Ordo Templi Orientis · Hintergrundinformation

Aleister Crowley

Eine kompakte Biographie, gefolgt von einem kühleren Blick auf Thelema, den O.T.O., seine sexualmagische Grammatik und jene sakrale Verwaltungsrhetorik, mit der aus Behauptungen gerne Autorität gemacht wird.

Aleister Crowley by Richard T. Cole

Aleister Crowley, nach Richard T. Cole.

Biographie, ohne Weihrauchmaschine

Crowley wurde am 12. Oktober 1875 in England geboren. Seine Eltern gehörten den christlich-fundamentalistischen Plymouth Brethren an.

Er studierte am Trinity College in Cambridge Chemie, schloss das Studium jedoch nie ab. Nachdem er das Vermögen aus der Brauerei seines Vaters geerbt hatte, verbrachte er seine Zeit mit Poesie und Okkultismus. 1898 wurde er Mitglied des Golden Dawn, eines Geheimbundes, in dem unter anderem William Butler Yeats, Oscar Wildes Ehefrau Constance, Arthur Edward Waite, Florence Farr, Bram Stoker und Sir Arthur Conan Doyle verkehrten.

Von nun an widmete sich Crowley dem Okkultismus. 1900 begann der Golden Dawn auseinanderzufallen; Crowley wurde vor allem durch Yeats’ Einfluss ausgeschlossen, weil dessen magische Methoden und moralische Gewohnheiten nicht unbedingt als Empfehlungsschreiben galten.

In dieser Zeit schrieb Crowley pornographische Texte, die von der britischen Zollbehörde beschlagnahmt und zerstört wurden. Er reiste nach Asien und Afrika, wo er angeblich Yoga studierte und westliche Ritualmagie mit orientalischem Mystizismus ausschmückte.

In London und Paris bewegte sich Crowley in den Kreisen der Bohème; in Paris gab es am Pigalle ein Cabaret namens Abbaye de Thélème, benannt nach Rabelais’ Gargantua et Pantagruel. Auguste Rodin illustrierte einen seiner Gedichtbände. Crowley heiratete 1903 Rose Kelly, die Schwester des Malers Gerald Kelly. Die Figur Oliver Haddo in William Somerset Maughams Roman The Magician basiert auf Crowley.

1904 hielt er sich mit Rose in Ägypten auf. Dort verfasste er ein dreiteiliges Gedicht, das angeblich von einer ausserirdischen Intelligenz diktiert wurde. Manche vermuteten Rose als Quelle, da im Originalmanuskript Korrekturen in ihrer Handschrift erscheinen. Crowley selbst nennt in seinen Schriften auch “Thee, Satan, my saviour” als Quelle.

Dieses dreiteilige Gedicht verarbeitet Crowleys frühere Texte, Ideen von Nietzsche, Schopenhauer, Augustinus und Rabelais, die Offenbarung der Bibel und anderes Material. Als Buch des Gesetzes wurde es zur Bibel seiner Neureligion beziehungsweise Philosophie Thelema.

Thelema, O.T.O., Abstieg

Den Rest seines Lebens verbrachte Crowley damit, Thelema als „Gesetz des Neuen Aeons“ in Texten, Gedichten und Ritualen auszuarbeiten.

1910 kam er in Kontakt mit dem deutschen Ordensgebilde Ordo Templi Orientis (O.T.O.) und übernahm 1912 den englischen Zweig des Ordens.

Von 1915 bis 1919 lebte er in den Vereinigten Staaten, wo er antibritische Propaganda publizierte. Anfang der 1920er Jahre war er mit einer kleinen Handvoll Anhänger in Cefalù auf Sizilien, wo er in einer „Abtei Thelema“ seine utopischen Phantasien zu verwirklichen suchte.

Mussolini wies ihn aus Sizilien aus. Über Tunis gelangte Crowley 1925 nach Deutschland, wo ihn weniger als zehn Leute zum Weltheiland ausriefen und er sich von denselben Anhängern zum Oberhaupt einer der versplitterten O.T.O.-Gruppen wählen liess.

Von nun an überschatteten miserable Gesundheit und übermässiger Drogenkonsum seine Biographie. 1934 verlor er einen Prozess wegen übler Nachrede, den er selbst angestrengt hatte. Den Rest seines Lebens verbrachte er bankrott und vereinsamt in englischen Landgasthäusern. Am 1. Dezember 1947 starb er.

Aleister Crowley Golden Dawn Ordo Templi Orientis Robe
Crowley im Feld von Golden-Dawn- und O.T.O.-Ikonographie.

Das sexualmagische System nach Aleister Crowley

Kritische Dossiernotiz

Unter Aleister Crowley sollte die Aufgabe des Ordo Templi Orientis (O.T.O.) sein, wie er 1944 schrieb, “to restore Christianity to its real status as a solar-phallic religion.” Die Struktur des O.T.O. ist, ähnlich wie einige freimaurerische Riten, auf einer Serie von Einweihungsritualen aufgebaut. Lediglich die höchsten Grade weisen auf die angebliche Essenz des Ordens hin; ausschliesslich Mitglieder dieser Grade konnten als „wahre“ Mitglieder gelten.

Diese Hochgrade unterscheiden sich von den unteren Graden dadurch, dass es — abgesehen von einem neu entworfenen pseudofreimaurerischen VIII°-Ritual — keine vollständig ausformulierten Ritualtexte und Einweihungen gibt, sondern nur grobe Anleitungen, die individuell ausgearbeitet werden können. Die Hochgrade haben oft eine doppelte Funktion: Sie weisen einerseits eine bürokratische Rolle im Orden zu und verweisen andererseits auf eine bestimmte Form von Sexualmagie.

VII°Anbetung des Phallus als Baphomet, ausserhalb und innerhalb des Körpers. Lacans symbolischer Phallus drängt sich hier als Denkfigur auf: Autorität, Macht, Kastration und soziale Ordnung, nicht bloss Anatomie.
VIII°Interaktion des Spermas mit etwas ausserhalb von Vagina und Anus; also eine Art magische Masturbation. In der Ordensbürokratie bedeutet der VIII° auch Mitbestimmung über Statuten und Regelungen.
IX°Interaktion des Spermas innerhalb der Vagina, entweder im Zusammenhang mit Blut oder Vaginalsekreten. Jeder IX° ist auch VIII° und bestimmt damit ebenfalls über das Geschick des Ordens.
Befruchtung eines Eies, etwa eines Homunkulus, und die Aufgabe, einen Nachfolger zu bestimmen oder das nächste Oberhaupt zu wählen.
XI°Zwei Varianten: Isolierung im Anus, wo keine Interaktion des Spermas angenommen wird; oder Interaktion mit Exkrementen, kleinen Blutmengen und Schleimhäuten.
ElixierErst durch den Kontakt mit dem Elixier verwandelt sich der nur potentielle Magier in einen aktiven Magier: durch Essen, Applikation, Aufnahme und symbolische Verwendung.

Im Typhonischen O.T.O. bedeutet der XI° Interaktion mit Menstrualblut und anderen Körperflüssigkeiten. Dort gibt es keine homosexuellen Praktiken, die auf die Gradstruktur verweisen — und umgekehrt. Bei Crowleys Version hingegen bezieht sich der XI° auf hetero- und homosexuelle Praktiken. Hauptsache: anal.

Das richtig zubereitete sexualmagische Elixier aus Sperma, Vaginalsekreten und anderen Körpersäften soll vom Magier durch Saugen aus der Vagina oder dem After eingesammelt und wieder mit dem Partner oder der Partnerin geteilt werden. Es wird in den Mundhöhlen hin und hergereicht, ohne mit Luft in Berührung zu kommen, von den Schleimhäuten aufgenommen und zunächst nicht geschluckt. Die Beteiligten konzentrieren sich währenddessen auf ihr Ziel: Geld, Gesundheit, magische Operationen oder Kontakt zu einer außermenschlichen Wesenheit, also Engel oder Dämon.

Das Lebenselixier kann durch die Nase in die Stirnhöhle gesaugt oder auf Anus, Damm und Augenbrauen appliziert werden. Zusätzlich lässt sich das aus dem Akt gewonnene Elixier in den After einführen und zusammen mit Analsekreten weiterverwenden. Eine Portion kann aufbewahrt und mit dem magischen Bindeglied — etwa Pergament, Talisman, Goldmünze oder Ring — in Kontakt gebracht werden. Für Gesundheit berührt man damit die Erde oder reibt es auf den nackten Patienten.

Das Ganze wurde auch als Medizin gegen Asthma, Bronchitis, Neurasthenie, Fettleibigkeit, Herzbeschwerden, graues Haar und Impotenz verstanden. Damit führt die Sexualmagie in die Sperma-Gnosis. Da das Sperma den Logos, also Gott, enthält, wird es bei der Konsumation durch Schleimhäute — Gaumen, Scheide, After, Darm, Eichel, Magen — aufgenommen. Das erhöht, in der Logik dieses Systems, das Logos-Konzentrat im Körper. Der Sperma-Gnostiker wird zu mehr Gott; sein Sperma enthält dann entsprechend noch mehr Gott als vorher. Très pratique.

Nicht immer ist die Konsumation von Sperma Hauptziel des thelemitisch-religiösen Geschlechtsakts. Eine Variation weist die Praktizierenden an, jeden Orgasmus als Vereinigung mit dem Universum zu erleben: als tantrisch gefärbte Neuschöpfung. Anders als im Christentum, wo die Schöpfung einmalig und nicht wiederholbar ist, unterliegt sie im Tantrismus einer permanenten Wiederholung. Thelemiten sind jedoch keine eigentlichen Tantriker, da bei ihnen alles „unter Willen“ zu geschehen hat und der Orgasmus folglich in den Dienst einer Absicht gestellt wird. Das beste Elixier wird im Selbstverständnis des O.T.O. natürlich von den höchsten Graden erzeugt. Oft werden die höchsten Grade gerade auf diese Weise übertragen.

In Crowleys Schriften findet man diese Vorgänge offen, sobald man die Insidersprache versteht. Sexualmagie wird alchemistisch codiert: Roter Löwe = männliches Prinzip; Weisser Adler = weibliches Prinzip; Athanor = Penis; Kukurbit oder Retorte = Vagina; Schlange oder Blut des Roten Löwen = Sperma; Gluten oder Menstruum = Vaginalsekrete; Prima Materia = Mischung aus Sperma und Vaginalsekreten; Elixier oder Tinktur = durch Magie belebte Prima Materia.

Theodor Reuss und Crowley übernahmen einen gut gedüngten gnostischen Nährboden libertinistisch, ohne ihre Quellen immer ausführlich zu nennen. Im Gemeinschaftswerk von Reuss und Crowley aus dem Jahr 1917, der Gnostisch Katholischen Messe des O.T.O., wird der „Gnostizismus“ des O.T.O. illustriert. Halbwegs werden die Pflichten der manichäischen Auserwählten übernommen — durch Konsumation das göttliche Licht einzusammeln, das der logos spermatikos im Menschen hinterliess — während der asketische Aspekt des Manichäismus vernachlässigt wird: Fleischverzicht, Enthaltsamkeit und die Vermeidung körperlicher Aktivitäten, die das göttliche Licht wieder zerstreuen könnten.

Stattdessen konzentriert sich der O.T.O. auf die Herstellung eines göttlichen Licht-Körpers, der durch Konsumation die Rückkehr ins Pleroma ermöglichen soll. Dieser Licht-Körper ist die aus Sperma, Vaginalsekreten und Menstruationsblut bestehende Hostie. So wird aus der Gnostisch Katholischen Messe à la O.T.O. und dem IX° eine Parodie der christlichen Eucharistie, besonders in der Konsumation der Hostie, die auch als Universalmedizin eingesetzt werden kann.

Clément de Saint-Marc formulierte lange vor Crowley das spermatophagische Geheimnis: Wie könne ein Mensch veranlassen, dass man sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, ohne sich zu zerschneiden, ein Glied auszureissen oder den Körper zu verletzen? Die Antwort: Das Sperma sei essbar, halb fest, halb flüssig, könne also gegessen und getrunken werden und sei deshalb Fleisch und Blut zugleich. Der absolute Glaube, durch Verzehr von Sperma eine Verbindung zwischen Mensch und Gott herzustellen, sei also nicht bloss Aberglaube. Das ist das zentrale Geheimnis des O.T.O.

Crowley verwendete privat noch speziellere Hostienmischungen. Zwischen 1920 und 1923 frönte er Kokain, Äther, Heroin, Koprophagie und sadomasochistischen Phantasien, in denen er als Sklave fungierte. In seinen Tagebüchern vom 5. Juli und 13. August 1920 heisst es: “In my Mass the Host is of excrement […] that I can consume in awe and adoration; while I make my Holy Guardian Angel the latrine of my imagination.”

Bilder und Dokumente

Aleister Crowley Collected Works Auguste Rodin Rosa Coeli Mundi Inferni H.D. Carr
Aleister Crowley Blue Equinox Volume III, Number I Ordo Templi Orientis
Aleister Crowley Equinox of the Gods Vol. III, No. III O.T.O. Ordo Templi Orientis
Aleister Crowley Book of Thoth Short Essay on the Tarot of the Egyptians The Equinox volume III number 5 Card Deck Ordo Templi Orientis
Marcelo Ramos Motta Aleister Crowley Equinox Volume V No. 4. Sex and Religion, Bagh-i-Muattar, Paris Working, Wake World, Diary - V No. 3 Chinese Texts, Yi Jing, Dao De Jing - V No. 2
Aleister Crowley Masonic Headdress Medaillon Copper Dagger Golden Dawn Sashes

Übersetzungen und Parallelfassungen

Suche, Bücher, Kontakt

O.T.O. Phänomen

Navigation · Eingang · Aura of the O.T.O. Phenomenon · Liste der Print-Bücher

Mehr über diese Orden und ihre Protagonisten in Andreas Huettl und Peter-R. Koenig: Satan — Jünger, Jäger und Justiz.

Medien und Nebenfunde

Secrets of the Rosicrucians, Templars and the Illuminati, Peter-Robert Koenig
Secrets of the Rosicrucians, Templars and the Illuminati

O.T.O.-Phenomenon-Portale