Frage
Bitte stellen Sie sich, Ihr Werk und Ihre damit verbundenen Ziele vor.
Antwort
Ich sehe mich als Anarchist, der zwischen den Ikonen der Gesellschaft
umherwandert, mit einem Anzug aus Taschenspiegeln um den Leib und Marcel
Duchamps Flaschenständer auf dem Kopf.
Als Reflektor der Gesellschaft fange ich seit 1985 das von einer Sphinx
gefilterte Licht aus dem ethnologischen Untergrund der westlichen
Zivilisation auf: Licht, das am Ende des Tunnels den Suchenden anlockt,
dabei aber ein Mundvoll Sperma anleuchtet. Die dieses Licht abstrahlende
Taschenlampe nennt sich Ordo Templi Orientis, eine pseudo-geheime
Murmeltreppe, auf der man leicht angeschlagene Klickers trifft, die, wie
alle Murmeln, einen Weg rollen wollen, der schon Sysiphus vom Schicksal
vorgeschrieben wurde.
Bis jetzt habe ich dieses Licht in 10 Büchern gespiegelt: ein paar sind
über Theodor Reuss, einem Deutschen, der Yoga, Sperma und Freimaurerei in
rechtschaffene deutsche Ordnung zwingen wollte (worauf wahrscheinlich der
Begriff "Ordo" in Ordo Templi Orientis" hinweist); ein paar sind Werke über
Rosenkreuzer, die der Unterdrückung des menschlichen Daseins
alchemystisch-sexualmagisch ausweichen; und ich führe die O.T.O.-Rituale als
Faksimile in Aleister Crowleys Handschrift vor, in dessen universeller
Gnosis kein Unterschied zwischen Geld, Vaginalsekreten, einem Gedicht und
dem faschistoiden Dahindampfen im Gespräch mit Ausserirdischen mehr
vorhanden ist.
Mein einziges Ziel ist es: für mich selber nach wie vor ein erfassbarer
Teil des inspirierenden Prozesses im Bemühen um Subjektivität und
Objektivität zu bleiben. Mein Ziel war es nie: Aufklärung, Mission oder
Propaganda zu betreiben.
Frage
Nicht ausbleiben kann die Frage nach dem Ursprung Ihrer Studien. Sind Sie
gleich als Forscher/Künstler an den O.T.O. herangegangen oder als gutgläubiger,
die Initiation anstrebender Interessierter ?
Antwort
Ich war nie ein "gutgläubiger, die Initiation anstrebender Interessierter".
Mein emotionelles und seelisches Innenleben schliesst solche Wünsche und
Sehnsüchte völligst aus. Und mein Intellekt dient nur als Kitt zwischen den
Puzzle-Teilen aller mir zugänglichen Welt-Phänomene, worunter das
O.T.O.-Phänomen dasjenige ist, das zufälligerweise an und mit mir wachsen
konnte und eine Menge amüsanter Bonus-Satisfaktionen abwarf (dito
umgekehrt).
Frage
In den letzten Titeln der O.T.O.-Reihe beziehen Sie, wie Sie es beschreiben,
"absolute Distanz", d.h. Sie, kommentieren und analysieren nicht mehr,
sondern legen einzig und allein das Material offen. Welche Gründe gibt es
dafür ? Eine Reaktion auf Ihre Kritiker, die Ihnen Ihre Darstellung
übelnahmen ? Böse Menschen könnten Ihnen unterstellen, dass Sie das Material
gezielt selektieren und nur das verwenden, was Ihnen in den Kram passt ...
AntwortDas, was ich sagen wollte, tat ich mit meinen Büchern "Das O.T.O.-Phänomen"
(einer Historie aller O.T.O.-Gruppen), "Ein Leben für die Rose"
(Instant-Erleuchtung durch Sex mit und ohne Orgasmus im organisierten
Okkultismus) und "Abramelin & Co." (Historie der bewusstseinserweiternden
Techniken und Abenteuer im organisierten Okkultismus). Alle anderen sind
entweder Vorwort oder Fussnote:
- Der Kleine Theodor Reuss Reader [Einleitung]
- Materialien zum O.T.O.
- Der OTOA-Reader [übersetzte Materialien, da die Originale nur
in Englisch sind}
- Das Beste von Heinrich Tränker [O.T.O.-Grossmeister von Deutschland,
bei dem Aleister Crowley 1925 zu Gast war]
- How to make your own McOTO [die ach so berühmten O.T.O.-Rituale]
- Der Grosse Theodor Reuss Reader [u.a. mit Material über Rudolf
Steiner]
- Das Beste von Friedrich Lekve [Stellvertreter Aleister Crowleys in
Deutschland]
Fortsetzung folgt
Aus dem Präsentieren so vieler Faksimile-Materialien zum O.T.O. wie nur
möglich, im Zusammenhang mit dem (mindestens) 13-teiligen Gesamtwerk zum
O.T.O.-Phänomen, ergibt sich die kritische und distanzierte Haltung, die z.B.
objektiven Forschern Grundlagenstoff zur Abbildung der Befindlichkeit der
Gesellschaft, wie auch dem Okkultisten praktisches Material zur
Verfestigung oder Verformung seiner subjektiven Welten bietet.
Frage
In künstlerischer Form die "Historie" des O.T.O. in ein "Phänomen" zu wandeln
ist eher ungewöhnlich, wenn auch in Anbetracht der Materie wohl notwendig.
War diese Herangehensweise von Anfang an bewusst von Ihnen gewählt worden
oder hat sich im Laufe der Zeit ergeben, dass man ein "okkultes", also nicht
direkt greifbares Phänomen nicht allein mit Fakten und Zahlen darstellen kann
?
Antwort
Das O.T.O.-Phänomen entwickelte sich als offenes System, das sich während der
Entpuppung selbst de/re-konstitutierte, gemäss Major Tom: "I think my
spaceship knows which way to go".
Die sexualmagisch-literarische Ebene versuchte ich in meinem "Leben für die
Rose" zu entschlüsseln; die ethnologische Ebene auf schon ausufernde Weise
in meinem "O.T.O.-Phänomen"; der gnostischen Geschmeidigkeit näherte ich mich
u.a. mit dem Vortrag über die "Spermo-Gnostics and the O.T.O." (geplant für
den nächsten Band über die Gnostisch-Katholischen Kirchen), der übrigens
kürzlich auch von einer bekannten Homöopathin an der Uni Basel verwendet
worden ist; und indem ich mich als "Querelle"haften Dorian Gray einbringe,
eröffne ich u.a. die ethno-psychologische Sichtweise in einem
aufgebrochenen Kunstverständnis.
Das Vorhaben, z.B. nicht nur Biographien der O.T.O.-Protagonisten anhand von
Fakten, sondern auch anhand vorhandener Beispiele weltanschaulicher
Einstellungen zu entwerfen, machten meine Forschungen von Anfang an schwer
fassbar. Komplexität, immer wieder auftauchende Querverbindungen zu anderen
Personen, Eindrücken und Dogmen von schon an sich schwer durchschaubaren
Geheimbünden stellten mich und nun den Leser vor die Herausforderung, das
gesamte Phänomen wie ein Kunstwerk auf sich wirken zu lassen, das sich
einer kausalen Beschreibung immer wieder entzieht. Dies fordert alle
Beteiligten (inklusive mich) zu einem meditativen Denken auf und erlaubt
eher die Vermittlung einer ungequantelten Wirklichkeit, als die aporische
Fixierung auf rein historische Daten.
Frage
Wie würden Sie Ihr jetziges Verhältnis zum gesamten O.T.O.-Phänomen
beschreiben ? Hassliebe ? Bessesenheit ? Wer soviel Material anhäuft und
derart viel Zeit für eine Sache opfert, muss ihr doch zumindest den Hauch von
Sympathie entgegenbringen ?
Antwort
Nach wie vor bin ich persönlich überhaupt nicht am O.T.O. interessiert. Das
Phänomen als solches dient mir höchstwahrscheinlich als Vehikel, um mich
auszudrücken, als Möglichkeit. Ansonsten empfinde ich ähnlich wie bei einer
Soap Opera: es wird immer spannender. Könnte jedoch sofort bei irgendeiner
Episode mittendrin aufhören.
Frage
Wie kommt in der Regel der Kontakt mit Ihren "Informanten" zustande ?
Nehmen Sie Kontakt mit dem Menschen auf oder ist es genau umgekehrt ?
Antwort
Sie möchten wissen, ob ich meine Recherchen eher als anal-passives
Vergnügen à la Brechts Baal betreibe oder mehr in mystischer Versenkung in
meiner schwarzen Burg im Nosferatu-Kostüm depressiv nach Blut gierend meine
Bücher als kleine Särge voller verseuchender Ratten unters O.T.O.-Volk bringe?
Nun, ohne meine Hyperaktivität, ohne meine kaltblütige "persistence",
meinen kleinen Frechheiten und meiner absoluten Selbstsicherheit wäre
sicherlich nicht diese Materialfülle zustande gekommen. Primär bin _ich es,
der die Leute anschreibt, immer und immer wieder, bis die Zitrone keinen
Saft mehr hat. Seltener rollt mir eine solche auch von selber ins Haus und
bietet sich mir an.
Trotz meiner permanenten Ankündigungen, zu publizieren, gab es
erstaunlicherweise höchst seltenst Verweigerungen, ausgequetscht zu werden.
Es scheint unter diesen Okkultisten ein starkes Verlangen zu herrschen,
sich a) selber darzustellen, sich b) zu rechtfertigen und sich c) irgendwie
publiziert zu sehen. Abgesehen von der (Sehn)Sucht nach Visionen, scheint
eines der Hauptthemen des organisierten Okkultismus die Sucht nach
Legitimation nicht nur durch eine ausser-irdische Wesenheit, sondern auch
in der profanen Form einer Autorisation durch Papa und Mama zu sein.
Ein markantes Beispiel dazu ist die Fotographie von Herrn Dieter Heikaus,
alias Set-Horus Grossmeister des Ordo Saturni, abgebildet im Bischofskostüm
unter dem Jesus-Kreuz in den "Materialien zum O.T.O.", Seite 90. Erst gibt er
mir diese Fotografie mit der ausdrücklichen Erlaubnis, diese zu
publizieren, aber sobald dies geschieht, jammert er über verletzte
Persönlichkeitsrechte oder so ähnlich.
Klingt das nicht alles wie ein trash-Film auf RTL: "Gedemütigt, aber keiner
glaubt ihr"?
Frage
Ihre These von der "Identitätsauflösung durch O.T.O." scheint mir etwas
absurd und erinnert mich an Zeitgeist-Pauschalisierungen der Boulevardpresse
: "Alle Okkultisten sind sexuell verklemmt, faschistoid, homosexuell,
ungebildet bzw. haben Angst vor dem Fortschritt, betreiben Realitätsflucht
etc." Bei konsequenter Anwendung dieser Betrachtungsweise müsste die
"Identitätsauflösung" bei jeder politischen, religiösen oder wie auch immer
gearteten Ideologie beobachtet werden. Das scheint mir ziemlich paranoid.
Antwort
Ach; habe ich irgendwo irgendwann den Begriffkomplex "Identitätsauflösung
durch O..T.O" gebraucht? Unmöglich, da unstimmig. Ihre Frage und Ihre Antwort,
die Sie sich sogleich selber suggerieren, spiegelt Ihren eigenen Standort
in der Gesellschaft wieder.
Frage
Getreu dem Motto "Alles ist Pose" sind Sie für Ihren Bildbeitrag in "Under
Cover" in verschiedene Rollen geschlüpft. Welche sagt Ihnen am meisten zu ?
Antwort
Die der zweiten Anna in Brechts "Die Sieben Todsünden".
Frage
Sie haben mehrfach — leicht genervt, wie mir scheint — darauf hingewiesen,
dass Sie am "O.T.O.-Phänomen" interessiert sind und nicht am
"Thelema/Crowley-Phänomen". Haben Sie den Eindruck, dass sich der Grossteil
der Leserschaft nur auf Crowley stürzt und den Rest mehr oder weniger als
Beiwerk sieht ?
Antwort
Hmm, die Komplexität dieser Sichtweise verlangt nach Illustration:
Tatsächlich wird "der" O.T.O. zu oft in einen zu nahen Zusammenhang mit
Crowley gebracht, der ab 1923 (dem Tod Theodor Reuss') aus seinem Zweig ein
säkularisiertes Unternehmen aufzubauen versuchte. Es existiert z.B. ein
Plan Crowleys, das O.T.O.-Lebenselixier (d.h. Sperma und Vaginalsekrete) unter
dem Namen "Amrita" als Massenprodukt herzustellen und zu verkaufen: "It
means shifting the Centre of Gravity of the Human Race!", Tagebucheintrag
vom 6. August 1923.
Solche werbestrategisch unglücklichen "Ausrutscher" werden vom "Caliphat"
natürlich nicht gern gesehen. Nichtsdestotrotz wird die Ware Crowley von
der 1977 in Kalifornien gegründeten Firma "Caliphat" (die sich selber auch
als "OTO International" bezeichnet) als Marketing- und Public
Relation-Produkt mit einem Mini-Aufgebot von Anwälten an den Mann, resp.
Frau, gebracht.
Und sehen Sie: mich interessiert mehr die Firma als deren momentane
Handelsware.
Frage
Wer nach der einschlägigen Literatur aus O.T.O.-naher Hand nun mit Ihren
Büchern konfrontiert wird, sieht sich nicht selten einem Zusammenbruch seiner
bisherigen Vorstellungen ausgesetzt. Die angestrebte Spiritualität scheint da
nur noch frommer Wunsch, ist sie doch durch Machtpolitik, Legitimationsstreit
und unsäglicher Hin- und Herschieberei von Chartas in den Hintergrund
getreten. War es Ihrer Meinung nach von Anfang an so oder ist hier ein
kontinuierlicher Niedergang zu beobachten ?
Antwort
In Bezug auf den O.T.O. war "es" von Anfang an "so", bloss das soziale Milieu
hat sich geändert und die quantitative und qualitative Rezension
davon/darüber.
Frage
Dem Caliphat haben Sie in Ihrer Konzept-Darstellung in Gnostika
Spiessigkeit und Engstirnigkeit vorgeworfen, die jede eventuelle
Bewusstseinsveränderung/Erweiterung verhindert. Sehen Sie die Arbeit dieser
Gruppe als zum Scheitern verurteilten Versuch, Spiritualität zu
"organisieren" ? Welche Position würden Ihrer Meinung nach Reuss und Crowley
zum Caliphat beziehen ?
Antwort
Die "Arbeit" dieser Gruppe besteht laut inoffiziellen Selbstaussagen der
massgeblichen Protagonisten allein in der Publikation von Crowley-Material.
"O.T.O. is just a club. A simple club. A wholly mundane thing. Its fate is
in no sense tied into that of the Aeon itself," so James Eshelman,
ehemaliger Stellvertreter des "Caliphs" und jetzt Repräsentant des
"caliphat"ischen AA-Zweiges am 8. April 1997. Und am 12. April 1997,
Eshelman über William Breeze, dem jetzigen "Caliph": "he is willing to
sacrifice the spiritual development of the present generation [von
Mitgliedern] (since it's impossible to reform the post-Grady version of the
Order anyway [d.h. die Crowley- oder Reuss-Version des O.T.O.]) in order to
lay the best foundation for the spiritual growth of humanity for the next
couple of thousand years," indem Breeze Crowley-Bücher publiziert
Was wohl Reuss oder Crowley von all dem hielten? Die Vorstellung, dass sich
der von Theodor Reuss konzipierte freimaurerische Retorten-Hochgrad-Orden
O.T.O. in ein Jahrmarktszelt verwandelt, wo ein "Caliph" und seine
"Scharlachrote Hure" Tarot-Karten legen (so wie auf der "O.T.O.-Newsletter"
II,2/6, Berkeley 1978, abgebildet), entspricht sicherlich Crowleys Milch
der frommen Denkungsart. Und der Geldaspekt hinter dem Ganzen? Einmal
dürfen Sie raten.
Frage
Es mag vielleicht nicht legitim sein, derartige Rückschlüsse aus
Äusserlichkeiten zu ziehen, aber beinahe noch entlarvender als die
gesammelten Texte wirken auf mich z.B. die Fotos vom Treffen des ORDO SATURNI
aus dem "Materialien zum O.T.O." Band, die Ihren Vorwurf von "wildgewordenen
Sofahockern" zu bestätigen scheinen. Weder Roben noch der Brustschmuck von
Gregor A. Gregorius können über die biedere Spiessigkeit hinwegtäuschen, die
diese Herren ausstrahlen. Würden Sie meinen Eindruck bestätigen ? Der OS wird
ja ohnehin eher belächelt.
Antwort
Aus einem bestimmten Grund habe ich diese Fotos ja drin.
Frage
Um kurz beim ORDO SATURNI zu bleiben : Im gleichen Band findet sich ein
Dokument, das Sie im 8. Grad des OS bestätigt. Wie hat man sich die
Gradarbeit beim OS vorzustellen ? Verschleudern die ihre Grade per Post ?
Antwort
Nicht notorischerweise.
A:Was hat jemand im "Gradus Mercurii" hinter sich ?
A: Schon den Rücken zur Gummiwand?
Frage
Zwei Fragen zur FRATERNITAS SATURNI : Sie betonen immer wieder, dass Sie
sich nur für den O.T.O. interessieren. Warum dann ein Band über die FS ? Welche
neuen Erkenntnisse über die FS kann der Leser erwarten ? Muss Frater VD,
Deutschlands prominentester okkulter Geldscheffler, schon seine Anwälte
kontaktieren ?
Antwort
Illuminaten-Orden, Fraternitas Rosicruciana Antiqua, Gnostisch Katholische
Kirchen und Saturn-Logen sind beachtenswerte Graubereiche des
O.T.O.-Phänomens, letztere könnte man sogar als kaschierten O.T.O. bezeichnen.
Neuerdings versucht das "Caliphat", einen anderen Grenzbereich zum
O.T.O.-Phänomen, nämlich Crowleys eher auf den Heiligen Schutzengel
konzentrierten Argenteum Astrum [dessen Historie von ähnlichem Gezänke
durchzogen ist, wie diejenige des mehr auf Sperma fokussierten O.T.O.] als
eine Art religiöse "Freimaurerei" mit öffentlichem Tempel aufzuziehen, um
eine zentralisierte Machtposition einzunehmen. Man denkt sogar daran,
Babalons Stern, das Pentagramm- und das Hexagramm-Ritual zu copyrighten.
Bald wirds lustig: Neben jedem Altar jeden/r Magiers/in befindet sich eine
Münzmaschine für 10-Pfennigmünzen. Bei jedem getätigten AA-Ritual, ob nun
in flesh oder astral, wirft man eine Münze ein, wofür man eine Karte erhält
mit der Aufschrift: "Danke für die Unterstützung unseres nächsten First
Class Flugtickets, um jemanden vor Gericht zu bringen".
Frage
Die Boulevard-Presse wärmt im Zusammenhang mit Charles Manson immer wieder gern dessen angeblichen Kontakt zur "Solar Lodge of the O.T.O." von Jean Brayton auf. Diese wird vom 'Caliphat' als "irreguläre Loge" dargestellt. Dem stellen Sie im "O.T.O.-Phänomen" die Aussage "They were an O.T.O. Lodge" von Phyllis Seckler gegenüber. Stimmen Sie dem zu?
AntwortJa, allerdings mit gewissen Einschränkungen. Während Crowleys Lebzeiten gab es nur eine offiziell aktive O.T.O.-Loge in Amerika: die Agapé Lodge in Kalifornien. Grady Louis McMurtry erhielt von Crowley eine Sonderanweisung: Im Notfall sollte er sich dieser Loge annehmen, jedoch nur unter der Bedingung, dass Karl Germer, Crowleys Stellvertreter und Nachfolger im O.T.O., dies genehmigen würde. Germer hatte jedoch wenig Vertrauen in McMurtry (er bezeichnete ihn als "Minus" und sah die USA als "spirituelle Wüste"), weshalb er die Agapé Lodge am 7. September 1953 schloss. Statt McMurtry favorisierte er
H.J. Metzger aus der Schweiz als seinen Nachfolger. In dieser Zeit hatte McMurtry längst das Interesse an der Zukunft des O.T.O. in den USA verloren.
In den 1960er Jahren initiierte das ehemalige Agapé-Mitglied Mildred Burlingame Jean Brayton unter Verwendung von Crowleys O.T.O.-Ritualen. Dadurch entstand die Solar Lodge als eine Art unabhängige O.T.O.-Abspaltung ohne formale Autorisierung. Weder Burlingame noch McMurtry (der später seine O.T.O.-Ansprüche erneuerte) besaßen eine schriftliche Genehmigung zur Durchführung von Initiationen oder zur Gründung neuer Logen. Nach den O.T.O.-Statuten wäre eine solche Autorisierung jedoch zwingend erforderlich gewesen.
Die häufig in Boulevardmedien wiederholte Behauptung, dass Charles Manson mit der Solar Lodge in Verbindung stand, bleibt unbelegt. Es gibt keine glaubwürdigen Beweise dafür, dass Manson selbst an Ritualen oder Versammlungen der Solar Lodge teilnahm. Vielmehr war es Tex Watson, ein Mitglied der Manson-Familie, der angeblich Kontakt zu Personen hatte, die mit der Lodge in Verbindung standen. Dennoch nutzten die Medien die zeitliche Überschneidung zwischen dem "Boy in the Box"-Skandal der Solar Lodge und den Morden der Manson-Familie im Sommer 1969, um eine Verbindung zwischen beiden Gruppen zu suggerieren.
McMurtry ergriff diese Gelegenheit, um sich vom wachsenden Skandal um die Solar Lodge zu distanzieren. Er informierte das FBI über Brayton und versorgte den Journalisten Ed Sanders mit Material über die Lodge. Sanders verwendete diese Informationen für sein Buch *The Family*, in dem Thelemiten im selben Atemzug mit der Manson-Familie genannt wurden – ein erheblicher Imageschaden für die O.T.O.-Bewegung insgesamt. McMurtry selbst wurde in der ersten Auflage nicht erwähnt, möglicherweise, um ihn nicht mit der Affäre in Verbindung zu bringen.
Kurz nach diesen Ereignissen gründeten McMurtry und Phyllis Seckler eine Gruppe namens "The Continuum", die sich dem erneuten Druck und der Veröffentlichung von Crowleys Schriften widmete. Diese Gruppe bildete den Kern dessen, was später als 'Caliphat' O.T.O. bekannt wurde, das 1977 formal gegründet wurde. Ziel dieser Reorganisation war unter anderem die Anerkennung als religiöse Organisation mit Steuerbefreiung sowie die Sicherung von Copyright-Ansprüchen auf Crowleys Schriften. Pikantes Detail: Crowleys Testament erwähnt McMurtry überhaupt nicht; als "Literary Executor" wurde stattdessen der Engländer John Symonds eingesetzt.
McMurtry stand zudem vor einem weiteren Problem: Die Solar Lodge existierte bereits vor dem 'Caliphat' und erhob für sich den Anspruch, eine legitime O.T.O.-Loge zu sein. Um seine eigene Position zu festigen, wies McMurtry die Solar Lodge als "irregulär" zurück und erklärte, dass Burlingames Initiationsbefugnisse ungültig gewesen seien – während er gleichzeitig andere ehemalige Mitglieder der Agapé Lodge anerkannte, die ihn unterstützten, wie seine Ehefrau Phyllis Seckler. Gleichzeitig lehnte er die Nachfolgeansprüche von
Marcelo Ramos Motta,
H.J. Metzger und
Kenneth Grant kategorisch ab.
Diese selektive Anerkennung führte dazu, dass McMurtry schließlich eine neue Agapé Lodge gründete und sie 1977 als "Großloge" des O.T.O. ausrief. Gleichzeitig begann eine gezielte PR-Kampagne, die die rivalisierenden Gruppen als "illegitim" darstellte. Dadurch konnte sich das 'Caliphat' O.T.O. als führende Organisation des Thelema positionieren.
Das zentrale Problem bleibt jedoch bestehen: Falls die Solar Lodge tatsächlich illegitim war, dann könnte man ebenso die Legitimität des 'Caliphat' O.T.O. infrage stellen, das unter ähnlich nicht autorisierten Bedingungen entstand. Später räumten einige hochrangige Mitglieder des 'Caliphat' ein, dass Burlingame
"limited O.T.O. activities performed", ohne jedoch genau zu spezifizieren, welche Aktivitäten dies gewesen sein sollen.
Nach McMurtrys Tod im Jahr 1985 übernahm William Breeze die Leitung der Organisation und benannte sie in "O.T.O. International" um.
Es bleibt die grundsätzliche Frage: Sind die O.T.O.-Rituale spirituell oder rein organisatorisch zu betrachten? Muss eine Initiation durch eine "magische" Autorität legitimiert werden, oder kann sich jeder selbst in den O.T.O. einweihen? Innerhalb des 'Caliphat' gibt es hierzu widersprüchliche Aussagen. Selbst führende Vertreter räumen ein, dass die O.T.O.-Rituale Crowleys im Wesentlichen Adaptionen von bereits bekannten freimaurerischen Zeremonien sind und dass der 'Caliphat' O.T.O. letztlich keinen spirituellen, sondern vielmehr einen rein organisatorischen Wert besitzt.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Entweder sind sowohl das 'Caliphat' O.T.O. als auch die Solar Lodge Ableger einer 1953 aufgelösten Agapé Lodge – oder aber beide sind es nicht. Um diesem Dilemma zu entgehen, geben Mitglieder des 'Caliphat' mittlerweile zu, dass Burlingame
"limited O.T.O. activities performed", ohne jedoch konkret darzulegen, worin diese bestanden.
Solar Lodge and the 'Caliphate':
Documents from the Early Struggles.
Renovation of: Birth of a New American O.T.O.:
History of the Solar Lodge. Charles Manson and the Occult.
Frage
Genau wie über die Braytons und die "Solar Lodge" gibt es auch über Karl
Germer, Nachfolger Crowleys als Oberhaupt dessen Zweiges, FBI-Akten. Wie
sieht es mit der Überwachung im deutschsprachigen Raum aus ? Werden die O.T.O.
Gruppen Ihrer Meinung bzw. Ihren Informationen nach in irgendeiner Form
beobachtet ?
Antwort
Ich weiss es nicht.
Frage
Stichwort Überwachung : In Deutschland wird "Scientology" neuerdings vom
Verfassungsschutz offiziell observiert. Wie denken Sie darüber ?
Antwort
Was ist "Ueberwachung"? Soweit ich weiss, sammeln irgendwelche Aemter nun
offiziell die offiziellen SCNSachen, das ist alles. Ich wünsche mir
übrigens schon lange, von irgendwem, sei es nun vom okkulten FBI oder von
einem Alien, überwacht zu werden.
Frage
Wie sah eigentlich die Rolle von L.R. Hubbard im O.T.O. aus ? O.T.O.-Kreise
werfen ihm vor, dass er die Techniken zur Befreiung des Menschen umgewandelt
hat, um sie zu versklaven, während "Scientology" verkünden lässt, dass
Hubbard dort als Geheimagent eingeschleust wurde, um arme Menschen vor bösen
Schwarzmagiern zu retten. Ich vermute, beides ist Unsinn ?
Antwort
Soweit ich informiert bin, sind beide Versionen ebenso plausibel wie
wiederlegbar. Die vorhandenen sexualmagischen Unterlagen in Sachen Hubbards
Homunkulus-Erzeugung sprechen jedoch eher eine pro-Crowleysprache. Ebenso
berichtet ja auch Hubbards Sohn, dass sich sein Vater als Inkarnation des
Grossen Tieres gesehen habe.
Frage
Ihr Kollege Josef Dvorak ist medienmässig sehr aktiv und ist in den
letzten Jahren durch zahlreiche TV Shows gereist, ...
Antwort
... getingelt
Frage
... in denen verstörte Heavy-Metal Anhänger und wahnsinnig betroffene
Hausfrauen ihr Leid klagten. Insgesamt scheinen diese Sendungen wieder ein
Beleg für R.A. Wilsons Motto "Kommunikation ist nur unter Gleichgesinnten
möglich" zu sein. Wäre diese Art der Öffentlichkeitsarbeit etwas für Sie ?
Würden Sie sich gern zu Hans Meiser auf die Couch setzen ? — Immerhin
bekennen Sie sich in Gnostica zum Trash.
Antwort
Korrektes ethnologisches Arbeiten verlangt Mit-Einbeziehen der eigenen
Person. Deshalb auch dieses Interview. Hans Meisers Zirkusarena ist jedoch
bislang nicht der Ort, wo O.T.O.-Phänomen stattfindet. Dieses von mir da
hinzuzufügen, wäre grobe Manipulation meinerseits, die ich nicht ausübe.
Warum sollte ich bei Meiser und seinem Millionenpublikum über/von ca. zwei
Dutzend "Caliphats"Mitgliedern in Deutschland sprechen? Sie können sich
sicherlich vorstellen, dass ich schon Redakteure von Privatsendern in
meinem Heim hatte, aber meine Unwilligkeit, Blut und Sperma in der
gewünschten Menge zu produzieren, äusserte. Ähnliches passierte auch im
Zusammenhang mit von Medienschaffenden organisierten Auftritten zusammen
mit Herrn Dvorak, die nicht nur ich dankend ablehnte.
Frage
Schätzen Sie die Arbeit von Josef Dvorak ? Im "O.T.O.-Phänomen" bezeichnen
Sie ihn als "sympathisch". So viel Lob über Kollegen hört man von Ihnen eher
selten ...
Antwort
Und? Hat Sie nicht genau DAS misstrauisch gestimmt? Ich rede gerne
stundenlang mit Herrn Dvorak, ich danke ihm viele Lacher, eine Menge
köstlicher Anekdoten, und ich bewundere die Wendigkeit seines doch linearen
Denkens, etc. ...
Frage
Auch wenn Sie keine Fragen über IOT bzw. Chaos-Magie wollten : Im IOT
gibt es das "Amt des Insubordinators". Wäre ein solches Amt Ihrer Ansicht
nach geeignet um die eingefahrenen hierarchischen Strukturen der O.T.O. Logen
aufzulockern ? Oder sehen Sie das auch im Falle des IOT nur als Alibi ?
Antwort
Sehen Sie, warum ich keine solchen Fragen wollte?: Seit 1919 gibt es im
Crowley-O.T.O. das Amt des/r offiziellen "Revolutionary" (Liber CXCIV).
Frage
Die Stichworte Logen/Schweiz wecken bei den meisten Menschen eher
Assoziationen an die Sonnentempler als an Metzgers O.T.O., was wohl
hauptsächlich daran liegt, dass letztere noch keinen medienwirksamen Eingang
ins Jenseits gefunden haben. Die Übergänge zwischen O.T.O.lern, Freimaurern und
Rosenkreuzern sind zuweilen fliessend. Gab es personelle Verbindungen oder
Kontakte zwischen Sonnentemplern und O.T.O. Logen ?
Antwort
Davon weiss ich nichts.
Frage
Im "Grossen Theodor-Reuss-Reader" räumen Sie mit dem Gerücht bezüglich
Rudolf Steiners angeblicher O.T.O. Mitgliedschaft auf, das von schlecht
informierten Autoren und Rezensenten weiter verbreitet wurde. So wurde
unlängst das merkwürdige "Das schwarze Reich" von E.R. Carmin
wiederveröffentlicht, dass Steiner ebenfalls zum Grossmeister macht und sich
dabei auf Symonds und Miers bezieht. Was mich in diesem Zusammenhang
interessiert : Wie sind die verschiedenen O.T.O. Gruppen in all den Jahren mit
diesem Gerücht umgegangen ? Haben sie versucht, dieses Gerücht zu
instrumentalisieren, um aus Steiners verhältnismässig gutem Ruf werbemässig
Kapital zu schlagen ?
Antwort
Selbstverständlich brüsten sich alle O.T.O.-Gruppen mit ihren prominenten
angeblichen "Ahnherren", und es würde sicherlich keine starke gnostische
Schmerzen bereiten, auch Mutter Theresa als thelemitische Heilige in die
Crowleysche O.T.O.-Messe aufzunehmen. Sobald sie gestorben ist, natürlich.
Ich habe tatsächlich schon Vorschläge gesehen, u.a. Patti Smith, Maria
Magdalena, Eleanor Roosevelt und Madonna als thelemitische Heilige
anzubeten. Und warum denn nicht auch die "Golden Girls"?
Frage
Hatte das Caliphat überhaupt nähere Informationen über diese Episode der
O.T.O. Geschichte oder herrschte dort absolutes Unwissen ?
AntwortGenerelles Unwissen, das (bislang) in dogmatischem Festhalten an der
selbstgebastelten Ordenshistorie mündet (dasselbe trifft auf
Franz
Hartmanns oder Carl Kellners angebliche Mitgliedschaft im "O.T.O." zu, oder
Crowleys angeblich legitime Autorität als O.T.O.-Führer). Die historischen
Unterlagen des "Caliphats" bestehen (abgesehen von den Aussagen Crowleys)
allein aus den Ueberbleibseln des mehrmals ausgeraubten Archivs von
Crowleys Nachfolger, Karl Germer, und Mikrofilmen einiger
Universitätssammlungen. Breeze, der sogenannte "Caliph", verwendet die
Ordenskasse ebenfalls, um hin und wieder bei Sotheby's oder
Rothschild-Berlin ein paar grad zum Verkauf anstehende Crowley-Manuskripte
zu erstehen. — Da war mit Bestimmtheit z.B. nichts Rudolf
Steiner-Relevantes darunter.
Es klingt vielleicht eigenartig, aber bevor ich ca. 1990 zu publizieren
begann, nahm die offizielle Ordensgeschichte des "Caliphats" ungefähr auf
zwei A4-Seiten ihren Platz ein. In der Zwischenzeit ist man rührig geworden
und hat sogar Arnoldo Krumm-Hellers "Leben für die Rose" zur Kenntnis
genommen.
Der interessierte Leser sollte sich im Zusammenhang mit dem "flexiblen"
Geschichtsverständnis des "Caliphats" unbedingt meine im Internet
publizierte Korrespondenz mit David Scriven (dem Rex Summus Supremus des
"Caliphats" in den US) ansehen. Hier findet man auch die Katalogsliste des
diesbezüglichen
Archivs, Datum ca. 1992
Frage
Zu Ihrer Vorliebe für soap-operas : Es gibt eigentlich nur drei Gründe,
sich soap-operas anzuschauen, nämlich um sich über armselige Inhalte,
peinliche Dialoge und miserable "Schauspieler" zu amüsieren. Ich vermute, Sie
sehen da durchaus Parallelen zum O.T.O.-Phänomen ?? Verraten Sie uns Ihre
Lieblings-soap-opera ?
Antwort
Selbstverständlich gibt es in meiner Wahrnehmung keine grossen Unterschiede
zwischen "Dallas" und "O.T.O.-Phänomen". Bei beiden kann ich zappen, wenn ich
von Geld und Intrigen gesättigt bin; beide täuschen Realität vor; beide
koagulieren durch die Auslieferung an libidinös vorbeifliessende Bilder (ob
nun J.R. Ewing oder Aiwaz) auseinanderfallendes Ich auf Artefakte des
Alltags (dieser Prozess wird von einigen Okkultisten als quasi-religiöser
Akt von Instant-Erleuchtung erlebt) und beide bilden ikonenhaft
zeitgeistgemässe Selbstauflösung und selbstinduzierten Identitätsverlust
auf charismatische Stars ab. Linda Gray als die Grosse Hure Babalon.
Meine Lieblings-soap ist natürlich die "Lindenstrasse", weil da mein Arzt
praktiziert, — und "Roseanne", weil sie so gut kocht.
In diesem Sinne wünsche ich den Lesern von Sigill weiterhin "Gute Zeiten,
Schlechte Zeiten". Denn die nächste Episode wird bestimmt besonders
aufregend.
© P.R. König und SIGILL, August 1997.