Kritische Dossiernotiz
Unter Aleister Crowley sollte die Aufgabe des Ordo Templi Orientis (O.T.O.) sein, wie er 1944 schrieb, “to restore Christianity to its real status as a solar-phallic religion.” Die Struktur des O.T.O. ist, ähnlich wie einige freimaurerische Riten, auf einer Serie von Einweihungsritualen aufgebaut. Lediglich die höchsten Grade weisen auf die angebliche Essenz des Ordens hin; ausschliesslich Mitglieder dieser Grade konnten als „wahre“ Mitglieder gelten.
Diese Hochgrade unterscheiden sich von den unteren Graden dadurch, dass es — abgesehen von einem neu entworfenen pseudofreimaurerischen VIII°-Ritual — keine vollständig ausformulierten Ritualtexte und Einweihungen gibt, sondern nur grobe Anleitungen, die individuell ausgearbeitet werden können. Die Hochgrade haben oft eine doppelte Funktion: Sie weisen einerseits eine bürokratische Rolle im Orden zu und verweisen andererseits auf eine bestimmte Form von Sexualmagie.
VII°Anbetung des Phallus als Baphomet, ausserhalb und innerhalb des Körpers. Lacans symbolischer Phallus drängt sich hier als Denkfigur auf: Autorität, Macht, Kastration und soziale Ordnung, nicht bloss Anatomie.
VIII°Interaktion des Spermas mit etwas ausserhalb von Vagina und Anus; also eine Art magische Masturbation. In der Ordensbürokratie bedeutet der VIII° auch Mitbestimmung über Statuten und Regelungen.
IX°Interaktion des Spermas innerhalb der Vagina, entweder im Zusammenhang mit Blut oder Vaginalsekreten. Jeder IX° ist auch VIII° und bestimmt damit ebenfalls über das Geschick des Ordens.
X°Befruchtung eines Eies, etwa eines Homunkulus, und die Aufgabe, einen Nachfolger zu bestimmen oder das nächste Oberhaupt zu wählen.
XI°Zwei Varianten: Isolierung im Anus, wo keine Interaktion des Spermas angenommen wird; oder Interaktion mit Exkrementen, kleinen Blutmengen und Schleimhäuten.
ElixierErst durch den Kontakt mit dem Elixier verwandelt sich der nur potentielle Magier in einen aktiven Magier: durch Essen, Applikation, Aufnahme und symbolische Verwendung.
Im Typhonischen O.T.O. bedeutet der XI° Interaktion mit Menstrualblut und anderen Körperflüssigkeiten. Dort gibt es keine homosexuellen Praktiken, die auf die Gradstruktur verweisen — und umgekehrt. Bei Crowleys Version hingegen bezieht sich der XI° auf hetero- und homosexuelle Praktiken. Hauptsache: anal.
Das richtig zubereitete sexualmagische Elixier aus Sperma, Vaginalsekreten und anderen Körpersäften soll vom Magier durch Saugen aus der Vagina oder dem After eingesammelt und wieder mit dem Partner oder der Partnerin geteilt werden. Es wird in den Mundhöhlen hin und hergereicht, ohne mit Luft in Berührung zu kommen, von den Schleimhäuten aufgenommen und zunächst nicht geschluckt. Die Beteiligten konzentrieren sich währenddessen auf ihr Ziel: Geld, Gesundheit, magische Operationen oder Kontakt zu einer außermenschlichen Wesenheit, also Engel oder Dämon.
Das Lebenselixier kann durch die Nase in die Stirnhöhle gesaugt oder auf Anus, Damm und Augenbrauen appliziert werden. Zusätzlich lässt sich das aus dem Akt gewonnene Elixier in den After einführen und zusammen mit Analsekreten weiterverwenden. Eine Portion kann aufbewahrt und mit dem magischen Bindeglied — etwa Pergament, Talisman, Goldmünze oder Ring — in Kontakt gebracht werden. Für Gesundheit berührt man damit die Erde oder reibt es auf den nackten Patienten.
Das Ganze wurde auch als Medizin gegen Asthma, Bronchitis, Neurasthenie, Fettleibigkeit, Herzbeschwerden, graues Haar und Impotenz verstanden. Damit führt die Sexualmagie in die Sperma-Gnosis. Da das Sperma den Logos, also Gott, enthält, wird es bei der Konsumation durch Schleimhäute — Gaumen, Scheide, After, Darm, Eichel, Magen — aufgenommen. Das erhöht, in der Logik dieses Systems, das Logos-Konzentrat im Körper. Der Sperma-Gnostiker wird zu mehr Gott; sein Sperma enthält dann entsprechend noch mehr Gott als vorher. Très pratique.
Nicht immer ist die Konsumation von Sperma Hauptziel des thelemitisch-religiösen Geschlechtsakts. Eine Variation weist die Praktizierenden an, jeden Orgasmus als Vereinigung mit dem Universum zu erleben: als tantrisch gefärbte Neuschöpfung. Anders als im Christentum, wo die Schöpfung einmalig und nicht wiederholbar ist, unterliegt sie im Tantrismus einer permanenten Wiederholung. Thelemiten sind jedoch keine eigentlichen Tantriker, da bei ihnen alles „unter Willen“ zu geschehen hat und der Orgasmus folglich in den Dienst einer Absicht gestellt wird. Das beste Elixier wird im Selbstverständnis des O.T.O. natürlich von den höchsten Graden erzeugt. Oft werden die höchsten Grade gerade auf diese Weise übertragen.
In Crowleys Schriften findet man diese Vorgänge offen, sobald man die Insidersprache versteht. Sexualmagie wird alchemistisch codiert: Roter Löwe = männliches Prinzip; Weisser Adler = weibliches Prinzip; Athanor = Penis; Kukurbit oder Retorte = Vagina; Schlange oder Blut des Roten Löwen = Sperma; Gluten oder Menstruum = Vaginalsekrete; Prima Materia = Mischung aus Sperma und Vaginalsekreten; Elixier oder Tinktur = durch Magie belebte Prima Materia.
Theodor Reuss und Crowley übernahmen einen gut gedüngten gnostischen Nährboden libertinistisch, ohne ihre Quellen immer ausführlich zu nennen. Im Gemeinschaftswerk von Reuss und Crowley aus dem Jahr 1917, der Gnostisch Katholischen Messe des O.T.O., wird der „Gnostizismus“ des O.T.O. illustriert. Halbwegs werden die Pflichten der manichäischen Auserwählten übernommen — durch Konsumation das göttliche Licht einzusammeln, das der logos spermatikos im Menschen hinterliess — während der asketische Aspekt des Manichäismus vernachlässigt wird: Fleischverzicht, Enthaltsamkeit und die Vermeidung körperlicher Aktivitäten, die das göttliche Licht wieder zerstreuen könnten.
Stattdessen konzentriert sich der O.T.O. auf die Herstellung eines göttlichen Licht-Körpers, der durch Konsumation die Rückkehr ins Pleroma ermöglichen soll. Dieser Licht-Körper ist die aus Sperma, Vaginalsekreten und Menstruationsblut bestehende Hostie. So wird aus der Gnostisch Katholischen Messe à la O.T.O. und dem IX° eine Parodie der christlichen Eucharistie, besonders in der Konsumation der Hostie, die auch als Universalmedizin eingesetzt werden kann.
Clément de Saint-Marc formulierte lange vor Crowley das spermatophagische Geheimnis: Wie könne ein Mensch veranlassen, dass man sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, ohne sich zu zerschneiden, ein Glied auszureissen oder den Körper zu verletzen? Die Antwort: Das Sperma sei essbar, halb fest, halb flüssig, könne also gegessen und getrunken werden und sei deshalb Fleisch und Blut zugleich. Der absolute Glaube, durch Verzehr von Sperma eine Verbindung zwischen Mensch und Gott herzustellen, sei also nicht bloss Aberglaube. Das ist das zentrale Geheimnis des O.T.O.
Crowley verwendete privat noch speziellere Hostienmischungen. Zwischen 1920 und 1923 frönte er Kokain, Äther, Heroin, Koprophagie und sadomasochistischen Phantasien, in denen er als Sklave fungierte. In seinen Tagebüchern vom 5. Juli und 13. August 1920 heisst es: “In my Mass the Host is of excrement […] that I can consume in awe and adoration; while I make my Holy Guardian Angel the latrine of my imagination.”