin, wie nicht anders zu erwarten war, in Ohnmacht gefallen. Erst am andern Morgen habe sie das Bewußtsein wiedererlangt. Tagelang traute sie sich nicht, das Feuer wieder anzuzünden und nachts ließ sie die Petroleumlampe brennen. Dann aber habe, wie sie uns mit leicht ironischem Lächeln sagte, der nüchterne Verstand gesiegt. Geister gibt es nicht, und kann es nicht sein, daß es nur ein Traum war oder die überreizten Nerven etwas vorgegaukelt hätten ? Also legte sie sich nachts wieder in ihr Bett und löschte das Licht, wie immer. Kaum jedoch hätte sie die Augen geschlossen, als es begonnen hätte fürchterlich zu windeln und um das Bett zu schleichen. Ein eiskalter Luftzug traf ihr Gesicht wie der Schleim eines ekelhaften Tieres. Eine Stimme hätte gestöhnt: "Mach' Feuer! Mach' Feuer - mich friert! Warum machst Du kein Feuer?" Von Angst gepackt sei sie aus dem Bett gesprungen, hätte den Prügel ergriffen und einen Schlag in Richtung der Stimme geführt. Ein unmenschliches durchdringendes Geheul sei die Antwort gewesen und es hätte geschrien: "Du schlägst mich?! Verfuchst seist Du! Verflucht sei der Arm, der mich schlägt!" Dann habe eine wohltuende Ohnmacht die Sinne der bedauernswerten Bauernfrau umfangen. Als sie wieder erwacht sei, sei der Arm gelähmt gewesen. Nach und nach griff die Lähmung auf den ganzen Körper über, und als sie uns ihre Geschichte erzählte, konnte sie nur noch im Rollstuhl gefahren werden.

Wir alle hielten sie für nicht ganz normal. Natürlich glaubten wir kein Wort von den Spukereien. Wer weiß, was in so einem kranken Hirn alles vor sich geht, sagte meine Mutter, und mein Onkel lachte, daß ihm der Bauch weh tat. Oft schockierte er uns, indem er sagte, er wolle endlich einmal einen saftigen Menschenkopf über dem Feuer rösten, schön knusprig müsse er werden. Nur meine Großtante hielt sich merkwürdigerweise zurück. Sie sagte nichts, aber mir fiel auf, daß sie uns immer spöttisch betrachtete, wenn wir auf diese Dinge zu sprechen kamen. Wußte diese außergewöhnliche Frau irgendetwas?

Tage später. - - Die Nacht hatte sich wie ein samtschwarzes Tuch über das Land gedenkt, die ganze Familie war um den Abendbrottisch versammelt. Es roch nach frischgebackenem Brot; das ganze Haus war erfüllt von dem feinen Duft. Die Unterhaltung floß lebhaft dahin, wie es unter Menschen südlichen Temperaments üblich ist. Plötzlich hörten wir über uns schwere Schritte, so, als ob jemand mit Reitstiefeln regelrecht durch Zimmer latscht. Dies

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ist wohl der beste Ausdruck, es war ein ausgesprochenes Latschen. Der Bissen blieb uns buchstäblich im Munde stecken. Ratten - ? Nein! - Partisanen, oder gar desertierte Deutsche, die sich versteckt hielten? Was's vielleicht gar Täuschung? Als wir aufhörten zu reden verstummten auch die Schritte über uns und eine Todesstille lastete über dem Hause. Ob sich die Schritte wohl wiederholen würden? - Wir warteten eine ganze Weile, aber nichts tat sich. Mit wesentlich geringerem Appetit setzten wir unsere Mahlzeit schweigend fort, bis eben wieder einer zu reden anfing. Was konnte es anders sein als die eigenartige Geschichte der gelähmten Alten, der das Haus gehörte, die die Schauermähr in die Welt gesetzt hatte. Kaum aber hatten wir unser Gespräch wieder aufgenommen, als es auch schon über uns los ging. Es trampelte, es schlürfte und tappte, als sei ein Regiment Soldaten auf dem Durchmarsch. Aha - nun war es klar, dort oben war einer, oder vielleicht sogar mehrere, und jedesmal, wenn wir aufhörten zu reden, verstummten auch die Schritte. Da gab es nur eine Lösung - nachsehen! Raus konnten die Kerle nicht, denn die Fenster waren verhältnismäßig hoch und so hätten sie über die Treppe und durch die Küche kommen müssen, in der wir saßen. Die ganze Familie bewaffnete sich also mit Besenstielen, Mistgabeln und ähnlichen Instrumenten, um den Dingen auf den Pelz zu rücken. Aber so sehr wir auch suchten, es gab nichts, was auf die Existenz irgendeines Fremden hindeutete. Leer waren die Zimmer, leer die Treppe. Das Nichts gähnte uns geradezu an. Der Mond sandte sein bleiches Licht durch die blinden Fenster, die stückweise noch vorhanden waren. Ein leichter Wind spielte mit den Spinngeweben, die von den Fensterkreuzen hingen, sonst lag alles da wie tot. Also - kein Spuk und auch kein versteckter Partisan. Wie wenig abenteuerlich, dachte ich, und ich empfand direkt ein bißchen Sehnsucht nach etwas unheimlichem. Immerhin war uns nach dieser Expedition der Appetit wiedergekommen und wir hieben tüchtig rein, ohne zu reden versteht sich.

" Ich möchte sehr wohl, daß er einmal käme, der, vor dem sich die Flammen ducken! "

Wie eine häßliche Spinne hing dieses Wort mitten im Raum und schaukelte hin und her. Jetzt hatten wir aber doch alle bedeutend an Farbe verloren, als wir uns dieser Ungeheuerlichkeit wegen starr ansahen. Nur die Großtante schien quickvergnügt, denn sie war es, die die Worte gesprochen hatte. Nein wirklich, heute war uns der Abend gründlich verdorben und so beschlossen wir, unsere Prachtbetten - Matratzen auf Stein - aufzusuchen. Mochte das Gespenst spuken so lange es wolle, ich war jedenfalls müde und würde herrlich schlafen - dachte ich.

Der kleine Jojo, der Bruder von Jeanette - dem Polenmädchen, wollte, bevor er schlafen ging, noch das Nachttöpfchen der Kinder hinaustragen, und da er ein Angsthase war bat er mich, ihn zu begleiten. Der Pfad, der vom Hause wegführte, machte nach einigen Metern eine scharfe Biegung. Dort befand sich auch ein gewaltiger Rotdornbusch, und eben da wollten wir das Töpfchen entleeren. Wir waren etwa noch zwei bis drei Meter von dem Strauch entfernt, als sich plötzlich eine leuchtende Gestalt vor uns erhob, die menschliche Umrisse zeigte. Sie war durchscheinend und schien im Lichte zu pulsieren. Der Junge stieß einen Schrei aus und fiel um. Das Nachtgeschirr ging dabei natürlich in Scherben. Ich selbst hetzte wie von Furien gejagt zurück ins Haus, um Hilfe zu holen. Keiner glaubte uns, was wir gesehen hatten, mochten wir es auch noch so sehr beteuern. Kindern haben eben Phantasie, meinte meine Mutter, und damit war der Fall für die Erwachsenen erledigt.

Nach dieser ungeheuerlichen Aufregung kamen wir dann doch noch zu unserer wohlverdienten Ruhe. Diese Ruhe war jedoch trügerisch, wie wir sehr bald erfahren sollten. Die großen Scheunentüren donnerten mit einem Male so gewaltig zu, daß wir entsetzt hochfuhren. Ein Brechen von Holz und das angstvolle Brüllen der Kühe in dem nicht weit von uns gelegenen Stalle - ich habe ihn schon einmal beschrieben - ergaben ein höllisches Konzert. In das

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infernalische Brüllen mischte sich ein Gelächter, das uns das Blut in den Adern gefrieren ließ. - So schnell wie der Spuck gekommen war verging er auch wieder. - Endlich - endlich hatten wir Ruhe, der Morgen war aber auch nicht mehr ferne.

Ich schlief tief und traumlos vor Erschöpfung bis in den späten Morgen hinein. Wir erfuhren dann, daß sämtliche Tiere, auch jener rote Bulle, ausgebrochen waren. Ein Schaf fand man tot im Graben. Sonderbarer Weise wies es keinerlei Verletzungen auf, es lag da wie ein schlafendes Kind. Einige der Kühe waren schon von allein zurückgekommen. Der Bulle aber schien die gewonnene Freiheit erst einmal genießen zu wollen. Viel später hat man ihn dann im Walde einfangen können.

Am nächsten Tage unternahmen wir alle zusammen einen Ausflug in die nähere Umgebung. Dabei entdeckten wir etwas sonderbares. Unter einem dichten wilden Dornstrauch fanden wir einen verwitterten Menschenschädel, und als wir nachgruben, legten wir ein fast vollkommen intektes Skelett frei. Ungefähr hundert Meter im Umkreis entdeckten wir zwei weitere Gräber, auf denen eigenartige kegelförmige Steine standen.

Meine Mutter beschloß nach diesen wenig ansprechenden Entdeckungen einen im Dorfe wohnenden Forstmann zu benachrichtigen, um mit diesem zusammen den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie suchten in der Nähe der Gräber weiter und stießen auf Steinstufen, die im Eingang eines unterirdischen Stollen mündeten. Sie stiegen hinab. Wenig später sahen wir Wartenden den Waldhüter mit kreidebleichem Gesicht aus dem Gang auftauchen, dicht dahinter meine Mutter. Ihre Erzählungen waren kurz und wenig aufschlußreich. Beide meinten, dort unten etwas gespürt zu haben, und der Waldhüter sagte, daß eine Krallenhand versucht hätte, ihm die Kehle zuzudrücken. Er hatte aber keinerlei Zeichen oder gar Wunden am Halse.

Du lieber Gott - das war hier ja eine ausgesprochene ungemütliche Gegend. Ich gestehe jedoch, mir war dieses Gruseln nicht unsympathisch, zumindest konnte man nicht sagen, daß es langweilig hier war.

Später wollten wir mit Verstärkung wiederkommen und alles genauestens untersuchen. Wir kamen auch, jedoch - da waren weder Knochen noch Gräber geschweige denn steinere Stufen oder gar unterirdische Gänge zu finden. Es war absolut nichts vorhanden von alle dem, was unser vorhergegangenes Abenteuer hätte bestätigen können. Alles war wie vom Erdboden verschluckt. Auch haben wir in der folgenden Zeit den Ort nicht wieder gefunden. Ja, selbst der kleine Weg, der uns dahingeführt hatte, existierte nicht mehr. Auf viele diesbezügliche Fragen gab es magere oder garkeine Antworten. Das Geheimnis wurde nie gelöst.

Nach diesen anfänglichen Abenteuern hatten wir endlich Ruhe auf dem Gebiet des Geheimnisvollen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Das Leben nahm seinen Fortgang mit all seiner Misere und auch mit seinen schönen Seiten. Für uns Kinder gab es ja immer irgendetwas zu entdecken. Es war Paradies und Hölle zugleich; Paradies wegen der Natur, Hölle wegen der Angst, eines Tages doch noch von den Deutschen aufgestöbert zu werden. Wußten wir, ob unter den Bauern der Umgebung nicht doch vielleicht ein Verräter war, der uns um eines Judaslohnes wegen verkaufte? - Es erwies sich jedoch, daß das Gegenteil der Fall war. Eines Tages machten nämlich die Deutschen in Arzac eine Razzia auf Partisanen. Das war nicht sehr weit von uns entfernt. Dabei erwischten sie einen jungen Mann, der ihnen verdächtig vorkam und hängten ihn auf.

Man benachrichtigte uns rechtzeitig, und so war es möglich, den ganzen Tag in einem Waldversteck zuzubringen.

Spät in der Nacht kehrten wir zurück und fanden, daß die Deutschen nicht in unserem Hause gewesen waren. Leute aus der Nachbarschaft erzählten meiner Mutter, die Soldaten wären um das Haus herumgelaufen wie blinde Hühner, die etwas suchen und nicht finden. Einer habe sich sogar buchstäblich dem

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Schädel an der Hauswand gestoßen, habe dann verblüfft in die Luft gestarrt und sei dann laut fluchend und kopfschüttelnd weitergegangen.

Wir lachten alle recht herzlich über den Vorgang. Aber ganz schnell verging uns das Lachen. Was war eigentlich vor sich gegangen? Ja zum Teufel noch mal! Hatten denn die Soldaten das Haus überhaupt nicht gesehen? Mein Onkel, der sonst immer faule Witze zu machen pflegte, meinte: "Irgendwie war mir Bayonne doch ein wesentlich unkomplizierteres Pflaster. Hier ist der Wurm drin, und das kein kleiner!" Als wir die Diele betraten und auf den Tisch sahen, griff nachträglich nochmals die Angst nach uns. Mitten auf dem Tisch lag friedlich das in Hebräisch geschriebene Gebetbuch meiner Großtante. Sie hatte es in der Eile liegen lassen. Dieses Büchlein hätte unser Todesurteil bedeutet, wenn die Deutschen es gefunden hätten; zumindest wäre uns aber Deportation sicher gewesen. Es war aber anders gekommen. Aber welche Macht war das wohl, die imstande war, solche Dinge in Scene zu setzen? Damit jedoch nicht genug des Guten! Denn erst jetzt erfuhren wir, daß dort, wo wir uns sicher glaubten, ganz in der Nähe die Stellungen und das Hauptquartier der Partisanen - der sogenannten Maquis - lag. Daher auch die Flugzeuge, die dauernd in der Nähe kreisten und manchmal ganz dicht über den Baumkronen dahinstrichen.

Die Zeit verging langsam und träge wie eine Naturgewalt, die durch nichts sich aufhalten läßt, und der Vergleich stimmt sogar, denn die Zeit ist eine Naturgewalt, die imstande ist, zu zerstören, vergessen zu lassen und zu trösten.

Als Pont Long, das war die Festung der Deutschen, in die Luft flog und die Amerikaner einrückten, war für uns der Krieg zu Ende. Freude und Traurigkeit wohnten unter einem Dach, Freude über unsere Rettung und Trauer um die Verlorenen, die nun nie mehr unter uns sein würden. Der Krieg und die gnadenlose Vernichtungsmaschine hatten sie verschlungen.

Wir dachten natürlich daran, nach Bayonne zurückzukehren. Es vergingen jedoch noch ganze sieben Monate, bis es so weit war. So konnten wir noch einmal das Erntedankfest und die Weinlese mitmachen. Das waren seit langer Zeit die schönsten Tage, die wir zusammen mit anderen Menschen feiern konnten ohne Angst und ohne schwere Gedanken. Wir freuten uns, überlebt zu haben, und alle freuten sich mit uns.

So kam dann jener Morgen heran, da ich zum letzten Male aus der windschiefen Haustür trat um mich zu verabschieden von den Menschen, die uns für eine lange Zeit Unterkunft und Schutz gewährt hatten. Wir empfanden tiefe Dankbarkeit für jene, die ohne Zweifel ihr Leben für unsere Sicherheit aufs Spiel gesetzt hatten. Ich drehtemich noch einmal um, um einen allerletzten Blick auf den mir so vertraut gewordenen Weg zu werfen, mit seinen Büschen, Hecken und wilden Rosen. Obwohl ich noch ein Kind war spürte ich auf einmal ganz deutlich, daß hier ein Stück meines Herzens hängen bleiben würde. Hier ging eine Periode, ein Abschnitt meines Lebens zu Ende. Es war, als würde ich meine Kindheit, die unbeschwerte, zu Grabe tragen. Als ich mich von den Nachbarn verabschiedete, setzten sie mir ein letztes Mal das hier landesübliche Schinkenomelette vor, das diesesmal aber schön salzig mit Tränen gewürzt war. Dann bestiegen wir den klapprigen Maultierkarren und fuhren den Weg zurück, den wir vor langer Zeit einmal in umgekehrter Richtung gegangen waren, und unsere guten Freunde, die Familie Gaye, gaben uns das Abschiedsgeleit. An der Hauptstraße setzten sie uns dann ab und fuhren zurück.

Da saßen wir also nun wieder am Straßenrand, und der Wagen, der uns von Bekannten aus Bayonne, der Familie Dusarrat, zugesagt worden war, ließ sich weit und breit nicht sehen. Spät in der Nacht endlich kroch ein

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lahmes und schnaufendes Vehikel auf uns zu, das sich als das versprochene Auto entpuppte, ein alter Holzvergaser, der wohl noch aus Noah's Zeiten zu stammen schien. Steifgefroren und hungrig bestiegen wir den "Luxusdampfer".

Heute, nach zwanzig Jahren, träume ich von einer Rückkehr dorthin, wo sich die mir heiligen Ruinen befinden. Ruinen deshalb, weil ganz kurze Zeit nach unserer Abfahrt das Haus in Trümmer sank. Es war, als hätte es mit unserem Aufenthalt eine letzte Aufgabe erfüllt - seine Uhr war abgelaufen. Träume meiner so kurzen Kindheit und von den Spielen an den Ufern des kleinen klaren Flüßchens, das sich Luy de France nennt. Vergangen - hinweggetragen von den Wellen, wie die trockenen Blätter, die wir Kinder so oft auf dem Gewässer schwimmen ließen.

" Wenn Du, mein liebster Adon, der Du in jenen anderen so geheimnisvollen Dimensionen lebst, die Geister grüßen kannst, die uns zwar Schrecken einjagten, aber auch auf so wunderbare Weise beschützten, so tue das bitte für mich. Ich wäre Dir dankbar dafür. "

Die ersten Nachkriegsjahre mit ihrer ganzen Turbulenz und hektischer Hetze öffneten mit als Kind von sieben Jahren die Augen recht unangenehm weit, und meine Ohren lernten die echten und die falschen Töne mit schmerzender Deutlichkeit empfinden. Die Tore meines Herzens und meiner Seele verschlossen sich gegen alles und jedes. Ich wurde das, was man eine Einzelgängerin nennt.

" Ah - wie - Ihr lebt ja noch! Wie ist das nur möglich? Wir glaubten, Ihr wäret alle tot! " Genau das waren die Worte, mit denen wir in Bayonne von unserer neuen Hausbesitzerin empfangen wurden. Von denen hatten wir angenommen, es wären unsere besten Freunde. Vor dem Kriege war sie eine kleine Angestellte und er ein Buchhalter gewesen, jetzt waren sie Mitbesitzer einer großen Brauerei und mehrerer Häuser. Gerüchte sprachen von Collaboration mit den Deutschen. Die auf diese Weise erhaltenen Gelder verwandten sie dann zum Aufkauf der Aktien der nahezu verarmten ehemaligen Besitzer der Brauerei. Dasselbe geschah wohl auch mit den Miethäusern. Es war kein freudiges Erstaunen sondern eher eine peinliche Feststellung, denn sehr bald sollten wir auch erfahren, weshalb die Freude so außerordentlich gering war, uns wiederzusehen. Man hatte unsere gesamte Wohnung fein säuberlich ausgeräumt. Die Hausbesitzerin hatte mit unseren Möbeln die Villa ihres Sohnes ausstaffiert, die Zimmer selbst in Gebrauch genommen. Nach einigem Zögern stellte sie uns dann aber die Hälfte unserer ehemaligen Räume zur Verfügung, die Möbel aber sahen wir nicht mehr wieder. Heute erst erfasse ich eigentlich die ganze abgrundtiefe Schlechtigkeit und Unverfrorenheit dieser Typen. Das bigotte Gehabe dieser Maden und Leichenfledderer jener Zeit erregt noch heute meinen Brechreiz.

Immerhin, als wir den ersten Abend " zu Hause " verbrachten, bot sie uns zwei Büchsen Ölsardinen an und einige Scheiben trockenes Brot. Nun, für uns war es im Augenblick ein wahres Festessen - ausgehungert und müde wie wir waren von der anstrengenden Fahrt. Eine Ewigkeit schon hatten wir keine Fischkonserven mehr gegessen, fast kaum noch kannten wir den Geschmack.

Die Nachkriegszeit kam mir vor wie ein einziges großes Chaos, eine Agonie, die bis in unsere Tage hineingreift und noch kein Ende zu finden scheint. Alle Ideale, die meine Generation von der Kindheit her gerettet hatten, fielen in sich zusammen wie morsche Bretter, die innerlich von den Termiten so angefressen sind, daß ein Hauch genügt, um sie zu Staub zerfallen zu lassen. Und heute? Es hängt schon wieder das drohende Kriegsschwert über uns und wahre Ungeheuer an Vernichtswerkzeugen drohen die Menschheit zu verschlingen. Nichts deutet darauf hin, daß Vernunft und

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Einsicht den Lauf der Dinge aufhalten könnten, denn der Haß schlägt helle Flammen in aller Welt. Dieser Haß ist wie eine Krankheit, deren giftiger Keim bereits in jedem einzelnen Individuum steckt. Es mag eine Art Degenerationserscheinung sein, wer mag das zu sagen? Die giftigen [Lesung unsicher: und abstoßenden] Hampelmännchen in der Hand skrupelloser Verbrecher, die sich frech die Gloriole der höchsten Obrigkeit umhängen - Staatschefs - Scharlatane - Hexenmeister moderner Prägung, sie werden die Welt wieder in Blut in Tränen stürzen! Sie tun es zum Teil jetzt schon mit einer Kaltschnäuzigkeit ohne gleichen. Wer vermag heute noch den Hut vor irgend einem Verantwortlichen zu ziehen? Seht sie euch doch an - die eitlen aufgeblasenen Gockel, wenn sie mit gespreiztem Gefieder eine Parade abnehmen! Sie platzen bald vor Dummheit und Arroganz! Je länger die Nase, je höher die Ränge und Orden, desto kleiner das häßliche und impotente Kriegerhirn! Sie' genau hin, wenn Soldaten marschieren! Du siehst eine Armee von Totenköpfen und Skeletten vorüberziehen; ein wahrer makabrer Totentanz, zu dem der Teufel die erste Geige spielt! Menschenfleisch kostet weniger als Schweinefleisch!

Die Sonne zieht sich zurück und mit ihr verschwindet auch das Lächeln aus dem Gesicht der Menschheit. Angeweht wie ein Hauch ist die Eiseskälte und der Mißmut. Die Gemüter umdüstern sich. Betrogen hat der Sonnenstrahl die Menschen, nur ganz kurz hat er ihnen eine schönere Welt vorgegaukelt, jetzt fällt die Maske! Die Gespenster der Finsternis heben wieder ihr Haupt. Wie eine ungeheure Kraftwelle jagt dieser schwarze Strahl ins All hinaus und verdichtet sich dort zu einem Monster, das in einer furchtbaren Eruption der Wut und des Hasses eines Tages seine Krallen nach dieser - ach so schönen Erde ausstrecken wird. Das große Drama nimmt seinen Lauf.

22. Juni 1964.

Endlich kann ich einmal aufatmen. Mein Mann und der Kleine sind eben gegangen. Sie machen einige Besorgungen - und so bin ich eine zeitlang allein. Seit ich Dich kenne, mein Liebster, ist mein Dasein mit seltsamen Leben erfüllt. Aber so richtig spüre ich das nur, wenn ich Dich in meiner Nähe weiß. Doch meine Taten und meine Gesten sind nicht frei, mein Mann bindet mir die Hände. Er beobachtet mich mit einem Argwohn ohnegleichen. Einmal hatte er gehört, wie ich Deinen Namen aussprach, und seit der Zeit weiß ich, daß er sich mit dem Gedanken trägt, mich von einem Nervenarzt untersuchen zu lassen, eventuell mich sogar behandeln lassen, wenn es nicht besser mit mir würde. Er sagte mir wörtlich: "Wenn Du nicht aufhörst, mit diesen eigenartigen Geistern zu reden, dann muß ich Dich doch einmal in eine Nervenklinik bringen, dort treibt man sie Dir dann schon aus. Oder soll ich vielleicht Deine oder Deinen Geist auslöschen, hinwegfegen, dorthin, von wo er gekommen ist? Glaubst Du, ich wäre dazu nicht imstande?"

Liebster, ich traue ihm zu, daß er es wohl kann, denn letzten Endes ist er ja Magier, und ich glaube bestimmt, daß er imstande ist, die scheußlichsten Höllengeister zu mobilisieren, wenn er wirklich weiß, daß es Dich gibt. Noch ist er im Zweifel, was er tun soll. Aber wie lange noch? Wie rasch kann sich das ändern, und was dann?

Heute morgen ist es sehr heiß. Ich habe mit Freuden ein leichtes, aus königsblauer Seide bestehendes Sommerkleid angezogen und meine Haare hochgebunden. Die Pfingstrosen im Garten, die dieses Jahr sehr spät blühen, sind nun endgültig dahin; aber die Kornblumen leuchten nach wie vor im tiefen Blau. Unter dieser Flut von Licht und Hitze fühle ich eine süße Schwere in meinem Körper. Die Sonnenstrahlen tanzen in den Blättern des großen Baumes vor meinem Fenster. Es ist ein sehr später Frühling, der sich da präsentiert. Er ist gewissermaßen überreif und man kann ihn schon mehr als Frühsommer bezeichnen. Bei uns zu Hause, in meinem fernen süd

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lichen Lande ist der Frühling eine einzige Symphonie von Farben und Blumen, eine Invasion von Primeln, Maiblumen, Osterglocken und anderen liebreichen Gesellen der Natur, und das Jahr für Jahr - ohne Ende. Ein schöner Strauß von warmen Licht, Vogelgezwitscher, Brummen und Summen der Bienen und Hummeln, ein Aufflammen der Leidenschaften von Himmel und Hölle, lodernd wie die Flamme des Feuers am Johannistag.

23. Juni 1964.

Ich nippe heute morgen vom Kelche des Frühsommers. Die ersten Rosen sind aufgeblüht im Garten. Irgendein Vogelpaar hatte sein Nest in den wirren und dornigen Zweigen des Rosenstrauches gebaut. Die Poesie der Natur ist unnachahmlich und wohl auch unerreicht.

Gestern abend saß ich im Garten und betrachtete den in orangefarbenen Tönen glühenden Himmel. Einzelne Wolken hingen wie Fetzen eines Vorhanges herab und hatten purpurne und ockerfarbene Lichter. Im Norden türmte sich eine enorme enthrazitfarbene Wolkenwand auf und ließ den Eindruck eines gewaltigen schwarzen Gebirges entstehen. Dieses monströse Gebilde wandelte sich und wogte wie die See im Gewittersturm. Es formte sich ein Himmel, dessen Aussehen apokalyptische Formen hatte. So mußte wohl auch dem Seher Johannes das letzte Gericht erschienen sein vor seinen geistigen Augen. Mich jedoch erinnerte der Himmel an das Gespenst des Atomkrieges.

Da hatte ich eine Vision - ganz plötzlich:

Inmitten der Wolkenmassen sah ich einen Mann, groß aber gebeugt. Er hatte langes weißes Haar und einen ebensolchen Bart. So sah ich ihn, auf einen knotigen Stock gestützt, seinen Weg gehen aus dem Unendlichen ins Unendliche, immer im Kreise herum - ohne Ende. Er ist einsam, seine Schüler sind tot, seine Freunde haben ihn längst verraten, er aber verläßt sie nicht. Vielleicht ist es Christus, vielleicht der ewig umherirrende Jude Ahasverus, oder beides - Leidender und Prophet. Ist es gar Gott selber? Hat er nicht als ein Sieger den Glauben an seine Geschöpfe nicht verloren und beginnt immer wieder von vorne den Weg zu unseren Herzen zu suchen, ohne daß sich auf seinem edlen Antlitz auch nur ein Anflug von Müdigkeit oder Skeptizismus zeigt? Auf seinem Rücken trägt er einen Sack voll Illusionen und Hoffnungen, und auf diesem Sack lese ich den Namen: Schicksal. Als er an mir vorüberzieht habe ich ihm zugelächelt und sein Gepäck wurde um ein weniges schwerer. In seinen abgrund-tiefblauen Augen sah ich einen Funken Hoffnung aufglimmen.

Enzo, mein Mann, kommt in diesem Augenblick durch den Garten und ich fürchte, daß er mit dem Alten zusammen stößt, aber der geht durch ihn hindurch als sei er Luft und geht seinen Weg unbeirrt weiter, ohne sich umzuwenden.

Mein Herz schlägt wild gegen die Gitter des Käfigs, die es umschließen.

Ich muß für einen Augenblick die Augen zumachen, um wieder zu mir zu kommen. Als ich sie wieder öffne ist die Erscheinung verschwunden. An seiner Stelle sehe ich meinen Mann, der eine böse Miene aufgesetzt hat und mich anklagend ansieht. Ich fühle, wie es in ihm brodelt, ein gefährliches Feuer, das noch von der Asche der Vernunft bedeckt wird.

Freitag - 25. Juni 1964 - abends.

In einem uralten und schon ganz zerfledderten Werk über Magie, das ich in der Bibliothek meines Mannes entdeckt habe, fand ich die Praktiken, wie man mit den Mächten des Jenseits in Verbindung treten kann und wie es gemacht werden muß, um einen Pakt mit ihnen zu schließen. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Inhalt des Buches ganz begriffen hatte, denn es war in einem so altertümlichen Französisch geschrieben, daß es mir große Mühe machte, den Sinn richtig zu deuten. Pakt mit dem Bösen - mit Lucifer, so nannte sich das Buch. Ob wohl etwas daran wahr ist?

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Magische Evokationen habe ich ja schon gemacht, aber einen Pakt mit einem Höllenwesen oder, wie die Magie sagt, mit einer negativen Intelligenz, an so etwas habe ich bis jetzt noch nie gedacht. Ob es wohl gefährlich ist?

Und was bringt es ein? Es ist wie verhext - der Gedanke an einen Versuch läßt mich jetzt einfach nicht mehr los! Es fasziniert mich, mit einer solchen Macht konfrontiert zu werden und eventuell mit ihr einen Pakt abzuschließen. Kann mir das die Befreiung bringen - und was wäre der Preis für so eine Hilfe? Was würdest Du, liebster Adon, zu dieser Sache wohl sagen? Bin ich überhaupt magisch schon so weit geschult, daß ich eine solche Operation unternehmen kann? Anrufen und evozieren von Toten und niederen Geistern - das ja! Ich habe es schon mit Erfolg durchgeführt, damals, als ich Dich suchte, Dich - meinen Liebsten - zu mir herüber zu ziehen. Aber die Mächte der negativen Finsternis - dazu noch die höchsten Intelligenzen? Kann das gut gehen? Fragen, nichts als Fragen!

Ich sitze in meinem Zimmer und studiere bei Lampenschein immer wieder das kleine Buch, es zieht mich an wie ein Magnet. Es ist ein Originaldruck aus dem Jahre 1412 und muß ein kleines Vermögen gekostet haben. Beim Lesen bin ich etwas eingenickt und plötzlich ist mir, als sage jemand an meinem Ohr: " Was wartest Du denn noch! Es geht bestimmt gut! Du kannst es! Du kannst es sogar sehr gut! " Erschreckt fahre ich hoch und sehe mich um. Nichts - wie zu erwarten war. Fange ich jetzt schon an Stimmen zu hören? Nun ja, im Halbschlaf hört und sieht man so allerhand, tröste ich mich selber. Bestimmt bin ich einer Täuschung zum Opfer gefallen. Da - ich höre es schon wieder und eine Gänsehaut überläuft mich. Ganz deutlich sagt etwas: Was wartest Du noch? Die Stunde ist günstig! Beginne das Werk jetzt - gleich - oder nie! "

Was ich nun tue mache ich wie in Trance. Ich ziehe den magischen Kreis und schreibe, wie es im Buche steht, die Namen der Wesenheiten rund-herum: Asaradel - Amaserac - Berkaial - Akibeel. Um den Kreis herum stelle ich neun Kerzen auf und in den Kreis ein kleines Becken mit glühenden Holzkohlen. Mit fliegenden Händen beginne ich mich zu entkleiden. Nakt bin ich unter der kühlen Seide meiner schwarzen Kutte. Dann hole ich aus der Bibliothek meines Mannes den Dreizack. Er hat ihn in schwarze Seide eingewickelt. Behutsam nehme ich das Instrument und drücke es an mich. Es ist nicht zu erwarten, daß mein Mann heute noch zurückkommt, und der Kleine schläft schon. Also habe ich freie Bahn. Das mir wieder so ein Fiasko passiert wie in jener Vollmondnacht, ist gänzlich ausgeschlossen, ich bin gewappnet. Ich lösche das Licht und betrete den Kreis. Das Buch habe ich bei mir, denn in der kurzen Zeit kann ich das Ritual unmöglich auswendig lernen. Es schlägt elf Uhr - ich beginne das Zeremoniell.

Als erstes werfe ich etwas Weihrauch und eine Messerspitze Schwefel in die Flammen des Kohlenbeckens. Innerhalb von Sekunden ist die Luft des Zimmers mit einer schweren spannungsgeladenen Atmosphäre erfüllt. Dann hebe ich den Dreizack und lese laut die erste Anrufung:

" Im Namen Adonay, Elohim, Jotchavach, Hel, Yac, Yin! Im Namen des mächtigen Engels Mitraton ........ - und so fort - ......, ich bitte Dich,

....., erscheine! Erscheine! "

Diese erste Anrufung spreche ich so oft, wie es vorgeschrieben ist.

Dann warte ich etwas und werfe neue Räucherung auf das Feuer. Daraufhin spreche ich die Formel nochmals so oft, wie es verlangt wird. - Es geschah nicht! Zweifel begannen in mir hochzukriechen, Zweifel und Angst. Spielte ich hier etwa mit Dingen, deren Verlauf ich später nicht mehr kontrollieren oder gar aufhalten konnte? - Egal, der erste Schritt war getan und nun gab es kein zurück mehr. Das Ritual schrieb jetzt die erste Drohung vor. Ich nehme also allen Mut zusammen, stecke die Spitze des Dreizacks ins Feuer und spreche die vorgeschriebene Drohung. Während des

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Sprechens hielt ich die magische Waffe ins Feuer. Die Eisenspitzen begannen bereits zu glühen. Da! - ich glaube, in dem Augenblick stellten sich meine Haare buchstäblich auf - erhob sich ein Sausen, ein Gewinsel und Seufzen, wie an einer jüdischen Klagemauer. Ich schaudere, eine unwahrscheinliche Kälte fällt ins Zimmer. Sie ist so stark, daß meine Zähne anfangen zu klappern, war ich doch nackt unter meiner Kutte. Alles dies dauerte jedoch nur einen kurzen Augenblick, dann war wieder tödliche Stille, nur das Knistern der Kohlen im Becken war das einzige Geräusch im Raum.

Aber nun wurde es auf einmal unausstehlich heiß und der Schweiß begann mir von der Stirne zu perlen - sonst geschah nichts, garnichts.

Nach dem Ritual kam jetzt die große Appelation an die Reihe. Mit - ich gebe zu - zitternden Händen faßte ich das Grimoirium, steckte die Gabel in die Flamme und las mit erhobener Stimme:

" Ich beschwöre Dich ......., erscheine! Erscheine! "

Wegen der Länge der Appelation kann ich den vollständigen Text nicht niederschreiben.

Was ich erwartete, trat nicht ein, nämlich ein Donnerschlag, Blitz und Schwefelgestank und ähnliche unangenehme Dinge mehr.

Zwei bis drei Meter vor dem Kreis schlug lautlos eine helle glänzende Flamme aus dem Boden, dann erhob sich eine große Gestalt direkt vor mir, schlank, ganz in einen schwarzen Umhang gehüllt, zwei mächtige schwarze Schwingen reichten bis nahezu auf den Boden herab. Lange blonde Locken umflossen ein ernstes und strenges Gesicht, dessen Augen in einem abgründigen Grün leuchteten. Ein heller, fünfzackiger Stern schwebte über seinem Haupte, dessen einer Strahl nach unten gerichtet war.

Wie gelähmt stand ich und starrte die Erscheinung an. Lange stehen wir so und unsere Blicke fressen sich ineinander. Dann vernahm ich eine Stimme, die wie der Ton von Glocken klang.

" Sieh an ", hörte ich es sagen, " nun ist unserm kleinen Hexlein der Atem weggeblieben. Du hast mich gerufen - nun, hier bin ich! Was willst Du von mir? Oder hast Du etwa erwartet, daß ich mit Bocksfüßen, Schwanz und Hörnern erscheine, sozusagen als Kinderschreck und Monstrum? Also - was willst Du? "

Er ist es, die personifizierte Kraft der Finsternis und des Lichtes zugleich. Er war atemberaubend schön! Das konnte doch nicht der Böse sein, der Teufel!?

" Doch Myrrh, kleine Hexe, ich bin's! Oder glaubt Du vielleicht, ich sei der alte Adonay in Persona? Aber ich weiß bereits, was Du willst. Du möchtest den Packt - so ist es doch, nicht wahr? "

" Es ist so ", höre ich mich mit rauher Stimme antworten. " Deine Forderung? ", höre ich ihn sagen.

" Höre, Lucifer ", antworte ich, " ich wünsche, daß Du mir beistehst in allen Dingen, wenn ich Dich rufe, egal, um was es sich handelt. Fünfzig Jahre sollst Du meinen Ruf hören, dann will ich dem Deinen folgen. "

" Angenommen! - Reiche Deinen Arm aus dem Kreis heraus, den linken! "

Ich tat's. Ein seltsam geformtes Instrument blitzte in seiner Hand auf. Ohne jeden Schmerz spürte ich, wie er mir damit Blut aus der Ader zog. Das Ding sah aus wie eine Kristallfiole und ganz wunderbar war sie geschliffen. Sie funkelte wie ein Diamant in tausend Lichtern.

" Ich möchte gerne solch eine Fiole haben, oh Herr ", sage ich. Seine Augen schienen mich durchbohren zu wollen. Dann lachte er leise und sagte: "Der Vertrag gilt, kleine Hexe. Tritt nun ohne Furcht heraus aus dem Kreise". Ich tue, wie mir geheißen.

Da fühle ich, wie mir das Gewand vom Körper gleitet. Etwas hebt mich auf und trägt mich auf's Bette. Dann dringt es heiß und brünstig in

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mich mit einer Kraft und einem Feuer, wie ich es nie erlebt habe. Mein Körper windet sich unter der Brunst des Wesens, dessen heißes Glied wie eine Naturkatastrophe in mir wütet. Dann spüre ich, wie ein glühender Strom männlicher Kraft sich in mich ergießt und eine wohltuende Ohnmacht umfängt mich.

Ich erwache und habe ein Gefühl, als sei ich unter eine Straßenwalze geraten. Alle Glieder tun mir weh. Ich liege nackt auf meinem Bette. Ich weiß ganz genau, was geschehen ist. Ich bereue es nicht, auch nicht den Akt. Wen betrüge ich denn schon damit? Adon vielleicht, aber für den tue ich dieses ja. Er wird mir schwerlich zürnen. Ich erhebe mich und werfe mir meinen Morgenmantel über. Dann räume ich die Spuren der Evocation beiseite und lege den Dreizack und das Buch sorgsam an ihren Platz zurück. Als ich ins Schlafzimmer trete, sehe ich auf meinem Nachttisch etwas blitzen und in wunderbaren Farben schimmern. In einem schwarzen Kästchen liegt eine sonderbar geformte und herrlich geschliffene Kristallfiole. Er hat sein erstes Versprechen eingehalten.

Mit behutsamen Fingern entnehme ich vorsichtig die Kostbarkeit ihrer Hülle und drücke sie zart an meine Lippen, dann verschließe ich sie in meiner Schmuckkassette. Es ist vier Uhr morgens, als ich endlich in einen tiefen und befreienden Schlaf falle. Ein wahres Glück, daß mein Mann heute Nacht nicht nach Hause zu kommen scheint. Wahrhaftig, ich könnte ihn jetzt nicht ertragen.

29. Juni 1964.

Gestern war das Wetter so schön, daß mich die Lust packte, alles liegen und stehen zu lassen. Gegen zwei Uhr verließen wir drei das Haus Hand in Hand, das Herz in Feiertagsstimmung. Es war zwar sehr heiß, aber eine leichte laue Brise machte diese Hitze angenehm und erträglich. Zu beiden Seiten des Waldweges konnte man Stauden und Walderdbeeren finden, die einzeln schon reife Früchte trugen, auf die sich der Kleine natürlich mit wahrer Lust stürzte. Ein Hügel lag träge in der Sonne wie eine riesige Eidechse, und an seinen Hängen wuchsen roter Fingerhut und Ginster. Ich ging vom Wege ab und durchstreifte das Gehölz, unter dessen krachenden Zweigen, trockenen Blättern und Moos herrliche Pilze wuchsen. Es machte mir viel Spaß, sie zu suchen. Noch mehr Freude gab mir dieses Herumsuchen in der Erde, deren würziger Duft frohe Erinnerungen in mir weckten. Ab und zu allerdings drang in unsere empfindlichen Nasen der abscheuliche Geruch einer Stinkmorchel, so als sollten wir daran erinnert werden, daß auch die Natur ihre Schattenseiten hat, sehr übelriechende sogar. Trotzdem konnte nichts meine Freude dämpfen, auch nicht ein ganzes Heer dieser stinkenden Kinder Floras.

Vorbei an kleinen Rinnsalen, deren silbernklares Wasser über blankgewaschene Steine führte, näherten wir uns unserem Ziele.

Ein kleiner weißer Schmetterling gaukelte sonnentrunken vor uns her und seitlich auf einem Stein lag zusammengerollt eine Ringelnatter, die wohl von einem fetten Frosch oder ähnlichen Leckerbissen träumte. Ein Eichelhäher stob vor uns auf und suchte sein Heil in der Flucht. Wir sind am Ziel! Der Ort nennt sich Kaisertempel. Steil fällt der Felsen ab. Man hat einen wunderbaren Ausblick auf das Städtchen, das sich an den Felsen anschmiegt. Schmuck und sauber liegt es da mit seinen trauten Dächern, den schlanken Türmchen und seinen blumengeschmückten Balkonen. Wie ein Vorhang hängt die Sonnenglast über den Bergen, die mit Wald bedeckt sind und golden fallen seine Fransen darüber.

Wir haben uns zu Füßen einer kleinen Steinpyramide niedergelassen, ein Denkmal, das zu Ehren des Musikers und Romantikers Mendelsohn errichtet wurde. Ein leichter Wind streicht über die Bäume dahin und zerzaust mir meine Haare, und im Singen des Windes war mir, als hörte ich die Melodien des Meisters, Werke, die ich so sehr liebe. Ganz in der Nähe befindet

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sich ein kleines Restaurant, in das wir dann einkehrten. Auf der laubenüberdachten Terrasse ließen wir uns dann an einem kleinen Tische nieder, und ich bestellte mir, ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten, einen guten Wein und gab mich der sommerlichen warmen und lichtdurchfluteten Stimmung hin.

Das war also der gestrige Tage. Ohne weitere Erlebnisse ging er, schön wie er angefangen hatte, zu Ende. Ein Tag Zufriedenheit, ein Tag des Glückes.

Heute morgen jedoch hatte ich bereits ein seltsames Erlebnis.

Ich stehe im Zimmer und schaue in den Garten. Da war es mir, als bewege sich ein ungeheurer, dunkler Schatten vor meinem Fenster. Ich reiße es auf, doch nichts rührt sich. Alles liegt still und wie leergefegt da. Eine kalte Angst greift mir ans Herz und der Schweiß perlt mir von der Stirn. Was war denn das nun schon wieder? Allmählich fällt es mir auf die Nerven, eine Art Antenne für okkulte Phänomene zu sein. In jeder Ecke kann irgendetwas lauern, was einem Angst und Schrecken einjagt. Fürwahr, keine angenehme Gabe, die ich da in mir entwickelt habe.

So überraschend es gekommen war, so schnell vergeht auch wieder mein Schreck. Was der Teufel auch soll denn auch schon gewesen sein? Ich weiß doch, daß ich manchmal die Ausstrahlungen der über uns wohnenden Hausbesitzerin als häßlichen schwarzen Schatten empfinde. Wozu also Angst haben? Sie hat eine schwarze Aura, und genau so ist auch ihr Charakter. Aber im Augenblick pfeiffe ich auf alles, was mir nicht angenehm ist. Ich verscheuche die unheimlichen Fledermäuse der Nacht. Ich will Sonne - Licht und leben, leben, leben, fröhlich sein, so als sei es das letzte Mal.

Freitag, den 9. Juli.

Da sitze ich also in der Falle. Seit rund einer Woche lebe ich wie eine Gefangene meines Mannes und muß unter seinen Anfällen von Eifersucht und Wut leiden. Schon morgens, wenn ich aufstehe, finde ich die Tür verschlossen. Ich kann nicht einmal in den Garten gehen um Luft zu schnappen. Will ich an meine Mutter schreiben, so muß ich ihm den Brief laut vorlesen. Er selbst bringt ihn dann zur Post. Mir ist, als würde er jeden Schritt, den ich tue, überwachen und hinter jeder Tür lauern, um mich beobachten zu können. Zu jeder Stunde muß ich bereit sein, seine Küsse und seine plumpen Liebkosungen, ja sogar den Akt ertragen zu müssen. Manchmal packt mich ein derartiger Ekel, daß sich mir der Magen umdreht und ich fürchten muß, mich jeden Augenblick zu erbrechen.

Gestern war es, ich konnte einfach nicht mehr, ich wies ihn ab. Da hob er die Hand gegen mich und schlug mich. Es war das allererste mal, daß so etwas geschah, daß er seine Nerven verlor. Er schrie mir die unglaublichsten Beleidigungen ins Gesicht, so laut, daß es wahrscheinlich die ganze Nachbarschaft vernommen hat. Ich vermute, er hat Deine Gegenwart entdeckt. Mit Hilfe seiner magischen Praktiken wird ihm das wohl irgendwie gelungen sein. Seine Machtlosigkeit, uns zu trennen, hat dazu beigetragen, daß er jegliche Kontrolle über sich verlor. Diese Dinge werden es auch sein, die ihn zu dem werden lassen, was er jetzt ist, ein wütendes Nervenbündel. Ich glaube nicht, daß er einen von Grund auf bösen Charakter hat, auch nicht, wenn er außer sich zu sein scheint. Die Lawine rollt aber schon, wer vermag sie noch zu bremsen?

Wenn ich es mir genau überlege, muß ich gestehen, daß mich eine große Schuld trifft. Ich bin untreu, untreuer als irgendeine Frau je sein kann. Der Kampf, den er führt, ist ein Kampf mit wahrhaft ungleichen Waffen. Die Würfel sind gefallen - ich kann und ich will nicht mehr zurück! Du, Adon, und ich sind nun die unerbittlichen Gegner des einzigen Menschen geworden, der mir je als Mann nahe stand, und ich gebe zu, den ich auch

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einmal liebte. Aber seine Liebessucht und seine perversen Triebe haben es dahin gebracht, daß ich mich von ihm abgestoßen fühle. Selbst mit dem besten Willen zur Macht, die ich aufbringen kann, und weiß Gott, ich habe Geduld, ich will mich einfach nicht mehr diesen ungezügelten Trieben ausliefern, den Trieben eines menschlichen Tieres, das nur daran denkt, seine animalischen Lüste zu befriedigen. Dir aber, mein Liebster, will ich treu bleiben, mit allen sauberen Gefühlen, die ich habe und die mich vor der fressenden seelischen Gangräne bewahren, mein seelisches Ich retten und mir den Weg zu Dir offen halten. Heute bin ich es, die über ihn - meinen Mann - triumphiert, trotz aller seiner Intelligenz und seines Wissens. Jawohl, ich triumphiere über ihn, der gebunden ist an seine morbiden physischen Eigenschaften, Triebe und Lüste. Er, der ein wahrer und weiser Magier sein will, begreift einfach nicht, daß man geistige Kraft nur durch eine gewisse Askese in allen Dingen erreichen kann. Er sieht der Wahrheit nicht ins Gesicht, sondern versteckt sich hinter banalen Phrasen, nur um einmal mehr seine geilen Triebe in mir auszutoben. Ein Typ, wie er ihn darstellt, habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Wohl aber hatte ich als junges Mädchen eine bestimmte Vorstellung von einem Menschen, der man einen üblen Genießer zu nennen pflegt und der in der Literatur auch immer wieder auftaucht, um minderjährige Mädchen auf's Bett zu werfen oder sie auf die Kniee zu ziehen und die Hand unter ihre Röcke zu schieben. Dieses Bild habe ich vor Augen, wenn er bei mir ist und sich keuchend und stöhnend in meinen gequälten Leib hineinarbeitet. Manchmal fließt ihm sogar der Geifer aus seinen Mundwinkeln und dann der widerliche tierische Aufschrei im Höhepunkt der Wollust - wie sich dagegen alles in mir sträubt!

Als ich ihn kennen lernte trug er die perfekteste Maske, die es ja gegeben hat. Und auch noch einige Jahre während unserer Ehe verstand er es geschickt, den Gentlemen zu spielen. Aber immer mehr blätterte diese dünne Schicht ab wie schlechter Gips, langsam wird das wahre Gesicht erkennbar. Was sage ich, Gesicht? Nein, Gestalt, die wahre Gestalt tritt heraus ...., groß, muskulös, feister Bauch, Doppelkinn und fast kahler Kopf, dazu kleine glitzernde Augen mit graugrünem satanischem Blick. Der Mund ist scharf wie eine Rasierklinge, die Lippen zu einem perversen Lächeln verzerrt. Selbst seine Nase, die schief im Gesicht sitzt, reagiert auf seine erotischen Gedanken, die unter seiner hohen fliehenden Stirn dahinschleimen. Ja, so etwas habe ich nun zum Mann genommen, und - Hohn des Schicksals - haargenau an der gleichen Stelle wie bei mir hat er im Gesicht zwei Muttermale. Stigma diaboli hat man im Mittelalter zu diesen Zeichen gesagt, wenn zwei oder mehrere Menschen sie an der gleichen Stelle trugen. Oder hat dieser alte Aberglauben doch eine tiefere Bedeutung? Immerhin ist es doch so, daß er im Grunde genommen der einzige Mensch ist, den ich als Schild gegen die Angriffe des Lebens vor mich stellen konnte. Zugegeben, der Schild war morsch und morbide, ein falscher eingebildeter Schutz. Aber ich fühlte mich trotzdem sicher. Der Zweck heiligt die Mittel, wie man so schön und unsentimental sagt. In unserer Gesellschaft spricht man das Wort "Liebe" sehr schnell und leicht aus ohne dabei wirklich nachzudenken, was es überhaupt bedeutet. Ich meinerseits würde, wenn ich überlege, dies so ausdrücken: Die Macht der Gewohnheit. Ja, das ist es wohl, was mich an mein Foyer bindet, entgegen allen negativen Umständen, die daran zu hängen pflegen und die ich eben stillschweigend hinnehme.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, so ist meine Situation gegenüber vielen anderen doch noch sehr angenehm und Akzeptabel. Ich meine damit, daß wenigstens keine geistige Öde in meiner Ehe herrscht, bis jetzt wenigstens noch nicht. Nichts ist übler, außer den erwähnten Eigenschaften, als die Dummheit, und die uns umgebende Gesellschaft strotzt geradezu davon. Ich glaube, ich gehe nicht fehl, wenn ich meinen Mann als eine Art ver

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kommenes Genie bezeichne. Sein Hirn ist wie eine exakte Maschine, die in genialer Art Gedanken formen und Ideen hervorbringen kann. Aber sein übersteigerter sexueller Trieb verhindert ihn diese Ideen zu realisieren. Dieser Trieb bremst sozusagen seine physische Aktivität. Er verwandelt den wohlverdienten Erfolg genau ins Gegenteil. Es ist aber besser, wenn jemand ein verkommenes Genie ist, das in allen Farben schillert und schwer oder garnicht zu begreifen ist als:eine fade und farblose Persönlichkeit. Mich haben immer die Extremfälle angezogen, für den Durchschnittsmenschen habe ich wenig über. So ist denn mein Schicksal nicht ganz unverdient.

Ich kann nur hoffen, daß unser Sohn nicht die schlechten Eigenschaften von uns beiden geerbt hat - womöglich noch in konzentrierterer Form.

Im August wird er fünf Jahre alt und doch ist er schon charakterlich fertig-geformt. Er hat seinen eigenen Kopf, wie man landläufig sagt. Er lehnt es ab, kommandiert zu werden. Er will es gerne selber tun und wahrt seine Unabhängigkeit, die für so ein kleines Wesen wohl einmalig ist. Er ist jedoch auch sehr anhänglich und zärtlich, was denjenigen, der einmal seine Arroganz und seine extremen Wutanfälle miterlebte, in Erstaunen setzen würde. Gegen jede Art von Autorität revoltiert dieser kleine Mann in der Weise, wie ich sie vorhin erwähnte. Er ist ein sehr schönes Kind, nur hat er leider die Angewohnheit, die Grimassen, die er seinem Vater abgeschaut hat, in möglichst noch stärkerer Form wiederzugeben. Natürlich kann er auch vor solch einem schlechten Exemplar keinen allzu großen Respekt haben. Ich - siehst Du - ich bin anders veranlagt. Ich suche auf alle Fragen möglichst eine exakte Antwort. Ich bin eines jener Wesen, die nie seelisch, geschweige denn körperliche Ruhe finden. Ich habe weder übermäßige Intelligenz noch bin ich hübsch im Sinne des Wortes. Ich bin eine Frau jener Sorte, vor der man im Allgemeinen kein großes Aufheben macht, weil sie den Eindruck erweckt, simpel und unbedeutend zu sein.

Ich habe meine Prinzipien, die ich versuche in die Praxis umzusetzen mit unbeugsamen Willen. Täglich führe ich einen unbarmherzigen inneren Kampf, um all das kaltblütig zu akzeptieren, was sich in meinem Leben und darum herum abspielt, um - wenn irgend möglich - noch als Siegerin daraus hervorzugehen oder zumindest den schlimmsten Schlag aufgefangen zu haben. Innerlich lebe ich mein eigenes Leben, schreibe Gedichte und Geschichten, um keine Minute der kostbaren Zeit zu verlieren. Um dem Desaster zu entfliehen habe ich mir eine eigene Welt aufgebaut, an die ich fest glaube, eine Welt der platonischen Liebe, Schönheit, Wahrheit und Reinheit, Güte und Weisheit. In mir besteht diese Welt in ihrer ganzen Realität, das ist gewiß wahr, eine Welt, in der sich mein Körper und mein Geist ausruhen können - Atem holen können in der reinen Luft eines unendlichen Daseins.

13. Juli - nachts.

Eine ungewöhnliche Nervosität liegt in der Luft, und die Natur ist wie mit Elektrizität geladen. Diese zitternde Spannung überträgt sich in einer lähmenden Art und Weise auf den Menschen. Das ist an sich nichts ungewöhnliches. Wir haben Vollmond und es scheint, als konzentriere sich diese gewaltige Kraft in der glänzenden Scheibe, die wiederum ihre magnetischen Strahlen mit vernichtender Wucht auf die Erde zurückschleudert. Ohne diese unheilschwangeren Schwingungen wäre der heutige Abend geradezu zum Träumen und Phantasieren prädestiniert. Eine tiefe Ruhe schwebt über uns, in den Abgründen jedoch diabolisches lauert, um jeden Augenblick hervorbrechen zu können. Ich fühle, wie eine mephistische Hitze aus der Erde aufsteigt, so, als hätte sich ein Schlund der Hölle geöffnet. Ich kann mir nicht helfen, meine Nerven sind bis zum äußersten gereizt und angespannt, und meine Hände zittern wie die Nadel eines durch störende Felder abgelenkten Kompasses. Es ist wie verhext. Ich muß mich

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setzen, um den Aufruhr der Gefühle zu beruhigen. Es will mir aber nicht recht gelingen, dieses Gewitter, das ausbruchsbereit in meinem Herzen sitzt, zu vernichten. Dieses Unwetter konnte sich wohl in der Natur nicht austoben und ist in mich gefahren wie in einen Blitzableiter. Nun steckt es in mir wie in einem Kondensator und versucht im menschlichen Körper mit der Kraft eines entfesselten Elementes, was die Natur ihm verwehrte. Ich warte auf den befreienden Regenguß, aber er kommt nicht. Oben am Himmel hängt,wie ein häßliches aufgedunsenes Etwas, der volle Mond und scheint mich böse anzuschauen. Die Zeit verfließt und mein Fieber steigt. Die Stille ist wie ein dichter Vorhang, hinter dessen Schutz sich ungeheuerliche Dinge abspielen, als seien sie in einer anderen Dimension. Fast möchte ich sagen, ich höre das Inferno, das sich dort irgendwo im Verborgenen austobt.

Ich erwarte meinen Mann, aber er kommt nicht. Ich ärgere mich so, daß ich heulen könnte. Wenn man ihn braucht ist er nicht da. Unser Junge schläft schon, nachdem er, wie üblich, stundenlang dagegen ankämpfte. Wie glücklich er wohl sein mag in seinem Reich der Träume. So erhebeich mich und beginne zu gehen, irgendwohin. Die Absätze meiner Schuhe klacken leise auf dem Pflaster der Straße. Automatisch lenke ich meine Schritte dorthin, wo sich das Labor meines Mannes befindet, wo er, so glaube ich, sich im Augenblick aufhält bei wer weiß was für obskuren Experimenten. Als ich mich ungefähr noch drei bis vier Schritte von der Tür entfernt befinde, über deren Schwelle ein fahles eigentümliches Licht fällt, packt mich plötzlich eine ungeheure Hitzewelle. Ich fühle mich dahinschmelzen - ja schmelzen ist der richtige Ausdruck für dieses Gefühl. Wie ein Stück Butter in einer heißen Pfanne. Dann ist mir, als flösse ich unter der Tür hindurch, hinein in die Hexenküche eines verrückten Genies. Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf einer Art Steinblock, vollkommen nackt. Eine teuflische Kraft nagelt mich auf diese Liege so, daß ich kein Glied rühren kann.

Was ich nun schreibe, habe ich mit ganz wachen Sinnen erlebt! Trotzdem war es mir nicht möglich, mich zur Wehr zu setzen geschweige denn mich in Sicherheit zu bringen.

Das ganze Labor war mit schwarzen Tüchern verhangen, auch der Tisch oder vielmehr eine Art Altar, auf dem ich lag, dahinter brannten sieben riesige, dicke Kerzen. In jeder Ecke verbreitete eine Lampe mit roter Flamme ein eigenartiges Licht. Mein Mann war mit einer schwarzen Mönchskutte bekleidet, auf der bestimmte Symbole aufgestickt waren. Die Kapuze hatte er über den Kopf gezogen, außerdem trug er eine rote Maske. Seine Hände steckten in roten Handschuhen; die Füße trugen, so weit ich sehen konnte, nur Sandalen und keine Strümpfe. Um den Körper hatte er eine rote Kordel geschlungen, an deren Enden zwei häßliche Totenköpfe baumelten. Sie hatten ungefähr die Größe einer Kinderfaust. Einen ähnlichen Schädel hatte er um den Hals ebenfalls an einer roten Schnur hängen. In einem Dreifuß brannte ein Feuer mit einem blassen grünlichen Schein.

Ein Schreck durchfuhr mich heiß! Das waren ja die Präparationen einer großen Dämonen-Evokation! Die Vorbereitungen zu einem Pakt waren ganz anderer Art. Das hier war eine Operation, die unter Magiern unter dem Namen "Höllenzwang" bekannt ist. Richtig, ich sah Dreizack, Schwert und Dolch, alle drei Waffen auf einmal. Was hat er sich da vorgenommen?

Den Fußboden konnte ich nicht erkennen. Sicherlich befand sich dort der magische Kreis. Ich wußte genau, was nun kommen würde und alles krampfte sich in wilder Abwehr in mir zusammen. Vergebens, ich vermochte mich nicht zu rühren.

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Nun näherte er sich mir, in der Hand einen kleinen im Schein der Kerzen blitzenden Dolch. Mit einer raschen Bewegung ritzte er mir meine beiden Schenkel auf und tupfte das rinnende Blut mit einem Schwamm ab, den er auf den Dreizack steckte und ins Feuer hielt. Zischend stieg ein dicker, übel stinkender Dampf auf. Dann warf er sich um mich. Es war mir, als rasten Legionen von Teufel durch meinen Leib. Er stieß in mich und verströmte sich mit einem bestialischen Aufschrei. Unser heiseres Keuchen war das einzige, was in der drückenden Atmosphäre hing - dann gab es lange Zeit nur abgrundtiefes Schweigen.

Ich hatte das Bewußtsein verloren. Als ich wieder zu mir komme steht er im Kreis vor dem Feuer, mit erhobenem Dreizack. Mein ganzer Körper schmerzt und meine Schenkel schmerzen. Ich spüre, wie immer noch Blut an ihnen entlang läuft. Immer noch war ich starr.

Dann höre ich die Worte der Beschwörung schauerlich durch den Raum hallen:

" So beschwöre ich Dich denn, Lucifer, Fürst der Hölle, Deinen Aufenthalt, wo immer er sei, zu verlassen und hier vor mir zu erscheinen ....... ."

Mehrere Male tönte diese Rufung durch den Raum; aber es geschah nichts. Da steckte er den Dreizack in das Feuer, und nun ging ein Seufzen und Raunen durch den Raum, daß sich mir die Haare sträubten. Dann wieder diese harte Stimme: "So beschwöre ich Dich denn, oh Geist, mit der großen salomonischen Rufung und befehle Dir, Dich mir zu zeigen .......... ."

Dann steckte er die Gabel zum zweiten Male ins Feuer.

Ein infernalischer Lärm erhob sich und ein Windstoß drohte die wild flackernden Kerzen zu verlöschen; Funken stoben aus dem Kohlenbecken nach allen Seiten.

Es war ein Lärm, als hätte man tausend Katzen mit ihren Schwänzen zwischen eine Tür geklemmt.

Jetzt war die Stimme meines Mannes schrill und hoch geworden, als er, wie in Ekstase, folgende Worte ausstieß und dabei jedesmal mit dem Dreizack ein Dreieck mit der Spitze nach unten in die Luft schrieb: " Lucifer, Ouia, Cameron ......, erscheine! Erscheine! "

Zuerst war nichts! Dann schoß eine kleine blaue Flamme aus der Wand und blieb schwebend im Raume hängen. Es roch nach Schwefel. Dann zerriß ein Donnerschlag die Stille und an Stelle der Flamme konnte man eine Gestalt bemerken. Sie schien in rötlichem Scheine zu leuchten. Ein finsteres Männergesicht, aus dem die Augen wie Kohlen glühten, wurde nun sichtbar. Eine Stimme grollte durch den Raum:" Ich bin Nebiros, der Bote des Fürsten! Weshalb rufst Du uns mit dem Blutbann einer Frau? Sprich ganz schnell, denn meine Zeit ist bemessen!"

Dann sprach mein Mann: "Diese Frau, oh Geist, ist meine Frau. Ich glaube bemerkt zu haben, daß sich ein Schemen ihrer bemächtigt hat und in das sie verliebt zu sein scheint. Dieses Schemen wird immer frecher und lebenstüchtiger; es wächst, ich spüre es. Nun denn, oh Geist, mein Wunsch sei, mein Befehl sei ......, vernichte dieses Wesen mit Hilfe Deiner höllischen Kraft. Löse es auf und wirf es ins Nichts zurück, aus dem es gekommen ist."

" Ist das alles? ", dröhnt das schreckliche Wesen, " ist das alles? "

" Ja, das ist es ", hörte ich meinen Mann antworten.

Meine Gefühle sind in Aufruhr. Adon ist verloren! Wer kann gegen diese Kraft bestehen? ... Aber, .... aber wieso denn? Habe ich nicht auch einen Vertrag mit dem Höllenfürsten? Ist dieses Wesen dort nicht sein Diener? So also läßt der Lichtengel seine Geschöpfe martern? Was habe ich denn anderes erwartet, was denn, denke ich verbittert.

Da höre ich wieder diese tiefe hohntriefende Geisterstimme. Ich glaubte, daß nun das Todesurteil für meinen Liebsten kommt.

" Dein Wunsch ist abgelehnt, Erdenmensch! ", dröhnt es. "Dein Opfer taugt nichts! Was uns gehört kann man uns nicht auch noch opfern, Du kleiner

Zeichnung aus Amor ex nihil bei Originalseite 37

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Hexenmeister! Damit bricht der Bann, Du Erdenwesen! Ich könnte Dir das Genick umdrehen und Dich mitnehmen, aber ich will Dich nicht! Wisse, daß dieses Weib nicht mehr das Deine ist! Sie gehört Dir so wenig wie mir der Heiligenschein des arroganten und eingebildeten Engels Raphael!"

Dann kann ich erkennen, wie dieses Wesen die Hand gegen die Kerzen ausstreckt, sie verlöschen. Mit einem metallischen Knacken brechen die Beine des Dreifußes. Eine Flut glühender Kohlen ergoß sich über den Boden und verbreiten einen infernalischen Gestank. Ein Blitz zuckte aus der Hand des Geistes, der sich Nebiros nennt, und zerbricht den Dreizack in der Hand meines Mannes, als sei er ein dünnes Stückchen Holz. Lautlos stürzt mein Mann zu Boden. Ich sehe eine Hand auftauchen und ein Finger berührt die Wunden an meinen Beinen. Dann zerreißt ein greller Blitz - gefolgt von einem furchtbaren Donnerschlag die Scenerie. Im gleichen Augenblick spüre ich, wie meine Kräfte wiederkommen, ich bin nicht mehr gelähmt. Tintenschwarze Finsternis umgibt mich, irgendwo tickt monoton ein Wasserkran und es riecht nach verglimmenden Kohlen.

Vorsichtig erhebe ich mich und taste nach dem elektrischen Schalter, ungefähr weiß ich, wo er ist. Ich stolpere über etwas weichem auf dem Boden, dann habe ich den Kontakt erreicht und ich mache Licht.

Flackernd entzünden sich die Neonröhren und beleuchten ein makabres Durcheinander, zerbrochene Kerzen, umhergestreute Kohlen - noch rauchend. Der Geruch angesengten Stoffes hängt in der Luft - es ist zum Erbrechen. Die schwarzen Tücher hängen wie traurige Lappen von den Wänden und das Tuch auf dem Altar ist feucht und klebrig - Blut. Der Magen dreht sich in mir und ich muß mich übergeben. Danach ist mir wohler.

Ich reiße die Fenster weit auf und atme die frische Luft. Auf dem Fußboden liegt mein Mann, ein dünner Blutfaden rinnt aus seinem geschlossenen Munde.

Jetzt merke ich auch, daß ich gar nicht mehr nackt bin. Ich trage das Kleid, das ich an hatte, als ich hier ankam. Meine Schenkel zeigen nicht die Spur einer Verletzung - seltsam.

Ich räume die schwarzen Fetzen und all den Brimborium beiseite und säubere, so gut es geht, den Fußboden. Als nichts mehr an das Vorgefallene erinnert greife ich zum Telefon und wähle die Nummer unserer Ärztin. Mit müder Stimme höre ich mich sagen: "Mein Mann hatte einen Unfall im Labor, bitte kommen Sie rasch." Dann lasse ich mich in einen Sessel fallen und warte - warte.

Weder mein Mann noch ich kamen in der folgenden Zeit auf diesen Vorfall zurück. Er wohl, um nicht seine absolute Niederlage eingestehen zu müssen, ich nicht, weil ich keine andere Möglichkeit sah, im Augenblick mein Leben grundlegend zu verändern. Wir waren beide vernünftig genug einzusehen, daß wir, so wie die Dinge lagen, nicht auseinander gehen konnten, schon des Kindes wegen nicht.

2. August 1964 - Paris.

Gestern sind wir von N. abgefahren, dieser kleinen arroganten deutschen Stadt, die voll von Vorurteilen ist und wo der Regen so häufig ist wie die Bosheit ihrer Bewohner.

Da sind wir nun in Paris, diesem Monster mit dem gefährlichen Appetit, das seine Opfer verschlingt ohne ihnen Gelegenheit gegeben zu haben, zur Ruhe zu kommen. Der Weg war lang, wir fuhren im Auto meines Bruders. Die Sonne schien und die Blumen, die an den Wegesrändern standen, waren so schön, daß es einem gar nicht so recht zum Bewußtsein kam. Ich gab mich ganz dem Zaubers eines Sommers hin, den ich mir so sehr herbeigesehnt

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hatte und der mich nun mit seiner ganzen Fülle von Eindrücken überfällt. Verstehst Du das, Liebster?

Am andern Tage - morgens.

Heute morgen bin ich allein und ich träume in den Sonnenschein hinein, der durch die Fenster hindurch ins Zimmer fällt, die weißen Bettlaken golden färbt. Aber ohne Dich, mein Liebster, komme ich mir vor wie ein Fisch, den man an den Strand gezogen hat und nun hilflos auf dem Sande zappelt. Ein Ozean von Licht fällt auf eine Wüste von Traurigkeit. Die Stunden sind schnell vergangen - es ist jetzt fünf Uhr abends. Ich höre am Radio ein Konzert von Bach. Es ist von einer religiösen Tiefe, die die Grenzen der Seelen sprengt und einsame und böse Gedanken zurück wirft, hinaus in den eisigen Nordwind der Reinheit, der die bleifarbenen unheilgeladenen Wolken unsauberer Gefühle hinweg fegt.

Tage später.

Nun schreiben wir schon den siebenten August. Ich hatte bis jetzt keine Zeit gefunden, mit Dir zu plaudern.

Wir sind hier in einer herrlichen Gegend im Cantal - Südfrankreich. Das Wetter zeigt sich von seiner strahlendsten Seite und ich genieße meine Ferien mit vollen Zügen.

Gestern, in dem Schiff der mächtigen Kathedrale von St. Four, hatte ich die große Freude, plötzlich in Kontakt mit Dir zu kommen und Dir wieder versichern zu können, wie unendlich stark das Band ist, das uns beide fesselt. Es sollte wie eine Offenbarung sein an diesem heiligen Ort unter den Klängen einer Orgel, deren mächtiger Ton bis in die letzten Winkel drang. Nur wir beide waren da inmitten des Heiligtums, wie der Kern einer Frucht, umgeben von süßem Fleisch.

Ich bat meinen Mann, mit uns zusammen die Reliquiensammlung der Kirche zu besuchen. Aber er verfiel in eine derartige Krise von Wut, wahrscheinlich gemischt mit Furcht, daß ich schnell davon abließ und wieder in die Kathedrale zurück ging, wo meine Mutter und mein Bruder auf uns warteten.

Lionel war mit uns, braungebrannt und munter wie ein Fisch im Wasser, die Augen voller lustiger Funken. Ich finde ihn wunderschön und verstecke das auch nicht, weil die Schönheit etwas so Rares ist, daß man nicht einfach darüber hinweg sehen darf.

Es ist Abend. Trotz der großen Distanz, die uns trennt, spüre ich ganz deutlich Deine Gegenwart. Jeder hier spürt sie, ohne jedoch den Mut zu haben, es offen zu bekennen, höchstens durch dumme und unangebrachte Bemerkungen und plumpe Plaisanterien. Aber ich weiß, während sich auf mysteriöse Weise die Tür öffnete ohne ersichtlichen Grund, daß Du es bist, der gekommen ist; daß die Schritte im leeren Zimmer nebenan die Deinen sind, und daß die kleine Schwalbe, die wir gestern Nacht in der Küche fanden, niemals durch geschlossene Fenster und Läden hätte eindringen können. Dieser kleine, so zutrauliche Vogel, den ich in meiner Hand hielt, brachte mir die Nachricht von Dir und ich habe sie wohl verstanden, wenn sie gab mir eine tiefe Ruhe und Frieden.

Samstag abend.

Am Nachmittag haben wir zusammen Johannisbeeren gepflückt, während ein feiner Nieselregen fiel, und jetzt ist es empfindlich kühl. Doch schon brennt in dem altertümlichen Küchenherd ein flackerndes und prasselndes Feuer. Diese Stimmung bringt meine Gefühle immer ein wenig in Aufruhr. Personen aus meiner Vergangenheit steigen wie bleiche Gespenster auf und versinken wieder im Nichts. Manchmal geht auch alles ein bischen durcheinander, Menschen und Dinge, die einst um mich waren. Alles ist dann

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in ein geheimnisvolles Licht getaucht, in dem sie tanzen wie die Marionetten.

Bevor wir Deutschland verließen machten wir noch die Bekanntschaft eines Hochgradbruders einer Loge und seiner charmanten Frau. Wir haben einander versprochen, uns zu schreiben. Dieser Besuch freute mich sehr. Ich spürte deutlich, daß irgendetwas Neues in mein Leben getreten war. Ich bin nicht mehr für große Abenteuer zu haben, wohl aber für ein kleines Plätzchen irgendwo, wo Seele und Körper sich ausruhen können. Ruhe - nur Ruhe, das ist meine größte Sehnsucht. Ich habe das Verlangen, diese neue Bekanntschaft zu pflegen, ich setze eine gewisse Hoffnung in sie. Sie zieht mich an. Aber erst muß ich die Angst und den Zweifel in mir besiegt haben, die Furcht, einen Fehler damit begangen zu haben. Weiß ich denn heute schon, was mir das Morgen bringen wird?

Heute abend werde ich, bevor ich schlafen gehe, die unbekannten und verborgenen Kräfte bitten, mir die ungeheuren Schmerzen zu nehmen, die schon seit rund drei Monaten meinen Kopf quälen. Kein Medikament konnte mir bis heute eine Erleichterung bringen.

Nachts.

Ich erwache davon, daß mir etwas flüssig-widerliches über das Gesicht läuft. Ich schrecke auf, mache Licht, und da sehe ich es. Aus meiner Nase schießt es wie aus einem Brunnen - der fürchterliche Druck um meine Stirn ist gesprengt. Man hat mir geholfen. Endlich kann ich voll durchatmen und die Lungen mit der herrlichen Luft füllen, ohne glauben zu müssen, vor Schmerzen zu vergehen. Ich sende ein Stoßgebet des Dankes an meinen Retter.

Beruhigt schlafe ich wieder ein.

Am andern Morgen.

Ich stehe auf voller guter Laune. Draußen hat die Sonne wieder die Herrschaft ergriffen, ein neuer schöner Tag bereitet sich vor.

Wir haben beschlossen, heute abend eine Art primitiven Spiritismus zu praktizieren, nicht sehr ernst zu nehmend in weiser Voraussicht des dummen Skeptizismus der andern. In dem alten Bauernhaus, in dem wir hier während unserer Ferien wohnen, haben wir in einem leeren Zimmer einen kleinen runden Tisch entdeckt, und mein Mann meinte, daß dies das rechte Instrument für derartige Sitzungen sei. Meine Mutter und einige ihrer Bekannten haben ein solches Experiment schon einmal versucht, ohne jedoch ein brauchbares Resultat erzielt zu haben. Nach der Erzählung soll sich damals der Tisch in die Luft erhoben haben und wie toll durch das Zimmer gewalzt sein. Mein Mann und ich haben vor einiger Zeit eine Totenbeschwörung durchgeführt, aber aus sehr seriösen und triftigen Gründen. Ich wollte mit jemanden in Kontakt treten, den ich im Leben sehr gerne gehabt hatte. Wir haben auf unsere Fragen auch Antwort erhalten, aber der Geist schien unendlich weit entfernt gewesen zu sein, denn es erforderte äußerste Aufmerksamkeit, um alles richtig zu verstehen und zu deuten. Diese Seance wollen wir demnächst wiederholen, zu zweit - versteht sich. Von der heutigen Anrufung werde ich morgen erzählen, das heißt, wenn bei der Einstellung der andern überhaupt irgendein Resultat erzielt werden kann.

Von der alten Dorfkirche schlägt es elf Uhr, die Klänge verwehen über den Dächern des mittelalterlichen Dorfes. Einige der Bauern werfen wohl jetzt noch einmal einen Blick in ihre Ställe bevor sie sich schlafen legen, denn hier und da blitzen in der stockfinsteren Nacht Laternen auf, die einen schwachen Schein verbreiten, um dann zu verschwinden wie sie gekommen waren. Die Luft ist rein und klar. Wenn ich nicht so eine Skeptikerin wäre, würde ich sagen: Alles sieht sehr ruhig und friedlich aus.

Die Abende und Nächte sind hier in 900 Meter Höhe natürlich kühl, dafür entschädigen uns aber die Tage, die wir bis zur Neige kosten, denn heim

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lich müssen wir schon an die Zeiten denken, da alles vorüber sein wird und der widerliche Alltag seinen Tribut fordert. Ich kann meinen Mann jetzt sehr gut verstehen, wenn er sagt: " Es gibt keine Gegenwart, denn alles, was jetzt im Augenblick ist, das gehört eine Sekunde später schon der Vergangenheit an. Es gibt nur Vergangenes, und das ist unwiederbringlich verloren. Es gibt das Zukünftige, das aber rasch in die Vergangenheit versinkt. So leben wir ständig in der Hoffnung auf Kommendes, denn das, was im Augenblick ist, das ist eigentlich schon gar nicht mehr. Eines Tages werden wir das Ziel unseres Lebens erreicht haben und an den Punkt kommen, da ein Erwarten des Zukünftigen sinnlos geworden ist. Dann existiert nur noch Vergangenheit in uns, und auch sie selbst ist sinnlos geworden, weil es keine Antwort nach dem Später gibt, es sei denn, Zeit und Raum werden inexistent und das unendlich Raum- und Zeitlose nimmt uns auf. Dann ist alles eins: Gegenwart - Vergangenheit - Zukunft, Akasha - alles ist in allem !"

Zu dieser Stunde bereiten wir uns darauf vor, unsere okkulten Talente unter Beweis zu stellen. Die ganze Familie versammelt sich im sogenannten Salon.Hier muß ich einfügen, daß dieser Salon ein winziger Raum ist, an dessen tiefhängender Lampe sich mein Mann des öfteren den Kopf eingerannt hat. An seinem lauten Fluchen konnte ich genau die Male zählen, wann es geschah, am Tage so ein- bis zweimal. Jedenfalls hatten wir dann immer etwas zu lachen. Im besagtem Salon also sollte die Seance stattfinden. Jeder hatte irgend etwas zu sagen und gab seinen "Senf" zu Dingen, von denen er in Wirklichkeit keine blasse Ahnung hatte. Hauptsache die Stille wird überbrückt.

Wie immer lodert ein Feuer im Ofen und die knackenden und knisternden Holzscheite tun das ihre dazu, die Spannung auf den Siedepunkt zu treiben.

Von der Decke verbreitet besagte Hängelampe ein tranfunzeliges Licht, und zwei mächtige Deckenbalken, von Würmern zerfressen, warfen eigenartige Schatten. Es war genau die Stimmung, die man sich bei gruseligen Geschichten vorzustellen pflegt.

Mein Mann erhebt sich und gebietet Ruhe. Jedem weist er seinen Platz an dem runden Tusch zu. Wir setzen uns und bilden die Kette, indem wir die Hände leicht auf den Tisch legen und dabei die des Nachbarn berühren. Plötzlich, es sind kaum einige Minuten vergangen, erhebt sich im Zimmer über uns ein Riesenlärm. Etwas läuft mit schweren Schritten hin und her, daß die morschen Bretter aufstöhnen und wir unwillkürlich unsere Köpfe einziehen. Eine Tür öffnet sich mit einem durch Mark und Bein gehenden Quitschen. Der "Eindringling" setzt seine Visite ungeniert fort. Jetzt rumort er - oder es - im Schlafzimmer. Kurz entschlossen springe ich auf, renne die Treppe hinauf, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Tür steht weit offen und ich starre ins Zimmer, ehe ich mich entschließe Licht zu machen. - Nichts ist jedoch zu sehen, nicht einmal die alten Vorhänge, die so lang sind, daß sie fast den Boden berühren, bewegen sich. Hinter mir höre ich ein Geräusch - die Tür hat sich leise geschlossen, ohne zu quitschen und zu knarren. Dann verlöscht das Licht.

Jetzt wird es mir aber auch zu bunt und ich trete den Rückzug an. Da ich nichts sehen kann krieche ich auf allen vieren zur Tür, reiße sie auf und stolpere die Holzstufen hinunter. Just, als ich unten ankomme flammt das Licht wieder auf und von den Meinen werde ich mit erwartungsvollen Gesichtern angestarrt. Leider konnte ich ihre Neugierde nicht befriedigen.

Die Lust an weiteren Experimenten war meiner Mutter und meinem Bruder vergangen und, welch ein Wunder, sie halten nicht einmal lange Diskussionen über den Vorfall. Wir gehen also zu Bett, das einzig Vernünftige, was man tun kann, wenn die Nerven leicht angekratzt sind.

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Am folgenden Tage.

Das herrliche Wetter hält an. Das Dorf, in welches wir uns einquartiert haben, ist wirklich ein verlassenes Stückchen Erde. Einmal in der Woche kommt ein wackliges Auto die miserable Straße herauf und bringt Brot, Fleisch und sonstige Haushaltsartikel. Für uns aber ist dies Abgelegene eben das Richtige. Mit uns meine ich jetzt mich und meinen Mann, nicht meine Mutter und nicht meinen Bruder. Die beiden können ohne Großstadtbetrieb einfach nicht leben, und ich merke wohl, daß sie sich hier wie verloren vorkommen. Sie langweilen sich zu Tode, sie sind so geistlos, daß sie der herrlichen Natur absolut nicht ihre verborgenen Geheimnisse ablauschen können.

Die Bevölkerung hier ist hoffnungslos überaltert. Jugend sieht man hier nur wenig. Sie wandern meist in die Stadt ab wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Hier gibt es keine angemessen bezahlte Arbeit für sie. Am Dorfausgang befindet sich eine kleine Epicerie, das ist eine Art Spezereiladen und der einzige Treffpunkt der Bewohner des Dorfes und der weiter entfernt liegenden Höfe. Dort befindet sich auch die Post, auf deren ausgetretenen Stufen Tag für Tag ein alter gelähmter Mann hockt, der stur vor sich hin stiert und in dem gegenüber liegenden, baufälligen Hause wohnen zwei Typen mittleren Alters, die den größten Teil ihres Lebens dem Studium des Weines gewidmet haben. Ich meine damit, daß sie fast dauernd betrunken sind und in ihren lichten Augenblicken das bischen Geist darauf konzentrieren, die feisten Hinterteile und strammen Schenkel der vorübergehenden Bauernmägde zu begutachten.

Im Hofe, direkt vor unserem Fenster, spielen ein Paar nicht gerade sehr saubere Mädchen. Ihre Kleider sind in einem lamentablen Zustand, an den Füßen tragen sie uralte Schlappen. Das ist nun die Kehrseite der Medaille im Gegensatz zu den Schönheiten der Natur, die in überreichem Maße geboten werden.

Die Mädchen sind im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren, und man hat den Eindruck, als ob hier die männliche Jugend fehle. Eine unter ihnen, sie heißt Jeannette, scheint die Dorfdoofe vorzustellen. Immerhin genieren sich diese Dorfsirenen nicht, ihre geheimsten Reize recht offen und unkompliziert darzubieten, wenn einer unserer Männer vorübergeht. Die meisten tragen keine Schlüpfer, und so darf es nicht Wunder nehmen, wenn mein für diese Dinge nicht unempfindlicher Mann sehr oft an der Mauer vorüber geht, auf der sich der holde Reigen niedergelassen hat. Später meinte mein Mann zynisch, daß selbst schmutzige Schenkel sehr reizvoll sein könnten, wenn sie jung und prall sind, vor allem aber, wenn sie gespreizt seien.

Es geht hier das Gerücht um, daß diese Nymphen öfter im Heu verschwinden, um dort nachzusehen, ob sie auch alle dasselbe Ding hätten. Dabei passiert es dann auch mal, daß durch Zufall einer der wenigen Burschen im Heu zu tun hat - dolce vita in Kleinformat.

Wer fragt schon danach, ob die nackte Schöne nach Kuhstall riecht?

Jeannette wohnt neben uns, ist fünfzehn Jahre alt, ausgehungert und recht mager. Das einzige Schöne an ihr sind die Haare, wenn sie nur ein wenig gepflegt wären. Sie hat einen hündischen Charakter, ist immer hinter etwas Freßbarem her und hat die unflätigsten Ausdrücke immer zur rechten Zeit bereit. Fast jeden Tag hat sie bei uns gegessen - wir haben es ihr gerne gegeben. War jedoch die Mahlzeit beendet, drehte sie sich um und verdrückte sich, ohne Aufwiedersehen oder gar Dankeschön gesagt zu haben.

Gestern gab ich ihr zu verstehen, daß sie sich wenigstens ab und zu waschen müsse, wenn sie schon hierher käme. Da ich aber nicht so recht

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an ihre Bereitwilligkeit zu dieser Tätigkeit glauben konnte, setzte ich einen großen Topf mit Wasser auf's Feuer, und als alles so weit war, stellte ich sie splitternackt in einen großen Holzeimer und schrubbte sie von Kopf bis Fuß ordentlich ab. Als dann noch die Fuß- und Handkrallen beschnitten waren, sah sie schon etwas manierlicher aus. Wie lange würde das wohl anhalten? Ihre Unterwäsche war so schmutzig und zerrissen, daß mein Mann sich aufmachte, in dem Krämerlädchen nach etwas passendem zu suchen. Nach dieser Generalreinigung gingen wir spazieren und die frischgewaschene und nach meinem Parfüm duftende Jeannette durfte mitkommen.

Wir wollten eine nicht weit von hier gelegene Wiese aufsuchen, durch die sich ein Bach schlängelt. Es hieß allgemein, es gäbe dort Forellen und vor allen Dingen Krebse. In diesem Bach wollten wir also ein paar leckere Krebslein suchen.

Das Mädchen stakte mit ihren langen Beinen im Wasser herum, rutschte plötzlich auf einem glitschigen, mit Algen bewachsenen Stein aus und saß mitten im Bach bis zum Halse im Wasser. Die frische Wäsche war schön mit dem grünen Algenzeug beschmiert und der aufgerührte Grundschlamm tat das Seine dazu. Sie stieg aus dem Wasser und begann sich, ohne sich um die Anwesenheit meines Mannes zu kümmern, vollkommen zu entkleiden. Ich konnte noch das äußerste verhindern und schickte sie nach Hause. Ich warf einen Blick auf meinen Mann, aber er schien sich mehr für die über das Wasser flirrenden Libellen zu interessieren als für nackte Mädchenschenkel - es geschehen also doch noch Zeichen und Wunder.

Am andern Tag.

Jeannette ist auf der Jagd nach meinem Manne. Wie eine läufige Hündin streicht sie hinter meinem alternden Manne her, sie verfolgt ihn sogar bis ins Schlafzimmer. Das ist richtig komisch.

Die Leute sagen hier, daß es im Dorfe keine Jungfer gäbe. Die Jüngste, die einen lebhaften Verkehr mit einem jungen Manne hat, ist eben elf Jahre alt geworden, sieht aber aus wie sechzehn.

Eben kommt Jocelyne, ein Mädchen von neun Jahren, ob sie - nun ja, man weiß wirklich nicht mehr, was alles möglich oder vielmehr unmöglich ist.

Jocelyne ist das uneheliche Kind der Frau B., die nach den Aussagen ihres Schwiegervaters einst ihr Geld in Paris in der horizontalen Lage verdient habe. Angeblich hat ein Ausländer ihr dann das Souvenir hinterlassen, das sich Jocelyne nennt. Das Kind sieht aber dem Opa so sehr ähnlich, daß man leicht geneigt ist anzunehmen, daß der Fremde wohl der eigene Opa gewesen sein kann, zumal sich Herr B. senior sehr häufig in Paris an den berühmt-berüchtigten Orten aufgehalten hat. Dort hat er dann Madame aufgelesen und aus purem menschlichem Mitgefühl nach Vieille Espesse mitgenommen, so sagt er. Sein Sohn hat ihr dann auch prompt ein weiteres Kind beschert, einen Buben. Und so blieb denn alles schön in der Familie. Er heiratete sie - der Junge natürlich.

Beim alten Herrn B. waren wir eines Tages zum Kaffee eingeladen und hatten so die Möglichkeit, das Musterstück von Sohn kennen zu lernen. Etwas ordinäreres gibt es wohl so leicht nicht wieder. Er stellte uns seine Frau vor, indem er ihr einen gewaltigen Klaps auf den Hintern gab und sagte: " Dies hier ist mein liebes Vieh !" Einem jungen Mädchen von siebzehn Jahren, das mit ihrem Bruder und ihrer Mutter ebenfalls zugegen war, griff er in Gegenwart seiner Frau unter den Rock und ließ die Hand lange dort. Dann meinte er, das röche besser als das Parfüm seiner Frau. Eigentlich wunderte ich mich, daß mein Mann gar nicht auf diese Dinge reagierte. Er saß und stierte in das Fernsehgerät und goß Unmengen Kaffee und Calvados in sich hinein. Besser so, dachte ich mir und war heilfroh, daß er nicht auch noch seinen "Senf" dazu gab.

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Ich glaube, noch nie hat mich ein Mann so angeekelt wie der junge B.

Tja, auch das ist Frankreich - wie schade, ein so großes und schönes Land.

Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Hunde gesehen wie hier, eine wahre Sintflut von Hunden. Aus jedem Loch scheinen welche hervorzukriechen, und des Morgens früh schon erhebt sich ein Gebell, daß man erschreckt im Bett hochfährt. In die kläffenden Hundetöne mischt sich dann auch noch das brüllende Schimpfen der Bauern und ab und zu ein infernalisches Aufjaulen, wenn einer der Köter einen Prügel über das Hinterteil gezogen bekommt. Man nennt diese Hunderasse hier Briard. Sie dienen dazu, die Rinder zu bewachen. Diese Rasse vermehrt sich wie die Karnickel. Seit meine Mutter einmal Knochen ausgekocht hat und einige dieser Viehcher fütterte, haben wir nun jeden Tag eine ausgedehnte Hundeversammlung vor unserem Fenster. Sie sind so frech, so zudringlich, daß sie sogar durch's Fenster steigen und im Speiseschrank nachsehen, was es da wohl zu stehlen gäbe. Einen erwischte ich letztens, als er dabei war, ein Paket Butter vom Tisch zu "Organisieren". Im ganzen Hause stinkt es nach Hund und vor dem Hause taten dann die lieben Tierchen das ihre, um diesen Gestank noch zu vermehren. Wahrhaft etwas nobles, die Schützlinge meiner Frau Mama.

Um die Menagerie-Erlebnisse voll zu machen sei noch erwähnt, daß Nachbars Ziege gestern meine frischgewaschenen Handtücher angefressen hat.

Ach so - ja, da wäre noch zu erzählen, daß besagter Opa B. meiner Mutter zu meinem stillen Gaudium stark den Hof macht. Sogar vom Heiraten hat er gesprochen, und jeden Morgen bringt er Zwiebeln und Salat aus seinem Garten mit. Es ist zum Totlachen.

Gestern habe ich auch die Bekanntschaft von Jeannettes Vater gemacht. Er war einige Tage nach V. gekommen, um seine alte Mutter und seine Tochter zu besuchen. Seine Frau hat ihn und seine fünf Kinder verlassen. Drei der Kinder sind im Waisenhaus. Angeblich bekommt seine Frau Anfälle geistiger Umnachtung, sie soll mit Messer und anderen Gegenständen nach ihm und die Kinder geworfen haben. Die Mordversuche sind aber alle daneben gegangen. Dann eines Tages ist sie mit einem andern Manne auf und davon. Mit diesem hat sie nun auch schon wieder zwei Kinder. Oh Welt, wie bist du verrückt. So ist es also nicht weiter verwunderlich, wenn Jeannette nicht die allerbesten Eigenschaften geerbt hat.

Noch eine Figur verdient erwähnt zu werden, nämlich unser Milchlieferant, Herr Brun. So etwas dickes habe ich mit meinen Augen bisjetzt noch nicht gesehen. Morgens treibt er mit durchdringendem Brüllen die Kühe aus dem Stall und verabreicht ihnen eine Tracht Prügel, wenn er los legt schweigen selbst die Hunde ehrfürchtig. Sein Vocabularium ist unerschöpflich an Flüchen und Ausdrücken. Ich kann nur hoffen, daß Lionel nicht alles in seinem klugen Köpfchen registriert, um dann Mr. Brun zu spielen.

Dieser umfangreiche Herr hat fünf Töchter, die verhältnismäßig gut aussehen. Die Art, wie mein Mann diese drallen Dinger mit den Augen verschlingt, sagt mir genug. Ein wahres Glück, daß sie sich nicht zu häufig bei uns sehen lassen. Ich muß ihnen im übrigen bescheinigen, daß sie im Vergleich zu den andern Nymphen des Dorfes sehr zurückhaltend sind.

Oh kleines schönes Fleckchen Erde, dich werde ich so schnell nicht vergessen.

Es macht mir viel Vergnügen, Liebster, Dir diese kleinen Erlebnisse zu erzählen, Dir, der Du mir sogar hier wunderbarerweise in der Fremde erschienen bist. Zuerst, um mir Deine Liebe zu versichern; dann, um mir zu sagen, daß ich auch hier auf Deine Hilfe rechnen könnte. Ich setze alle Hoffnungen in Dich, - unser Glück ist perfekt.

Zeichnung aus Amor ex nihil bei Originalseite 44

Originalseite 45

Heute ist der 22. August und der Geburtstag meiner Mutter, die aufgrund des nächtlichen Ereignisses mit meinem Bruder ins Baskenland gefahren ist. Mein Mann hat heute morgen einen Brief seines Freundes erhalten, der unser Leben von Grund auf ändern kann, wenn er den Inhalt akzeptiert. Aber er hat Angst vor irgend etwas unbestimmten in der Zukunft. Was es ist kann ich auch nicht sagen. Ausgerechnet jetzt, wo ich meine Ängste und Komplexe besiegt habe, fängt er nun damit an. Für mich wäre es ein nicht geringer Gewinn, wenn ich in eine andere Umgebung käme und mir dort einen mir genehmen Freundeskreis schaffen könnte.

Jeden Abend, pünktlich um elf Uhr, manifestiert sich über unserer Betten dieses störende etwas, das polternd und rüpelhaft stampend versucht, uns in unserem wohlverdienten Schlaf zu stören.

Meine Mutter, die sonst so skeptisch diesen Dingen gegenüber ist, und seit jenem Abend ist sie es, die Ruhe gebietet, um sich ja nichts entgehen zu lassen, was sich da ereignet. Mein Mann meint dann immer mit einem gewissen Zynismus in der Stimme: " Jetzt ist auch noch ihre okkulte Ader zum Durchbruch gekommen. Du wirst sehen, Liebling, aus der wird noch einmal eine perfekte Hexe. Nur Schade, daß sie keine roten Haare hat. Immerhin würde sie auf einem Besenstiel eine recht brauchbare Sabbatjüngerin abgeben. Hei, wie sich da Freund Urian, der große schwarze Bock freuen würde. " Dabei vollführte mein Mann ein gemacht meckerndes Lachen und sah dabei selbst auch wie jener Urian. Das sagte ich natürlich nicht!

Eines Abends, als wir einen Spaziergang machen, entdeckten wir am Hang eines Hügels im dichten Unterholz eines verfilzten Fichtenwaldes, nahezu bedeckt von Brombeergebüsch und Heidekraut, einen halb verfallenen Turm, der aus grobbehauenen Steinen erbaut war. Einige dieser Blöcke lagen wild zerstreut in der Gegend herum. Im Innern des Turmes fanden wir zu unserer Überraschung ein wahres Dorado von Walderdbeeren und Himbeeren und in einer Größe und einem Aroma, das uns in Erstaunen und Entzücken versetzte. Ein ungeheurer Steinpilz stand wie ein kleiner Herrscher inmitten dieser süßen Pracht. Mein Mann war von dem Turm ganz hingerissen und sagte zu mir, daß er gleich heute abend eine magische Evocation vornehmen wolle, denn dies sei ein Platz, wie man ihn idealer nicht finden könne.

Diesem Vorhaben, an dem auch ich Interesse gehabt hätte, machte ein gewaltiger Platzregen einen Strich durch die Rechnung. Die schönen bunten Schmetterlinge leiden unter diesem kalten Guß, aber die Frösche und ihre Anverwandten feiern in dem stark angeschwollenen Bach wahre Freudenfeste. Unterwegs treffen wir einige Bauern und Dorfbewohner, die von den Feldern kommen; nicht etwa von der Arbeit, bewahre, sondern von dem stillen Örtchen, daß es hier nicht im Hause gibt sondern sich unter freiem Himmel befindet. Angenehm - nicht wahr, besonders wenn man von einer solchen Dusche überrascht wird, wie sie vor kurzem niedergegangen war. Hygiene wird hier in ganz kleinen Buchstaben geschrieben. Das Wasser, das wir glücklicherweise im Hause haben, ist für unsere empfindlichen Organe eine stete Gefahr. Die Ortsansässigen trinken dasselbe Wasser wie das liebe Vieh, und ihnen bekommt es prächtig.

Das allmorgendliche kalte Bad in dem klaren Wasser des Bergbaches ist für mich eine richtige Verjüngungskur, aber die nicht sehr empfindlichen Nasen der Hiesigen merken nicht, wenn ihr Träger aus mangelnder Sauberkeit zu duften beginnt. Und im kalten Wasser gar baden? Brrr......., unmögliche Zumutung.

Zurück in Paris.

Mein Mann wird alt und unverzeihlich häßlich, kleine Schweinsaugen in einem von vielen Fressen aufgedunsenen Gesicht, in das ein dummes Grin

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sen festgefroren zu sein scheint, dazu kommt noch der nahezu zahnlose Mund. Auf seinem Kopf kann man die Haare bald zählen, die da und dort einzeln wachsen und sich nicht den Platz streitig machen. Morgens schon, wenn er aufsteht, ödet er alle an mit seinem unsinnigen und manchmal nicht ganz sauberen Liedern, die er vollhals hinaus schmettert mit einer Stimme, die er absichtlich bis zur Unkenntlichkeit verstellt. Ich kann baldnicht mehr unterscheiden zwischen Mitleid und Haß. Meine Gefühle für dieses Geschöpf der Hölle lassen sich nicht in vernünftige Worte fassen, manchmal sind sie geradezu mörderisch. Ich stoße ihn zurück, dann überfällt mich wieder Reue und Mitleid und ich verzeihe, lasse mich von neuem wieder einfangen. Aber in Wirklichkeit ist es eine Untreue, denn Du, Adon, bist es, dem ich mich hingebe und dem ich gehöre. Für Dich nehme ich dies alles auf mich ohne zu klagen. In der samtschwarzen Tiefe der Nächte denke ich nur an den Schwur, der uns für immer zusammen bindet und darin finde ich dann Frieden und Vergessenheit.

Und das Leben schleicht weiter dahin wie ein übelriechender Schimmel, der am Stiele einer Blume entlang kriecht, deren Blüte noch gesund ist, der sich aber das Böse unwiderruflich nähert.

Die Menschen hier reden von nichts anderem als von Haß und dem Kriege, der mit Gewißheit kommen soll. Mit "hier" meine ich natürlich Frankreich. Drohungen und Katastrophen sind in aller Munde, es ist nicht zu fassen. In Erwartung dieser Dinge wälzen sie sich in ihrem eigenen Dreck, in ihren Löchern, im Alkohol, in Schurkereien und wer weiß was für unangenehmen Eigenschaften. Über allen diesen menschlichen Abgründen ergießt sich ein Regen, der mit seinen ungesunden Miasmen alles in einen schleimigen Panzer zu hüllen scheint. Man spricht von Sonnenflecken, von neuen Eiszeiten, sogar von Wesen von anderen Sternen, die auf unserer Erde ihr abstruses Unwesen treiben sollen. Hin und her jongliert man mit Worten. Abends hockt dann eine riesige Anzahl Erdenbürger vor der Flimmerkiste und sehen sich einen schlechten Kriminalfilm oder einen noch abgedroscheneren Western an. Unter Freunden und Freundinnen hockt man in obskuren Zirkeln zusammen und erzählt sich unter Einfluß scharfer geister Drinks obszöne Geschichten, dabei die delikatesten Körperteile der Partnerin (der des Partners mit heißer Lust berührend. Die Homosexualität will ich erst garnicht erwähnen.In Frankreich reicht sie bis in die exklusivsten Kreise. Daß man dafür nicht noch einen Orden erhält ist geradezu ein Wunder.

Das schlechte Wetter ist wohl schuld daran, daß meine Gedanken mit mir durchgegangen sind. Das ändert aber nichts daran, daß alle diese Dinge der Wahrheit entsprechen, leider; sie sind nicht etwa eine Bosheit von mir.

Tage später.

Ein Wunder ist geschehen. Die schönen Tage voller Sonne sind zurückgekehrt. Ein später aber warmer Sommer liegt in flimmernder Glast über Paris und die Worte fließen mir aus der Feder mit der Emsigkeit fallender Blätter im Herbst.

Im Traum ist mir gestern ein schwarzes Wesen erschienen. Es sah aus, wie man sich landläufig den Teufel vorstellt. Von einem hohen Berge aus schleuderte er nackte junge Frauen in einen fürchterlichen Abgrund. Jeden Augenblick fürchtete ich, an der Reihe zu sein und verzweifelt suchte ich mich zu verbergen. Plötzlich trat er hinter einem Baum hervor und kam auf mich zu. Da wandte ich die Waffen der Evastochter an; ich versuchte ihn zu verführen, ich ... - den Teufel. Am Fuße des Felsens wurde ich seine Geliebte inmitten zerschmetterter Glieder junger Weiber. Ich spürte weder Abscheu noch Lust, es war wie der Abschluß eines Geschäftes, bei dem die gegenseitigen Grenzen genau abgesteckt waren.

Nach diesem Traum verspürte ich weder Pessimismus noch Angst.

Zeichnung aus Amor ex nihil bei Originalseite 46

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Die Zeit fließt ruhig und gelassen dahin - nichts bessert sich, nichts verschlechtert sich. Die Welt hat sich eben nicht verändert und wird das mir zum Gefallen auch nicht tun. Aber schon die Tatsache, daß ich Geschmack an dem Leben finde, ist ein kleines Ereignis.

Ich denke nur an Dich, Adon, ich lebe nur mit Dir und ich töte den andern, den Usurpator, den Unreinen, den Paria. Ganz und mit Vorsicht bereite ich Dir Deinen Platz, Deinen Platz als Vater und Geliebten, sei es hier auf Erden oder was weiß ich wo, es ist mir einerlei. Wenn die starken Arme des andern mich in der Umklammerung gefangen halten wollen, so halten sie doch nur eine leblose Hülle, weil meine ganze Lebenskraft zu Dir entflohen ist.

Trotzdem habe ich mit meinem Manne Zukunftsprojekte besprochen. Was uns vorschwebt war, uns ganz vom Trubel der Stadt loszusagen und in ein kleines, abgelegenes Dorf zu ziehen, inmitten einer wilden Natur. Dort hätten wir dann eventuell ein altes Bauernhaus gekauft und es uns nach unserem Geschmack eingerichtet. Das war's, was wir suchten. Alle Hoffnungen haben wir in diesen Traum gesetzt, den wir nun zu realisieren versuchen. Es sieht so aus, als gäbe der eine dem andern eine vage Hoffnung, daß alles sich ändern könne. In Wirklichkeit weiß sowohl er als auch ich, daß dies eine einzige trügerische Illusion ist. Keiner von uns wagt es zuzugeben aus Angst vor der Katastrophe.

Die Zeit unserer Rückkehr nach Deutschland rückt unaufhaltsam näher und damit zahllose fast unlösbar scheinende Probleme. Mein Mann hat vor der Abreise eine derartige Angst, daß seine Schläfen in ganz kurzer Zeit weiß geworden sind, wie bei einem alten Manne. Er ist nicht älter als 40 Jahre, und doch haben Leidenschaften, ungezügelte Triebe und unbewältigte Vergangenheit ihre unauslöschlichen Runen der Zerstörung in sein Gesicht gegraben. Ich liebe ihn nicht mehr; Mitleid - ja, ab und zu verspüre ich dies noch für ihn, und auch dies wird von mal zu mal weniger. Ich werde bei ihm bleiben bis zum Ende. Was für ein Ende das sein wird kann ich nicht sagen noch vorhersehen. Ich möchte ihm wohl helfen, irgendwie, aber ohne jegliches Gefühl - mitleidlos, wie man eben einen Wurm hilft, der dabei ist, sich in einer Wasserpfütze zu ersäufen. Ich weiß, dies sind keine edlen Gefühle, aber ich kann nichts dafür und ich denke auch nicht daran, Gewissensbisse zu simulieren, die sowieso unecht sind.

Trotz meines wenn auch schwachen Willens, ihm zu helfen, gibt es Gründe, weshalb ich es überhaupt nicht kann. Der Dämon, der in mir wohnt, ist das Schwert, das in vernichten wird; mein Schild, um mich zu bewahren. Es bleibt mir gar keine andere Wahl, als ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu verbrauchen. Ich weiß, er wird sterben, daß er sterben muß, und ich warte nur auf diese Stunde.

Aber woher will ich wissen, daß unsere Projekte sich realisieren, so daß das Nest gemacht ist zum Empfang dessen, der mir und meinem Kinde endlich die Sicherheit bringen wird. Wie im Einzelnen sich diese Dinge abspielen werden, was davon überhaupt Wirklichkeit wird, weiß ich natürlich nicht. Manchmal mischen sich bei mir irreales und reales zu einer Form, die zu kontrollieren ich nicht mehr imstande bin.

Wir haben unseren Aufenthalt in Paris verlängert und es nicht bereut. Die Sonne überflutet das Zimmer, in dem mein Mann wie ein Besessener arbeitet. Er ist dabei, die ganze Wohnung neu herzurichten und dabei entwickelt er einen derartigen Eifer, den ihm niemand zugetraut hätte. Die Arbeit läßt ihn wohl vergessen. Die blütenweiß gestrichenen Zimmerdecken strahlen Helle aus, und die nun so sauberen Fenster mit ihren hellgemalten Rahmen und den neuen Vorhängen geben einen Hauch von Sau

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berkeit, wie er lange hier vermißt wurde.

Am Nachmittag gehen wir in einen kleinen verwilderten Park, der ganz in der Nähe liegt, um von den warmen Sonnenstrahlen soviel wie möglich einzufangen. Der Herbst hat zwar die Bäume schon gezeichnet, aber noch haben sie ihr Blätterwerk, das bis jetzt grün geblieben ist. Den Nektar des scheidenden Sommers, so möchte ich es nennen, will ich kosten bis zum letzten Tropfen. Als wir von diesem Spaziergang zurück kamen griff mein Mann plötzlich zur Schnapsflasche und, was er nie getan hatte, er fing an, sich zu betrinken. Ohne jeglichen und ersichtlichen Grund wurde er gegen mich und das Kind ausfallend mit einer Heftigkeit und Brutalität, wie ich sie noch nie an ihm erlebt habe.

Damit, glaube ich, hat er wohl die letzten Fäden zerrissen, die uns noch schwach zusammen hielten und die mich seine Gegenwart ertragen ließen. Bei seinem Anblick empfand ich eine derartige Abneigung und bitter stiegen in mir die Gedanken an sechs verlorene, weggeworfene Jahre auf, Jahre einer verlorenen Jugend.

Ich weiß im Augenblick wirklich nicht, ob ich mit ihm zurückkehren soll. Er ist das reinste Symbol der Bestialität und der Verworfenheit. Ich habe nicht einmal mehr die Kraft, ihn zu hassen, so sehr ekelt mich dies an. Alles hat er zerstört!

Oh - Lucifer, großer und herrlicher Engel des Lichtes und der Finsternis, wo bist Du? Vergißt Du Deinen Pakt?

Wie von Geisterhand ändert sich plötzlich die Scenerie. Er - er kommt zu mir zurück, mein Mann!, gekrochen wie ein Hund, der mir die Füße leckt, wie eine müde Schlange, die ihr ganzes Gift verspritzt hat. Mit weinerlicher Stimme fleht er mich an, ihn nicht allein zu lassen sondern wieder mit ihm zu gehen. - Und ich? Nun, ich sagte ja, ohne weiteren Kommentar. - Wenige Tage später reisten wir dann ab.

Zurück.

Im Grunde genommen war ich froh, wieder zu Hause zu sein und alles selbst arrangieren zu können. Hier bin ich wenigstens bei mir selbst, dachte ich. Doch schon nahte sich wieder etwas widerliches - unvorhergesehenes in Gestalt eines pockennarbigen und versoffenen Individuums, ein Schreibmaschinenhändler, der vor einiger Zeit eine Schreibmaschine an mich verkauft hatte und nun mit honigsüßer Miene die Rechnung von mir verlangte, die er vor meinem Urlaub ausgestellt hatte. Die Schreibmaschine war sehr wichtig für uns, denn sie half mit unser tägliches Brot zu verdienen. Ahnungslos zeige ich ihm die Rechnung, die er plötzlich an sich reißt und einsteckt, die Maschine ergriff, die auf dem Tische stand und versuchte, sich aus dem Staube zu machen. Ich wollte ihn zurückhalten, aber mein Mann hinderte mich daran, denn angeblich ist der Mann herzkrank und erträgt keine Aufregungen. Ich glaube vielmehr, er ist ein Ätheromane, das ist einer, der sich mittels Äther in einen Rauschzustand versetzt und dann in der Tat nicht mehr zurechnungsfähig ist. Trotzdem habe ich mich entschlossen, gegen den Kerl einen Prozeß anzustrengen. Ob ich Erfolg haben werde steht allerdings noch dahin. Die Auskunft über ihn ergab, daß er in der Tat nicht zurechnungsfähig ist und schon mehrere Male in einer Trinkerheilanstalt war. Ich gebe aber diesesmal nicht nach - es ist zum Verzweifeln. Warum nur heften sich diese unschönen Dinge so hartnäckig an meine Fersen. Ich glaube, ich muß mich doch auf meine besonderen Fähigkeiten besinnen. Ist es nicht recht und billig, wenn ich mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln verteidige? Aber das Leben rollt dahin und nichts ändert sich zum Guten in mir - noch außer mir. Ich fühle mich krank und zerschlagen. Mein armer Kopf wird von Schmerzen geplagt, daß ich manchmal meine, das Hirn sprenge die dünne Schale - ein entsetzliches Gefühl. Ich bin am Leben erkrankt,

Originalseite 49

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und ich weiß auch, daß diese Krankheit unheilbar ist. Trotz allem klammere ich mich an Dich, Adon. Ich habe doch keinen Grund, an Dich zu zweifeln, nicht wahr? Du scheinst mir nur so entsetzlich ferne zu sein, wie wenn ein ganzer Ozean des Nichts zwischen uns läge, ein Jenseits des Lebens. Gibt es denn keine andere Möglichkeit, Dich für immer zu erreichen als den Tod. Aber Liebster, denke an mein Kind. Es ist zwar das Kind eines Monsters, aber ist es nicht auch mein Fleisch und Blut? Ich liebe es, das Einzige, was ich hier unten liebe. Komm uns zu Hilfe, Du mein Geliebter aus der so fernen Welt. Töte ihn doch, so töte ihn, wenn es gar keine andere Lösung gibt! Ach, daß doch der Teufel ihn holen möge!

Anfang Oktober.

Der Bär sitzt in der Falle. Er kann nichts anderes tun als ohnmächtig brummen hinter den Gittern. Die Jäger, die ihn umgeben, sind Blutsauger, und das Tier sieht sie mit großen gläsernen Augen näher kommen, den zähnestarrenden Rachen geöffnet und gierig schnaufend. Wie klein und häßlich da der große starke Bär wird, eingekreist von den gnadenlosen Bestien. Zu alt und zu schwach ist der Bär, er tappt im Kreise und sucht verzweifelt eine Hilfe, vergebens - vergebens. Armes altes Vieh, Du dauerst mich, wie du flehentlich auf eine einzige Geste wartest, auf die Geste, die dich vielleicht retten könnte. Allein sie kommt nicht. Ich will es nicht und ich kann es nicht. Ich hasse diese anderen Blutsauger, die dein Ende so unrühmlich herbeiführen wollen. Aber hast du diese Geister nicht gerufen, die dir nun auf der Pelle hängen, gerufen durch deine oft widersinnigen Handlungen und unüberlegten Dummheiten, die du hochfahrend und arrogant durchführtest? Keiner ist stärker als ich, keiner ist mir geistig gewachsen. Alle sind sie hohle Dummköpfe ...., das hast du doch gesagt, damals, als du noch auf der Sonnenseite des Lebens standest. Nun hat sich das Rad aber weitergedreht, und aus Verfolgten sind Verfolger geworden, die eben wie du richtig erkannt haben, abgrundtief dumm sind und auch dementsprechend gefühl- und hirnlos bestialisch handeln. Heute bin ich noch Zuschauerin, was aber wird morgen sein? Bevor sich aber der Dolch gegen mich richtetsollst du deine Schuld beglichen haben, großer häßlicher Bär. Deine Sünden sollen nicht auch noch mich und das Kind in den gefährlichen Strudel hinein ziehen, niemals!

Genug der Tränen habe ich vergossen, genug der Worte sind in dem Winde zerstoben. Verlorene Jahre und eine zerstörte Gesundheit sind das einzige, was ich dabei gewonnen habe. Zu leicht wiegen die schönen Tage gegenüber der Last böser Jahre. Den Löwenanteil des Kuchens hast du gefressen, Bär, den Rest will ich versuchen für mich zu retten.

Ich habe mein Kind und Dich, Adon, genug also, um neu zu beginnen. Müßte ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, ich werde versuchen Dich aus der Welt des eiskalten unendlichen Schweigens herüberzuziehen in die meine, blut- und lebensvoll. Ich will es und es wird mir gelingen!

" Her zu mir - Ihr Mächte der Finsternis! Zu mir, Ihr uralten und mächtigen Geister der Elemente! Mein Blutpakt ruft und zwingt Dich her, Lucifer, Du Fürst der abtrünnigen Engel! Ich will, daß Du mir hilfst, wie es zwischen uns beschlossen wurde! Ich befehle es Dir! "

Ein furchtbares Geheul erhebt sich rings um mich. Die Wände zittern und die Bilder drohen von den Wänden zu fallen. Dann springt eine Flamme aus dem Boden und weht mich mit einem heißen Brodem an. Aus dieser Flamme tritt ein Wesen hervor - er ist es! Ich erkenne ihn wieder, groß und schlank, ein ernstes verschlossenes Antlitz, in dem große Augen ein grünes Feuer verstrahlen. Sein Körper ist in eine Art schwarzer Toga gehüllt und lange blonde Locken fallen über seine Schultern. Da ist auch der Stern, der fünfzackige, der über seinem Haupte schwebt.

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" Du rufst mich, Erdenweib? Sprich nicht! Ich weiß, was Du von mir willst, und ich bin geneigt, es Dir zu gewähren. Den Dank, Weib, brauche ich nicht. Du wirst genau das erhalten, was Du willst - - und was ich will. Ich helfe Dir und befreie Dich von der Seele, die Dich quält. Höre mir gut zu, Erdenweib, von der Seele - habe ich gesagt. Später wirst Du meine Worte ganz begreifen - - und jetzt laß mich wieder gehen. "

Ich erwache aus meiner Starre. Genau habe ich verstanden, was er sagte, aber seine Worte waren doch recht rätselhaft gewesen.

Ich hebe den rechten Arm und spreche die Entlassungsformel und ziehe dabei dreimal das Pentagramm in die Luft: " Ich danke Dir, Du herrlicher Engel des Lichtes und der Finsternis. Kehre in Frieden zurück ins Unendliche All Deiner Sphäre, aus der heraus Du die Güte hattest, meinem Rufe zu folgen. So sei es! "

Ich habe gut geschlafen und im Traume rote Rosen gesehen. Eine zarte rote Farbe. Ich räkle mich in den Sonnenstrahl, der durch das Fenster herein auf's Bett fällt. Mein Mann ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen, aber ich fühle mich wohl, daß mir sein Fernbleiben überhaupt keine Sorgen macht. Bizarre Ideen und Gedanken formen sich in meinem Kopfe und wiegen mich in eine Art Euphorie. Ich möchte jetzt absolut nicht gestört werden, besonders nicht von ihm, der aus mir eine Hexe gemacht hat und nun schon bald vielleicht auf dem Scheiterhaufen brennen wird, den ich ihm bereitet habe und dessen Flammen mein unbändiger Wille sein wird, mich von diesem Alpdruck zu befreien, und das endgültig für immer. In diesem Feuer wird meine Liebe zu ihm endgültig verbrannt, eine Liebe, die ohnehin schon ein Kadaver ist. Und selbst mein Respekt zum ihm als Mensch werden diese Flammen fressen, alles, was mich je an ihn band. Überhaupt Liebe, dieses Wort paßt eigentlich gar nicht in unsere existente Welt. Liebe ist mehr etwas unkörperliches, reines, ein geistiges Prinzip, wenn man so sagen will. Es ist vielleicht das, was ich zu Adon empfinde, bei dem, bin ich sicher, selbst wenn er sich materialisieren würde, die Liebe doch etwas außerweltliches reines bleiben würde.

Der Herbst mit seiner Fülle an Farben ist in die Natur eingezogen und ich denke an das, was mir versprochen wurde, unaufhörlich denke ich daran. Ich öffne das Fenster weit und lasse die klare Luft ins Zimmer. Ich freue mich über die Sonnenstrahlen, die über meine nackte Schultern fallen. Es ist dies wohl der Tag meiner Befreiung, - welche Hoffnung! Zaghaft glimmt in mir die Hoffnung auf die große Wende empor und ich spüre nicht die geringste Beklemmung und Angst im Herzen.

Es klopft an die Tür, ich lasse mir aber schön lange Zeit - wozu auch die Eile. Im Nachthemd und auf nackten Füßen gehe ich langsam auf die Tür zu, zögere noch eine kleine Weile, - dann öffne ich entschlossen. Etwas überrascht fahre ich zurück - ein Polizist in grüner Uniform steht vor mir.

" Frau L.? ", fragt er höflich und ich nicke stumm.

" Ich habe Ihnen die Nachricht zu überbringen, daß Ihr Gatte einen Unfall hatte. Er wurde vor dem Frankfurter Bahnhof von einem Wagen erfaßt und schwer verletzt. Der Arzt meint, er habe unter Einfluß von Alkohol gestanden, als es passierte. Man hat ihn in die Universitätsklinik gebracht. Bis jetzt hat er das Bewußtsein nicht wiedererlangt. Dies ist alles, was ich Ihnen im Moment sagen kann".

Er geht. Wie angewurzelt bleibe ich auf der Stelle stehen, meine Gefühle schwanken zwischen Bangen und Hoffnung. Ich finde keine Worte und verdaue diesen Schock ohne äußere Anzeichen von Erregung. Leise schließe ich die Tür, drehe mich um und lehne mich dagegen.

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Meine Gedanken überschlagen sich, sie tanzen eine wilde Sarabande in meinem Kopf, der sowieso ein bischen durcheinander ist.

Die Stimme meines Kindes holt mich in die Wirklichkeit zurück. Ich fühle die Kälte des Holzes, gegen das ich gelehnt bin, durch das dünne Hemdchen dringen. Ins Zimmer zurückgekehrt spüre ich die warmen Ärmchen meines Jungen um meinen Hals. Mein Mut kehrt zurück, mein Puls jagt nicht mehr und mein Atem normalisiert sich. Ich beginne zu überlegen.

Abends.

Was soll nun werden, denn ich befinde mich in einer nicht gerade beneidenswerten Situation, dazu noch in einem fremden Lande. Ich weine ein bischen und weiß nicht einmal über was und warum. Weine ich über mich, über Dich - Adon, oder über uns beide? Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, mich nach dem Befinden meines Mannes zu erkundigen. Ich hatte bis jetzt noch nicht den Mut, nach Frankfurt zu fahren und nach ihm zu sehen. Ich habe lediglich in der Klinik angerufen und gebeten, mich laufend über seinen Zustand zu unterrichten. Ich warte nun, was sich tut.

Eben erhalte ich einen Anruf aus dem Krankenhaus, daß er immer noch im Koma liegt. Aus der Stimme des Arztes klang wenig Hoffnung.

Adon, findest Du mich zynisch, wenn ich Dir gestehe, daß sich ein kleines Mitgefühl für meinen Mann eingeschlichen hat? Aber nein, ich glaube, Du verstehst diesen Zwiespalt meiner Seele, die erst langsam wieder gesunden muß, um dann nur noch Dir zu gehören, ohne dauernd von Hauche des Todes und des Unheils umgeben zu sein. Oh Adon, wann endlich nimmt die Qual ein Ende? Wer gibt mir eine Antwort hierauf? Ich werde diesen Weg weitergehen, und sollte ich an seinem Ende blutige Tränen vergießen müssen. Sieh doch, die Sonne scheint so warm, daß sich sogar noch vereinzelte Schmetterlinge und die so seltenen Libellen hervor wagen. Leider haben die Nachbarn in ihrem Garten ein Feuer gemacht, in dem - weiß Gott was für stinkende Dinge verbrennen. Du siehst, eine reine ungetrübte Freude gibt es eben nicht. Zählen eigentlich diese kleinen Dinge überhaupt noch für uns? Werden wir beide bald dort sein, wo uns nichts mehr trennen kann - ich meine im wahren wirklichen Leben, nicht als bleiche Wesen aus dem gespenstischen Jenseits.

Er, mein Mann, ist ein Totenvogel, ein Unheilbringer. Er zieht allen Zorn der Welt an sich wie ein Magnet. Er setzt furiose, infernalische Kräfte frei, gewissenlos und leichtfertig oder gar berechnend - wer vermag das bei einer Gestalt, wie mein Mann sie darstellt, schon sagen. Er würde selbst mit den untersten aller Höllengeister paktieren, ohne an die schrecklichen Folgen zu denken, wenn diese Mächte vampirisierend seine Seele aussaugen. Armer Narr, glaubst du wirklich, über das gräßliche Monster Gewalt zu haben? Nun hält er dich in seinen Pentakeln - so ist das Ende, kleiner Hexenmeister, wie sich damals schon ein Höllenwesen ausdrückte. Sollte ich es vielleicht wagen, mich in dieses Spiel einzumischen, um den Zorn der Furien auf mich zu lenken? Nein, ganz abgesehen davon, jeder Versuch an sich wäre nutzlos.

Ende Oktober.

Tage sind seit dem Unfall meines Mannes vergangen. Im Anfang war da immer noch ein Hauch Angst in mir. Aber dann kamst Du, mein Geliebter. Jeden Abend zu mir. Und wenn Du bei mir warst fiel alles ab, was düster und trist war. Oh, diese Abende am warmen knisternden Ofen und ein Hauch von Sicherheit und Geborgenheit um mich. Ich kann Dich nicht sehen, aber ich spüre Deine Arme um meine Schultern, das genügt, um mich glücklich zu machen. Dank Deiner gütigen Hand schläft mein Junge in seinem Zimmer einen ruhigen und tiefen Schlaf.

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Heute morgen kam ein Brief von dem Freunde meines Mannes, ich habe ihn geöffnet. Er bedauert, lange nichts von ihm gehört zu haben und bittet ihn gleichzeitig, doch seine Arbeit für die Loge wieder aufzunehmen, wenn es irgendwie möglich wäre. Ich habe sofort geantwortet, indem ich den Unfall so schilderte, wie er mir bekannt war. Ich schrieb ihm, mein Mann liege nach so vielen Tagen immer noch in tiefer Bewußtlosigkeit, und die Ärzte hätten keine Hoffnung, daß er noch einmal das Bewußtsein erlangen würde.

Das war alles, was ich tun konnte. Ich glaube zwar nicht, daß ich von dieser Seite etwas befürchten müßte, aber es ist besser vorzubeugen, denn diese beiden Männer haben lange Zeit miteinander korrespondiert und sind rasch Freunde geworden. Es ist da nämlich zu bedenken, daß dieser Freund nicht nur einer der besten Kenner des experimentellen Magie ist, sondern darüber hinaus von einer weit über den Durchschnitt liegenden Intelligenz. Ich möchte, wenn es irgendwie möglich ist, auch nicht den geringsten Zweifel in ihm aufkeimen lassen. Auch kenne ich nicht die letzten Geheimnisse, die die beiden ausgetauscht haben könnten während der letzten Monate. Ich habe weder Briefe noch Dokumente oder sonstige Anzeichen gefunden, und das macht mich etwas mißtrauisch. Möglicherweise hat mein Mann verschiedenes in seinem Laboratorium versteckt, zu dem ich keinen Schlüssel mehr besitze. Ich habe bis jetzt seinen Schlüssel nicht finden können. Und wenn ich die Tür gewaltsam aufbrechen würde, wer weiß, was mich dann vielleicht an unangenehmen Überraschungen erwartet. Also - lieber nicht. Nicht weil ich Angst habe, aber man soll der Schlange nicht auf den Schwanz treten, wenn es nicht unbedingt nötig ist.

Was mir bleibt ist die Bibliothek meines Mannes - Bücher in jeder Ecke und in jedem Winkel, darunter sehr alte und wertvolle, meist okkulter Inhalts, und ich denke nicht daran, mich von ihnen zu trennen. Es war sowieso sein Wille, daß diese wertvollen Dinge, dazu gehören auch noch magische Geräte, in der Familie bleiben sollen. Noch ist er ja nicht tot und außerdem glaube ich, daß diese Werke mir dienen werden, um mich in dieser Kunst zu vervollkommnen. Dazu bedarf es langer Studien eben jener Werke. Was die magischen Geräte betrifft, so hänge ich zu sehr an ihnen, als daß ich sie weggeben oder gar verkaufen könnte. Ich empfinde ihnen gegenüber einen Respekt und eine Achtung, wie man sie eben kultischen Geräten entgegenbringt. Ich werde sie selbst gebrauchen und dementsprechend behandeln. Sie haben großen Anteil an meinem Triumph - oder an meinem Untergang. Wer weiß dies vorher schon so genau?

Ich liebe es, auf meiner Brust das kalte Metall des Schaddai zu spüren; er hat es mir hergestellt und magisch geladen. Trotzdem es von ihm ist spüre ich, daß es gute Kräfte in sich birgt und ausstrahlt. Ich fühle, daß es mich vor dem Schlimmsten bewahrt, wenn es auch nicht alles abwehren kann. Aber welcher Talisman kann das schon? Körperliche Schäden abhalten und bei völliger Erschöpfung die Nerven mit frischer Energie versorgen, dazu ist es voll und ganz imstande.

Vom Fenster aus betrachte ich die herbstbunten Blätter des Kirschbaumes. Eine farbenfrohe Palette, die der Herbst in die Natur hineinzeichnet. Wie edle Rubine leuchtet das Rot einiger Blätter, es stimmt traurig und sollte doch eigentlich das Gegenteil bewirken. Als Kind habe ich diese bunten Blüten des Herbstes immer gesammelt und zu farbigen Sträußen zusammengebunden. Auch liebte ich es, mit den Füßen durch das heruntergefallene Laub zu streichen, um es rascheln zu hören. Die welken Blätter erinnern mich auch an die runzeligen Hände alter Menschen, geadelt durch ein langes und arbeitsreiches Leben.

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Aber was sinniere ich da schon wieder zusammen? Es steckt eben ein unverbesserlicher Poet in mir, und so drängt es mich, manchmal die Dinge durch die Brille der Poesie zu sehen, besonders dann, wenn mein Herz in Stimmung dazu ist. Aber nur bei schönen Gedanken geschieht das, denn es zahlt sich nicht aus, das Häßliche auch noch in Verse zu bringen oder lange schöngeistige Betrachtungen darüber anzustellen. Vor den kleinen Schönheiten der Natur verblaßt die Schönheit der wunderbarsten Frau, mehr noch, die Natur erneuert sich immer und immer wieder, während die Frau - - , nun hübscher wird sie mit den Jahren bestimmt nicht. Die Zeit vernichtet das Antlitz des Menschen und macht es sogar zur senilen Fratze. Die Natur bleibt selbst Sieger über die Zeit, und sei es, daß sie ihre Kinder in funkelnde Kristalle und zu Stein verwandelt. Und der Mensch? Auch ein in Stein verwandelter Sohn Evas sieht nicht anziehend aus, wenn die Metamorphose nicht in seiner blühenden Jugend erfolgt. Das einzige, was man von so einem Ding empfindet, ist gruseln.

8. November.

Ich komme aus der Klinik, mein Mann ist nach langer Zeit zu Bewußtsein gekommen. Er macht jedoch nicht den Eindruck, als sei er wirklich geistig wach. Mich hat er garnicht erkannt. Ich habe auch nicht versucht, mit ihm zu sprechen; nur seine Hand habe ich gehalten, die weiß, durchsichtig und wie leblos auf der Bettdecke lag, so als gehöre sie gar nicht zu einem noch lebenden Körper.

Als er meine Hand spürte huschte ein winziges Lächeln über sein Gesicht, ein Lächeln, so schwach wie der Schein der winterlichen Sonne. Aber als sein Blick sich auf die weißen Lilien konzentrierte, die ich mitgebracht hatte, trat Angst in seine Augen und seine Fingernägel krallten sich in meine Hand, daß es mich schmerzte. Plötzlich ließ der Druck nach, er war in die Nacht zurückgesunken.

Ich klingelte nach der Schwester, die sich dann über ihn beugte, um seine Herztätigkeit zu prüfen. Böse sah sie mich an und rannte davon, um den Arzt zu rufen. Dieser bat mich, das Zimmer zu verlassen. Auch sein Blick war nicht gerade von strahlender Freundlichkeit gewesen. Ich verstehe das nicht - diese Reaktion habe ich eigentlich nicht erwartet. Ich bin etwas nervös und verwirrt.

Ich erwarte Dein kommen, Adon. Dein Dasein wird mir den Frieden sicherlich wiedergeben können. Mut brauche ich, vor allem Mut, ich brauche Wärme, denn mich friert - friert - friert .....

10. November - 10 Uhr morgens.

Ich stehe unter der heißen Dusche, meine tägliche Toilette. Wie gut doch das heiße Wasser tut, wie es über meine Schultern rieselt und mich belebt. Jemand klopft an die Tür -, ich rühre mich aber nicht. Das Klopfen hält an und wird intensiver. Faul und langsam steige ich aus dem Bade, wickele das große Handtuch um mich und auf nackten Sohlen, hoffend, daß ich den Störenfried abwimmeln kann, öffne ich die Tür einen Spalt weit. Der Freund meines Mannes steht vor der Tür. Ich fahre verwirrt zurück und weiß nicht, was ich sagen soll. Wie versteinert starre ich ihn an. Er nimmt die Gelegenheit wahr und tritt ein. Mir bleibt nichts anderes übrig als die Tür hinter ihm zu schließen und ihn ins Zimmer zu bitten. Ich biete ihm Platz an und bitte, einen Augenblick zu warten, bis ich mich angezogen, hätte. Er aber, keine Notiz von meiner peinlichen Situation nehmend, beginnt mit kalten abweisender Stimme zu sprechen:

" Madame, ich komme aus der Klinik - von ihrem Manne. Ich habe mich von seinem bedauernswerten Zustande überzeugen können - und Ihnen, Madame", hier wird seine Stimme schneidend wie eine Dolchklinge, " Ihnen gebe ich die volle Schuld daran. Sie sind schuldig ...!" ... und er redet - und redet. Es stürzt mit einer Wucht auf mich ein, diese anklagenden und immer drohender werdenden Worte. Nur dem Klange nach nehme ich sie

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in mir auf, aber der Sinn der Worte geht deutlich in mich ein. Und ich, halb nackt, empfinde eine Scham, die ich in Worten gar nicht wiedergeben kann. Eine unendliche Verlassenheit greift Raum in mir. Ich fühle, wie das Blut langsam aus meinem Gesicht weicht, als es mir klar wird, was für eine Katastrophe sich hier anbahnen kann. Eine Welt droht einzustürzen.

Es weht mich an wie ein kalter Hauch und ich fühle mich einer Kerze gleich, die unter diesem Hauch zu verlöschen droht. Ich sehe ihn an - er starrt mich an, zwei Feinde, in denen das Gefühl füreinander gestorben ist. Und er ist der Stärkere, weil ich ihn verstehe, aber er versteht mich nicht. Eine Traurigkeit überkommt mich. Er hat mir die Waffe aus der Hand geschlagen. Ich kann ihn nicht magisch zurückstoßen, weil ich spüre, daß es völlig unsinnig wäre. Ich kann nur bewundern, mit welcher Erbitterung er um das Leben seines Freundes kämpft. Ich glaube, er würde mich ohne zu zögern zerbrechen, mich, die Frau seines Freundes, von der er nicht einmal weiß, ob er einer solchen Freundschaft überhaupt wert ist. Ich ehre diese Einstellung im Stillen und ich leide darunter. Jedes Wort dringt in mich ein wie ein magisches Schwert, die Wunden bleiben offen.

Endlich hört er auf zu reden, außer Atem und vielleicht auch, weil sein Repertoir an verletzenden Worten erschöpft ist. Seine blauen Augen durchbohren mich wie Speere und ich merke, daß mein Handtuch zu Boden geglitten ist. In diesem Augenblick frage ich mich, wer nun nackter ist, mein Körper oder meine Seele. Ich weiß genau, meine Seele ist es und kein noch so großes Tuch könnte diese Blöße je bedecken. Vor der Nacktheit meines Körpers schäme ich mich nicht, die bemerkt er vielleicht nicht einmal, aber die Art, wie er meine Seele bloß gelegt hat, trifft mich zutiefst.

Als ich endlich meine Lähmung abstreifen kann, bin ich allein; er hat das Zimmer verlassen. Ich falle auf die Knie nieder, verberge den Kopf in meine Hände und schluchze hemmungslos. Alles krampft sich in mir zusammen und ich meine, in einen ungeheuren Abgrund zu stürzen.

" Oh Adon, Adon! ", aufheulend rufe ich diesen Namen verzweifelt. Geisterhände umfassen mich wie eine schützende Hülle - er ist da! Wie ein elektrischer Stromstoß kommen meine Kräfte zurück und richten mich auf.

" Ich danke Dir, Liebster, ich danke Dir! "

11. November.

Ich verspüre einen riesengroßen Katzenjammer heute morgen, ich bin lustlos und unzufrieden. Sogar die Sonne scheint mit einem Trauerflor zu tragen.

Ich mache mich auf den Weg zur Klinik. Auf dem Korridor begegne ich der Schwester und frage sie, ob es etwas neues gäbe. Sie sagte mir, daß es etwas besser ginge und einem Besuch nichts im Wege stünde. Als ich das Krankenzimmer betrete dreht er den Kopf zur Wand und sagt mit giftiger Stimme, daß allein mein Anblick ihn kränker mache als er ohnehin schon sei. Erschrocken sehe ich ihn an, dabei bemerke ich auch, daß meine Blumen verschwunden sind. Ich frage die Krankenschwester, wo sie hingekommen seien. " Ach ja ", sagt sie, " der sonderbare Herr, der gestern hier war, sagte mir, ich solle sie gleich zum Abfall werfen und ich habe keine Einwände gemacht, weil er ein böses Gesicht machte ".

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren gehe ich. Beim Blumenhändler kaufe ich eine schöne Hyazinthe im Topf, denn Lilien scheinen meinem Manne nicht zu gefallen.

Später.

Die Wochen und Monate sind wie auf Windesflügeln dahingeeilt. Ich war viel auf Reisen, um meine innere Ruhe wiederzufinden und um mich der Drohung seines Freundes zu entziehen, die wie ein Damoklesschwert über mir zu hängen schien. Ich versuche zwar, diesen Einfluß zu zerstören, allein es

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wollte nicht gelingen, und so bin ich vor diesem schwarzen Strahl geflohen. Selbst Deine Kräfte, Adon, reichten nicht aus, dieses Netz zu zerreißen, daß der unheimliche Mensch über mich geworfen hat. Immer mehr spüre ich, daß ich diesem Einfluß erliegen werde, daß ich mich ihm ergeben würde, um das zu tun, was die mörderische Gewalt von mir verlangen würde. Ich bin bereit, mich zu ergeben - meine Flügel sind gebrochen. Ich habe mein Kind schon vor einiger Zeit zu meiner Mutter gebracht und ich leide darunter. Aber ich bringe nicht den Mut, auch noch das Leben meines Kindes auf's Spiel zu setzen. In dem unerfreulichen und düsteren Hotelzimmer, in dem ich mich befinde, bin ich am Ende meiner Kräfte - - und vielleicht meines Lebens angelangt. Mein Wille, zu kämpfen, ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Der Strahl des Verfolgers hat mich getroffen und ich kann mich von der Wunde nicht erholen, die er mir geschlagen hat.

Gefällt Dir das, großer Meister der Loge? Bist Du zufrieden, meine Kräfte gebrochen zu haben? Hast Du Deine Rache, in der Gewißheit, daß ich wehrlos bin - bereit, mich zu ergeben? Aber um eines bitte ich Dich, nur um eine Gnade, zerstöre bitte nicht meinen Liebsten auch noch. Er war mein einziger Lichtblick und meine Hoffnung meiner armseligen Existenz. Ich ergebe mich ..., ich erg...... .

Ein fürchterlicher Donnerschlag läßt mich zusammenfahren. Eine Flamme schlägt vor mir aus dem Boden und eine brutale Faust schleudert mich wie ein Bündel Flicken zu Boden. Eine Stimme dröhnt auf, daß ich meine, die Trommelfelle der Ohren platzen mir: " Unseliges Weib! Was tust Du da!? Was wagst Du einfältiger Erdenwurm? Hast Du meiner Pakt vergessen? Glaubst Du, es bereite mir Vergnügen, zu sehen, wie Du den Hexenkünsten dieses armseligen Sterblichen erliegst? Hast Du einen Pakt mit den Höllenfürsten gemacht um ihn zu betrügen? - und Deine Seele, ohne Dich zu wehren von einem Magier zerstören zu lassen? Hast Du vergessen, daß Du mich hättest rufen müssen anstatt den anderen, den Schwächeren ...., Deinen Herrn Adon? "

Schrecklich in seiner überirdischen Schönheit und zornbebend steht er vor mir, Lucifer, der Fürst der Schatten und des Lichtes, der allmächtige Herr aller abtrünnigen Geister. Seine schwarzen großen Schwingen hüllen ihn ein wie ein Mantel. Ein von irgendwoher aus dem Nichts kommender Windstoß läßt seine langen blonden Locken wirr um das schöne Haupt fliegen.

Eine Kraft, wie ich sie im Leben noch nie verspürte, durchströmt mich. Aller Kummer, alle Ängste sind plötzlich wie weggeblasen. Ich fühle, wie der bannende, tötende Strahl meines Verfolgers dahinschmilzt wie der Schnee an der Sonne. Das Netz, daß er um mich legte, zerreißt wie ein jämmerliches Spinnengewebe - und noch eines fühle ich, ich bin frei - frei von allen Skrupeln, Ressentiments und ähnlichen Gefühlen. Ich bin wieder ich selbst geworden. Ja, ich bin mehr, ich bin Myrrh, die Hexe, die Magierin, die mit dem Teufel auf Du und Du ist.

Ich richte mich empor und mein Herz schlägt ruhig und fest, ich bin bereit!

" Höre mir gut zu ", grollt er, " das Versprechen, das ich Dir gab, setze ich in die Tat um - Deinen Mann gegen Deinen Geliebten, ein guter Tausch, nicht wahr? Nur brauche ich dazu noch etwas Zeit. Das Warum wirst Du dann sehen, wenn es so weit ist !"

Ist das nun eine Halluzination, die ich habe, oder ist das die Wirklichkeit? Ich habe die letzte Zeit so viel gelitten, daß ich mir selber nicht mehr traue. Ich schließe die Augen und lasse mich in einen Sessel fallen. Kalter Schweiß läuft mit den Rücken entlang, meine Hände sind eiskalt.

" Ich habe keine Zeit zu verschwenden! Gib mir Antwort! ", höre ich die Stimme sagen. Das Blut droht mit in den Adern zu gefrieren - ich öffne die Augen. Nein, es ist keine Täuschung, er ist da, alles ist Realität.

" Los, los, beeile Dich, meine Zeit ist kostbar! "

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" Oh Herr, gib mir bitte wenigstens die Zeit, richtig zu mir zu kommen ".

" Zu Dir zu kommen? Mein liebes Kind, was gibt es da lange zu sich zu kommen. Du hast gar keine andere Wahl als anzunehmen. Nur der Form halber will ich nochmals Deine Antwort hören! "

Er hat recht! Schon der Gedanke, daß das für mich und Dich, Adon, die einzige Lösung ist, läßt mir die Antwort leicht werden. Heute bist Du mein Retter, Lucifer, morgen oder irgendwann einmal bis Du mein Ende, aber nur der Augenblick zählt jetzt.

" Also, ich nehme an - unter einer Bedingung: Der Freund meines Mannes ist unschuldig! Er soll nicht büßen! Er glaubt, ein Recht für seine Handlungen zu haben. Er handelt nach seinem Gesetz!"

" Ha ha ha ....! Unschuldig - unschuldig! Höre sich das einer an. Weib, Du machst mich lachen. Aber was ist das schon wichtig im Augenblick. Eines schönen Tages gehört er mir doch wie alle ihr Erdenkreaturen. Hörst Du - Alle !" Er verschwindet und sein Abschiedslachen dröhnt mir in den Ohren wie die Posaunen des jüngsten Gerichts.

Auvergne, Spätsommer 1965.

Meine Ersparnisse sind nahezu aufgezehrt. Das, was ich als Stenotypistin verdiene reicht gerade hin, um die Ausgaben für meine Existenz, die Pension des Kindes und die Klinik für meinen Mann - er ist immer noch drin - zu decken. Ich muß sogar meinen Talisman versetzen, um meine Reise nach Frankfurt zu ermöglichen. Der Professor der Klinik, der einzige, der meine Adresse kennt, schrieb mir, daß meine Anwesenheit unbedingt erforderlich wäre, und zwar umgehend. Näher drückte er sich nicht aus, aber etwas Gutes konnte es ja schwerlich sein. Ich glaube, daß es nun dem Ende entgegen gehen wird. Umsonst würde der Arzt mich doch wohl nicht rufen lassen.

Ich kehre also nach Deutschland zurück, bestückt mit einem alten Koffer aus gelben Leder, der schon stark abgeschabt ist - wahrlich kein elegantes Stück mehr. Darin befinden sich nur die allernotwendigsten Dinge, denn ich gedenke nicht, hier Wurzeln zu schlagen. Ich bin gealtert. Die letzten Monate sind nicht spurlos an mir vorübergegangen, bald werde ich 30 Jahre alt.

Ohne Freude suche ich unsere ehemalige gemeinsame Wohnung auf, die ich bis jetzt natürlich noch nicht aufgegeben habe. Es ist feucht und kalt. Ein trübes Licht läßt den Aufenthalt nicht freundlicher werden. Das Ganze atmet Hoffnungslosigkeit und Kälte. Ich setze mich auf einen der Stühle, die vor Feuchtigkeit kleben und mit Schimmel überzogen sind. Mein Kopf sinkt nach vorn und ich spüre, wie eine Träne meine Wange hinab rinnt. Mein Kind fehlt mir ganz schrecklich, aber es war unmöglich, ihn mit in dieses Abenteuer hier hinein zu ziehen. Ohne ihn hat dieses Haus keine Seele und kein Herz.

Ich bin drei Monate mit der Miete im Rückstand und kann jeden Augenblick an die Luft gesetzt werden. Aber ich denke nicht zu sehr daran, es hat doch keinen Sinn. Der Tisch ist mit ungeöffneten Briefen übersät. Ich erhebe mich, um einen Blick darauf zu werfen. Zu bezahlen sind Rechnungen für Prozesse, Gerichtskosten und Beschlüsse gegen meinen Mann wegen - weiß Gott was für faule Geschäfte. Warum bin ich bloß hierher gekommen?, in dieses Nest der Lügen, Unannehmlichkeiten und anderer Dinge, die meiner harren. Alles hat sich da angesammelt, ein mächtiger Berg Papier, der in sich allerlei Gefahren birgt, Gefahren, die darauf lauern, sich auf denjenigen zu stürzen, dessen Namen auf den unzähligen Couverts steht, der Name meines Mannes. Während sein Geld, das die Versicherung ihm ausbezahlt hat, in einem sicheren Bankfach schläft, darf ich den ganzen Schmutz durchwaten, den er mir hinterlassen hat. Zwischen all den Briefen finde ich einen heraus, der meinen Namen trägt. Ich nehme ihn mit zitternden Händen

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und betrachte ihn lange. Dann nehme ich ein Messer und öffne ihn. Er ist von der lieben Frau des Freundes meines Mannes und enthält nur einige wenige Worte, Worte - die mich mit einer unsagbaren Freude erfüllen, wenn sie auch meine Tränen nicht trocknen können. Schlicht steht da geschrieben:

Ich bleibe weiterhin ihre Freundin. Ihre .... .

Müde lege ich mich auf die Couch. Die Zeilen tanzen mir vor den Augen und fangen an zu schwimmen - dann umfängt mich der Schlaf mit mitleidigen Armen.

Als ich wieder erwache ist es bereits Nacht, aber ich friere nicht. Sind es die wenigen Worte der Freundschaft, die in mir wie ein Freudenfeuer brennen - kann es da noch kalt in meinem Herzen sein? Wie habe ich auf dieses Zeichen gewartet, als ich mich von allen und allem verlassen fühlte. Da - jetzt ist es wahr geworden, an was ich schon lange nicht mehr glaubte. Wenn ich die ganze Reise nur deshalb machte, um diese wenigen Zeilen zu lesen, so war sie nicht umsonst.

Auch einige Briefe meiner Mutter klaubte ich aus dem Haufen Papier hervor. Ich lese sie ohne besondere Freude - ich empfinde nichts, Gott mag es mir verzeihen. Sie teilt mir mit, daß ...... . Am Ende des Briefes fragt mich meine Mutter, ob ich nicht wieder zurückkommen wolle nach Paris, um das Leben wieder so aufzunehmen, wie es vor meiner Hochzeit gewesen war. Schon der Gedanke daran läßt mich ein Schaudern über den Rücken laufen. Diese schleichende Angst, die sich in die Gedärme frißt wie die Zähne eines Reptils, wenn ich nur an jene Zeit zurück denke. Nein, das darf nicht wahr werden - das nicht!

Das Defilee der Gerichtsvollzieher hat begonnen. Allmählich leeren sich die Zimmer und die Wohnung nimmt ein armseliges und primitives Aussehen an. Die kahlen Wände scheinen sich unter der Wucht eines derartigen Fatalismus zu beugen. Eine kleine, einst so lebende Welt legt ihren Trauerschleier an und beweint die Seele, die sie verlassen hat. Sie ist ja schuldlos an dem Sterben. Die Leere ist fast unerträglich und es wird Zeit, daß irgend etwas entscheidendes geschieht, bevor mich diese Weltuntergangsstimmung gänzlich gefangen nimmt. Es kann nicht so weiter gehen, daß ich auf den Trümmern meines einstigen Haushaltes sitze und Unwiederbringliches beweine. Ein kleiner Topf mit einer Kaktee ist es, der mir einen warmen Strahl ins Herz sendet. Inmitten all der grauen Öde brechen aus der kleinen Pflanze große rote leuchtende Blüten hervor. Es ist ein Weihnachtskaktus, der es sich just in den Kopf gesetzt hat, mir mit seinen Blüten zu zeigen, daß das Leben weiter geht, ja weiter gehen muß.

Heute Nacht muß ich zu ebener Erde schlafen. Ich habe alles verkauft bis auf die Bücher und die magischen Geräte meines Mannes. Ich habe sie gut verpackt und bei einer Speditionsfirma untergestellt. Morgen, mit meinem kleinen Koffer, beginnt für mich wieder das Umherirren mit all seinen Gefahren der Ungewißheit vor der Zukunft. Aber trotz allem wird es die Freiheit sein - die Freiheit - mein Retter.

Am andern Morgen.

In der Dämmerung des aufsteigenden Tages erhebe ich mich, krummgelegen wie ein armer Bastard von Hund nach einer Tracht Prügel. Ich muß tief einatmen, bevor ich unter der kalten Dusche meine Lebensgeister wecke und die bösen Gedanken verscheuche, die mir die Nacht mit wirren Träumen gebracht hat. Es friert mich ein wenig, aber die Frische des Wassers bringt mein Blut rasch in Wallung und verjagt die Müdigkeit. Dieses aufgepeitschte Blut durchdringt nun meinen Körper und füllt ihn mit behaglicher Wärme. Ich kleide mich an, trete an's Fenster und werfe einen Blick in den Garten. Wiederum wie vor einem Jahr bringt der Herbst Entscheidungen mit sich. Ich nehme Abschied von diesem bunten herbstlichen Garten, an dem ich lange

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Zeit so sehr hing, Abschied für immer. Ich gehe hinaus und mit den Füßen streichele ich das Laub, das schon abgefallen ist. Meine Augen nehmen alles noch einmal in sich auf, die Birke, den alter Apfelbaum und am Zaun die Tanne. Der Geruch der Erde, der aufsteigt, zeigt, daß die schönen Tage nun bald zu Ende sein werden und das die Natur sich auf ihr Trauergewand vorbereitet. Ich fülle meine Lungen mit diesem Geruch mit einer beinahe borbide zu nennenden Gier. Dort unter jener verlassen hängenden Schaukel, die nun zu nichts mehr nütze ist, sehe ich einen kleinen Fisch aus Plastik, und unter dem Vorbau des Gartenhauses sind alle Spielsachen meines Kindes aufgestapelt, das Dreirad mit seiner verwaschenen roten Farbe, der Roller, die vielen kleinen Dinge, die einst die Freude meines Jungen waren. Ein kleiner Plüschaffe, in sich zusammengesunken, sieht aus, als hätte selbst er alle Hoffnungen verloren, und dem braunen Hund hängen noch immer die Ohren so drollig traurig herunter.

In die Stille des Morgens hinein ertönt plötzlich das lustige Zwitschern eines Vogels und zerstört die triste Stimmung. In der Nachbarschaft glaubt eine Katze, daß sie zum Miauen geradezu prädestiniert sei. Die Natur beginnt sich zu regen. Ein Strahl der aufgehenden Sonne fällt wie eine glänzende Speerspitze genau auf mein Herz. Blumen sind nicht mehr da, um einen Abschied zu feiern, nur einige Rosenknospen sind noch vorhanden, aber der erste vorzeitige Frost hat ihnen die Köpfe geknickt. Sie fallen nun ab wie die Köpfe unter der Guillotine der französischen Revolution. Aus den Schornsteinen der Nachbarhäuser steigen leichte Rauchwölkchen auf und die Schleier des leichten Morgennebels beginnen sich aufzulösen; zaghaft zeigt sich das blasse Blau des Himmels.

Ich träume nicht etwa mit offenen Augen - nein, mit vollem Bewußtsein nehme ich all die Eindrücke in mir auf. Ich fühle keinen Schmerz mehr, ich bedauere nur, dies ein bischen wilde Fleckchen Natur nun verlassen zu müssen, an dem so viele Erinnerungen hängen.

Wenn man sagt, Gegenstände hätten die Eigenschaft Vergangenes zu bewahren wie die Nadel, die Musik in eine Grammophonplatte ritzt, so glaube ich, daß die Stämme der alten Bäume das auch taten. Ich vermeine das übermütige Springen und Jagen unserer ersten glücklichen Zeit bildlich in ihrer Rinde zu sehen und ich höre helles Lachen aus ihren Ästen und Zweigen klingen. Manchmal schwingt in dieser Musik ein falscher Ton mit, dann krampft sich mein Herz weh zusammen. Ich sehe mich mit dem Kleinen um die Büsche tanzen, vorbei - aus -, und doch war alles kein Traum sondern einmal Wirklichkeit. Wie in einem Film laufen die Ereignisse vor meinen geistigen Augen ab, jede Einzelheit kann ich ganz deutlich erkennen. In einer Minute zieht das Erleben vieler Jahre an mir vorüber, bittersüße Erinnerungen. Lohnt es sich überhaupt, das Vergangene zu beschwören?

Es ist jetzt acht Uhr. Schon einige Zeit warte ich vergebens auf ein Zeichen von Dir - Adon, aber nichts tut sich. Du weißt doch, wie sehr ich auf Dich warte, ja es geradezu zum Leben benötige. Ich glaube, Du bist für mich das, was für einen Süchtigen das Opium ist. Sei's so, ich will es gar nicht ändern.

Ich gehe in die Wohnung zurück mit gesenktem Kopf. Mein Gehen kommt mir vor wie ein Trauermarsch. Es wird Zeit zu verschwinden und ich hoffe, Dich - Adon - irgendwo zu finden, irgendwo und irgendwann, mein Liebster.

Ich nehme mein kleines Köfferchen und ohne Geräusch schließe ich die Tür hinter meiner Vergangenheit.

Die Sonne ist nun am Himmel aufgestiegen wie ein großer goldener Drache, der eine feurige Lohe um sich verbreitet. Ein frecher Spatz hüpft vor

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meinen Füßen herum und eröffnete den Abmarsch. Nachbars schwarze Katze huscht vor mir über die Straße. Im Vorübergehen werfe ich die Wohnungsschlüssel in den Briefkasten, der nun wohl lange Zeit leer bleiben wird, wer weiß das schon.

Plötzlich ist es, als packe mich eine unsichtbare Macht - eine Welle des Hasses überflutet mich. Ich drehe mich um und schleudere mit geballter Faust einen fürchterlichen Fluch auf die Eigentümer dieses Hauses. Bei meiner Geste heult aus heiterem Himmel ein Windstoß auf und fährt wie besessen um das Haus herum, welke Blätter zu einem wirbelnden Tanze aufpeitschend. Als der Wind verhaucht ist kehrt eine wohltuende Ruhe in mich ein und ich fühle Genugtuung in mir aufkommen.

Ich atme tief - ich lebe!

Eine kleine Melodie geht mir im Kopf herum und mit einem Lächeln auf den Lippen gehe ich leichtfüßig den Weg hinab zum Bahnhof. Ich nehme den Zug nach Frankfurt. Die wenigen Leute, die noch aussteigen, tragen alle eine Leichenbittermine; aber auch die können mich damit nicht beeinflussen. Es ist ein ganz neues Gefühl, das in mir erwacht ist.

Ich bin erstaunt, als wir plötzlich schon in Frankfurt sind, so kurz ist mir diese Fahrt noch nie vorgekommen. Ohne mich sonderlich zu beeilen und ohne eigentliches Ziel steige ich aus dem Zuge und gehe dem Ausgang zu. Es ist mir, als hätte ich absolut nichts zu fürchten, so als führe mich ein guter Stern. In einem Restaurant trinke ich eine Tasse guten heißen Kaffee und esse ein Brötchen dazu, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, und um meine alte Haut ganz abzustreifen lehne ich mich bequem zurück und beginne eine Zeitschrift zu lesen, die ich vorher an einem Kiosk gekauft hatte.

In kleinen Schlucken genieße ich das wohltuende Getränk und beiße mit Genuß in das knusprige Brötchen.

Da ist es mit einem Male, als flüstere mir eine Stimme ins Ohr, ich müsse unbedingt in die Klinik gehen. Unwillig schüttele ich den Kopf, aber die Stimme bleibt, ja sie wird immer drängender.

Was soll's, schaden kann es ja nicht und wer weiß, vielleicht hat diese Stimme irgendeine Bedeutung. Ich habe kein beklemmendes Gefühl und so beschließe ich, dem Drängen nachzugeben.

Ich zahle, erhebe mich ohne sonderliche Hast und gehe langsam in Richtung Universitätsklinik. Weit ist sie nicht vom Bahnhof entfernt. Als ich durch den Park der Klinik schreite habe ich das Empfinden, als stünde etwas Entscheidendes bevor. Ich fühle, wie die unsichtbaren Sklavenketten der Vergangenheit von mir gleiten.

Ich beflügele meine Schritte und mit wilder Entschlossenheit stoße ich die Flügeltüren des Gebäudes auf. Langsam steige ich die Stufen empor, die Stufen " seines " Golgata und meiner Wiederauferstehung. Ich stelle mein armseliges Köfferchen ab und öffne ganz sachte die Tür zu seinem Zimmer.

In diesem Augenblick glaubte ich, mein Herz müsse aussetzen zu schlagen..., mein Blut scheint sich aus meinen Adern zu verflüchtigen ...., " E r " ist da......, steht mitten im Zimmer, lebendiger, gesünder und stärker als je zuvor und sieht mich mit einem Lächeln auf den Lippen an. Das Zimmer beginnt sich um mich zu drehen, schnell - immer schneller und dann nimmt mich eine wohltuende Ohnmacht in ihre schwarzsamtenen Arme.

Transkript: ChatGPT