Ordo Templi Orientis FAQ — Frühgeschichte und Entwicklung (deutsch)

Ordo Templi Orientis Phänomen

Ordo Templi Orientis
Frühgeschichte
Entwicklung

Peter-R. Koenig

Aleister Crowley and his Ordo Templi Orientis Charter — 1912


Frage: Was ist ein freimaurerischer Grad, und was bedeuten die einzelnen Grade?

P.R.K.: Die Freimaurerei ist ein loser Organisationsbund von verschiedenen Logen und Riten (d.h. Einweihungsritualen), die sich mehr oder weniger einer Mutter- oder Grossloge angeschlossen haben. Der Freimaurer arbeitet an sich selbst, was sich in Entwicklungsgraden ausdruecken kann, die von der Loge verliehen werden. Es gibt verschiedene Gradsysteme, manchmal zehn, manchmal 33, manchmal 97 Grade, meistens sind es jedoch drei: Geselle, Lehrling, Meister. Ein Grad kann entweder den Wissensstand, die Mitgliedsdauer oder eine Position innerhalb der entsprechenden Loge anzeigen. Einige Grade werden mit einem Ritual begleitet, meistens ist es jedoch lediglich eine Urkunde, auf der der erworbene Grad oder das entsprechende Amt den Mitgliedern bekannt gegeben wird.

Frage: Wie ist es zu verstehen, dass sich jemand die Erlaubnis erwirbt bzw. erkauft, einen Ritus in einem Land zu vollziehen?

P.R.K.: Potentielle Mitglieder wollen sich einem "authentischen Orden" oder einer solchen Loge anschliessen. Authentizitaet basiert hier auf "Regularitaet", d.h. "Bewilligungen", "Chartas", "Sukzessionen", "Konstitutionen" etc. Um sich "regulaer" nennen zukoennen, braucht es eine Erlaubnis einer uebergeordneten Mutter- oder Grossloge. Denn falls eine Grossloge eine andere (Gross)-Loge als "irregulaer" bezeichnet, koennte das ja potentielle Mitglieder abschrecken. Bis 1900 konstruierte man mindestens 70 sogenannte Hochgradsysteme, die alle eine Erweiterung und Vertiefung der regulaeren Johannisgrade zu sein behaupteten. Praktisch bestehen kaum Unterschiede zwischen den Systemen. Insgesamt umfassen diese Riten etwa 400 verschiedene Grade aller Arten. Weltweit existieren zwei Grosslogen, die sich "befehden"; der franzoesische "Grand Orient" und die englische "Grand Lodge". In diesem Umfeld ist die maurerische Geschichte nun voll von Maennern, die ihre Position innerhalb der Orden zum regen Verkauf solcher Bewilligungen benutzten; aehnlich wie beim Handel mit Adelstiteln.

Frage: Haben diese Grade und Regeln irgendeine geistige Bedeutung, oder sind sie lediglich eine aeussere Abmachung?

P.R.K.: Je nach Auslegung. Fuer Nichtmitglieder bleiben es aeusserliche Regeln, fuer "Eingeweihte" hat natuerlich "alles" eine Bedeutung. Das kann dem jeweiligen Ritus entsprechend variieren. Im O.T.O. ist die "Sukzession" wichtig, d.h. die korrekte Regelung der Nachfolge der Oberhaeupter. Das Oberhaupt traegt so etwas wie die magische Flamme des Ordens, und natuerlich sind auch Copyrights damit verbunden. Jedesmal, wenn z.B. heutzutage das Aleister Crowley-Tarot verkauft wird, bezieht der 1977 gegruendete, neue amerikanische O.T.O. Tantiemen.

Frage: Wer war John Yarker?

P.R.K.: Hmm. Geboren 1833, gehoerte er zu denjenigen Freimaurern, die viel herumreisten und Bewilligungen verkauften. Er starb 1913.

Frage: Und wer war Theodor Reuss?

P.R.K.: Via Theodor Reuss (1855-1923), einem anglo-deutschen Freimaurer, sind der beruehmt-beruechtige "Alte und Primitive Ritus von Memphis und Misraim" [MM] und der "Alte und Angenommene Schottische Ritus" [AASR] 1902 via dem Englaender John Yarker nach Deutschland geraten. Es ist bezeichnend fuer den schwunghaften Handel mit Chartas, dass kaum nachdem Yarker die hoechsten Grade erhalten hatte, er diese sofort an Reuss weiterverkaufte. Reuss hat aber auch eine Menge anderer Orden in Deutschland eingefuehrt und ein grosses Durcheinander damit geschaffen. Er war, wie viele andere, ein Freimaurer, der selbst gerne Bewilligungen verkaufte und eigene Orden aus der Taufe hob. Es ist ihm zuzuschreiben, dass zwischen 1906 und 1912 der O.T.O. mit der Hilfe einiger AASR- und Memphis-Misraim-Mitglieder konstruiert und ab 1912 bekannt wurde. Auf seine Kappe gehen jedoch auch eine Version des "Illuminaten-Ordens" und diverse Rosenkreuzerorganisationen. Reuss hat aus all seinen Unternehmungen ein undurchsichtiges Gewusel gemacht: alle Orden schienen irgendwie miteinander verbunden, die Bezeichnungen variierten beinah nach Tageszeit, manche Mitglieder waren in allen Orden gleichzeitig, andere ueberhaupt nicht. Weder Reuss noch seine selbsternannten Nachfolger schienen daran interessiert, hier Klarheit zu schaffen. Viele meinten und meinen auch noch heute, Mitgliedschaft im O.T.O. bedeute auch Mitgliedschaft in allen anderen Organisationen, die irgendwie mal etwas mit Reuss zu tun gehabt hatten. Von "regulaeren" Freimaurern wurden und werden Reuss und seine Orden bis heute abgelehnt. Als Hauptgrund wird oft angegeben, dass z.B. Reuss' Ordo Templi Orientis Frauen aufnaehme, eine Unmoeglichkeit in der traditionellen Freimaurerei.

Frage: Was war seine Zeitschrift Oriflamme fuer ein Blatt?

P.R.K.: Die Oriflamme erschien von 1902-14, zunaechst als Mitteilungsblatt fuer den "Swedenborg-Ritus" und einen "Orden der Rosenkreuzer", bald fuer den "Alten und Angenommenen Schottischen Ritus" und "Memphis-Misraim"; ab 1912 jedoch hauptsaechlich als Organ seines O.T.O. Als O.T.O.-Blaettchen sind jedoch nur sehr wenige Nummern erschienen. In all den Jahren enthielt die Oriflamme hauptsaechlich ordensinterne Mitteilungen wie Statuten, Ernennungen, Tagungsprotokolle, Abrisse ueber die Entwicklung des Ordens, also typische Klub- und Vereinsnachrichten; hier aber in sehr pompoeser Sprache und mit Insiderhinweisen, die ein Nichtfreimaurer kaum verstehen kann.

Frage: Reuss wollte den Schottischen Ritus und den MM fuer Deutschland von Yarker erwerben. Initiierte er damit in Deutschland unrechtmaessig einen Ritus?

P.R.K.: Es gibt verschiedene Versionen von Chartas, die Reuss' Vollmachten auflisten. Und es kommt immer darauf an, wer wann einen Ritus als "irregulaer" definiert. Es gibt heute noch Freimaurer, die den Memphis-Misraim-Ritus nicht als irregulaer empfinden. Andere lehnen ihn jedoch vehement ab. In der Schweiz gibt es zum Beispiel drei regularisierte Memphis-Misraim-Logen. Sie mussten ihre Rituale etwas an die gaengige Form anpassen und darauf verzichten, offiziell Hochgrade zu erteilen. Heute hochangesehene Freimaurerlogen koennen urspruengliche Memphis- Misraim-Logen sein, die im Laufe der Zeit regularisiert worden sind. Natuerlich hat das nicht das Geringste mit dem O.T.O. zu tun.
Reuss hat in den Augen einiger Zeitgenossen einen Schwindel begangen, als er "irregulaere" Riten in Deutschland einfuehrte und die Mitglieder weder ueber die "Irregularitaet" aufklaerte, noch genaue Angaben ueber die Namen dieser Riten/Orden machte, in denen die Mitglieder sassen. Viele haben deshalb seine Orden wieder verlassen. Das koennte erklaeren, weshalb er daraufhin den O.T.O. gegruendet hat: als eine Art Retortenhochgradfreimaurerorden. Die Vorstellung, dass sich dieser Orden mit seinen Uniformknoepfen, hochtrabenden Titeln und der Sehnsucht nach religioesem Adel im Laufe der Jahrzehnte in ein Jahrmarktszelt verwandelt, wo ein "Caliph" und seine "Scharlachrote Hure" Tarot-Karten legen (so wie in der amerikanischen"O.T.O.-Newsletter" von 1978 abgebildet), entspricht sicherlich auch Aleister Crowleys Milch der frommen Denkungsart. Heutzutage wird in den Medien der O.T.O. ja meist mit Aleister Crowley gleichgesetzt, was historisch ueberhaupt nicht stimmt. Aber vielleicht beginnen wir ganz vorne, damit der Leser etwas Einblick in die komplexe Entwicklung des O.T.O. gewinnen kann.

Carl Kellner

Frage: Wer war Carl Kellner?

P.R.K.: Dazu am besten ein Auszug aus dem "Oesterreichischen Biographischen Lexikon 1815-1950": "Kellner Karl, Chemiker und Grossindustrieller, geb. Wien, 8.9.1850: gest. Wien, 7.6.1905. Stud. in Wien und Paris. In einem Wr. Privatlaboratorium arbeitend, machte er bereits im Alter von 22 Jahren jene entscheidenden Beobachtungen, die nach seinem 1876 erfolgten Eintritt in die Fabrik des Hektor Frh. von Ritter- Zahony in Podgora bei Goerz in dem nach ihm und Ritter benannten und binnen kurzem von zahlreichen Papierfabriken in Verwendung genommenen Sulfit-Zelluloseverfahren gipfelten ... (Elektrochem. Bleichverfahren) ... The Castner-Kellner Alkali Ko., baute in England die damals groesste Anlage der Welt zur Chloralkali- Elektrolyse ... K. befasste sich auch mit techn. Erfindungen ... wie Gewinnung von Gespinstfasern, Beleuchtung, Photographie, kuenstliche Edelsteine u.a." Dr. Walter, III. Band, Graz-Koeln 1965, Seite 290.

Frage: Welche maurerischen Aktivitaeten entfaltete er in Europa?

P.R.K.: Kellner wurde (laut Reuss und Franz Hartmann) 1873 in die Loge Humanitas in Neuheusl (Neudoerfel?) aufgenommen. Diese Loge war am 9. Maerz 1871 unter der Konstitution der Gross-Loge Ungarns erleuchtet worden. Sie war die erste und respektierteste der sogenannten "Grenz-Logen", die nach 1870 in Oesterreich errichtet wurden. Von "regulaeren" maurerischen Aktivitaeten Kellners ist mir aber nichts bekannt geworden, da er sich bald den sogenannten Hochgraden zuwandte, d.h. dem AASR und MM. Kellner kannte John Yarker in Manchester persoenlich, da er ja eine Fabrik dort besass. Warum Kellner am AASR und MM interessiert war, kann nur vermutet werden. Ich nehme an, dass Kellner eine "ehrenhafte" Organisation suchte, aus der er quasi als filtrierenden Vorhof Yogaschueler fuer seinen privaten Hatha- Yoga-Kreis rekrutieren konnte. Reuss als Mann fuers Grobe (Kellner: "Sie haetten eine Bismarck-Karriere als Diplomat gemacht") wurde so finanziell fuer die Organisation verschiedener Freimaurerorden unterstuetzt. In Reuss' Oriflamme sind hin und wieder Kellners AASR- und Memphis-Misraim-Grade zu finden. Im Dezember 1902 ernannte ihn John Yarker in London zum 96* und zum "Souveraenen Ehren-General Grossmeister" "unseres Ordens". Am 27.12.1903 wurde Kellner zum 33*, 90* und 96* von England und Deutschland ernannt, 1904 wurde er Freundschaftsrepraesentant des MM fuer Amerika, da war er aber eigentlich schon schwer krank. Im Zusammenhang mit dem Begriff "O.T.O." tauchte Kellners Name zu dessen Lebzeiten nicht auf. Es gibt ueberhaupt keinen schriftlichen Beleg dafuer (nur "oral History" der Kellner Familie), dass dieser Begriff vor 1906 existierte. Das wurden erst Konstruktionen nach Kellners Tod. Und zwar fruehestens ein halbes Jahr spaeter: In der Oriflamme vom Juni 1905 zum Tode Kellners wurden naemlich alle Titel und Aemter Kellners aufgezaehlt, der Begriff "O.T.O." und seine angeblichen Grade fehlten aber. Mit Rudolf Steiner hat er uebrigens wahrscheinlich auch nie Kontakt gehabt.

Nach 1905: Theodor Reuss

Frage: Wodurch geriet Reuss in eine Aussenseiterposition, so dass er 1905, nach dem Tod Kellners, von einigen Gruendungsmitgliedern angeklagt wurde?

P.R.K.: Aehnlich wie Aleister Crowley sass Reuss haeufig in Gerichtssaelen. An der Sitzung der "Grossloge" des Swedenborg- Ritus am 2.9.1902 stellten eine Handvoll Gruender um Reuss fest, dass sich Leopold "Engel und Miller weigern, ihre Diplome der Loge zurueckzugeben. Von einer Klage wird Abstand genommen.
Dagegen sollen die Certifikate in der Oriflamme... fuer ungueltig erklaert werden."
Die ersten Mitglieder traten nun "aus dem Illuminatenorden" aus, den Reuss und Engel neugegruendet hatten. Wie vorhin gesagt, sprach Reuss dermassen verschwommen von seinen Orden, dass der Eindruck erschien, man sei "irgendwie" in einem anderen Reuss-Orden gleichzeitig, und wer aus dem einen Orden austrat, war nie ganz sicher, ob er nun auch aus einem anderen automatisch raus war. Auf jeden Fall zwang der daraufhin einsetzende Geldmangel Reuss, von privater Hand Geld fuer die Oriflamme zu leihen. Er bezahlte die Schulden mit der Vergabe der hoechsten Memphis-Misraim-Grade. Reuss fasste das Darlehen nun aber als Privatdarlehen (und nicht als Darlehen an die Loge) auf und wurde deswegen zwei Monate nach Kellners Tod vor die Gerichte gezerrt. Man fand nun heraus, dass Reuss' Unternehmen (weitere Ordensgruendungen und die Herausgabe der Oriflamme) ohne Erlaubnis der "Mutterloge und Tempel 'Zum heiligen Gral'" (Swedenborg-Ritus) in Berlin als voellige Privatsache des Beklagten, d.i. Reuss, gelaufen waren. Hier war nun endlich einmal Klarheit geschaffen: Reuss' Memphis-Misraim hatte nichts mit Reuss' anderen Orden zu tun, obwohl er auch deren Chef in Deutschland war.

Frage: War er nach diesem Prozess noch weiterhin Repraesentant des MM-Ritus?

P.R.K.: Selbstverstaendlich. Allein John Yarker haette das wiederrufen koennen. Es faellt aber auf, dass unter Reuss (und auch bis heute in den vielen O.T.O.-Gruppen) eine starke Fluktuation der Mitglieder herrschte. Immer wieder versuchte Reuss, Anschluss an andere Orden zu finden oder selbst welche zu gruenden.

Frage: Was beinhaltete die Genehmigung Yarkers vom 24.06.1905 an Reuss, Hartmann und Heinrich Klein, die MM-Grade 1 bis 33, 90 und 95 zu bearbeiten?

P.R.K.: Diese Grade rituell "aufzufuehren", d.h. Mitglieder zu initiieren, deutsche Logen zu gruenden, die diese Rituale verwenden durften, und andere Maenner mit solchen Graden zu belegen. Anders gesagt: es kriselte und Reuss erwarb sich ein neues Public Relation Instrument, um neue Mitglieder zu werben. Um diese Zeit entstand wahrscheinlich Reuss' Vorsatz, aus gewissen AASR- und Memphis-Misraim-Gradinhabern Mitglieder fuer einen neuen Orden, den spaeteren O.T.O., zu rekrutieren. Der Name war um diese Zeit noch gar nicht klar. Einmal war von "Orientalischen Freimaurern" die Rede, dann wieder vom "Orden der Altem Templer-Freimaurer" (Ausdruecke, die auch fuer den AASR stehen konnten). Der Memphis-Ritus alleine nannte sich manchmal "Antient and Primitive Rite of Masonry", manchmal "Oriental Order of Memphis". Es kann gut sein, dass Reuss und Kellner schon 1895 ueber einen Namen fuer eine noch zu gruendende "Academia Masonica" diskutierten. Ich glaube, der Opportunist Reuss hat einfach ausprobiert, womit er am meisten Mitglieder koedern konnte. Als er dann den "Orientialischen Templer Orden" aus der Taufe hob (sicherlich nicht vor 1906, obwohl Reuss 1914 behauptete, schon 1905 vor seinem Haus in Berlin eine oeffentliche Tafel mit dem Begriff "Ordo Templi Orientis" gehabt zu haben), entstand erst recht ein Durcheinander. Wer war nun in welchen von Reuss' Orden? Wurde nicht der Memphis-Ritus schon "Orientalische Templer" genannt, die Plakette sich nur auf ihn als Orden beziehen konnte? Wie gehoerten sie alle zusammen? War man automatisch O.T.O.-Mitglied, wenn man MM-Mitglied war? Von 1906 bis 1913 (dem Tode Yarkers) waren das sicherlich noch getrennte Orden (falls der O.T.O. vor 1912 schon existierte), sonst haette nicht Aleister Crowley 1912 zum Oberhaupt des O.T.O. von England gemacht werden koennen, wo doch zeitgleich und ortsgleich allein John Yarker und niemand anderer dortiger Chef des MM war. Wenn er von "Unserem Orden" sprach, war nach wie vor nie klar, was Reuss damit meinte. Es ist aber sicher Unsinn, den O.T.O. als "Sammelorden" zu sehen, der Memphis-Misraim, Illuminaten-Orden, die regulaere Freimaurerei, die Gnostisch Katholische Kirche, die Rosenkreuzer, den Golden Dawn etc. etc., in sich aufgesaugt haette, und wer Mitglied im MM gewesen sei, sei so Mitglied in all den anderen Koerperschaften geworden oder umgekehrt. Die vielen Abspaltungen, Streitereien und Gerichtsprozesse beweisen ja eindeutig, dass es manchmal mehr O.T.O.- oder MM-Grueppchen gegeben hat, als Mitglieder. Der O.T.O. war einfach Reuss' juengstes Kind, das er als sein gelungenstes verkaufen wollte und es deshalb als allen anderen ueberlegen darstellte.

Frage: Was hat es mit den Geruechten ueber Reuss' unsittliches Verhalten auf sich, die im Januar 1906 aufkamen? Was sind die konkreten Hintergruende?

P.R.K.: Tantrische Yogauebungen, wahrscheinlich in leicht bekleidetem Zustand. Reuss sprach im Schema einer "Mystischen Anatomie" von der "W.O.M.B.", also dem Schoss, wo Prana gespeichert werde, das er schon 1893 zur Heilung propagierte. Je nach Art der zur Erreichung von Prana angewandten Verfahren unterschied schon Carl Kellner die traditionell verschiedene Arten von Yoga, und eine wichtige Rolle spielten dabei die Nervenzentren (Nadis) und 10 verschiedenen Arten von Atem (Vayus). Die altindischen physiologischen Bezeichnungen fuer die 10 Vayus sind: Prana (im Herzen), Apana (in der Gegend des Anus), Samana (in der Nabelgegend), Udana (in der Kehle), Vyana (im ganzen Koerper), Napa (im Genital), Kurma (oeffnet die Augenlider), Krikara (verursacht Niesen), Devadatta (verursacht Gaehnen), Dhananjay (durchdringt den aeusseren groben Koerper). Mit dem an sechster Stelle genannten Vayus Napa (im sog. "Reproduktionsorgan") beschaeftigte sich nun die Reuss'sche Sexual-Magie, wie er 1912 publizierte. Er nannte seine Praktik "die Transmutation der Reproduktions-Energie". Im Verlaufe der ziemlich umstaendlichen Uebung konzentrierte man seine Gedanken darauf, die Reproduktions-Energie aus den Genitalien zum Solar- Plexus hinaufzuziehen, wo sie "willentlich" zu "Transmutationszwecken" aufgespeichert werden sollte. Damit verband man ein genau geregeltes Atmen. Schliesslich sollte die "Grosse Vereinigung" eintreten, in der der Uebende zum Seher wuerde und — bei vollem Bewusstsein — das "Gesehene" erlebte.
Dies war fuer Reuss "weisse Sexual-Magie".
1906 wurde Reuss von einem Herrn angeklagt, gegen diesen eine homosexuelle "Attacke" gefuehrt zu haben. Daraufhin nahm ein Reuss-Mitglied die gewissen Hatha-Yoga-Lehren in Schutz, denen eine kuenstliche "unsittliche" Bedeutung zugetragen werde. Erst in der Oriflamme 1914 verteidigte sich Reuss oeffentlich, nachdem ein anderes Exmitglied, A.P. Eberhardt in seinem Buch "Winkellogen Deutschlands" [Leipzig 1914], auf diese Ereignisse in Muenchen 1903 zurueckgegriffen und darueber publiziert hatte. Dieser Eberhardt meinte auch, dass er in seiner jahrelangen Mitgliedschaft in den hoechsten MM-Raengen nie etwas vom O.T.O. gehoert haette, bis dass Reuss 1912 damit auftauchte, als er Crowley zum Oberhaupt von England machte. Nach dem Tode Reuss publizierte die "Wiener Freimaurerzeitung" 1926, dass Reuss 1906 nach Bekanntwerden obiger Vorfaelle aus der "Societas Rosicruciana in Anglia" entlassen worden sei und umschrieb die Vorkommnisse als "Betasten der gegenseitigen phalli." 1936 berichtete der voelkische "Judenkenner" erneut ueber diese Geruechte. Vermutlich spielte hier der "Eid bei den Genitalien" (1. Moses 24;9), den auch Casanova in seinen Memoiren als "Eid der Rosenkreuzer" erwaehnte, eine Rolle.

Die O.T.O.-Gruendung

Frage: Sie schreiben, dass die erste englische O.T.O.-Gruendung auf den 22.01.1906 und die erste deutsche O.T.O.-Gruendung auf den 21.06.1906 datiert ist. Auf welche Quellen beziehen Sie sich hierbei?

P.R.K.: Da muss ich mich unklar ausgedrueckt haben. Das sind keine Gruendungsdaten, sondern Daten der Konstitutionen. Exakte Gruendungsdaten konnten bislang nicht eruiert werden. Quellen fuer die von Ihnen genannten Zahlen sind die schriftlichen Angaben in den publizierten Konstitutionen, die dieses Datum tragen. Man koennte auch darueber diskutieren, was unter einer "Gruendung" zu verstehen ist. Vielleicht bestand der O.T.O. um 1906 lediglich im Briefkopf von Reuss? Gesichert ist zumindest, dass der Begriff "Order of Oriental Templars" im Briefkopf des Edikts zu finden ist, das Reuss 1907 an Rudolf Steiner geschickt hat. Ein Briefkopf, uebrigens, macht Steiner noch zu keinem O.T.O.-Mitglied.

Frage: Wieso wurden diese Konstitutionen erst 1912 bekannt, oder wurden die beiden 1912 rueckdatiert?

P.R.K.: Das kann wohl niemand genau beantworten. Vielleicht hat Reuss gewartet, bis dass auch Carl Kellners Freund Franz Hartmann, ein ruehriger Theosoph und Ariosoph, im Sommer 1912 gestorben war, bevor er den O.T.O. im Herbst desselben Jahres publik machen konnte. Ohne Hartmann gab es nun ja keinen Einspruch von leitenden MM-Mitgliedern im deutschsprachigen Raum mehr. Aehnlich war es mit den 1906-Konstitutionen (insofern sie nicht zurueckdatiert wurden). Reuss musste erst den Tod Kellners (1905) abwarten, bevor er seinen eigenen Orden, naemlich den O.T.O., "gruenden" konnte, obwohl moeglicherweise schon Kellner mit einem solchen Gedanken geliebaeugelt haben koennte, um wohlhabende Interessierte fuer seinen Hatha-Yoga-Kreis gewinnen zu koennen. Und im nachhinein publizierte dann Reuss, dass beide, Carl Kellner und Franz Hartmann, Gruendungsmitglieder des O.T.O. gewesen sein sollen, obwohl sich dafuer nicht der geringste Nachweis erbringen liess.

Frage: Wie sah eigentlich die Reuss'sche Ordensstruktur um 1905/06 aus?

P.R.K.: Carl Kellners "Inneres Dreieck" (wahrscheinlich ein unstrukturierter europaeischer Ableger der amerikanischen "Hermetic Brotherhood of Light") war sicherlich schon 1904 auseinandergefallen, als sich Franz Hartmann gleichzeitig von Reuss und den yogischen Aktivitaeten seines Freundes Kellner distanzierte, und sogar Reuss mit Kellners Hatha-Yoga nicht mehr einverstanden war. Dieser "Okkulte Kreis" war deutlich von all den anderen Orden um Reuss, Kellner und Hartmann getrennt, es konnten jedoch Doppelmitgliedschaften bestehen. "Okkulter Kreis" oder "Inneres Dreieck" waren Eigennamen und konnotierten allein rhetorisch ein Eingebundensein in etwas anderes. Mit dem Tod Kellners endete die Existenz dieses losen Privatzirkels.
Hartmann wollte schon 1904 mit Reuss nichts mehr zu tun haben, und Reuss konnte so nur noch den Stempel mit Hartmanns Unterschrift fuer die Ordensschreiben verwenden. Blieben also noch der Swedenborg Ritus, AASR, Memphis und Misraim, die Societas Rosicruciana in Anglia (SRiA), der Martinismus und eine Unmenge geheimnisvoller voellig unbekannter Ritterorden um Reuss. Man kann niemals einen definitiven Ordensschematismus festlegen, weil Reuss dauernd den Aufbau zu aendern schien. Deshalb muss man immer die zu einem bestimmten Zeitpunkt festgefrorenen Aufbausysteme festhalten. Im Oktober 1905 sah es folgendermassen aus: Kellners "Inneres Dreieck" existierte nicht mehr. In Deutschland leitete Reuss als "Souveraenes Sanktuarium" den Orden der Alten Templer-Freimaurer vom Schottischen Ritus (33 Grade), und den Memphis- (95 Grade) und Misraim Ritus (97 Grade). AASR und MM waren aber autonom und seit August 1905 ausdruecklich voneinander unabhaengig. Im Januar 1906 "re-konstituierte" dann Reuss den O.T.O. zumindest auf dem Papier angeblich aus einer sogenannten "Hermetic Brotherhood of Light" (und weder aus AASR noch aus dem MM).
Offensichtlich meinte Reuss mit dieser HBL jedoch etwas anderes als Kellner, der sich auf die amerikanische Organisation berief. Wie aus verschiedenen Texten hervorgeht, ist das bei Reuss eine Anspielung auf die "Asiatischen Brueder des Lichtes" und sicherlich nicht auf den MM-Ritus. Ich bezweifle, dass um diese Zeit der O.T.O. aus mehr als einem Mitglied, naemlich Reuss selber, bestanden hat. Am 24.7.1907 trennte Reuss dann auch noch Memphis von Misraim, die also ganz eindeutig verschiedene Koerperschaften wurden. Erst 1908 konstituierte Reuss wieder einen Souveraenen Grossrat des MM fuer Deutschland, da er in Paris auf rege Interessenten traf, die frisches Blut in seine Ordenskollektionen versprachen. Reuss' andere "Ordensaktivitaeten" z.B. im Martinismus, der SRiA, dem Illuminaten-Orden etc. schienen ihn vorlaeufig weniger zu interessieren. In der Oriflamme blieben bis 1912 allein der MM, der Swedenborg Ritus und der AASR erwaehnt, niemals der O.T.O. Seine O.T.O.-Rituale, soweit sie vor 1912 stammen moegen, waren ein wirres Durcheinander aus den Ritualtexten des AASR, des Cerneau-Ritus, des Royal Arch, der Rosenkreuzer, von Albert Pike und Laffon de Ladebat und natuerlich den verschiedensten Memphis und Misraim Variationen. Reuss hielt unbeholfen, aber ausnahmsweise eindeutig fest, "The mere possession of these various Masonic degrees does not constitute a Member as an: O.T.O." Umgekehrt dachte er wohl anders. Im Klartext: In den Augen von Reuss konnte Mitgliedschaft im O.T.O. zwar automatisch Mitgliedschaft im AASR, MM, etc. bedeuten, aber niemals bedeutete Mitgliedschaft im MM oder AASR automatisch Mitgliedschaft im O.T.O. Nach dem Tode Hartmanns war der O.T.O. 1912 folgendermassen strukturiert. Die ersten drei Grade entsprachen der regulaeren Freimaurerei, der AASR mutierte zum IV*; im V* wurden nun Hartmanns obskure "Esoterische Rosenkreuzer" mit dem 11.- und 18.-Grad Ritual des AASR verquickt; Titel und Katechismus des VII* waren dem 4. Grad der Fratres Lucis (der Ritter vom Wahren Licht/Order of the Asiatic Brethren, worunter Reuss' und Crowleys "Hermetic Brotherhood of Light" zu verstehen ist) entnommen, der VII* schien jedoch ein reiner Beamtengrad zu sein; mit dem VIII* begann erst die eigentliche O.T.O.-Mitgliedschaft; der IX* bezog sich auf den frueheren Reuss'schen Illuminaten-Orden und der X* war Reuss selber. Sexualmagie wurde erst mit dem IX* Teil der praktischen Anleitungen. Erst 1914, ein Jahr nach dem Tode Yarkers, dem weltweiten Chef des MM in England, wurden durch Crowley einige AASR- und Memphis- Misraim-Grade mit den O.T.O.-Graden gleichgesetzt. Nehmen wir Steiners Grade: Sein 30*, 67* und 89* passen nirgends in den O.T.O./AASR/MM-Schematismus hinein, sondern waeren irgendwo zwischen dem VI* und VII* O.T.O. anzusiedeln. Der 30* nennt sich "Ritter Kadosch", der 67* heisst "Ritter der Wohltaetigkeit", der 89* "Auserwaehlter der Mystischen Stadt". Erst der 33*, 90* und 96* waeren als X* O.T.O. anzusehen. Abgesehen davon, sind der 33* AASR, die Grade 90 (Memphis), 95 (Misraim) und X (O.T.O.) reine Verwaltungs- oder Beamtengrade. Aber wie gesagt, das waeren Zuweisungen im Nachhinein. Steiner leitete auch niemals einen Memphis-Misraim-Zweig, sondern benutzte allein den Begriff "Misraim-Dienst", der aus einem Misraim-Ritual stammt. "Mystica aeterna" war eine neue Bezeichnung fuer "Misraim-Dienst" und sicherlich weder Ableger des Memphis-Misraim noch des O.T.O. Erst ab 1917 verstand sich der O.T.O. als eine Art Sammelorden, der die Autoritaet besaesse, Grade in anderen Orden zu erteilen.
Viele O.T.O.-Mitglieder meinen noch heute, sie seien automatisch regulaere Freimaurer, seit Reuss diese in den O.T.O. "eingebaut" hat. 1917 aenderte Reuss die O.T.O.-Struktur nochmals, verteilte die 33 Grade des AASR auf die ersten 6 Grade des O.T.O.; der VII* wurde identisch mit dem Meistergrad der Johannisfreimaurerei; wiederum begann die eigentliche O.T.O.-Mitgliedschaft ausdruecklich erst mit dem VIII*, nun "Esoterischer Rosenkreuzer" genannt. Erneut lehrte erst der IX* Sexualmagie. Synopsis of Degrees.


Theodor Reuss an Aleister Crowley, 1917



Rudolf Steiner

Frage: Wusste Rudolf Steiner eventuell von all dem?

P.R.K.: Obwohl Steiner 1904 ein Kellnersches und Reuss'sches Manifest "Unseres Ordens" von 1903 zitiert, kann er dabei weder von "Sexualmagie" noch einem "O.T.O." gewusst haben.
Dieses Manifest distanziert sich von "Geisterbeschwoerungen" und "spiritistischen Praktiken" — etwas, das Steiner sicherlich zugesagt hat. Weder taucht der Begriff "Sexualmagie" noch "O.T.O." auf. 1903 hat Kellner ja noch gelebt. Seine Praktik ist nicht Magie, sondern Hatha-Yoga, also eine Art Mystik. Erst in der Juni-Ausgabe der Oriflamme 1906 wird Reuss deutlicher und spricht vom goettlichen Zeugungsakt. Im August 1906 distanziert sich dann Steiner im beruehmtem Brief an Sellin von Reuss. Der Begriff "Sexual-Magie" taucht erstmalig in der Dezember-Ausgabe der Oriflamme 1906 und dann erst wieder 1912 auf, als der O.T.O. Reuss' neustes Aushaengeschild wird.

Frage: Am 27.03.1906 wurde Steiner in einem Brief von Reuss mit dem 33. und 95. Grad angesprochen. Hatte Rudolf Steiner diese MM- Grade durch seine Mitgliedschaft am 24.11.1905 erworben, oder hat ihn Reuss in seinem Brief einfach nur dazu erhoben?

P.R.K.: Womoeglich letzteres.

Frage: Im Brief an Sellin beschreibt Steiner seine absolute Missachtung und Ignoranz von Reuss und seinen Aktivitaeten. Gibt es irgendeinen Beleg oder Hinweis darauf, dass Steiner — ausser im Zusammenhang mit der MM-Mitgliedschaft — persoenlichen Kontakt zu Reuss hatte?

P.R.K.: Nein.

Frage: Warum hat Steiner sich nicht gegen diese Ueberfrachtung und Eingemeindung durch Reuss schriftlich gewehrt?

P.R.K.: Ich nehme an, es gehoerte zu Steiners Absicht, Reuss komplett zu ignorieren.

Frage: Inwieweit ist Alice Sprengels Gedaechtnisnotiz glaubwuerdig, dass Steiner sein MM-Eintrittsgeloebnis zerrissen haben soll, weil es ihn zum O.T.O.-Mitglied gemacht haette?

P.R.K.: Das ergibt sich aus dem Zusammenhang. Alice Sprengel erwartete, dass Rudolf Steiner sie heiraten wuerde. Als er das nicht tat, lief sie 1915 enttaeuscht zu Reuss' O.T.O. ueber. Ihr Verhaeltnis zu Steiner laesst sich aus ihren Briefen an ihn ablesen. Die sind in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe 253 zu finden.

Frage: Was hat Frau Sprengel im O.T.O. gemacht?

P.R.K.: Das kann man detailliert in meinem "Das O.T.O.-Phaenomen" nachlesen. Sie erhielt von Reuss eine Autorisation zur Gruendung von O.T.O.-Logen und gehoerte 1921 dem "executive council of 3" des O.T.O. an. Die beiden anderen Fuehrungsmitglieder ihrer Loge waren ebenfalls Frauen; sicherlich eine Sensation fuer die damalige Zeit. Nach dem Tode Reuss' 1923 wollten alle O.T.O.- Mitglieder weltweit sein Nachfolger werden. Aber erstens war nicht klar, von welchen Orden man ueberhaupt sprach, noch war die Identitaet desjenigen klar, der von Reuss selber als Nachfolger eingesetzt worden war. Bis heute gibt es unzaehlige Anwaerter, aber von keinem ist ein definitives Papier entdeckt worden, auf dem ihn Reuss eindeutig zu seinen Nachfolger im O.T.O. bestimmt haette. Dafuer wurde nun heftig intrigiert; auch in den verschiedenen Schweizer O.T.O.-Logen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg fungierte Frau Sprengels Tessiner O.T.O.-Loge in der Schweiz als eine Art Exil-Loge fuer viele vertriebene auslaendische Okkultisten, so auch fuer den Gruender der beruehmten Fraternitas Saturni, Eugen Grosche. Es ist gut vorstellbar, dass zwei Jahrzehnte nach ihrer Enttaeuschung mit Steiner, an einem lauschigen Sommerabend im Tessin die Pferde mit Frau Sprengel durchgingen, und sie sich im Kreise ihrer Lieben an das sogenannte O.T.O.-Geloebnis Steiners "erinnerte".
Dieses angebliche Geloebnis verfasste Alice Sprengel tatsaechlich Jahrzehnte NACH dem angeblichen Verfassungsdatum aus dem Gedaechtnis. Als mittlerweile langjaehriges O.T.O.-Mitglied ersetzte sie wahrscheinlich die Geloebnisformel, die im Original moeglicherweise aehnlich war, wie die im Vertrag vom 3. Januar 1906, durch das ihr nun gelaeufige "Alte und Primit. Ritus von M. u. M. O.T.O." desjenigen Ordens, in dessen obersten Raengen sie ja selbst seit ihrem Austritt aus der "Mystic aeterna" sass. Die Abkuerzungen zeigen, dass sie vielleicht sogar ein tatsaechliches O.T.O.-Dokument vor sich hatte, von dem sie aber in Eile abschrieb, als sie es auf Steiner zurueckmuenzte. Solche Abkuerzungen kommen naemlich weder im Briefkopf, noch auf Chartas oder Geloebnissen vor: da wird immer ausgeschrieben. Selbst von Alice Sprengels Rekonstruktion des angeblichen O.T.O.- Geloebnisses im nachhinein gibt es kein "Original", sondern nur eine weitere Abschrift, die ueber eine Frau Gundula Bader (ebenfalls involviert in die Intrigen um die Schweizer O.T.O.- Logen) an einen Emil Bock gelangte. Dieses Papier kam dann 1966 ueber einen Erich Gabert ins Archiv des Goetheanum und wurde von Steiners Nachlassverwaltern in der Gesamtausgabe 265 auf Seite 100 nachgedruckt — es also beileibe nichts Geheimnisumwittertes ist.

Frage: Was hat es mit der Reussschen Buchanzeige ueber "Das Sexuelle in der Theosophie und Anthroposophie" von 1917 auf sich?

P.R.K.: Keine Ahnung.

Frage: Gab es je einen persoenlichen oder schriftlichen Kontakt zwischen Aleister Crowley und Rudolf Steiner?

P.R.K.: Davon weiss ich nichts. Crowley hat 1944 Steiner ein Gedicht gewidmet und sich 1919 auch einmal in einem Privatbrief ueber den Unsinn geaeussert, den Steiner, der "in relation with the O.T.O." sei, "rauslasse". Aber das scheinen allein Crowleys Phantasien zu sein. Selbst heute behaupten viele O.T.O.- Oberhaeupter noch, Steiner sei einer der ihren gewesen. Crowleys O.T.O.-Manifesto von 1912 listet ja auch Hermes, Dante, Ulrich von Hutten, Paracelsus, Goethe, Ludwig II., Richard Wagner, Nietzsche und v.a. als verflossene O.T.O.-Grossmeister auf. Dann muss es ja stimmen. Immerhin zeigt Crowleys Bemerkung, dass er nicht viel von Steiner hielt. Da kann man indirekt annehmen, dass es umgekehrt genauso gewesen waere.

Crowley und der O.T.O.

Selbstverstaendlich unterschieden sich die Praktiken von Carl Kellner, Theodor Reuss und Aleister Crowley voneinander -- genauso wie seit dem Revival in den 1970er Jahren neue O.T.O.- Gruppen mit neuen Lehren und Praktiken entstanden sind. Bis ca. 1905 galten im privaten Kreis um Kellner sicherlich dessen voellig harmlosen Yoga-Ansichten um Meditationen zur Kontaktaufnahme mit frueheren Inkarnationen. Kellners Symbolik war theosophisch-indisch-chaldaeisch. Nach seinem Tod verwendete Reuss aegyptisch-indische Symbole und sexualisierte die Lehren in seinem neugeschaffenen O.T.O.; Crowley personifizierte sie. Sowohl unter Reuss wie auch unter Crowley wollte der O.T.O. letztendlich sogar die ganze Gesellschaft reformieren. Natuerlich im Hinblick auf die Sexualerziehung, die den sogenannten "Priester-Aerzten" obliegen sollte. So schrieb Reuss 1914: "Ist der Juengling [...] reif, dann wird er im Tempel, unter Leitung und Weisung der "Matrona" (Ober-Priesterin) in ritueller Weise und in der Form einer "sakramentalen Handlung" den ersten Coitus vollziehen. Ebenso wird die Jungfrau im Tempel von der Matrona in die Mysterien des Geschlechtsakts eingefuehrt. Solange Jungfrau und Juengling ausserhalb des gesetzlich vorgeschriebenen Ehestandes leben, sind sie gebunden, alle Befriedigung des Triebes im Tempel zu suchen." Privateigentum sollte abgeschafft, dafuer Zwangsarbeit und genetische Auslese eingefuehrt werden, denn Kinder sollten nur von koerperlich perfekten Eltern gezeugt werden. Die O.T.O.-Religion wollte Staatsreligion sein. Crowley betrachtete 1919 ausserdem jeden, der nicht seine Religion teilte, als Hoehlenmenschen.

Frage: Was aenderte sich im O.T.O. durch Crowley ab 1912?

P.R.K.: Crowley, immer in Geldnoeten, benutzte seinen Zweig als Einkommensquelle (Mitgliederbeitraege) und spaeter als Anhaengsel, um seine Buecher publizieren zu koennen, die kein Verlag veroeffentlichen wollte. Ausserdem fand er im O.T.O. einen Orden, der seine sexualmagische Religion "Thelema" transportieren konnte. Er schrieb 1914 die Rituale fuer seinen englischen Zweig um, indem er sie mit thelemitischen Worthuelsen ausstopfte.
Diese Rituale wurden aber nie von Reuss selbst oder anderen O.T.O.-Logen verwendet. Soweit ich mich erinnere, hat auch Crowley seine eigenen O.T.O.-Rituale nie zelebriert. Der Kandidat musste sie am Vorabend der Einweihung auswendig lernen und flugs geschah ueber Nacht im Traum, d.h. astral, die Initiation. Man wurde also im Schlaf O.T.O.-Mitglied. Crowley verwandelte seinen kleinen Zweig in das, was man heutzutage im nachhinein eine "indoktrinaere Gruppe" nennen koennte. Spitz formuliert: ein Oberguru, der tyrannisch ueber eine Gruppe fanatischer Anhaenger regiert, die ihm sexuell und finanziell hoerig sind und der sich selbst als Prophet, Antichrist und Weltheiland feiern laesst. Kein Wunder, dass ihn Reuss 1921 aus dem O.T.O. verstossen hat. Resultat: Crowley diagnostizierte aus der Ferne einen Schlaganfall bei Reuss und rief sich zu dessem Nachfolger aus. Bis heute ist Reuss' angeblicher Schlaganfall die offizielle O.T.O.-Version in fast allen O.T.O.-Gruppen geblieben, obwohl es dafuer nicht den geringsten historischen Nachweis gibt, im Gegenteil. Nach seinem Rausschmiss umschrieb Crowley Reuss nun auch als aggressiven Aufschneider, der ihn letztendlich langweilte.
Man koennte Crowleys O.T.O. theoretisch als faschistoide Koerperschaft ansehen. Dazu zaehlt vor allem das Verstaendnis von der Rolle als einer revolutionaeren Bewegung, als hierarchisch gegliederte Kampfgemeinschaft (so wie Thelema in Crowleys "Buch des Gesetzes" angetoent ist) und als "Elite".
Das Selbstverstaendnis als ein auf einen Fuehrer ausgerichteter Bund zeigt sich durchweg in der Betonung von Symbolen und Ritualen, im Personenkult und in einer gemeinhin romantisch-irrationalen Selbstdarstellung. Das Totalitaere findet sich theoretisch auch in der gewuenschten Transzendierung von Crowleys Thelemas. Trotz alledem fehlt es in den modernen O.T.O.-Gruppen aber an ausreichender Solidaritaet unter den Mitgliedern und so koennen diese verstreuten Grueppchen und Logen heutzutage auf keinen Fall als autoritaer bezeichnet werden, so wie es "der O.T.O." zu Lebzeiten Crowleys (gest. 1947) noch gewesen ist. Der Grund ist einfach: In unserer zerkluefteten Informationslandschaft ist totalitaere Manipulation kaum mehr denkbar, selbst wenn sie noch so aesthetisch von Leni Riefenstahl gestaltet waere.






    Das Templer Reich — Die Sklaven sollen dienen. Aleister Crowley —
    Ordo Templi Orientis — Fraternitas Saturni — Theodor Reuss —
    Hanns Heinz Ewers — Lanz von Liebenfels — Karl Germer, Arnoldo
    Krumm-Heller — Martha Kuentzel — Friedrich Lekve — Hermann
    Joseph Metzger — Christian Bouchet — Paolo Fogagnolo — James Wasserman.



Gnosis?

Frage: Koennen Sie die biographischen Hintergruende zu Reuss' und Crowleys Systemen naeher beleuchten?

P.R.K.: Reuss' Gnostizismus lehnt sich einem eher libertinistischen Manichaeismus und den Ophiten an, vermischt mit Tantrismus. Crowleys Thelema higegen kann schwerlich als Tantrismus aufgefasst werden. Tantrismus erfordert ein sich gehen lassen koennen, waehrend bei Thelema alles unter Kontrolle des Willens stattfindet. Im Manichaeismus ist die Materie boese, also ein Ort der Verwesung. Obwohl sich der Manichaeismus in seinen Schriften ausdruecklich asketisch aeussert (kein Fleisch, keine Ehe, kein Geschlechtsverkehr), gibt es auch anderweitige Berichte. Es gehoert zum festen Bestandteil des Manichaeismus, dass sich "Engel" mit den Archonten geschlechtlich vereinigen und so deren "schlechte" Fesseln loesen. Durch die Vermaehlung des Guten mit dem Schlechten werden die Seelen reingewaschen, und was uebrig bleibt "allen Arten auf der Erde beigemischt".
Archonten sind die Maechte, die das zwiebelschalen-artig aufgeteilte Universum bewohnen und die Menschen versklaven. Der Singular Archon ist der Demiurg, der Weltengestalter/Schoepfer.
Die Babylonier, die Mayas, Homer, Aristoteles, Ptolemaios, Platon u.v.a., jeder Philosoph und jede philosophische Schule vertraten ein eigenes Modell, bis Nikolaus Kopernikus 1543 mit "De revolutionibus orbium caelestium" die moderne Astronomie einlaeutete. Dies verlagerte das gnostische Universum nach Innen: deren Protagonisten manchmal sogar auf Ausserirdische. Die Schlange der Ophiten, die sich selbst in den Schwanz beisst, findet sich auch auf dem Umschlag von Reuss' "Aufbauprogramm und Leitsaetze der Gnostischen Neo-Christen O.T.O." von 1920. Die Schlange symbolisiert die geschlechtliche Vereinigung von Mensch mit Gott: sexualmagisch ist sie das Spermatozoon. Nicht alle Gnostiker sind Sperma-Gnostiker. Von diesen ist aber im O.T.O.- Kontext zu reden. Allen Sexualmagiern/Gnostikern (ob asketisch oder libertinistisch) ist naemlich gemeinsam, im Sperma das Zentrum menschlich-goettlichen Schicksals zu sehen. Bei den Sexualmagiern ist das Sperma(tozoon) Abbild der Sonne/des Universums. So auch Crowley: "Die Eichel des Penis entspricht der Form des menschlichen Gehirns."
1906 erscheint in Belgien die libertinistisch ausgelegte "L'Eucharistie" des Clement de Saint-Marcq, in der der Eklektiker Theodor Reuss das groesste Geheimnis des O.T.O. publiziert sieht: die von Jesus Christus gelehrte Einswerdung des Menschen mit Gott durch Assimilation, d.h. Verzehr von Sperma. Konsumation des Sperma zu magischen Zwecken ist definitiv als VIII*-Lehre in Crowleys O.T.O. verankert. Die Bedeutung des Sperma als Logos- Traeger findet sich theoretisch jedoch erst im IX* — hier werden u.U. noch Vaginalsekrete dazugemischt. Durch Crowley wird der IX* jedoch zu einem rein magischen Grad degradiert, in dem die Sexualsekrete zur Beschwoerung von Hilfsgeistern und Daemonen auf Talismane oder Kristallkugeln geschmiert werden. Theodor Reuss und Aleister Crowley haben einen gut geduengten gnostischen Naehrboden libertinistisch uebernommen, obgleich beide ihre Quellen nicht so ausfuehrlich angeben. Es faellt sogar auf, dass Reuss die vielfaeltige Literatur der franzoesischen asketischen Gnostiker seiner Zeit ueberhaupt nicht erwaehnt. Im 1917-Gemeinschaftswerk von Reuss und Crowley, der Gnostisch Katholischen Messe des O.T.O., finden wir den "Gnostizismus" des O.T.O. illustriert. Nur halbwegs die Pflichten der "Manichaeischen Auserwaehlten" uebernehmend (naemlich durch Konsumation das Goettliche Licht wieder einzusammeln, das der Logos spermatikos spurenweise im Menschen hinterliess, als er wieder ins Pleroma zurueckkehrte), vernachlaessigen die beiden den asketischen Aspekt des Manichaeismus (keine koerperlichen Aktivitaeten, Fleischverzicht, etc., die das Goettliche Licht im Menschen wieder zerstreuen wuerden) und konzentrieren sich auf die Herstellung des Goettlichen Licht-Koerpers, der durch Konsumation die Rueckkehr in den Heiligen Bereich des Himmels, das Pleroma, ermoeglichen soll. Dieser Licht-Koerper ist die aus Sperma, Vaginalsekreten und Menstruationsblut bestehende Hostie. So wird aus der Gnostisch Katholischen Messe a la O.T.O. und dem IX* O.T.O. eine Parodie der christlichen Eucharistie, was vor allem die Konsumation der Hostie (die auch als "Universalmedizin" eingesetzt wird) betrifft.
Crowley benuetzt fuer "Privatzwecke" auch eine ganz besondere Mischung fuer seine Hostie. Zwischen 1920-23 froent er den Drogen Kokain, Aether und Heroin, der Koprophagie und sadomasochistischen Phantasien, in denen er als Sklave fungiert. "In my Mass the Host is of excrement [seiner Geliebten, die "Scharlachrote Huren" genannt werden] that I can consume in awe and adoration; while I make my Holy Guardian Angel the latrine of my imagination" (Tagebucheintraege vom 5. Juli und 13. August 1920). Im Sadomasochismus kommen alle Formen religioeser Froemmigkeit zum Ausdruck (knien, beten, verehren, opfern, anrufen, bestrafen) und werden in ihren Idealrollen ausgelebt: die perfekte Superiorin zu entdecken und den perfekten Sklaven (Crowley). Das ewige Schuldgefuehl uebertraegt sich auf sein Umfeld und verschmutzt dieses: wer Crowley liebt oder zu ihm zaertlich wird, muss von ihm vernichtet werden, denn er kann nur das Unerreichbare lieben: seine unpersoenliche Scharlachrote Hure (was ja ein Amt, also eine ritualisierte Stereotype, ist), die auf ihm, dem selbsternannten Tier, reitet (so auch seine Tarot- Karte). Die Selbstverleugnung aeussert sich im Schutz des Prinzips Thelema, die Abstumpfung des Koerpers im Drogengenuss und yogischen Koerperuebungen. Die lustbetonte Minderwertigkeit sucht sich im Widerstand gegen alle Vernunft. Auf diese Weise wird Crowley gezwungen, die Grenzen seines persoenlichen Gottes, der Logik, zu erkennen und die Selbstzerstoerung soweit zu treiben, dass die Moeglichkeit rationalen Denkens zerstoert wird. Crowley drueckt seine Schuldgefuehle durch Koprophagie aus: Indem er ueber andere (seine Anhaenger und die Nicht-Thelemiten) Gericht haelt und sie bestraft, macht er sich einerseits zu seiner eigenen Obrigkeit, sucht jedoch anderseits selber nach Schutz. Zusammen mit seinem religioesen Verlangen, vor einem hoeheren Wesen (seinem Schutzengel) die Kontrolle zu verlieren, als Botschafter einer hoeheren Macht zu fungieren (also selber brauchbares Manipulationsmaterial zu werden), sucht er mit offenen Armen nach der toedlichen Wunde der Selbstausloeschung mithilfe der Selbsterniedrigung durch vollstaendige Identifikation mit dem Niedrigen. Der Kot der Scharlachroten Hure reinigt den Sklaven und ausserdem ergattert er eine "goettliche" Reliquie, die ihm Energie zufuehrt.
In Crowleys Fall scheitert der Sadomasochismus an der Unfaehigkeit der ausgewaehlten Scharlachroten Huren, korrekte Sadistinnen zu sein: er hat sich potentielle Saeuferinnen ausgewaehlt, deren schwache Ich-Barriere in Trance von aussermenschlichen Wesenheiten waehrend magischen Ritualen durchbrochen werden muss. Crowley wendet sich nun gegen sie, greift sie an, wirft sie als Gebrauchsgegenstand weg. Auf seine Erniedrigung folgt keine befriedigende Verherrlichung. Sein Schutzengel zieht sich aus ihm zurueck, wird im Laufe der Zeit ein externes Wesen und letztendlich verschwindet er ganz. Crowley stirbt vereinsamt 1947.

Coprophagy vs Poetry?

Result of an interesting discussion on http://groups.yahoo.com/group/thelema93-l in 2005 Diary entry of 26 July 1920. Crowley boasts to his Swiss Scarlet Whore Leah Hirsig while on cocaine that he is such a powerful priest and magician that he could transform excrements into his Eucharist Host. She calls his bluff (which, later in the entry he admits it was -- "I'm a Coward, and Liar. Leah-Alostrael — my Scarlet Woman — knew it.") So she tells him to go ahead and prove it by eating her shit. He finds himself unable to do so. She taunts him saying that he is no priest if he can't live up to his boast. So he complies. He complains "my mouth burned; my throat choked; my belly retched; my blood fled whither who knows, and my skin sweated.... My teeth grew rotten, my tongue ulcered; raw was my throat, spasm-torn my belly ..." Read his 'Leah Sublime':

           "Sprawl on me! Sit
           On my mouth, Leah, shit!
           Shit on me, slut
           Creamy the curds
           That drip from your gut!
           Greasy the turds!
           Dribble your dung
           On the tip of my tongue!"

This small extract does not give the full extent of Crowley's enjoyment with Coprophagy. Crowley also notes that Leah Hirsig enjoyed this kink as well ("worn whore that has chewed your own pile of manure" and "splutter out shit [...] turn to me, chew it with me, Leah"). There is also a urine fetish and a fetish with getting venereal diseases — that is, Crowley expresses a kink for disease, even including what seems to he Hirsig's bad oral hygiene or gingivitis, stating that her breath stinks and that he wants her to spit on him.
(Notes on obscure medical terms: "Gleet" is another name for gonorrhea. "Pox" — here short for "the French pox" — does not refer to viral pox diseases like smallpox or chicken pox, but is an old euphemism for any sexually transmitted disease. "Cheeses" refers to venereal yeast infection or to Trichomonas infection, or both. "The itch" — also called "Cupid's Itch" in times past -- may refer variously to a venereal yeast infection, Trichomonas infection, ringworm of the pubes, or any more serious sexually transmitted disease.) The complete poem "Leah Sublime" is online at Ra-Hoor-Khuit Network's Magickal Library http://www.rahoorkhuit.net/library/crowley/sublime.html As I stated above: Crowley between 1920 and 1923 indulged in cocaine, ether and heroin, in coprophagy and sadomasochistic _DAYDRAMS_.
I didn't say it was a regular practice.

Zusammenfassung

Falls ueberhaupt je ein gnostisches Uebergebaeude dem O.T.O. unter Reuss Halt gegeben hat, wird mit Crowley die Religiositaet endgueltig durch Magie und sog. "Selbstvergottung" verdraengt. Obwohl man in Crowleys O.T.O. immer noch vom "Sanktuarium der Gnosis" spricht (womit die sexualmagischen Grade gemeint sind), ist von Gnosis nicht mehr viel vorhanden. Die Bedeutung des Sperma als Logos findet keine Verwendung mehr bei Crowley, der es praktisch-magisch mehrheitlich fuer seine "weltlichen" Interessen einsetzt.
Der Gott gewordene Mensch a la Crowley will letztendlich irdischen Wesen durch die Kraft seiner Goettlichkeit befehligen. Bis die endgueltige Gottwerdung jedoch verwirklicht ist, moechte er sich durch rituelle Identifikation mit dem Goettlichen lediglich stimulieren. Letzeres ist auch bei Reuss' O.T.O. Mittelpunkt und Ziel des Ganzen. Reuss' "unter Kontrolle des Willens in Gott vollzogener Liebesakt," "eine sakramentale Handlung, eine "mystische Hochzeit mit Gott", ein Kommunizieren, ein Sich-Vereinen mit Gott, muendet bei Crowley jedoch in ein zum "selber Gott werden." Als Magier loest sich Crowley so nicht im Licht auf, sondern durchlebt einen Werdeprozess im Irdischen. Er verpasst es, sich als Gnostiker im fliessenden Licht des Goettlichen aufzuloesen. Nach erfolgter Angabe seiner Literaturliste in "Parsifal und das enthuellte Grals-Geheimnis" von 1914 hat Reuss persoenlich nichts mehr zu sagen. Der Lauf seiner Sexual-Reform biegt sich jetzt von an selbstaendig in den O.T.O. Im Vergleich zu Reuss wirkt Crowley aber irgendwie pruede. Seine "Geheimnisse" scheinen sich eher zu erkaelten. Sie werden dick wattiert und geschuetzt durch einen Wust aus kuenstlerischen Posen in maennlicher Stimmung, Magie auf Hinterbuehnen und in Dampfbaedern, Kabbala, Yoga, Tarot und I- Ging. Im Vordergrund: Crowley selbst, der jede Gelegenheit beim Schopf packt, schon lange existierende Ideen und Organisationen als seine eigenen auszugeben. Crowleys Biographie entpuppt sich zudem als riesige Achillesferse des O.T.O. Crowleys Universum besteht aus theoretischen Ritualisierungen von Selbstaufloesungskonzepten, Strategien der Entkoppelung von Persoenlichkeit, Identitaet und Handeln, die jedoch in der Person Crowleys und seiner Anhaenger zu narzisstischen Selbst- Stilisierungen und Selbstdressurexperimenten degenerieren.

Der neue O.T.O. in Amerika

Frage: Die Boulevard-Presse waermt im Zusammenhang mit Charles Manson immer wieder gern dessen Kontakte zur "Solar Lodge of the OTO" von Jean Brayton auf. Diese wird vom "Caliphat" als "irregulaere Loge" dargestellt. Dem stellen Sie im "OTO- Phaenomen" die Behauptung "They were an O.T.O. Lodge" von Phyllis Seckler gegenueber. Stimmen Sie dem zu?

P.R.K.: Ja. Ueberspitzt formuliert, koennte man sogar sagen, dass ohne Charles Manson das "Caliphat" gar nicht existieren wuerde. Zum Unterstreichung dessen muss ich fuer den Leser vielleicht etwas zu ausfuehrlich werden.
Zu Crowleys Lebzeiten gab es nur eine OTO-Loge in Amerika: die Agape Loge in Kalifornien. Grady Louis McMurtry erhielt von Crowley eine Sonderanweisung: Im Notfalle sich dieser Loge anzunehmen, falls Karl Germer, Crowleys Stellvertreter und Nachfolger im OTO, damit einverstanden waere. Germer hielt aber nie viel von McMurtry (er nannte ihn ein "Minus" und betrachtete die US als "spiritual desert"), deckte die Agape Loge am 7. September 1953 und bevorzugte vor seinem Tode 1962 eher den Schweizer H.J. Metzger als seinen Nachfolger. Zu dieser Zeit war McMurtry schon lange komplett desinteressiert am Fortbestand des OTO in den USA. Ein ex-Mitglied dieser 1953 aufgeloesten Loge, Mildred Burlingame, initiierte Jean Brayton in den 1960ern mit Crowleys OTO-Ritualen. Man koennte also irgendwie annehmen, dass Braytons daraus entstandene Gruppe so etwas wie ein mutterloser Satellit dieser ehemaligen Loge geworden ist. Weder Burlingame noch der spaeter wieder auftauchende McMurtry besassen die explizite schriftliche Bewilligung, Leute einzuweihen oder eine Loge zu eroeffnen. Und ohne solche Bewilligung darf laut Statuten und beeideten OTO-Ritualen KEINE Loge eroeffnet werden, geschweige denn ein OTO (neu)gegruendet werden. Als nun Charles Manson im Zusammenhang mit Braytons "Solar Lodge of the OTO" ins Gerede kam, denunzierte der so auf den Plan gerufene McMurtry die ganze Brayton-Angelegenheit (die selber einen handfesten Skandal in Sachen Kindsmisshandlungen produzierte) quasi als Selbstschutz beim FBI und gegenueber dem Journalisten Ed Sanders (der daraufhin "The Family" schrieb, und als Gegenleistung McMurtry nicht erwaehnte) und begann, zusammen mit seiner spaeteren Frau, Phyllis Seckler als "The Continuum" genannte Gruppe Crowley- Material zu publizieren. Aus diesem "Continuum" ist 1977 das "Caliphat" entstanden, um in der Version einer Religion in den US den taxfree-status zu geniessen und um als juristische Organisation angebliche Copyrights wahrnehmen zu koennen. Pikante Nebensache: Crowleys Testament erwaehnt ueberhaupt keinen McMurtry.
Braytons "Solar Lodge of the O.T.O." bestand also Jahre VOR dem "Caliphat". Nun dachte McMurtry (oder besser gesagt, Bill Heidrick, der Mann, der McMurtry als Marionette benutzte, um dessen "magischen" links zu Crowley, "dem" OTO und der Historie zu verwenden), er koennte als selbsternanntes Oberhaupt der 1977 neugegruendeten Agape-Loge diese gleich als weltweite Grossloge des OTO ausrufen und wie per Knopfdruck nach Lust und Laune "alte" Rechte anderer ex-Mitglieder re- oder deaktivieren. So anerkannte er Burlingames Einweihung von Brayton in "den" OTO nicht. Was angesichts der Sachlage sehr lustig ist, denn die angeblichen "iniatic powers" der anderen ex-Mitglieder der 1953 aufgeloesten alten Agape Loge anerkannte er vollumfaenglich (Phyllis Seckler, H.P. Smith, etc), da diese sein "Amt" als neuen OTO-leader zum geeigneten Zeitpunkt unterstuetzten; Burlingames "power" wurden einfach ignoriert. Und genauso wurden die weltweit anderen OTO-Mitglieder, wie Kenneth Grant, Marcelo Ramos Motta oder H.J. Metzger ebenfalls ignoriert oder als "ausgestossen" bezeichnet. Entsprechende Propaganda des "Caliphats" tat dann ein uebriges, um diese Maer aufrechtzuerhalten. Um nochmals auf die "Solar Lodge" zurueckzukommen: Entweder sind die beiden OTO-Gruppen "Caliphat" und "Solar Lodge" richtige OTO-Abkoemmlinge, d.h. mutterlose Satelliten der 1953 aufgeloesten Agape Loge, oder sie sind es beide nicht. Diesem Dilemma weichen die "Caliphats"-Leute mittlerweile aus, indem sie zugeben, dass Burlingame "performed limited OTO activities", ohne diese jedoch zu spezifizieren.

Frage: Haben Sie den Eindruck, dass sich der Grossteil der Leserschaft nur auf Crowley stuerzt und den OTO mehr oder weniger als Beiwerk sieht?

P.R.K.: Tatsaechlich wird "der" OTO zu oft in einen zu nahen Zusammenhang mit Crowley gebracht, der ab 1923 (dem Tod Theodor Reuss') aus seinem Zweig ein saekularisiertes Unternehmen aufzubauen versuchte. Es existiert z.B. ein Plan Crowleys, das OTO- Lebenselixier (d.h. Sperma und Vaginalsekrete) unter dem Namen "Amrita" als Massenprodukt herzustellen und zu verkaufen: "It means shifting the Centre of Gravity of the Human Race!", Tagebucheintrag vom 6. August 1923.
Solche werbestrategisch ungluecklichen "Ausrutscher" werden vom "Caliphat" natuerlich nicht gern gesehen. Nichtsdestotrotz wird die Ware Crowley von der 1977 in Kalifornien gegruendeten Firma "Caliphat" (die sich selber auch als "OTO International" bezeichnet) als Marketing- und Public Relation-Produkt mit einem Mini-Aufgebot von Anwaelten an den Mann, resp. Frau, gebracht.

Frage: Dem Caliphat haben Sie in Ihrer Konzept-Darstellung in Gnostika Spiessigkeit und Engstirnigkeit vorgeworfen, die jede eventuelle Bewusstseinsveraenderung/Erweiterung verhindert. Sehen Sie die Arbeit dieser Gruppe als zum Scheitern verurteilten Versuch, Spiritualitaet zu "organisieren"?

P.R.K.: Die "Arbeit" dieser Gruppe besteht laut inoffiziellen Selbstaussagen der massgeblichen Protagonisten allein in der Publikation von Crowley-Material. "O.T.O. is just a club. A simple club. A wholly mundane thing. Its fate is in no sense tied into that of the Aeon itself," so James Eshelman, ehemaliger Stellvertreter des "Caliphs" am 8. April 1997. Und am 12. April 1997, Eshelman ueber William Breeze, dem jetzigen "Caliph": "he is willing to sacrifice the spiritual development of the present generation [von Mitgliedern] (since it's impossible to reform the post-Grady version of the Order anyway [d.h. die Crowley- oder Reuss-Version des OTO]) in order to lay the best foundation for the spiritual growth of humanity for the next couple of thousand years," indem Breeze Crowley-Buecher publiziert. Etliche Stellen bleiben undiskutiert: "Der Grund, dass [...] Aspekte von Thelema ausgelassen sind, ist das aktuelle Problem, wie Thelema in der Öffentlichkeit als Religion darzustellen ist, um so vom Staat anerkannt zu werden. Thelema ist ganz eindeutig konträr und an den Grenzen der normativen Gesellschaft. Thelema weist die normativen Werte und Moral ab und zielt auf die Ueberschreitung und Verletzung eben dieser Normen. Die Miteinbeziehung von Drogen in die Rituale, die positive Betonung der Sexualität, die als Werbung für Promiskuität angesehen werden kann und der autoritäre und pro-Nietzscheanische Aspekt von Thelema zwingen die normative Gesellschaft zur Ablehnung und gleichzeitig ermutigt Thelema seine Anhänger, die meisten Aspekte der normativen Gesellschaft abzulehnen." ["Journal of Thelemic Studies", 1;2, 2008, Seite 40, übersetzt] Siehe auch Das Milieu des Templer Reichs. Kenneth Grant's O.T.O. hingegen ist ohne Ordensstruktur und allein am kreativen Aspekt von Crowley's Neureligion "Thelema" interessiert.


_______________



Dank an Wolfgang Weirauch (Flensburger Hefte, fax (0461) 2 69 12, Germany) und Thomas Lueckewerth (Sigill, Postfach 160 142, D 01307 Dresden)

English version: O.T.O. — Early Years and Development.
Deutsche Version: Zur Geschichte des Ordo Templi Orientis.
Versione italiano: Ordo Templi Orientis — I primi anni e la sua evoluzione.
Traduccion castellano: O.T.O. — Original y su Desarrollo.

Rudolf Steiner: Never A Member Of Any O.T.O.
Rudolf Steiner: Niemals Mitglied in irgendeinem O.T.O.
Online facsimile Dokumente zu Reuss und Steiner
Material von und über Theodor Reuss
Early documents with the expression "Ordo Templi Orientis" or "Order of Oriental Templars"...
Material von und über Carl Kellner

Mehr über diese Orden und ihre Protagonisten in: Andreas Huettl und Peter-R. Koenig: Satan — Jünger, Jäger und Justiz

© Dezember 1998



 

       Reuss' Memphis Misraim Emblem

one of Reuss' O.T.O. seals


 

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