Ordo Templi Orientis — Interview 1998 — Peter-R. König — deutsch

Ordo Templi Orientis
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Interview

"Gestatten, Under Cover Agent
Peter-R. König"


Teil eines Interviews geführt von Wolfgang Weirauch

Auszug aus "Feldzug gegen Rudolf Steiner"
Flensburger Hefte 63 IV/98,
ISSN 0932-5859, ISBN 3-926841-88-5, Flensburg 1998


Feldzug gegen Rudolf Steiner


W.W.: Seit über einem Jahrzehnt beschäftigen Sie sich mit dem O.T.O. Wodurch erwachte Ihr Interesse für diese Thematik?

P.R.K.: 1985 wollte ich endlich Ordnung in meine Büchersammlung bringen, die sich nach dem Studium der Psychologie und Ethnologie an der Uni aufgetürmt hatte. Da ich immer alle Referenzquellen der Bücher, die ich schätzte, gekauft hatte, fand sich so plötzlich die Gesamtausgabe der Schriften des Schweizer O.T.O. auf einem Bücherhaufen. Beim Durchblättern dachte ich: "Es reimt sich nicht". Zur gleichen Zeit las ich Carlos Fuentes' "Terra Nostra", was mich dann auch stimmungsmässig anregte, wie in einem Krimi zu recherchieren. Das Durcheinander von Behauptungen, gefälschter Geschichtschreibung, reklamierter Gesellschaftsrelevanz ("die Illuminaten beherrschen die Welt"), religiöser Freiheit in spiessigen Wohn- und Schlafzimmern, Beziehungen zur Freimaurerei, zu Protagonisten, nach denen Strassen benannt wurden (die Friedrich-Lekve-Strasse in Hildesheim, z.B.), das alles schien im Umkreis der O.T.O.-Gruppen auf kleinem Raum vereint. Wie für ein Puzzle sammelte ich die einzelnen Teile und mit Spürsinn, Geduld, Hartnäckigkeit und Glück konnte ich langsam und detailversessen ein überspitztes Abbild unserer Gesellschaft entziffern. Ich wurde so Sherlock Holmes, Dr. Watson und Arthur Conan Doyle gleichzeitig.

W.W.: Sie haben sich als Undercover-Mitglied in verschiedenen O.T.O.-Gruppen getummelt. Warum?

P.R.K.: Korrektes ethnologisches Arbeiten verlangt Miteinbeziehen der eigenen Person (hier des Arthur Conan Doyle); deshalb auch dieses Interview. — Um intensive (ethnologische) Feldstudien zu betreiben, bin ich Under-Cover-Mitglied mehrerer sich konkurrierender O.T.O.-Gruppen geworden; um einerseits zu zeigen, wie einfach man Mitglied wird, welche Techniken dabei benutzt werden, um Insider-Material zu erlangen, um Direkt-Informationen über die Mitglieder sammeln zu können und um andererseits all diese Informationen publizieren zu können. Vielleicht verstehen Sie den Vergleich vom Forscher bei den wilden Stämmen im Dschungel besser?

W.W.: Ich ahne, was Sie meinen. In welchen Stämmen, bzw. Gruppen waren Sie?

P.R.K.: Im 1977 gegründeten amerikanischen O.T.O., für den Crowleys Wort das A und O ist; im Voodoo-O.T.O. (O.T.O.A.), der viele afrikanische Voodoo-Elemente aufgenommen hat und stark sexualmagisch arbeitet; im Memphis-Misraim-Zweig, der Memphis-Misraim-Zweig, der dem O.T.O.A angeschlossen ist; im XI° (der ausserhalb der Ordensstruktur für sich selbst steht); im Ordo Argenteum Astrum; in mehreren Zweigen der Fraternitas Rosicruciana Antiqua; im Ordo Saturni, der Nachfolgeorganisation der Fraternitas Saturni; in der Gnostisch-Apostolischen Kirche und etlichen unbekannteren Grüppchen (z.B. Choronzon Club), die aber allesamt mit dem O.T.O. verwandt sind. Ausser im amerikanischen O.T.O. und im Ordo Saturni habe ich immer die höchsten Grade innegehabt. — Die heutigen O.T.O.-Gruppen haben mit dem Original-O.T.O. von Theodor Reuss nur noch den Namen gemeinsam. Es gab seit Reuss' Tod 1923 Unmengen von Abspaltungen, Neugründungen; gewisse Zweige sind versandet, neue haben sich zu weltweiter Hör- und Sichtweite aufgeblasen. All das und die "Einwirkung" durch Forscher, Medien und "andere Betroffene" habe ich unter dem Begriff "O.T.O.-Phänomen" zusammengefasst. Das "Phänomen O.T.O." wächst in meinem so genannten Hauptwerk [erschienen 1994] aus postmodernen auf faktische Daten reduzierten Informationspartikeln zusammen. Es ist als Grundbasis für meine weiteren Bücher gedacht.

W.W.: Wie ging das dann weiter mit dem Publizieren?

P.R.K.: Ich machte von Beginn an klar, dass meine Haltung eine kritische ist. Mein Kontakt, so auch die Anhäufung von Titeln, Ämtern und Würden, geschah einzig zum Zwecke der Dokumentation und Publikation. Aus juristischen Gründen der "journalistischen Sorgfaltspflicht" hatte ich mein Buch "Das O.T.O.-Phänomen" zuerst in mehreren okkulten Zeitschriften im In- und Ausland als Serie vorauspubliziert: um Gegendarstellungen, Korrekturen und weitere Informationen zu erhalten. Nach Ablauf einer gewissen Zeit konnte dann juristisch davon ausgegangen werden, dass keine Einwände der betroffenen Parteien zu erwarten sind. Da der Ethnologe durch seine reine Anwesenheit in sein "Studienfeld" eingreift und es dadurch verändert, muss er diese Tatsache klar erkennbar machen. Die Grundlagen meiner Aktivitäten als "under cover agent" (Chartas, Mitgliederdokumente, etc.) veröffentlichte ich deshalb sofort mit dem Beginn meiner Buchserie vor einem halben Jahrzehnt im berühmten Verlag "Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen". Dieser Verlag wurde seinerzeit vom ersten "Sektenbeauftragten" Deutschlands, Friedrich-Wilhelm Haack, gegründet. Haack hat ja selbst auch "under cover" in diversen Okkult- und Neonazigrüppchen Material gesammelt, bevor er dafür zu bekannt wurde.

W.W.: Können Sie uns einige Aufnahmebedingungen der verschiedenen O.T.O.-Gruppen nennen?

P.R.K.: Bei mir war es einmal die Einsendung pornographischen Materials, das ich im Sexshop gekauft habe.

W.W.: Das müssen Sie nun aber genauer erklären.

P.R.K.: Also, das Prozedere ging so. Ich korrespondierte sehr ausführlich mit Michael P. Bertiaux, der in Chicago den Ordo Templi Orientis Antiqua (O.T.O.A) leitet, eine Art Reuss-Ableger via Frankreich und Haiti, und mehrheitlich nur Schwarze aufnimmt. Selbstverständlich war ich interessiert an Namen und Fotos aller Mitglieder und dachte, um an solche Informationen heranzukommen, reicht es nicht, nur Mitglied zu sein. So entwickelte sich die Idee, Oberhaupt für Europa zu werden. Ausserdem wäre das sehr geeignet, um die Authentizität meiner Recherchen zu untermauern. Bertiaux wies mich auf die Formalität hin, solche Würden zu beantragen und dafür zu bezahlen. Ich schrieb also so etwas wie "Wie darauf hingewiesen, beantrage ich die Grade soundso". Zum Thema Bezahlen hatte Bertiaux eine witzige Vorstellung, da er gerne mit den Vorurteilen der Boulevardpresse spielte: "Taxes must be paid in acceptable euro-currency of XI° issue — Nice big Nazi cock Meisters! Paid to fat, dirty, perverted Bricaudian (sun) French underground (plutonian) captors of Germanic Gods. Macho-Hunk-Stud-Officers held captive by dirty French Gnostic perverts." Deshalb lief ich in den nächsten Pornoshop und besorgte mir ein paar Fotos ohne Schriftzüge darauf. Auf die einzelnen sexuell stimulierten Körper zeichnete ich nun die Chakren, den kabbalistischen Lebensbaum und ein paar tantrisch wichtige Energiezentren, legte das alles meiner "Anfrage" bei und voilà, postwendend war ich "wer".

W.W.: Und sind Sie dann an Namen und Fotos herangekommen?

P.R.K.: Selbstverständlich. Bertiaux war begeistert, dass ich seinen Humor verstanden hatte, beantwortete Hunderte von Briefe und erzählte aus dem reichhaltigen Fundus seines Lebens, was er oft mit Dokumenten belegte. Er fotographierte sogar seine Mitglieder und schickte mir die Originalphotos. Ein paar meiner Forschungsergebnisse habe ich dann im "O.T.O.A-Reader" veröffentlicht.

W.W.: Wie ging es in anderen O.T.O.-Gruppierungen zu und her?

P.R.K.: Da war die Einweihung eine Reise zu einem "Tempel", in dem ein freimaurerähnliches Ritual zelebriert wurde: Oft stundenlange, extrem langweilige "Laientheateraufführungen" in Fabrikgebäuden oder gemieteten Kellern in Burgmuseen. Meist entnahm ich jedoch meine "Beförderung" meinem Briefkasten, ohne jemals persönlichen Kontakt mit den Leuten gehabt zu haben; dafür ausufernde Korrespondenzen.
Normalerweise vergehen sonst Jahre, bis man einen höheren Grad erreicht. Dazu gehören Mitgliederbeiträge, immenser Bücherkonsum vor allem von Crowleys Schriften, da das Wissen zum Teil getestet wird, und natürlich "immerwährende Treue" gegenüber dem Orden selbst: also ja keine Widerrede den Ordensoberen gegenüber. Da viele O.T.O.-Gruppen streng hierarchische und bürokratische Gruppenorganisationen sein wollen (es gibt jedoch auch O.T.O.-Gruppen ohne Struktur, ohne Hierarchie und ohne Mitgliederbeiträge), wird der Kontakt mit anderen Mitgliedern sehr wichtig, denn diese liefern Berichte ab und schreiben Tagebücher, die sie rumzeigen. Alles scheint also ein dichtes Netz von Kontrolle und Gegenkontrolle zu sein. In Wirklichkeit ist "der" O.T.O. heutzutage jedoch poröser als Schweizerkäse. Allen Unkenrufen zum Trotz sind die O.T.O.-Gruppen völlig harmlose lockere Grüppchen, die untereinander über nichts einig werden können. Sehen Sie, Crowleys "Thelema" hebt den Willen des einzelnen als absolut Höchstes empor, und wo dermassen viele aufgeblähte Allmachtsphantasien mit strengen religiösen Regeln, kompetitivem Gruppendruck und Erwartungen des einzelnen an die eigenen magischen Superkräfte mit der sie marginalisierenden Realität aufeinandertreffen, regieren in der Folge oft Intrigen, Enttäuschungen, Cliquenverhalten und Streitereien um "selbstentdecktes" Wissen, das eifersüchtig vor anderen Mitgliedern gehütet wird. Der amerikanische O.T.O. ist neuerdings eine Firma, die ihre Mitglieder sogar seit 1992 via Statuten zensuriert, damit nicht zuviel Streit entstehen soll. Immer wieder wird so ein neuer O.T.O. gegründet, den zu beschimpfen dann den anderen O.T.O.-Gruppen Sinn zu geben scheint. Auserwähltsein verschafft Sicherheit im ethischen Verhalten und Immunität im religiösen Sinne. Von hier aus wird dann juristisch auch gegen Kritiker und Abtrünnige vorgegangen.

W.W.: Das erklärt aber noch nicht, dass Sie so hohe Grade erhielten.

P.R.K.: Sie haben recht, ich bin abgeschweift. Oft bin ich gar nie in den unteren Graden "rumgewuselt", sondern direkt an die Spitze gesprungen. Vielleicht hat es mit meiner Frechheit zu tun, in der Korrespondenz mit den "weltweiten Oberhäuptern" ohne Umschweife auf die "Geheimnisse" dieser O.T.O.-Gruppen gekommen zu sein. Ich konnte mir recht schnell das Vokabular und den notwendigen Humor aneignen, der das "Vertrauen" der Leute gewann. Nicht zu verachten ist auch die Sucht nach Selbstdarstellung vieler Protagonisten, die wussten, dass alles einmal publiziert sein würde. Jemand erzählte mir auch, dass ich den Schweizer Bonus der Neutralität hätte, der bis dahin in der Okkultur nicht ausgespielt worden sei.

W.W.: "Okkultur"?

P.R.K.: Mit dem Begriff "Okkultur" (den nicht ich erfunden habe) beschreibe ich den kulturell-schöpferischen Aspekt von dem, was sich im okkulten Untergrund abspielt und sich aufgrund seiner kulturellen Ambitionen spurenweise in der Mainstream-Kultur wiederfindet. T-Shirts mit dem O.T.O.-Wappen zum Beispiel. Und da ich hier den Begriff Mainstream einführe: im Laufe der Zeit haben sich Bedeutungen von Wörtern geändert. Was um die Jahrhundertwende z.B. unter "Sekte" verstanden wurde, ist heute etwas anderes. In Fachkreisen kursiert wiederum ein erweitertes Verständnis dieses Begriffes. Und sehen Sie, da gibt Rudolf Steiner ein gutes Beispiel ab. Er hat viele damals "unschuldige" Begriffe verwendet, die heutzutage sehr emotionalgeladene Reizwörter geworden sind: "Okkultismus", "Kult", um ein paar zu nennen. Heutzutage wird darunter etwas völlig anderes verstanden, als um die Jahrhundertwende. Ich verwende den Begriff "Okkultismus" nicht im negativen, sondern im beschreibenden Sinn.

W.W.: Wie geht man denn heutzutage mit der "Okkultur" um?

P.R.K.: Abgesehen von der Popkultur, wo ein David Bowie oder eine Madonna ganz offen mit dem Okkultismus liebäugeln, kann man generell heute drei Sehweisen feststellen, durch die Neu-Religionen in die Gesellschaft hineingefiltert werden. Die Kult-Apologeten verteidigen die Religionsvielfalt, die Anti-Kult-Leute sind gegen Neu-Religionen insgesamt und die Gegen-Kult-Sehweise richtet sich gegen eine bestimmte Neu-Religion (Scientology, z.B.). Oft stehen gutbetuchte Organisationen hinter den jeweiligen "Aufklärungs"-Gruppen, die gezielt ihr genehme Informationen sammeln und weitergeben. Je nach Arbeitsweise kann es zu bizarren Ergebnissen kommen, was in Amerika sehr gut am sogenannten Multiple-Personality-Syndrom illustriert wird, wo sich junge Erwachsene im Verlaufe ihrer Psychiater-Sitzungen im Zusammenhang mit Eltern-Organisationen (meist fundamentalistischer Christlicher Gesinnung) an unzählige sexual-satanistische Übergriffe in ihrer eigenen Kindheit "erinnern". Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Person X im Norden Amerikas sich gemeinsam mit Person Y (im Süden Amerikas) an eine "satanistisch" verbrämte Vergewaltigung durch Person Z "erinnert", die zeitgleich in der Stadt NN stattgefunden haben soll, obwohl sich beweisen lässt, dass weder X, noch Y, noch Z je in NN gewesen sind, noch sonstwo je zusammengetroffen sind. Und warum nun diese "Erinnerungen"? Einige fundamentalistisch gefärbte amerikanische Organisationen betreiben ein dichtes Aufklärungsnetz von Reportern, Polizisten und lokalen Politikern. Sie entwerfen Fragebögen, die besorgte Eltern gemeinsam mit ihren Kindern ausfüllen; sie halten Vorträge in Polizeiseminaren, etc. etc. Effekt ist: mit der Zeit sprechen die betroffenen Parteien dasselbe Vokabular und achten auf dieselben "Symptome". Die Psychiater und Sozialberater stellen dieselben Suggestivfragen und "verdächtige Individuen" werden wie im Supermarkt landesweit gehandelt. — Aber ich merke, ich bin schon wieder abgeschweift.

W.W.: Ja. Zurück zum O.T.O. Nennen Sie bitte einige Praktiken, Aktivitäten und Rituale, die Sie in den O.T.O.-Gruppen mitgemacht haben.

P.R.K.: Freimaurerähnliche Einweihungsrituale, das Pentagrammritual, Anrufungen von Geistern, eine Art gnostische Messe, Gruppenatmen, Gruppenmeditationen, astrale Gruppenreisen (d.h. ein Vorsprecher gab die Bilder vor, die man mit geschlossenen Augen zu sehen hatte). Das ist nichts besonderes, falls Sie auf sexualmagische Rituale anspielen, denen ich nie beigewohnt habe. Im Gegensatz zur Anthroposophie gibt es im magischen Erleben der meisten O.T.O.-Leute geistige Hierarchien, kosmische Autoritäten, Ausserirdische, göttliche Gesandte und astrale Botschafter, die die Eingeweihten auf mentalem Wege oder im Zustand der selbstinduzierten Trance kontaktieren. Solche Sachen habe ich bei Mitgliedern beobachtet. — Oft bestanden die Ordenstreffen jedoch aus verkrampften Vorlesungen in Hinterzimmern von Provinzrestaurants, wo die eine Hälfte der Mitglieder geduldig wartete, bis die andere von ihren Mahlzeiten satt war, um sich dann auf die Überreste stürzen zu können.

W.W.: Gab es dann Probleme beim Austritt?

P.R.K.: Nein, nein. Bei vielen O.T.O.-Gruppen ist man noch schneller draussen als drinnen, obwohl deren Mitglieder-Statistiken manchmal schon lange ausgestiegene Mitglieder enthalten. Um einen Austritt habe ich nie selbst nachgesucht, da ich als Forscher auf die Reaktionen der Leute auf meine Publikationen gespannt war. Bei einigen Gruppen scheine ich immer noch Oberhaupt für Europa oder so ähnlich zu sein, obwohl ich seit Jahren keine entsprechenden Kontakte mehr habe und diese Funktion nur auf dem Papier aktiv war. Da ich eigentlich keine persönliche Meinung zu den Praktiken und Lehren der O.T.O.-Leute abgebe (also weder käuflicher Kult-Apologet, noch anti-oder gegenkult bin), sondern versuche neutral zu bleiben, geniesse ich noch immer das Vertrauen einiger Protagonisten. Ex-Mitglieder sind natürlich auch begeistert von meiner Existenz und versorgen mich mit ihren Unterlagen.

W.W.: Gab es nachteilige Reaktionen für Sie, nachdem bekannt wurde, dass Sie Ihre Erkenntnisse der einzelnen Gruppen in Ihren Büchern niedergeschrieben haben?

P.R.K.: Nicht, dass ich mich erinnere. Ich habe ja auch nicht meine Erlebnisse niedergeschrieben, sondern die Historie des O.T.O.-Phänomens erforscht und die Denkweisen und Praktiken analysiert oder beschrieben.

Einige O.T.O.-Führer waren natürlich entgeistert, als ihnen meine Bücher in die Hände gerieten. Manche fielen dermassen aus ihrem Konzept, dass sie ihrer Alltagssprache verlustig gingen. Andere probierten mit einem Anwalt auf Biegen und Brechen ihr schönes Bild von der hehren und ehrenhaften gemeinnützigen Organisation oder ihrem "Propheten" aufrechtzuerhalten, natürlich vergeblich. Offensichtlich können viele Betroffene nicht mehr zwischen eigener Person, der Funktion und dem Thema mehr unterscheiden. Da man aber die Fakten, die ich publiziere nicht aus der Welt schaffen kann, versuchen viele, mich als Person anzugreifen. Wenn all die Gerüchte stimmen würden, die über mich im Umlauf sind, dann wäre ich ein zum Katholizismus übergelaufener aidskranker Stripteasetänzer in einem Transvestitenlokal, der dementiös das Erbe seines Vaters dazu verwendet, in Indien die Eingeborenen in den O.T.O. zu initiieren. Selbstverständlich widerspreche ich niemals, denn solche Projektionen sind wertvolle Informationen, die die moralische Befindlichkeit dieser Menschen widerspiegeln.

W.W.: Gibt es denn unter den verschiedenen O.T.O.-Gruppen ernstzunehmende?

P.R.K.: Was ist "ernst zu nehmen"? Wo ich persönlich immer aufschrecke, ist beim Vorhandensein faschistoiden Gedankengutes. Ungeachtet ihres religiösen Glaubens sind aber alle Menschen ernst zu nehmen. Sicher gibt es im O.T.O.-Kontext viele, die leidenschaftlich suchende Geister sind. Andere wollen halt Instant-Illumination und beschreiten im spirituellen Supermarkt dafür auch ausgefallenere Pfade.
Im Kontext von Crowley hört man immer wieder von angeblichen Kriminaldelikten. Das sind ernsthafte Vorwürfe. Ich bin jedoch noch niemals einem dokumentiertem Vorfall begegnet, den ich bei der Polizei anzeigen müsste (und auch würde), obwohl ich Dutzende von Mitglieder seit vielen Jahren persönlich kenne und mit Hunderten ausufernde Korrespondenzen geführt habe. Eine Wissenschaftlerin hat zwar in ihrer Dissertation festgehalten, dass die ersten Worte eines Kleinkindes einer O.T.O.-Familie "Hagios, Hagios, Iao" gewesen sind (diese Worte kommen in der sexualmagischen Gnostischen Messe des O.T.O. vor), ich denke aber, dass dies kaum dem Vorwurf des Kindsmissbrauchs standhalten würde.
Für mich gilt es besonders, die Vielfalt der O.T.O.-Welten ernst zu nehmen und dies auch zu spiegeln. Manchmal will ich mit Hilfe der Ironie Objektivität erzeugen. Angesichts der Humorlosigkeit vieler Betroffenen wird das aber nicht immer goutiert.

W.W.: Man wirft Ihnen hin und wieder vor, dass Sie bei Ihren Untersuchungen und in Ihren Büchern die spirituellen Aspekte der verschiedenen okkulten Gruppierungen ausser acht liessen. Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt?

P.R.K.: Selbstverständlich nicht. Man sollte sich halt meine bislang 12 Bücher [1998] mal zu Gemüte führen. In den meisten sind ausschliesslich Faksimiles zu finden, die gerade AUCH den spirituellen Aspekt des Ganzen erhellen. Im Internet biete ich zusätzliche exklusive Texte an von Okkultisten, die ausserhalb des organisierten Okkultismus stehen, um den Unterschied von machtorientierten Gruppierungen zum individuellen Erleben darzustellen.
Zur Analyse der spirituellen Aspekte empfehle ich besonders meine Bücher "Ein Leben für die Rose" und "Abramelin & Co.". Ausserdem habe ich mehrere Essays verfasst, die NUR den psychologischen, soziologischen und spirituellen Hintergrund des organisierten Okkultismus im Umkreis des O.T.O. untersuchen. Ich nenne da: "Die Ekstatische Erzeugung von Kultur", "Die McDonaldisierung der Okkultur" oder "Sperma-Gnosis und der O.T.O.".



Flensburger Hefte 63, Flensburg 1998.

English translation: “May I introduce myself?”




 

       Reuss' Memphis Misraim Emblem       

one of Reuss' O.T.O. seals       


 





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