Rudolf Steiner niemals Mitglied irgendeines Ordo Templi Orientis

Theosophische Gesellschaft
Esoterische Schule
Anthroposophie
Memphis-Misraim
Ordo Templi Orientis ?
Franz Hartmann
Theodor Reuss
Marie von Sivers

Rudolf Steiner Ordo Templi Orientis Memphis Misraim

Rudolf Steiner (1861-1925):
Niemals Mitglied irgendeines O.T.O.

Peter-Robert König


      Aufgrund jahrzehntelanger  Medienberichte über Steiners angebliche
      Zugehörigkeit zum  Reuss'schen Ordo  Templi Orientis  (O.T.O.) sei
      hiermit auf die faktische Lage hingewiesen.
      Es  gibt   keinen  einzigen  Beweis  dafür,  dass  Rudolf  Steiner
      irgendetwas anderes  von Theodor  Reuss (dem  Gründer des  O.T.O.)
      akzeptiert hätte, als dessen Bewilligung, den parafreimaurerischen
      Begriff "Misraim"  verwenden zu  dürfen. Es  gibt keinen  einzigen
      schriftlichen Beweis  dafür, dass  Reuss den  Steiner zum  O.T.O.-
      Mitglied, geschweige denn zum Leiter eines O.T.O.-Zweiges, gemacht
      hätte.
      Im folgenden Artikel werden kurze historische Hintergründe einiger
      Spezialbegriffe wie  "Memphis-Misraim",  "Ordo  Templi  Orientis",
      sowie Informationen  zu einigen  Protagonisten  gegeben,  die  den
      Umkreis  des   Hauptthemas  "Rudolf   Steiner   niemals   Mitglied
      irgendeines O.T.O."  zeichnen sollen.  Einige  der  nun  folgenden
      Begriffe mögen  dem Leser  verwirrlich erscheinen. Jeder, der sich
      mit den  Hintergründen beschäftigen  möchte, sei  auf meine Bücher
      hingewiesen.
      Das   letzte   hier   vorgestellte   Kapitel   "Diskussion"   will
      stichwortartige Denkanstösse  vermitteln zur  Mutmassung,  ob  die
      Anthroposophie   oder    Rudolf   Steiners   Lehren   irgendwelche
      Aehnlichkeiten  mit  denjenigen  des  O.T.O.  oder  Theodor  Reuss
      aufweisen könnten. Im historischen Kontext sind solche Fragen erst
      Jahrzehnte im  Nachhinein gewachsen,  genährt von  Falschmeldungen
      und unrecherchierten Meinungen.


      Der Alte und Angenommene Schottische Ritus

      Aus einem Gewirr von Riten und Graden einigen sich ein paar "echte
      alte Freimaurer"  1802 in  Charleston auf den Begriff "Schottische
      Freimaurerei" oder "Alte und Angenommene Schottische Ritus" (AASR)
      mit 30 Graden.


      Der Ritus von Memphis-Misraim

      Angeblich wird der Aegyptische Ritus von Mizraim (oder Misraim, 90
      Grade) 1805  in Mailand  gegründet. Seine  Schöpfer bezeichnen ihn
      als Wurzel  und Ursprung  aller  freimaurerischer  Riten  und  der
      Geheimlehre von  Isis und  Osiris, die  von Misraim, dem Sohn Hams
      und Enkel  von Noah  ins Leben  gerufen worden  seien, und  dessen
      Weisheit auf Adam selbst zurückgehe.
      Als Konkurrenz zum Misraim-Ritus wird in Paris 1814 der Ägyptische
      oder Memphis-Ritus  (95/97 Grade)  gegründet,  der  angeblich  von
      griechischen Eingeweihten  nach Kleinasien  gebracht  worden  sein
      soll. Vereinigt  mit christlichen  Lehren der  Rosenkreuzerei soll
      der Orden  durch die  Kreuzfahrer nach Schottland gelangt sein und
      als Grossloge  von Edinburg  zur Wiege  der Freimaurerei  geworden
      sein.  Der  Memphis-Ritus wird auch "Antient and Primitive Rite of
      Masonry" oder sogar "Orientalischer Orden von Memphis" genannt.
      Am 4. Juni 1872 kauft John Yarker die Erlaubnis, den Memphis-Ritus
      in England  zu errichten.  Unter seiner  Leitung kommen  nun  1876
      Memphis und Misraim [MM] zusammen. Am 24.9.1902 will Theodor Reuss
      von John  Yarker die  Bewilligung erworben haben, den Schottischen
      Ritus (AASR,  Cerneau, New  York 1807) (33 Grade) und den Memphis-
      Misraim-Ritus (90  und 97  Grade) in Deutschland zu konstituieren.
      Die   vorliegenden   Originalunterlagen   weisen   jedoch   keinen
      entsprechenden Wortlaut  auf: Obwohl  Reuss in  seiner Zeitschrift
      "Oriflamme" (Dezember  1902) eine  Bewilligung  für  den  Memphis-
      Misraim-Ritus  (Grade   33°,  90°,   96°)  zitiert,   erwähnt  die
      tatsächlich vorliegende  Charter nur  die Grade  30°-33° [Cerneau,
      ohne MM]  für Reuss. Reuss glaubt nun das Recht zu haben, reguläre
      Freimaurer durch seine Ordens-Sammlung ernennen zu können. Er wird ab
      1906 den  O.T.O. als  Retortenhochgradorden aus einigen Graden des
      A.A.S.R. und MM zusammenbasteln.


      Vorgeschichte zu Rudolf Steiner

      Die Theosophical Society ist 1875 von H.P. Blavatsky, H.S. Olcott,
      W.Q. Judge,  John Yarker  u.a. gegründet  worden. Nach Blavatsky's
      Tod, 1891,  ist die  T.S. zersplittert  und besteht  1900 aus drei
      konkurrierenden Gesellschaften.
      Im Herbst  1900 wird  Rudolf Steiner  von der Gräfin Brockdorff um
      zwei   Vorträge    im   Rahmen    der   allgemeinen    kulturellen
      Veranstaltungen in  der Theosophischen  Bibliothek gebeten. Daraus
      entstehen  Vortragszyklen  in  den  Winterhalbjahren  1900/01  und
      1901/02 in  dieser Bibliothek. Dies führt dazu, dass am 20.10.1902
      die Deutsche  Sektion der  Theosophischen Gesellschaft (Adyar) mit
      etwas  über   100  Mitgliedern   und  mit   Rudolf   Steiner   als
      Generalsekretär konstituiert wird.
      1904 beginnt  Steiner, seine  Esoterische Schule  aufzubauen. Dazu
      lässt er sich am 10.5.1904 von der damaligen Leiterin der Esoteric
      School of  Theosophy, Annie  Besant, als Landesleiter der E.S. für
      Deutschland und  Oesterreich einsetzen.  Diese E.S.  ist 1888  von
      H.P.   Blavatsky   organisatorisch   unabhängig   von   der   T.S.
      eingerichtet worden.
      Zum Aufbau  seiner E.S.  will Steiner  im Gebote  nach  "absoluter
      Wahrhaftigkeit und  Aufrechterhaltung  der  Kontinuität"  auch  an
      symbolisch-rituelles Wirken,  d.h. an maurerische Traditionen, "an
      schon Bestehendes" anknüpfen. So besteht die Steinersche E.S. bald
      - wie  in der  Theosophischen Gesellschaft - aus drei Abteilungen.
      (1) der  Esoteric School  of Theosophy, (2) dem Misraim-Dienst und
      (3) aus  einem gescheiterten  Versuch, mit 12 "bewährten Schülern"
      eine Gesellschaft für theosophische Art und Kunst zu gründen.
      Rudolf Steiner, Theodor Reuss und die Entwicklung des O.T.O.
      


      Wann der  erste Kontakt  zwischen Steiner  und Reuss stattgefunden
      hat, ist  schwer zu datieren. In einem Vortrag über die Geschichte
      der Freimaurerei in Berlin am 9.12.1904 zitiert Rudolf Steiner das
      Kellner/Reuss-Manifesto aus  Reuss' Oriflamme  1904 (in:  Steiner:
      "Die Tempellegende und die Goldene Legende", = Gesamt-Ausgabe [GA]
      Band 93,  91 ff.).  (Reuss' Oriflamme  Nr. 6 von 1903 enthält eine
      frühe Version  dieses Manifests.)  Dieses kann  jedoch auf  keinen
      Falls als  O.T.O.-Manifest umdefiniert  werden, da  der O.T.O.  um
      diese Zeit noch gar nicht existiert. Es gibt keinen einzigen Beleg
      dafür, dass  Carl Kellner  (der angebliche  ideelle "Gründer"  der
      O.T.O.-Idee) den Begriff "O.T.O." gekannt, geschweige denn benützt
      hat. Kellner  leitet  wahrscheinlich  eine  deutschsprachige  lose
      Gruppe der  "Hermetic Brotherhood  of Light", die er als einer der
      12 Neugründer  in Boston/Chigaco  1895 nach  Europa gebracht haben
      könnte.
      Reuss und  Kellner scheinen  aufgrund verschiedener Ansichten über
      Yoga schon  zerstritten.  Franz  Hartmann  [Leiter  der  Leipziger
      "Internationalen Theosophischen Verbrüderung"] denkt ähnlich: dass
      sein Freund  Kellner Betrügern  (Yogis) in  die Hände gefallen sei
      [Theosophische Rundschau,  XII;6, 1924] und hält eh nichts von den
      Praktiken  der   "Hermetic  Brotherhood   of  Light";   zusätzlich
      distanziert  sich  Hartmann  ebenfalls  ca.  1904  von  Reuss.  Es
      scheint,  dass   Reuss  allein   für  die  nach  aussen  wirkenden
      Aktivitäten   seiner    Ordens-Sammlung   und    den   in   seiner
      Publikationsreihe    "Oriflamme"     veröffentlichten     Berichte
      verantwortlich  ist,  die  natürlich  nach  wie  vor  Kellner  und
      Hartmann erwähnen.
      7. Juni  1905: Ehren-General-Grossmeister  Carl Kellner, 33°, 90°,
      96°, und  "Leiter" des  "Inneren Dreiecks", des "occulten Kreises"
      bestehend  aus Hartmann, Reuss, Kellner, stirbt.
      24. Juni  1905: John  Yarker, 33°,  90°, 96°,  erteilt Reuss, 33°,
      96°, Franz  Hartmann, 33°,  95°, und Heinrich Klein, 33°, 95°, die
      Bewilligung, die  Grade  vom  ersten  bis  33°,  90°  und  95°  zu
      bearbeiten. Am selben Tag ergeht eine Charter von Yarker und Reuss
      an Paul Eberhardt. [Yarker scheint vom Zwist zwischen Hartmann und
      Reuss nichts  zu ahnen].  Im August  wird Reuss von den Swedenborg
      Ritus-Gründungsmitgliedern  vor   Gericht  angeklagt,   1902   die
      Ordenszeitschrift "Oriflamme"  als reine  Privatsache Reuss' (d.h.
      Reuss' MM  ist unabhängig  von seinen  anderen  Orden)  ins  Leben
      gerufen zu haben.
      24. November  1905: Steiner und Marie von Sivers bezahlen für ihre
      MM-Mitgliedschaft unter  Reuss je  45 Mark. Die Verhandlungen über
      die Modalitäten  zur Führung  eines  selbständigen  Arbeitskreises
      ziehen sich  noch dahin.  Tags  darauf,  am  25.11.1905,  schreibt
      Steiner an  Frau von  Sivers: "Nun hast Du gestern selbst gesehen,
      wie wenig  noch übrig geblieben ist von den einstigen esoterischen
      Institutionen" und  denkt daran, sich des Mediums der Religion "in
      sinnlich-schöner Form"  zu bedienen:  Religion als  "Folgeerlebnis
      von  Wissenschaft  und  Kunst".  [Nichtsdestotrotz  ist  die  1912
      entstandene   Anthroposophische    Gesellschaft   keineswegs   als
      religiöse Körperschaft  anzusehen, etwas  das gegen  die Ansichten
      Steiners geht, sondern als Körperschaft von Gedanken/Ideen.]
      30.11.1905, Steiner an von Sivers: "Reuss ist kein Mensch, auf den
      irgendwie zu bauen wäre ... Wir haben es mit "einem Rahmen", nicht
      mit mehr  in der  Wirklichkeit zu  tun. Augenblicklich  steckt gar
      nichts hinter der Sache. Die okkulten Mächte haben sich GANZ davon
      zurückgezogen."
      2.1.1906: Im Zusammenhang mit der Loge hält Steiner erstmals einen
      Vortrag vor  Männern  und  Frauen  gemeinsam  und  bezeichnet  die
      Freimaurerei (womit er wahrscheinlich den von vielen als irregulär
      betrachteten AASR-  und MM-Ritus  meint) als  "eine Karikatur" und
      offfenbart,  dass   die  "in   ihr  schlummernden   Kräfte  wieder
      aufzuwecken", eine Arbeit sei, "die uns obliegt". Steiner sieht es
      als seine "Aufgabe, den Misraim-Dienst für die Zukunft zu retten."
      Der Misraim-Dienst  soll Irdisches mit dem Himmlischen, Sichtbares
      mit dem  Unsichtbaren vereinigen  und die  Eleusinischen Mysterien
      wieder erneuern.
      3.  Januar   1906:  Reuss   unterzeichnet   einen   "Vertrag   und
      brüderliches Uebereinkommen"  zwischen ihm und Steiner, was diesen
      zum 30°, 67° und 89° von Berlin macht. Für die Aufnahme von Frauen
      wird Marie von Sivers autorisiert. "Die Auswüchse der Männerkultur
      müssen zurückgestaut  werden durch  die okkulten  Kräfte der Frau"
      (so Steiner).
      Am 8.  Januar 1906  reist Reuss  nach London, wo er eine "Hermetic
      School of  Science" aufzuziehen  gedenkt. Ihm folgt der Geruch der
      Ordenserfinderei  und   des  schwunghaften   Charta-Verkaufs.   In
      Freimaurerkreisen  gilt   Reuss  als  Schwindler.  Um  diese  Zeit
      kursieren Gerüchte um sein angebliches unsittliches Verhalten.
      22. Januar  1906 ist  das Datum, das die erste (englische) O.T.O.-
      Konstitution aufweist, die anscheinend erst 1912 allgemein bekannt
      wird. Emil Adryiani und Paul Eberhardt, beides Hochgradinhaber des
      MM, halten  1906 als Gründungsdatum des O.T.O. für vordatiert. Die
      Konstitution verlangt  von künftigen Mitgliedern ein schriftliches
      Aufnahmegesuch. Es  scheint (zumindest  im Nachhinein),  dass sich
      der O.T.O.  nun aus  einigen AASR-  und Memphis-Misraim-Graden  zu
      entwickeln beginnt.
      17. März  1906: Reuss  nimmt in  einem Schreiben an Franz Hartmann
      an, dass  dieser kein Mitglied mehr von Reuss' MM sei, da Hartmann
      seit langem  nicht mehr  auf Reuss' Briefe und Postkarten reagiert
      habe,  und   ausserdem  überall  herumerzähle,  dass  Reuss  keine
      diesbezüglichen Rechte  mehr besässe.  Aehnlich äussert sich Reuss
      am 27.  März 1906:  dass  Emil  Adrianyi  ebenfalls  die  "falsche
      Nachricht"  verbreite,   der   Grossorient   und   das   Souveräne
      Sanktuarium von Berlin existierten nicht mehr.
      Am 27.  März 1906  erhält Steiner einen Brief von Reuss, in dem er
      als 33° (AASR) und 95° (Misraim) angesprochen wird.
      Die Reuss'sche  Oriflamme vom  Januar/Juni 1906  teilt  mit,  dass
      Steiner, 33°, 95°, in Berlin die Erlaubnis erteilt worden ist, ein
      Kapitel und  einen Grossrat  der Adoptionsmauererei [MM] unter dem
      Namen   "Mystica   aeterna"   zu   gründen.   Steiner   wird   zum
      stellvertretenden Grossmeister  mit Jurisdiktion  über die von ihm
      aufgenommenen  Mitglieder  ernannt.  Marie  von  Sivers  wird  als
      General-Grosssekretärin für die Adoptionslogen eingesetzt. Steiner
      verwendet für  diese Gruppierung auch "Mystica Eterna" (M.E.) oder
      "Misraim Dienst"  (M.D.). Je  nach dem  Kontext  bezeichnen  diese
      Abkürzungen entweder die Einrichtung oder deren Inhalt.
      Beide, Reuss  und Steiner,  benutzen die freimaurerischen Begriffe
      "Royal Arch"  und "Ritter vom Adler und Pelikan" (GA 265, 75, 217,
      218; GA  93, 90,  93 und  320). Die  neun (zehn) O.T.O.-Grade sind
      inhaltlich keinesfalls  das Vorbild  der z.T.  theoretischen  neun
      Grade der  Mystica aeterna  (in der nur bis zum 5. Grad gearbeitet
      wird: Lehrling, Geselle, Meister, Royal Arch, Ritter vom Adler und
      vom Pelikan. GA 265, 237, 217, 218) (GA 167, 94; GA 265, 132). Die
      Intentionen und Inhalte der Steinerschen Rituale entstammen allein
      seiner eigenen  Erkenntnis/Schau: nur  die Form  bezieht sich  auf
      Traditionelles. Trotzdem ist die Mystica aeterna keine eigentliche
      Organisation, vergleichbar mit einem Orden oder einer Loge (obwohl
      Steiner  diesen  Begriff  in  der  Lektionsstunde  vom  28.10.1911
      verwendet); es  gibt keine Tochtergründungen, keine Diplome, keine
      Ermächtigungen und  der Kultus  wird nur  in Anwesenheit  Steiners
      zelebriert und  nur von  und für  Mitglieder(n) der Theosophischen
      Gesellschaft. In  Steiners Schau kann ein äusserer Orden weder von
      "Meistern" gegründet,  noch mentoriert  werden. Dies  steht allein
      der "Esoterischen  Schule" zu.  Die Mystica  aeterna gilt  als die
      zweite, als  die sog.  "Erkenntniskultische" Abteilung in Steiners
      Esoterischer Schule.  Die Theosophische  Abteilung weist  mehr auf
      die ideelle  und studierende  Seite hin;  die maurerisch-kultische
      mehr auf die praktische Seite des Esoterischen Arbeitskreises.
      21. Juni  1906 ist  das Datum,  das  die  erste  deutsche  O.T.O.-
      Konstitution  aufweist.   Wie   schon   zur   englischen   O.T.O.-
      Konstitution vom  Januar angemerkt,  scheint es, dass die Gründung
      des O.T.O.  erst  1912  allgemein  bekannt  wird.  Diese  deutsche
      Konstitution verlangt  von  künftigen  Mitgliedern  ebenfalls  ein
      schriftliches Aufnahmegesuch.
      24. Juni  1906: Da  sich abzeichnet, dass sich in Steiners Mystica
      aeterna bald  mehr Mitglieder  als in  Reuss' Orden listen lassen,
      spaltet Reuss  Memphis von  Misraim und  vom 33°  und signiert die
      entsprechende Verkündigung  u.a. mit  dem Ausdruck  "Orientalische
      Templer-Freimaurer" und  verwendet dabei  die Templer-Zeitrechnung
      ("A.O. 788").
      15.8.1906: Steiner  distanziert sich in einem Brief an A.W. Sellin
      klar und  deutlich von Reuss und all dessen Aktivitäten (sofern er
      überhaupt davon  Notiz genommen  hat). "Reuss ist kein Mensch, auf
      den irgendwie zu bauen wäre." (30.11.1905). Für Steiner spielt die
      Person "Reuss"  keine Rolle, sondern allein dessen Vermittlung des
      "Misraim"-Ritus, d.h. einer formal-historisch-legal dokumentierten
      Anknüpfung, um  eine selbständige symbolisch-kultische Neugründung
      einzurichten. In  Reuss' Briefen an Steiner und an von Sivers gibt
      Reuss keine  einzige Bestätigung  eines Gesprächs  mit oder  eines
      Schreibens von  Steiner. Steiner macht es "zur Bedingung, dass der
      Orden [AASR + MM] mir NICHTS mitteilt von seinen Ritualien."  "Ich
      konstituierte, was  zu konstituieren  war, OHNE  dass  Herr  Reuss
      jemals dabei — bei irgend etwas — gewesen wäre ... Ich aber habe
      sachlich den Orden [Reuss' AASR und MM] völlig IGNORIERT" (Steiner
      an Sellin,  15.8.1906). Mitgliedern  von  Reuss'  Orden  wird  der
      Zutritt zu Steiners Misraim-Dienst verwehrt.
      Am 22.9.1906  beklagt sich Reuss bei Marie von Sivers, dass Rudolf
      Steiner ihm auf seinen Brief von vor vier Wochen nicht geantwortet
      habe. 1.10.1906,  9.2.1907 und  12.3.1907: Reuss bittet vergeblich
      um ein  Treffen mit  Steiner. Im  Schreiben vom  9.2.1907  an  von
      Sivers bestätigt Reuss, dass kein brieflicher Verkehr zwischen ihm
      und Steiner stattfinde, und dass er dies auch akzeptiere.
      Pfingsten  1907:   Nach  dem   Tode  des  Gründer-Präsidenten  der
      Theosophical Society,  H.S. Olcott,  17.2.1907, und  der Wahl  von
      Annie Besant  zur neuen Präsidentin, löst Rudolf Steiner die erste
      Abteilung der  Esoterischen Schule  aus dem  formalen Zusammenhang
      mit der  von Annie Besant geleiteten Esoteric School of Theosophy:
      Steiner verfolgt  ein anderes  Schulungs-System  und  wirft  Annie
      Besant   gleichzeitig   Amerikanismus,   d.h.   Weltlichkeit   und
      anderseits Fixierung auf indische Traditionen, die im Westen keine
      Wirkung hätten,  vor. In  Steiners Schau wird der Atem nicht durch
      körperliche Uebungen  kontrolliert; die  physischen  Effekte  sind
      Konsequenz der  Einweihung. Steiners Weg ist das Gegenteil dessen,
      was die alten Yogis lehrten, indem er Denken und Atmen miteinander
      verbindet.
      15. Juni  1907: Reuss  schickt Steiner  ein Edikt,  das diesen zum
      33°, 90°  und  96°  von  Berlin  und  selbstständigen  amtierenden
      General Grossmeister  des Obersten General Grossrates des Mizraim-
      Ritus in  Deutschland ernennt.  Der Briefkopf  weist die  Begriffe
      "Memphis and  Mizraim Rite  of Masonry. Order of Oriental Templars
      and Esoteric  Rosicrucians"  auf.  Reuss  zeichnet  u.a.  mit  der
      SO.T.O.M-Rune/Siegel. Dies  macht Steiner jedoch weder zum O.T.O.-
      Mitglied noch  zu dessen Grossmeister von Berlin. Reuss bezeichnet
      sich weiterhin  ebenfalls als  Grossmeister des  Misraim Ritus. Er
      sucht ab  1907 mit  seinem O.T.O.  als  "Bund  für  Internationale
      Verbrüderung"   Anschluss    an   ausländische    Gnostiker-   und
      Rosenkreuzerorganisationen (z.B.  1908 an  Papus in Frankreich, wo
      er auch  Arnoldo Krumm-Heller mit Chartas beglückt, die später zur
      Gründung der  Fraternitas Rosicruciana  Antiqua  führen;  1909  an
      Spencer Lewis, der 1915 den A.M.O.R.C. gründet).
      24.2.1908 und  17.7.1909: erneut  beklagt  sich  Reuss,  dass  ihm
      Steiner nie  antworte. Dito  in 1910.  Reuss listet  Steiner schon
      seit  1906   nie  mehr  in  seinen  häufig  auftauchenden  Ordens-
      Schematismen auf.
      1909: Steiner  wird nicht  im  Ordens-Schematismus  der  Oriflamme
      aufgeführt.
      11.2.1910: Reuss teilt Steiner mit, dass Franz Hartmann schon seit
      1904 nicht  mehr aktiv sei und ausser Max Heilbronner und Heinrich
      Klein kein Mensch von der Angelegenheit Reuss-Steiner wisse.
      Im März 1910 wird Aleister Crowley ein VII° O.T.O. in England, was
      jedoch nur  eine Bestätigung  seines 1900 in Mexiko erworbenen 33°
      ist. Im  November wird Crowleys 33° AASR ebenfalls von John Yarker
      reaktiviert, obwohl  Yarkers  entsprechende  Befugnisse  schon  am
      30.11.1870 vom Supreme Council des AASR annulliert worden sind.
      21.4.1912: Aleister  Crowley wird  X° des  O.T.O. von  England und
      Irland.
      1.6.1912: offizielles  Datum der Gründung einer National-Grossloge
      des O.T.O.  für Grossbritannien und Irland durch Reuss, was dieser
      in  der   Oriflamme  als  eine  Sache  mit  pikantem  Beigeschmack
      bezeichnet. Obwohl  nie ein  "regulärer" Freimaurer, sieht Crowley
      sich von  nun an  als "sole and supreme authority in Freemasonry".
      Die Existenz  eines X°-O.T.O.  in England  ist ein Hinweis darauf,
      dass der  O.T.O. um  1912 in der Organisation durchaus verschieden
      ist vom  Memphis-Misraim-Ritus, der  in England  der  Leitung  von
      Yarker untersteht,  von dem  Reuss  selber  seine  MM-Legitimation
      bezieht.
      7.8.1912: Hartmann stirbt.
      (Oktober?) 1912:  Steiners Name  fehlt in  der  reich  bebilderten
      "Ahnengalerie" der  O.T.O.-Helden  in  der  Jubiläums-Ausgabe  der
      Oriflamme 1912,  in der, posthum natürlich, Carl Kellner und Franz
      Hartmann nun erstmals mit den Begriffen "O.T.O." und "Sexualmagie"
      in Zusammenhang gebracht werden.
      Im  Zuge   der  Krishnamurti-Sache  gründet  Steiner  in  Köln  zu
      Weihnachten 1912  die Anthroposophische  Gesellschaft  und  trennt
      sich zur  Jahreswende 1912/13  von der TG. Bis anhin konnte er ca.
      2500 Mitglieder  sammeln. Diesen  schliessen sich nun weitere 1000
      aus der TG austretende Mitglieder in Europa und Amerika an.
      20.3.1913: John  Yarker stirbt. Reuss verfasst nun offensichtliche
      sexualmagische Texte,  die in seiner INRI/Oriflamme-Schriftenreihe
      erscheinen. Bei Kriegsausbruch flüchtet er nach Deutschland.
      Sommer 1914:  Die Veranstaltungen  der Esoterischen Schule und des
      "Misraim Dienstes"  (der 600 Mitglieder zählt) werden eingestellt.
      Steiner beendet  die privaten  Beratungen  und  Versammlungen,  da
      inzwischen  genügend   publiziertes  Schulungsmaterial   von   ihm
      vorliegt.  Die   Kriegsverhältnisse  erschweren  es,  geschlossene
      Versammlungen sicher abzuhalten.
      Zu Weihnachten 1914 heiratet Steiner Marie von Sivers.
      Woran denkt der nun im Tessin in der Schweiz lebende Reuss, als er
      1917 in der Bücheranzeige am Schluss der deutschen Publikation von
      Crowley-Reuss' "Gnostischer Messe" einen Text "Das Sexuelle in der
      Theosophie   und   Anthroposophie,   mit   den   Gelöbnissen   der
      verschiedenen Führer" ankündigt?
      Im Sommer  1917 schickt  Reuss  einem  offiziellen  Vertreter  der
      Anthroposophischen  Gesellschaft  eine  Einladung  zum  "Anational
      Congress"  seines   O.T.O.  auf   dem  Monte   Verita.   Auf   dem
      entsprechenden  Manifesto   tritt  die  Bezeichnung  "Ordo  Templi
      Orientis" nun als Unterbegriff der "Hermetic Brotherhood of Light"
      auf. Hinweise  in Reuss'  und Crowleys  "Gnostischer Messe" und in
      Reuss' VII°-Ritual  deuten darauf hin, dass neuerdings die 
      Theoretischen Rosenkreuzer der Brüder des Lichtes der sieben 
      Gemeinden in Asien / die Asiatischen Brüder vom Rosenkreuz 
      und der mächtige und weise Orden der Ritter und Brüder des Lichts       
      als Reuss'sche  und Crowleysche "Hermetic Brotherhood of Light" zu
      interpretieren sind. 

Hermetic Brotherhood of Light, Theodor Reuss an Aleister Crowley, 1917Theodor Reuss an Aleister Crowley, 1917


Reuss zieht bald nach Basel. Steiner lehnt es ab 1917 kategorisch ab, in Privatgesprächen esoterische Ratschläge zu geben. Künftig muss alles im Lichte der demokratischen Öffentlichkeit (weg von Absonderung und geistiger Aristokratie) geschehen. Am Zürcher Internationalen Freimaurerkongress 1920 wird der O.T.O. definitiv als irregulär erkannt. Reuss verlässt Basel. Da Spencer Lewis vom amerikanischen A.M.O.R.C. dem nun in München ansässigen Theodor Reuss droht, den Geldhahn zuzudrehen, falls sich Reuss nicht von Aleister Crowley trenne, wird Crowley im November 1921 aus dem O.T.O. verstossen. Reuss an Crowley: "the O.T.O. is not in any way an annex or even in any way connected with the A.·. A.·. [Crowleys sexualmagische Religion] and [...] the teachings of these two independent bodies must rigorously be kept separate and distinct." Reuss an Spencer Lewis: "I have cut off the connection that existed between us [Reuss und Crowley] regarding O.T.O., and whatever Crowley would happen to do about in the USA, it is now his own business, and not anymore a concern for the O.T.O." Kurzentschlossen ruft sich Crowley nun zum Oberhaupt des O.T.O. aus. Reuss plant neue Rosenkreuzer-Organisationen zusammen mit dem A.M.O.R.C. und Arnoldo Krumm-Hellers Rosenkreuzer-Organisation F.R.A. Von nun an ist der O.T.O. in unzählige säkularisierte Zweige zersplittert. Anlässlich seines Besuchs im Dezember 1921 in Oslo, versammelt Steiner alle früheren Mitglieder der Mystica aeterna, jedoch ohne Ritual und ohne kultische Bekleidung. Er erklärt die Arbeit des "erkenntniskultischen Arbeitskreises" (= Misraim Dienst) feierlich für aufgelöst (GA 265, 451), nimmt aber neue Mitglieder auf, ein Zeichen, dass er nicht daran denkt, die alten Formen des Vollzugs zu reaktivieren. Mit der Neukonstituierung der Anthroposophischen Gesellschaft zu Weihnachten 1923 beginnt Steiner die von ihm formulierten "neuen Formen" der Esoterik als neue "Esoterische Schule" zu verwirklichen. Inzwischen ergibt sich durch die Begegnung mit Theologen eine Beschäftigung mit kirchlichen Kultformen, die Steiner aus seiner Schau erneuert. Das spiegelt sich im Kultus der 1921 begründeten "Christengemeinschaft" und den Handlungen für den Religionsunterricht der Waldorfschulen. Fortan sind die bisher nur für Mitglieder erhältlich gewesenen Manuskripte (Mitgliedervorträge, die sog. "Zyklen") frei zu erwerben. Die esoterische Schule ist transfomiert in die "Freie Hochschule für Geisteswissenschaften". Obwohl Steiner nicht mehr dazu kommt, die drei Klassen im Detail auszuformulieren, denkt er daran, Inhalte der M.E. in die zweite Klasse der Hochschule hineinfliessen zu lassen. Theodor Reuss stirbt 1923 ohne einen Nachfolger ernannt zu haben. Steiner stirbt 1925. Ca. 1934: Alice Sprengel (ehemals Mitglied der M.E. bis zu ihrem Austritt 1915, dann Sekretärin von Reuss) notiert aus dem Gedächtnis das angebliche Gelöbnis, das Steiner bei seinem MM- Eintritt unterschrieben und es darauf zerrissen habe, weil es ihn zum O.T.O.-Mitglied gemacht haben soll. Alice Sprengel ist es auch, die bald den Schweizer Hermann Joseph Metzger in den Reuss- O.T.O. einweihen und Ritual-Passagen aus den Steiner-Ritualen in O.T.O.-Rituale transportieren wird. Metzgers Dachorganisation nennt sich, in Anlehnung an einen Steiner-Vortrag über Psychosophie von 1911, "Psychosophische Gesellschaft". Sein O.T.O. scheint auch heute noch weltweit der einzige legitime O.T.O. zu sein, aktiv seit 1947. Diskussion 1. Ab welchem Zeitpunkt und vom wem sind einige AASR- und Memphis- Misraim-Grade mit den O.T.O.-Graden gleichgesetzt worden (z.b. 90°, 95° gleich IX°)? Gemäss dem MM-O.T.O.-Schematismus wäre ab 1914 Steiners 30°, 67° und 89° irgendwo zwischen dem VI° und VII° O.T.O. anzusiedeln (handschriftlicher Schematismus von Aleister Crowley, datiert 1914, Faksimile in "How to make your own McO.T.O.", 59). Dies scheint vorerst irrelevant in Bezug auf Steiner, erst im Nachhinein wäre sein 90°, 96° tatsächlich als X° O.T.O. anzusehen. — Es ist jedenfalls gesichert, dass ab ca. 1917 von Reuss und seinen Anhängern MM mit O.T.O. gleichgesetzt worden ist. Siehe "Grosser Th. Reuss Reader", p. 246 2. Ist 1906 das Gründungsjahr des O.T.O. und/oder sind beide 1906- Konstitutionen später verfasst und rückdatiert worden? Nichtsdestotrotz enthält das Reuss-Edikt an Steiner von 1907 den Begriff "Order of Oriental Templars". Ebenfalls ist in französischen Gnostiker-Heftchen schon VOR 1912 (dem Datum, in das einige O.T.O.-"Historiker" die Gründungs-Stunde des O.T.O. hineinprojizieren) der Begriff "Ordo Templi Orientis" zu finden [Faksimile in "Ecclesia Gnostica Catholica", p.109]. 3. Was sind die Lehren des O.T.O. unter Theodor Reuss? Nach Carl Kellners Tod 1905 stülpt Reuss Carl Kellners tantrischen Yoga- Übungen ein freimaurerähnliches System über, in dem die ersten sieben rituell verleihten Grade zur Oeffnung der Chakras dienen und die letzten, sexualmagischen Wissensgrade nur noch "per communicatio" verliehen werden. Der X° bezeichnet den nationalen Führer, der dem weltweiten Oberhaupt, dem Outer Head of Order, OHO, unterstellt ist. Reuss führt Kellners Yogapraktiken weiter, indem er den Manichäismus miteinbringt: Die Sexualorgane werden heilig und eine Heilige Messe bildet symbolisch die Schöpfung des Universums ab. Sexualenergien werden mithilfe von Atemtechniken "gespeichert", und deren Transmutation macht den Magier zum "Seher". Da Reuss öfters die Ordensbezeichnung "Hermetic Brotherhood of Light" für seinen O.T.O. verwendet, ist anzunehmen, dass er verschiedene Erleuchtungs/Erlösungstechniken dieser (anderen) Gruppe für sein System adaptiert: Die Verwendung von bewusstseinserweiternden Drogen während des Sexualaktes, die Fokussierung von sexuellen Energien auf ein materielles Medium (z.B. einen Talisman oder eine Photographie), um sich Wünsche zu erfüllen. Reuss lehnt Masturbation (dem VIII° unter Aleister Crowley) als "Selbstpeinigung" und "widernatürlich" ab. Trotzdem bleibt für ihn der Lingam der Schöpfer des Universums. Es gibt Berichte, dass sich Reuss homörotisch betätigt habe ("gegenseitiges Betasten der phalli") (ein Teil des "geheimen" XI° unter Crowley), Zentralgeheimnis von Reuss' O.T.O. bleibt jedoch Richard Wagners "Parsifal". Der Speer wird zum Phallus, während der Gral, natürlich die Vagina, die Grals-Speise enthält: Sperma und Vaginalsekrete. Reuss' O.T.O.-Gesellschaft hat eine Art kommunistisches Utopia zum Ziel, in dem die Mutter (mit Referenzen zur christlichen Maria) Zentralstelle im öffentlichen und sexuellen Leben einnehmen soll: in der "Gemeinschaft der Neo- Christen O.T.O.". 4. Hat Steiner vom O.T.O. gewusst und ist trotzdem Misraim-Mitglied geworden? Obwohl Steiner 1904 ein Kellnersches und Reuss'sches Manifest "Unseres Ordens" von 1903 zitiert, kann er dabei weder von "Sexualmagie" noch einem "O.T.O." gewusst haben. Dieses Manifest distanziert sich von "Geisterbeschwörungen" und "spiritistischen Praktiken" - etwas, das Steiner sicherlich zugesagt hat. Weder taucht der Begriff "Sexualmagie" noch "O.T.O." auf. 1903 hat Kellner ja noch gelebt. Seine Praktik ist nicht Magie, sondern Hatha-Yoga, also eine Art Mystik. Erst in der Juni-Ausgabe der Oriflamme 1906 wird Reuss deutlicher und spricht vom göttlichen Zeugungsakt. Im August 1906 distanziert sich dann Steiner im berühmtem Brief an Sellin von Reuss. Der Begriff "Sexual-Magie" taucht erstmalig in der Dezember-Ausgabe der Oriflamme 1906 und dann erst wieder 1912 auf, als der O.T.O. Reuss' neustes Aushängeschild wird. Es ist ganz offensichtlich, dass Steiners "Weltschau" eine asketische, d.h. "sinnlichkeitsfreie" ist ("Nur dasjenige, was Schmerzen bereitet bei der Mitteilung hat einen Wert") und er die Reuss'sche Version aufs tiefste abgelehnt hätte, falls er von ihr tatsächlich Kenntnis genommen hätte. Steiner ist gegen die Herabdämpfung des Bewusstseins, gegen Schweigegebote und Personenkult (obwohl er in gewissen "Esoterischen Stunden" als Bote der "Meister", z.B. Zarathustra, auftritt). Wiederholt betont Steiner, dass das esoterische Training auf den Kräften des Denkens und nicht denjenigen des Körpers beruhe. Er bezieht sich dabei wohl auf Hypnose, mediale Trance und yogisches Atmen, vielleicht aber auch auf Sexualmagie. Der Schüler hat alles für die Gesundheit von Körper und Seele zu tun, ausser, die Pflicht stehe über der Gesundheit oder dem Leben selber. Der entscheidende Punkt in Steiners Schau ist, dass nicht das Bewusstsein durch körperliche Kräfte, sondern der Körper durch das geistige Bewusstsein des individuellen Egos kontrolliert wird. Eurythmie und die Sprechübungen sind künstlerische Formen der Bewusstwerdung und des Hineinbringens des Geistes in den Körper und nicht umgekehrt, des Körperlichen in das Geistige. Sein Weg bildet die Brücke vom Unsichtbaren zum Sichtbaren "hinab" und nicht wie bei den Nicht-Asketikern "hinauf" vom Weltlichen zum Ueberweltlichen (Steiners Chakra-Uebungen arbeiten von oben nach unten. Als Hauptchakra gilt vedantisch das Herz und nicht yogisch der Solarplexus). Als Verfechter des christlich-rosenkreuzerischen Weges lehnt Steiner jegliche zeremonielle Magie ab (20.6.1912, GA 133), obwohl er sich der apokalyptischen Siegel und der Tarot- Symbolik Eliphas Levis bedient. Selbst Textpassagen aus Levis "Dogma und Ritual der Hohen Magie" finden sich in Steiners Misraim-Ritualen. 5. Gibt es eine Fortsetzung des Misraim-Dienstes nach 1923? "Beim Besuch des Doktors in Oslo — dem letzten — Mai 1923 --- hielt der Doktor eine M.E.-Versammlung." Dazu die Fussnote in GA 265, 452: "Die Bezeichnung "M.E.Versammlung" für die esoterische Stunde erklärt sich aus ihrem, einer M.E. Instruktionsstunde gleichenden Charakter." Dieser undatierte Erinnerungsbericht einer Zeugin widerspricht einem Erinnerungsbericht eines Anwesenden, der ausdrücklich festhält: "In 1923 hat Dr. Steiner eine esoterische Stunde abgehalten, aber kein M.D." (GA 265, 451). Ist die ebenfalls 1923 erwähnte "Wachsmuth-Lerchenfeld-Gruppe" eine Wiederaufnahme/Metamorphose der Mystica aeterna? (GA 265, 455: Faksimiles 466 und 468, die diese W.-L. Gruppe mit dem Begriff M.E. in Zusammenhang bringen). Hier sind die Daten von Esoterischen Stunden nach 1918: 9.2.1920 in Dornach 17.2.1920 in Dornach 4.12.1921 in Norwegen Dezember 1921 in Oslo zwei 1922 in London Herbst 1922 in Stuttgart für den esoterischen Jugendkreis 27.5.1923 in Dornach für die Wachsmuth-Lerchenfeld-Gruppe 13.7.1923 in Stuttgart für den esoterischen Jugendkreis 30.9.1923 in Wien 23.10.1923 in Dornach für die Wachsmuth-Lerchenfeld-Gruppe 30.12.1923 in Dornach für den esoterischen Jugendkreis 3.1.1924 in Dornach für die Wachsmuth-Lerchenfeld-Gruppe Schluss Selbstverständlich möchten sich alle O.T.O.-Gruppen mit der Patina prominenter "Ahnherren" schmücken, und so wird auch aus diesem Umfeld kaum zu hören sein, dass die hehren angeblichen Gründer und/oder Mitglieder Franz Hartmann, Carl Kellner, oder eben Rudolf Steiner, schwerlich mit dem O.T.O. in direkter Verbindung gestanden haben dürften. Was für Edikte und Chartas Reuss auch immer an Steiner geschickt haben mag: Reuss hätte auch den Papst zum O.T.O.-Mitglied machen können. Solange es keinen schriftlichen Beweis gibt, dass Steiner irgendeine Art von O.T.O.-Mitgliedschaft akzeptiert hätte (laut O.T.O.-Statuten muss das zukünftige Mitglied ausdrücklich um Mitgliedschaft bitten), solange kann nicht behauptet werden, dass Steiner O.T.O.-Mitglied gewesen sei. Quellen Transkripte einiger Dokumente in: König/Der Kleine Theodor Reuss Reader (München 1993). Faksimilierte Reuss-Steiner-Materialien in: König/Der Grosse Theodor Reuss Reader (München 1997). Steiners Misraim-Rituale in: Steiner: "Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904- 1914" (Dornach 1987, = GA 265). Reuss' O.T.O.-Rituale in "How to make your own McO.T.O. (München 1996). Zur Geschichte der MM- und O.T.O.-Gruppen: König/Das O.T.O.-Phänomen (München 1994). Reuss' O.T.O.-System mit denselben Gradbezeichnungen wie Steiners Mystica aeterna, in: König/Materialien zum O.T.O. (München 1994). Klaus J. Bracker: "Anthroposophische Esoterik und die hermetische Tradition des 19. Jahrhunderts", in "Novalis" 4/1996, Schaffhausen Hella Wiesberger: "Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit" (Dornach 1997). A. Crowleys O.T.O. Rituale in O.T.O. Rituals and Sexmagick (Thame 1999). Eine Kurzversion dieses Artikels erschien in "Gnostika" Juli 97, AAGW, Lothar von Kübelstrasse 1, D-76547 Sinzheim. Eine ähnliche Version befindet sich in "AHA", Breite Str. 65, D-29468 Bergen an der Dumme. Ebenfalls in: Novalis" Februar 1998, Postfach 1021, Steigstr. 59, CH-8201 Schaffhausen. Diese Version in: "Flensburger Hefte", Dezember 1998 Holm 64, D- 24937 Flensburg, Germany, fax: (0461) 2 69 12 Als Vortrag für C.E.S.N.U.R. an der Universität Turin in 1998.

C: Peter-Robert König, November 1998



English version: O.T.O. — Early Years and Development.
Deutsche Version: Zur Geschichte des Ordo Templi Orientis.
Versione italiano: Ordo Templi Orientis — I primi anni e la sua evoluzione.
Traduccion castellano: O.T.O. — Original y su Desarrollo.

Theodor Reuss, Rudolf Steiner, Aleister Crowley
Reuss O.T.O. Lamen






Rudolf Steiner: Not a member of the O.T.O.
Deutsche Version: Rudolf Steiner: niemals Mitglied irgendeines O.T.O.
Dutch version: Theodor Reuss en Rudolf Steiner
Traduse romana: Rudolf Steiner: niciodata membru al vre-unui Ordo Templi Orientis

Online facsimile documents regarding Reuss and Steiner
"Gestatten, Under-Cover Agent P.R. König" — Ein Interview für die FLENSBURGER HEFTE zum Thema "Feldzug gegen Rudolf Steiner" (eine Analyse des Vorgehens der Gebrüder Grandt)


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