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Gnosis als Hype The Laughing Gnostic David Bowie und Okultismus | ![]() |
P.R. König
"What
he writes about now he talked about then." schreibt George Tremlett, der Bowie 1964 zum ersten mal
getroffen hat.[1]
Hört man sich
die allerersten Aufnahmen Bowies von 1963 an, mit seiner Schulband The
Kon-Rads, ist schon sehr vieles davon zu entdecken, was Fans, Kritiker,
Journalisten und andere Läuse im Pelz des Künstlers diagnostizieren.
Karrussellmusik der gehobenen Art, Ausbeutung grad vorherrschender Musikstile
und all die Stereotypen, die man heutzutage über Bowie zu lesen kriegt, und die
er selbst, ganz der Clown, der er geblieben ist, in den Topf sporadisch
aufdampfenden Hypes zu werfen pflegt. Woraus besteht dieser Hype? Nehmen wir
einen Bestandteil davon: Bowie und Gnosis.
Der Gnostiker
sucht nach einer göttlichen Realität, d.h. nach einem veränderten Bewusstsein
in der diesseitigen Welt, die er nur als Schatten der jenseitigen erlebt. Der
Gnostiker erleidet die Welt als Jammertal der Tränen, als Bürde, als
verrotteten Ort. Da hinaus- oder sich damit zurechtzufinden ist meist eine
persönliche Sache. Psychotherapie, Religion, Okkultismus, Tanz, Drogen,
Extremsport, Kunst. So sind wir beim Pierrot Bowie. Da der Platzmangel eine
genaue Analyse hier verbietet, sei schlicht hingeworfen, dass der Vorstadtjunge
aus dem Dorfe von H.G. Wells ohne seine alles zerschneidenden Depressionen wohl
niemals zum Mikro gegriffen hätte.[2]
Und kein europäischer Andy Warhol würde im Zeitschriftenwald mit der Maxime
rascheln: Benimm dich wie ein Star, dann hält man dich für einen Star, dann
bist du ein Star.
"Tired of
my Life" von 1963, Bowie deutet an, nicht zu wissen, wer er sei, und
welches Spiel er spielen soll.
"Did You
Ever Have a Dream" mit "it's a
very special knowledge that you got", "astral flights", von
1966.
"Threepenny Pierrot" von 1967. Vor allem das überlieferte Video ist interessant, da alle angeblich späteren Elemente schon vorhanden sind: der Schlenker mit den Beinen, den Schwerpunkt auf das vorgestellte Bein verlagern, breitbeinig, die Arme entgegen den Lyrics herumschwenken, verwirrt und verloren neben die Kamera starren und viel Zähne zeigen, wie die Affen. Selbst die Frisuren von Ziggy, The Thin White Duke, oder die Tina Turner-Phase finden sich hier schon.
"The
Laughing Gnome", 1967: über die Pierrot personæ "David Bowie"
und "Mick Jagger", die den beiden "earn"
"lots of money".
"The
Mask", eine Pantomime von ca. 1968. Bowie wird von einer Maske erstickt.
Sein voice-over zum Schluss: "The
papers made a big thing out of it. Funny though - they didn't mention anything
about a mask."
"Unwashed
and Somewhat Slightly Dazed", 1969: "I'm
a phallus."
"Holy
Holy", aufgenommen 1970, über Sexualmagie: "Slowly, we get too good and too holy / Helping one another, just
a righteous brother". Der Text könnte aus einem altmodischen Golden
Dawnritual stammen. Darüber gleich mehr.
"The
Supermen", 1970. Ein H.P. Lovecraft-Verschnitt.
"After
All", mit Crowley's Maxime "Do
what you wilt", 1970. Über Crowley gleich mehr.
In seinem 1971 Song "Quicksand" finden wir: "I'm closer to the Golden Dawn". Der GD ist ein englischer Klub um die Jahrhundertwende, in der Adlige beim 5 o'clock Tea von neu entdeckten Religionen aus ihren Missionen oder über aus dem Mittelalter stammende Grimoires sinnierten. Der Golden Dawn gilt als die magische Geheimorganisation schlechthin. Er existiert heute noch, hat jedoch die adligen Gefielde verlassen und ist jederzeit via Internet kontaktierbar. Und ebenfalls in '"Quicksand" ist Bowie:
"Immersed in Crowley's uniform of
imagery": Aleister Crowley, ein Gnostiker, Sexualmagier,
selbsternannter Antichrist und so Reizfigur braver Bürger. Crowley geniesst vor
allem bei Menschen, die bewusstseinserweiternde Pratiken suchen, den Ruf eines
Propheten. Seine selbstgebastelte Religion, ein Flickwerk aus Nietzsche,
Rabelais und Augustinus, zieht weltweit eine Anhängerschaft von vielleicht 3000
mehrheitlich Amerikanern an.
"Oh, You
Pretty Things!" von 1971 mit: "You
gotta make way for the homo superior". Der Text enthält eine Referenz
zu Edward Bulwer-Lytton's okkulter Novelle "The Coming Race" von
1871.
'Eight Line Poem' von 1971: "The key to the city / Is in the sun
that pins the branches to the sky". Wiederum eine Passage aus einem
Golden Dawnritual.
"My Death waits there", 1972. Der Text von Jacques Prévert enthält die einzigartigen Zeilen: "My death waits there between your thighs" und "Angel or devil, I don't care".
"We are
the Dead", 1973: "For you're
dancing where the dogs decay, defecating ecstasy / Because of all we've seen,
because of all we've said / We are the dead."
"Candidate",
1973: "you got to make way for the
Candidate," "the Fuhrerling". Referenz zum vorher erwähnten
"Oh, You Pretty Things" mit dem homo superior.
"Who can
I be now?", 1974. "It's gonna be me", 1974: nämlich "be holy again".
Im 1976 Song
'Station to Station' erwähnt er Schlüsselbegriffe aus der Kabbala: "from Kether to Malkuth", die
verinnerlichte Reise vom Göttlichen hinab ins Irdische. Meint er damit die
Vertreibung aus dem Paradies, denn normalerweise verläuft die Reise ja in
umgekehrter Richtung?
"Ashes to
Ashes", 1980: "hung out in
heaven's high: hitting an all time low"
"Loving
the Alien", 1985, eine Hetzrede gegen organisierte Religion. Das Video
zeigt Bowie auf dem Wasser laufen, Blut in einem Brunnen findend und selber als
Tempelritter verbrennend
"Hurt", 1995. Der Text stammt von Trent Reznor; "i hurt myself today to see if i still feel, i focus on the pain, the only thing that's real".
"I can't read", 1989 in der depressiven Version von 1997: "I don't care which shadow gets me".
Es lassen sich
unzählige weitere aus Büchern geklaubte gnostische Reizwörter in seinen Lyrics
finden. Eine intensive Auseinandersetzung fördert jedoch zu Tage, dass es sich
hier, wie wahrscheinlich bei vielem, lediglich um Puzzleteile handelt, die
Bowie der Kultur entnimmt, um damit zu spielen, hindurch zu navigieren oder
sich vor einem Mikro in Szene zu setzen. Glaubt man seiner verbitterten ersten
Frau, Angie Bowie, die seine Karriere massgeblich beeinflusst hat:
Hat Ihr Ehemann jemals an Magie geglaubt?
"NO! Just when he was trying to
scare or impress people." Frage: "Do you have reason to think that he ever got rid of
occultism/said practises?" Angie: "I
don't think he was ever involved; he's too egotistical to put his fate in the
hands of someone else" eg supernatural forces.
Warum hat
Bowie überhaupt begonnen, okkulte Schlüsselworte zu verwenden?
"The occult key words came from
him hearing that Led Zeppelin were involved in the occult and so he wanted to
be so cool and scare Jimmy Page. David decided to retaliate with his
magic!"
Einleuchtender für Bowies mehrheitlich dem Hype zu zuordnendes Interesse an Gnosis (noch heute benutzt er dieses Wort so oft wie möglich), ist die Tatsache, dass ein so hyperaktiver Starman niemals ausreichend Musse und Zeit finden kann, um den Gnosis-, Magie- und Okkultismus-Marathon mitzumachen. Das Bild eines Crowleys als "schlimmsten Mannes der Welt" reicht aus für die Marketingstrategien und fürs Feuilleton jeglicher Couleur.
Und trotzdem lässt sich Bowie am 1996 Konzert im Zürcher Hallenstadion beobachten, wie er während des ganzen Songs "The Man Who Sold The World" in einem sehr anspruchsvollen Yogasitz auf einem Tisch sitzt, einem Yogasitz, der intensives Training erfordert. Wo endet der Hype? Da, wo der Spass aufhört? Bei einem Charitykonzert für die Tibetan Soiety? Er scheint keinen Unterschied zwischen Hype und sich selber zu machen. Er nennt das Postmoderne. Und es scheint sein Immunsystem zu stärken, das Spiel mit dem Publikum:
Geht es nicht
hauptsächlich um Spass? Da musizieren ein paar Leute im Studio, haben Spass.
Dann zieht man ein lustiges Hütchen über die Ohren, um ein paar Journalisten
gepflegt zu veräppeln. Ab auf Tournee und Spass. Und Journalisten veräppeln.
Eine lustige neue Hose. Da capo.
Da hat sich
seit 40 Jahren nichts verändert. Bowie hat niemals Rollen gespielt. Niemals
Masken (ausser 1968, 1974 und 1976 in der Bühnenshow) getragen. Es gab immer
nur einen Bowie. Zu jedem Musikstil, den er ausprobierte, gabs neue Farben. The
Faker ist gar nicht fähig, Rollen zu spielen. Das zeigen die vielen Dutzend
Videoclips, die Livefilme, die Kino- und Fernsehfilme. Er ist ein
grottenschlechter Schauspieler. Und so einer soll imstande sein, alle paar Monate
oder Jahre eine neue Maske über ein angeblich unergründliches Ich zu stülpen?!
Unter dieser Oberfläche ist rein gar nichts, denn er hat niemals eine
Oberfläche präsentiert. Alles andere ist ein mediales Hologram, reine
Projektion der Medien, der Fans, der Plattenindustrie. Und der
Abschreiberlinge. The Grande Dame dazu, letztes Jahr an einem Livekonzert: "Question number one is: Who do you
want me to be? –Question number two is: Who do I want you to
be?".
Es ist relativ
neu, dass der Künstler dermassen eng mit seiner Kunst in Verbindung gebracht
wird. Das kam erst im 20. Jahrhundert so richtig auf. Und die biographischen
Details scheinen in der Rezeption der Journalisten und des Normalvolkes immer
mehr an Bedeutung zu gewinnen. An Picasso hat man gelernt, aha ein Künstler,
aber das Feuilleton erwähnt lieber die Frauengeschichten.
Es ist
offensichtlich ein Phänomen der zunehmenden Medialisierung der Gesellschaft,
der Boulevardisierung der Kultur. Je mehr Spiesser sich Kunst reinziehen
können, umso mehr Spiesser wollen auch dazu ihre Meinung abgeben. Nicht mehr
unbedingt zur Kunst, aber zum Künstler.
Und hier
reagiert Bowie instinktiv richtig. Er, der primär ein brillanter Musiker
war/ist (minus die 80er, in denen alle zu Recht jammerten, Bowie Bowie warum
hast du mich verlassen), hat sich intuitiv in den Zeitstrom des Medienhypes
einbinden können. Hierin gleicht er Salvador Dalí. Dass das Phänomen Bowie nur
in den Medien existiert und er selber so hyperaktiv daran mitschraubt, entwirft
natürlich einen ganz bestimmten Blick auf seine Arbeit. Für wen macht er seine
Musik? Für den eigenen Spass? Aus Flucht vor Depressionen? Fürs Portefeuille?
Für den Fan, für ein Musikheftchen? Was ist jemand, der eine Symbiose mit den
Läusen im eigenen Pelz eingeht? Und das Lausstudio dermassen schnell verlässt,
dass niemand den Fliegenschwarm bemerkt, den sein schillerndes Ambrosia
anzieht.
Eine wahre
Geschichte? Heute geht der Aufmerksame Zuhörer in den Coop, um sich Milch zu
kaufen und hört einen vertrauten Freund "making
love with his ego" aus unsichtbaren Lautsprechern trompeten. Als
nächstes vernimmt er jemanden, der "always
has to wait" auf den Mann "all
dressed in black" während er der Kasse zustrebt. Visionen sexueller
Omnipotenz und von Heroindealern sind zur Muzak für die Masse geworden. Ziggy
Ikarus schüttelt vergnügt seine Federboa: Try Some, Buy Some.
Eine
Kurzversion dieses Artikels erschien in der schweizer Kunstzeitschrift
"DU", vom November 2003
[1] "David Bowie, Living On The Brink", London 1997
[2]
Dieser Beitrag ist die Kurzfassung eines Buchs in Vorbereitung
Read also Steele Savage: David Bowie - Outside, Aleister Crowley, and the Holy Grail
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