Ordo Templi Orientis Phänomen — Peter-Robert Koenig — Interview Sigill 1997

Ordo Templi Orientis
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Ein Interview mit Peter-R. König für "Sigill" 15, November 1997
Postfach 160 142
D 01307 Dresden
BRD

Die Fragen stellte Thomas Lückewerth

Holy Logos Ordo Templi Orientis




"Moondust will cover me"




F: Bitte stellen Sie sich, Ihr Werk und Ihre damit verbundenen Ziele vor.

A: Ich sehe mich als Anarchist, der zwischen den Ikonen der Gesellschaft umherwandert, mit einem Anzug aus Taschenspiegeln um den Leib und Marcel Duchamps Flaschenständer auf dem Kopf.
Als Reflektor der Gesellschaft fange ich seit 1985 das von einer Sphinx gefilterte Licht aus dem ethnologischen Untergrund der westlichen Zivilisation auf: Licht, das am Ende des Tunnels den Suchenden anlockt, dabei aber ein Mundvoll Sperma anleuchtet. Die dieses Licht abstrahlende Taschenlampe nennt sich Ordo Templi Orientis, eine pseudo-geheime Murmeltreppe, auf der man leicht angeschlagene Klickers trifft, die, wie alle Murmeln, einen Weg rollen wollen, der schon Sysiphus vom Schicksal vorgeschrieben wurde.
Bis jetzt habe ich dieses Licht in 10 Büchern gespiegelt: ein paar sind über Theodor Reuss, einem Deutschen, der Yoga, Sperma und Freimaurerei in rechtschaffene deutsche Ordnung zwingen wollte (worauf wahrscheinlich der Begriff "Ordo" in Ordo Templi Orientis" hinweist); ein paar sind Werke über Rosenkreuzer, die der Unterdrückung des menschlichen Daseins alchemystisch-sexualmagisch ausweichen; und ich führe die O.T.O.-Rituale als Faksimile in Aleister Crowleys Handschrift vor, in dessen universeller Gnosis kein Unterschied zwischen Geld, Vaginalsekreten, einem Gedicht und dem faschistoiden Dahindampfen im Gespräch mit Ausserirdischen mehr vorhanden ist.
Mein einziges Ziel ist es: für mich selber nach wie vor ein erfassbarer Teil des inspirierenden Prozesses im Bemühen um Subjektivität und Objektivität zu bleiben. Mein Ziel war es nie: Aufklärung, Mission oder Propaganda zu betreiben.

F: Nicht ausbleiben kann die Frage nach dem Ursprung Ihrer Studien. Sind Sie gleich als Forscher/Künstler an den O.T.O. herangegangen oder als gutgläubiger, die Initiation anstrebender Interessierter ?

A: Ich war nie ein "gutgläubiger, die Initiation anstrebender Interessierter". Mein emotionelles und seelisches Innenleben schliesst solche Wünsche und Sehnsüchte völligst aus. Und mein Intellekt dient nur als Kitt zwischen den Puzzle-Teilen aller mir zugänglichen Welt-Phänomene, worunter das O.T.O.-Phänomen dasjenige ist, das zufälligerweise an und mit mir wachsen konnte und eine Menge amüsanter Bonus-Satisfaktionen abwarf (dito umgekehrt).

F: In den letzten Titeln der O.T.O.-Reihe beziehen Sie, wie Sie es beschreiben, "absolute Distanz", d.h. Sie, kommentieren und analysieren nicht mehr, sondern legen einzig und allein das Material offen. Welche Gründe gibt es dafür ? Eine Reaktion auf Ihre Kritiker, die Ihnen Ihre Darstellung übelnahmen ? Böse Menschen könnten Ihnen unterstellen, dass Sie das Material gezielt selektieren und nur das verwenden, was Ihnen in den Kram passt ...

A: Das, was ich sagen wollte, tat ich mit meinen Büchern "Das O.T.O.-Phänomen" (einer Historie aller O.T.O.-Gruppen), "Ein Leben für die Rose" (Instant-Erleuchtung durch Sex mit und ohne Orgasmus im organisierten Okkultismus) und "Abramelin & Co." (Historie der bewusstseinserweiternden Techniken und Abenteuer im organisierten Okkultismus). Alle anderen sind entweder Vorwort oder Fussnote:
  • Der Kleine Theodor Reuss Reader [Einleitung]
  • Materialien zum O.T.O.
  • Der OTOA-Reader [übersetzte Materialien, da die Originale nur in Englisch sind}
  • Das Beste von Heinrich Tränker [O.T.O.-Grossmeister von Deutschland, bei dem Aleister Crowley 1925 zu Gast war]
  • How to make your own McOTO [die ach so berühmten O.T.O.-Rituale]
  • Der Grosse Theodor Reuss Reader [u.a. mit Material über Rudolf Steiner]
  • Das Beste von Friedrich Lekve [Stellvertreter Aleister Crowleys in Deutschland]

Fortsetzung folgt
Aus dem Präsentieren so vieler Faksimile-Materialien zum O.T.O. wie nur möglich, im Zusammenhang mit dem (mindestens) 13-teiligen Gesamtwerk zum O.T.O.-Phänomen, ergibt sich die kritische und distanzierte Haltung, die z.B. objektiven Forschern Grundlagenstoff zur Abbildung der Befindlichkeit der Gesellschaft, wie auch dem Okkultisten praktisches Material zur Verfestigung oder Verformung seiner subjektiven Welten bietet.

F: In künstlerischer Form die "Historie" des O.T.O. in ein "Phänomen" zu wandeln ist eher ungewöhnlich, wenn auch in Anbetracht der Materie wohl notwendig. War diese Herangehensweise von Anfang an bewusst von Ihnen gewählt worden oder hat sich im Laufe der Zeit ergeben, dass man ein "okkultes", also nicht direkt greifbares Phänomen nicht allein mit Fakten und Zahlen darstellen kann ?

A: Das O.T.O.-Phänomen entwickelte sich als offenes System, das sich während der Entpuppung selbst de/re-konstitutierte, gemäss Major Tom: "I think my spaceship knows which way to go".
Die sexualmagisch-literarische Ebene versuchte ich in meinem "Leben für die Rose" zu entschlüsseln; die ethnologische Ebene auf schon ausufernde Weise in meinem "O.T.O.-Phänomen"; der gnostischen Geschmeidigkeit näherte ich mich u.a. mit dem Vortrag über die "Spermo-Gnostics and the O.T.O." (geplant für den nächsten Band über die Gnostisch-Katholischen Kirchen), der übrigens kürzlich auch von einer bekannten Homöopathin an der Uni Basel verwendet worden ist; und indem ich mich als "Querelle"haften Dorian Gray einbringe, eröffne ich u.a. die ethno-psychologische Sichtweise in einem aufgebrochenen Kunstverständnis.
Das Vorhaben, z.B. nicht nur Biographien der O.T.O.-Protagonisten anhand von Fakten, sondern auch anhand vorhandener Beispiele weltanschaulicher Einstellungen zu entwerfen, machten meine Forschungen von Anfang an schwer fassbar. Komplexität, immer wieder auftauchende Querverbindungen zu anderen Personen, Eindrücken und Dogmen von schon an sich schwer durchschaubaren Geheimbünden stellten mich und nun den Leser vor die Herausforderung, das gesamte Phänomen wie ein Kunstwerk auf sich wirken zu lassen, das sich einer kausalen Beschreibung immer wieder entzieht. Dies fordert alle Beteiligten (inklusive mich) zu einem meditativen Denken auf und erlaubt eher die Vermittlung einer ungequantelten Wirklichkeit, als die aporische Fixierung auf rein historische Daten.

F: Wie würden Sie Ihr jetziges Verhältnis zum gesamten O.T.O.-Phänomen beschreiben ? Hassliebe ? Bessesenheit ? Wer soviel Material anhäuft und derart viel Zeit für eine Sache opfert, muss ihr doch zumindest den Hauch von Sympathie entgegenbringen ?

A: Nach wie vor bin ich persönlich überhaupt nicht am O.T.O. interessiert. Das Phänomen als solches dient mir höchstwahrscheinlich als Vehikel, um mich auszudrücken, als Möglichkeit. Ansonsten empfinde ich ähnlich wie bei einer Soap Opera: es wird immer spannender. Könnte jedoch sofort bei irgendeiner Episode mittendrin aufhören.

F: Wie kommt in der Regel der Kontakt mit Ihren "Informanten" zustande ? Nehmen Sie Kontakt mit dem Menschen auf oder ist es genau umgekehrt ?

A: Sie möchten wissen, ob ich meine Recherchen eher als anal-passives Vergnügen à la Brechts Baal betreibe oder mehr in mystischer Versenkung in meiner schwarzen Burg im Nosferatu-Kostüm depressiv nach Blut gierend meine Bücher als kleine Särge voller verseuchender Ratten unters O.T.O.-Volk bringe? Nun, ohne meine Hyperaktivität, ohne meine kaltblütige "persistence", meinen kleinen Frechheiten und meiner absoluten Selbstsicherheit wäre sicherlich nicht diese Materialfülle zustande gekommen. Primär bin _ich es, der die Leute anschreibt, immer und immer wieder, bis die Zitrone keinen Saft mehr hat. Seltener rollt mir eine solche auch von selber ins Haus und bietet sich mir an.
Trotz meiner permanenten Ankündigungen, zu publizieren, gab es erstaunlicherweise höchst seltenst Verweigerungen, ausgequetscht zu werden. Es scheint unter diesen Okkultisten ein starkes Verlangen zu herrschen, sich a) selber darzustellen, sich b) zu rechtfertigen und sich c) irgendwie publiziert zu sehen. Abgesehen von der (Sehn)Sucht nach Visionen, scheint eines der Hauptthemen des organisierten Okkultismus die Sucht nach Legitimation nicht nur durch eine ausser-irdische Wesenheit, sondern auch in der profanen Form einer Autorisation durch Papa und Mama zu sein.
Ein markantes Beispiel dazu ist die Fotographie von Herrn Dieter Heikaus, alias Set-Horus Grossmeister des Ordo Saturni, abgebildet im Bischofskostüm unter dem Jesus-Kreuz in den "Materialien zum O.T.O.", Seite 90. Erst gibt er mir diese Fotografie mit der ausdrücklichen Erlaubnis, diese zu publizieren, aber sobald dies geschieht, jammert er über verletzte Persönlichkeitsrechte oder so ähnlich.
Klingt das nicht alles wie ein trash-Film auf RTL: "Gedemütigt, aber keiner glaubt ihr"?

F:Ihre These von der "Identitätsauflösung durch O.T.O." scheint mir etwas absurd und erinnert mich an Zeitgeist-Pauschalisierungen der Boulevardpresse : "Alle Okkultisten sind sexuell verklemmt, faschistoid, homosexuell, ungebildet bzw. haben Angst vor dem Fortschritt, betreiben Realitätsflucht etc." Bei konsequenter Anwendung dieser Betrachtungsweise müsste die "Identitätsauflösung" bei jeder politischen, religiösen oder wie auch immer gearteten Ideologie beobachtet werden. Das scheint mir ziemlich paranoid.

A: Ach; habe ich irgendwo irgendwann den Begriffkomplex "Identitätsauflösung durch O..T.O" gebraucht? Unmöglich, da unstimmig. Ihre Frage und Ihre Antwort, die Sie sich sogleich selber suggerieren, spiegelt Ihren eigenen Standort in der Gesellschaft wieder.

F: Getreu dem Motto "Alles ist Pose" sind Sie für Ihren Bildbeitrag in "Under Cover" in verschiedene Rollen geschlüpft. Welche sagt Ihnen am meisten zu ?

A: Die der zweiten Anna in Brechts "Die Sieben Todsünden".

F: Sie haben mehrfach — leicht genervt, wie mir scheint — darauf hingewiesen, dass Sie am "O.T.O.-Phänomen" interessiert sind und nicht am "Thelema/Crowley-Phänomen". Haben Sie den Eindruck, dass sich der Grossteil der Leserschaft nur auf Crowley stürzt und den Rest mehr oder weniger als Beiwerk sieht ?

A: Hmm, die Komplexität dieser Sichtweise verlangt nach Illustration:
Tatsächlich wird "der" O.T.O. zu oft in einen zu nahen Zusammenhang mit Crowley gebracht, der ab 1923 (dem Tod Theodor Reuss') aus seinem Zweig ein säkularisiertes Unternehmen aufzubauen versuchte. Es existiert z.B. ein Plan Crowleys, das O.T.O.-Lebenselixier (d.h. Sperma und Vaginalsekrete) unter dem Namen "Amrita" als Massenprodukt herzustellen und zu verkaufen: "It means shifting the Centre of Gravity of the Human Race!", Tagebucheintrag vom 6. August 1923.
Solche werbestrategisch unglücklichen "Ausrutscher" werden vom "Caliphat" natürlich nicht gern gesehen. Nichtsdestotrotz wird die Ware Crowley von der 1977 in Kalifornien gegründeten Firma "Caliphat" (die sich selber auch als "OTO International" bezeichnet) als Marketing- und Public Relation-Produkt mit einem Mini-Aufgebot von Anwälten an den Mann, resp. Frau, gebracht.
Und sehen Sie: mich interessiert mehr die Firma als deren momentane Handelsware.

F: Wer nach der einschlägigen Literatur aus O.T.O.-naher Hand nun mit Ihren Büchern konfrontiert wird, sieht sich nicht selten einem Zusammenbruch seiner bisherigen Vorstellungen ausgesetzt. Die angestrebte Spiritualität scheint da nur noch frommer Wunsch, ist sie doch durch Machtpolitik, Legitimationsstreit und unsäglicher Hin- und Herschieberei von Chartas in den Hintergrund getreten. War es Ihrer Meinung nach von Anfang an so oder ist hier ein kontinuierlicher Niedergang zu beobachten ?

A: In Bezug auf den O.T.O. war "es" von Anfang an "so", bloss das soziale Milieu hat sich geändert und die quantitative und qualitative Rezension davon/darüber.

F: Dem Caliphat haben Sie in Ihrer Konzept-Darstellung in Gnostika Spiessigkeit und Engstirnigkeit vorgeworfen, die jede eventuelle Bewusstseinsveränderung/Erweiterung verhindert. Sehen Sie die Arbeit dieser Gruppe als zum Scheitern verurteilten Versuch, Spiritualität zu "organisieren" ? Welche Position würden Ihrer Meinung nach Reuss und Crowley zum Caliphat beziehen ?

A: Die "Arbeit" dieser Gruppe besteht laut inoffiziellen Selbstaussagen der massgeblichen Protagonisten allein in der Publikation von Crowley-Material. "O.T.O. is just a club. A simple club. A wholly mundane thing. Its fate is in no sense tied into that of the Aeon itself," so James Eshelman, ehemaliger Stellvertreter des "Caliphs" und jetzt Repräsentant des "caliphat"ischen AA-Zweiges am 8. April 1997. Und am 12. April 1997, Eshelman über William Breeze, dem jetzigen "Caliph": "he is willing to sacrifice the spiritual development of the present generation [von Mitgliedern] (since it's impossible to reform the post-Grady version of the Order anyway [d.h. die Crowley- oder Reuss-Version des O.T.O.]) in order to lay the best foundation for the spiritual growth of humanity for the next couple of thousand years," indem Breeze Crowley-Bücher publiziert
Was wohl Reuss oder Crowley von all dem hielten? Die Vorstellung, dass sich der von Theodor Reuss konzipierte freimaurerische Retorten-Hochgrad-Orden O.T.O. in ein Jahrmarktszelt verwandelt, wo ein "Caliph" und seine "Scharlachrote Hure" Tarot-Karten legen (so wie auf der "O.T.O.-Newsletter" II,2/6, Berkeley 1978, abgebildet), entspricht sicherlich Crowleys Milch der frommen Denkungsart. Und der Geldaspekt hinter dem Ganzen? Einmal dürfen Sie raten.

F: Es mag vielleicht nicht legitim sein, derartige Rückschlüsse aus Äusserlichkeiten zu ziehen, aber beinahe noch entlarvender als die gesammelten Texte wirken auf mich z.B. die Fotos vom Treffen des ORDO SATURNI aus dem "Materialien zum O.T.O." Band, die Ihren Vorwurf von "wildgewordenen Sofahockern" zu bestätigen scheinen. Weder Roben noch der Brustschmuck von Gregor A. Gregorius können über die biedere Spiessigkeit hinwegtäuschen, die diese Herren ausstrahlen. Würden Sie meinen Eindruck bestätigen ? Der OS wird ja ohnehin eher belächelt.

A: Aus einem bestimmten Grund habe ich diese Fotos ja drin.

F: Um kurz beim ORDO SATURNI zu bleiben : Im gleichen Band findet sich ein Dokument, das Sie im 8. Grad des OS bestätigt. Wie hat man sich die Gradarbeit beim OS vorzustellen ? Verschleudern die ihre Grade per Post ?

A: Nicht notorischerweise.

A:Was hat jemand im "Gradus Mercurii" hinter sich ?

A: Schon den Rücken zur Gummiwand?

F: Zwei Fragen zur FRATERNITAS SATURNI : Sie betonen immer wieder, dass Sie sich nur für den O.T.O. interessieren. Warum dann ein Band über die FS ? Welche neuen Erkenntnisse über die FS kann der Leser erwarten ? Muss Frater VD, Deutschlands prominentester okkulter Geldscheffler, schon seine Anwälte kontaktieren ?

A: Illuminaten-Orden, Fraternitas Rosicruciana Antiqua, Gnostisch Katholische Kirchen und Saturn-Logen sind beachtenswerte Graubereiche des O.T.O.-Phänomens, letztere könnte man sogar als kaschierten O.T.O. bezeichnen.
Neuerdings versucht das "Caliphat", einen anderen Grenzbereich zum O.T.O.-Phänomen, nämlich Crowleys eher auf den Heiligen Schutzengel konzentrierten Argenteum Astrum [dessen Historie von ähnlichem Gezänke durchzogen ist, wie diejenige des mehr auf Sperma fokussierten O.T.O.] als eine Art religiöse "Freimaurerei" mit öffentlichem Tempel aufzuziehen, um eine zentralisierte Machtposition einzunehmen. Man denkt sogar daran, Babalons Stern, das Pentagramm- und das Hexagramm-Ritual zu copyrighten. Bald wirds lustig: Neben jedem Altar jeden/r Magiers/in befindet sich eine Münzmaschine für 10-Pfennigmünzen. Bei jedem getätigten AA-Ritual, ob nun in flesh oder astral, wirft man eine Münze ein, wofür man eine Karte erhält mit der Aufschrift: "Danke für die Unterstützung unseres nächsten First Class Flugtickets, um jemanden vor Gericht zu bringen".

F: Die Boulevard-Presse wärmt im Zusammenhang mit Charles Manson immer wieder gern dessen Kontakte zur "Solar Lodge of the O.T.O." von Jean Brayton auf. Diese wird vom Caliphat als "irreguläre Loge" dargestellt. Dem stellen Sie im "O.T.O.-Phänomen" die Behauptung "They were an O.T.O. Lodge" von Phyllis Seckler gegenüber. Stimmen Sie dem zu ?

A: Ja. Überspitzt formuliert, könnte man sogar sagen, dass ohne Charles Manson das "Caliphat" gar nicht existieren würde. Zum Unterstreichung dessen muss ich für den Leser vielleicht etwas zu ausführlich werden.
Zu Crowleys Lebzeiten gab es nur eine O.T.O.-Loge in Amerika: die Agape Loge in Kalifornien. Grady Louis McMurtry erhielt von Crowley eine Sonderanweisung: Im Notfalle sich dieser Loge anzunehmen, falls Karl Germer, Crowleys Stellvertreter und Nachfolger im O.T.O., damit einverstanden wäre. Germer hielt aber nie viel von McMurtry (er nannte ihn ein "Minus" und betrachtete die US als "spiritual desert"), deckte die Agape Loge am 7. September 1953 und bevorzugte vor seinem Tode 1962 eher den Schweizer H.J. Metzger als seinen Nachfolger. Zu dieser Zeit war McMurtry schon lange komplett desinteressiert am Fortbestand des O.T.O. in den USA.
Ein ex-Mitglied dieser 1953 aufgelösten Loge, Mildred Burlingame, initiierte Jean Brayton in den 1960ern mit Crowleys O.T.O.-Ritualen. Man könnte also irgendwie annehmen, dass Braytons daraus entstandene Gruppe so etwas wie ein mutterloser Satellit dieser ehemaligen Loge geworden ist.
Weder Burlingame noch der später wieder auftauchende McMurtry besassen die explizite schriftliche Bewilligung, Leute einzuweihen oder eine Loge zu eröffnen. Und ohne solche Bewilligung darf laut Statuten und beeideten O.T.O.-Ritualen KEINE Loge eröffnet werden, geschweige denn ein O.T.O. (neu)gegründet werden. Als nun Charles Manson im Zusammenhang mit Braytons "Solar Lodge of the O.T.O." ins Gerede kam, denunzierte der so auf den Plan gerufene McMurtry die ganze Brayton-Angelegenheit (die selber einen handfesten Skandal in Sachen Kindsmisshandlungen produzierte) quasi als Selbstschutz beim FBI und gegenüber dem Journalisten Ed Sanders (der daraufhin "The Family" schrieb, und als Gegenleistung McMurtry nicht erwähnte) und begann, zusammen mit seiner späteren Frau, Phyllis Seckler als "The Continuum" genannte Gruppe Crowley-Material zu publizieren. Aus diesem "Continuum" ist 1977 das "Caliphat" entstanden, um in der Version einer Religion in den US den taxfree-status zu geniessen und um als juristische Organisation angebliche Copyrights wahrnehmen zu können. Pikante Nebensache: Crowleys Testament erwähnt überhaupt keinen McMurtry.
Braytons "Solar Lodge of the O.T.O." bestand also Jahre VOR dem "Caliphat". Nun dachte McMurtry (oder besser gesagt, Bill Heidrick, der Mann, der McMurtry als Marionette benutzte, um dessen "magischen" links zu Crowley, "dem" O.T.O. und der Historie zu verwenden), er könnte als selbsternanntes Oberhaupt der 1977 neugegründeten Agape-Loge diese gleich als weltweite Grossloge des O.T.O. ausrufen und wie per Knopfdruck nach Lust und Laune "alte" Rechte anderer ex-Mitglieder re- oder deaktivieren. So anerkannte er Burlingames Einweihung von Brayton in "den" O.T.O. nicht. Was angesichts der Sachlage sehr lustig ist, denn die angeblichen "iniatic powers" der anderen ex-Mitglieder der 1953 aufgelösten alten Agape Loge anerkannte er vollumfänglich (Phyllis Seckler, H.P. Smith, etc), da diese sein "Amt" als neuen O.T.O.-leader zum geeigneten Zeitpunkt unterstützten; Burlingames "power" wurden einfach ignoriert. Und genauso wurden die weltweit anderen O.T.O.-Mitglieder, wie Kenneth Grant, Marcelo Ramos Motta oder H.J. Metzger ebenfalls ignoriert oder als "ausgestossen" bezeichnet. Entsprechende Propaganda des "Caliphats" tat dann ein übriges, um diese Mär aufrechtzuerhalten.
Als McMurtry 1985 starb, übernahm der schon erwähnte William Breeze die Leitung der Firma und benannte sie in "O.T.O. International" um.
Es stellt sich die Frage, was die O.T.O.-Rituale bedeuten? Müssen diese von einer "magischen" Macht abgesegnet sein, oder kann sich jeder selbst in "den" O.T.O. einweihen? Zu diesem Thema gibt es äusserst widersprüchliche Aussagen im "Caliphat". Letztendlich geben aber auch die "leitenden Angestellten" zu, dass Crowleys O.T.O.-Rituale ein reiner Abklatsch von schon unzähligen Malen publizierten Freimaurer-Ritualen sind und dass "ihr" O.T.O. (d.h. "Caliphat") keinerlei spirituellen Wert besitzt, sondern als reiner "Club" anzusehen ist.
Um nochmals auf die "Solar Lodge" zurückzukommen: Entweder sind die beiden O.T.O.-Gruppen "Caliphat" und "Solar Lodge" richtige O.T.O.-Abkömmlinge, d.h. mutterlose Satelliten der 1953 aufgelösten Agape Loge, oder sie sind es beide nicht. Diesem Dilemma weichen die "Caliphats"-Leute mittlerweile aus, indem sie zugeben, dass Burlingame performed limited O.T.O. activities, ohne diese jedoch zu spezifizieren.

F: Genau wie über die Braytons und die "Solar Lodge" gibt es auch über Karl Germer, Nachfolger Crowleys als Oberhaupt dessen Zweiges, FBI-Akten. Wie sieht es mit der Überwachung im deutschsprachigen Raum aus ? Werden die O.T.O. Gruppen Ihrer Meinung bzw. Ihren Informationen nach in irgendeiner Form beobachtet ?

A: Ich weiss es nicht.

F: Stichwort Überwachung : In Deutschland wird "Scientology" neuerdings vom Verfassungsschutz offiziell observiert. Wie denken Sie darüber ?

A: Was ist "Ueberwachung"? Soweit ich weiss, sammeln irgendwelche Aemter nun offiziell die offiziellen SCNSachen, das ist alles. Ich wünsche mir übrigens schon lange, von irgendwem, sei es nun vom okkulten FBI oder von einem Alien, überwacht zu werden.

F: Wie sah eigentlich die Rolle von L.R. Hubbard im O.T.O. aus ? O.T.O.-Kreise werfen ihm vor, dass er die Techniken zur Befreiung des Menschen umgewandelt hat, um sie zu versklaven, während "Scientology" verkünden lässt, dass Hubbard dort als Geheimagent eingeschleust wurde, um arme Menschen vor bösen Schwarzmagiern zu retten. Ich vermute, beides ist Unsinn ?

A: Soweit ich informiert bin, sind beide Versionen ebenso plausibel wie wiederlegbar. Die vorhandenen sexualmagischen Unterlagen in Sachen Hubbards Homunkulus-Erzeugung sprechen jedoch eher eine pro-Crowleysprache. Ebenso berichtet ja auch Hubbards Sohn, dass sich sein Vater als Inkarnation des Grossen Tieres gesehen habe.

F: Ihr Kollege Josef Dvorak ist medienmässig sehr aktiv und ist in den letzten Jahren durch zahlreiche TV Shows gereist, ...

A: ... getingelt

F:... in denen verstörte Heavy-Metal Anhänger und wahnsinnig betroffene Hausfrauen ihr Leid klagten. Insgesamt scheinen diese Sendungen wieder ein Beleg für R.A. Wilsons Motto "Kommunikation ist nur unter Gleichgesinnten möglich" zu sein. Wäre diese Art der Öffentlichkeitsarbeit etwas für Sie ? Würden Sie sich gern zu Hans Meiser auf die Couch setzen ? — Immerhin bekennen Sie sich in Gnostica zum Trash.

A: Korrektes ethnologisches Arbeiten verlangt Mit-Einbeziehen der eigenen Person. Deshalb auch dieses Interview. Hans Meisers Zirkusarena ist jedoch bislang nicht der Ort, wo O.T.O.-Phänomen stattfindet. Dieses von mir da hinzuzufügen, wäre grobe Manipulation meinerseits, die ich nicht ausübe. Warum sollte ich bei Meiser und seinem Millionenpublikum über/von ca. zwei Dutzend "Caliphats"Mitgliedern in Deutschland sprechen? Sie können sich sicherlich vorstellen, dass ich schon Redakteure von Privatsendern in meinem Heim hatte, aber meine Unwilligkeit, Blut und Sperma in der gewünschten Menge zu produzieren, äusserte. Ähnliches passierte auch im Zusammenhang mit von Medienschaffenden organisierten Auftritten zusammen mit Herrn Dvorak, die nicht nur ich dankend ablehnte.

F: Schätzen Sie die Arbeit von Josef Dvorak ? Im "O.T.O.-Phänomen" bezeichnen Sie ihn als "sympathisch". So viel Lob über Kollegen hört man von Ihnen eher selten ...

A:Und? Hat Sie nicht genau DAS misstrauisch gestimmt? Ich rede gerne stundenlang mit Herrn Dvorak, ich danke ihm viele Lacher, eine Menge köstlicher Anekdoten, und ich bewundere die Wendigkeit seines doch linearen Denkens, etc. ...

F: Auch wenn Sie keine Fragen über IOT bzw. Chaos-Magie wollten : Im IOT gibt es das "Amt des Insubordinators". Wäre ein solches Amt Ihrer Ansicht nach geeignet um die eingefahrenen hierarchischen Strukturen der O.T.O. Logen aufzulockern ? Oder sehen Sie das auch im Falle des IOT nur als Alibi ?

A: Sehen Sie, warum ich keine solchen Fragen wollte?: Seit 1919 gibt es im Crowley-O.T.O. das Amt des/r offiziellen "Revolutionary" (Liber CXCIV).

F: Die Stichworte Logen/Schweiz wecken bei den meisten Menschen eher Assoziationen an die Sonnentempler als an Metzgers O.T.O., was wohl hauptsächlich daran liegt, dass letztere noch keinen medienwirksamen Eingang ins Jenseits gefunden haben. Die Übergänge zwischen O.T.O.lern, Freimaurern und Rosenkreuzern sind zuweilen fliessend. Gab es personelle Verbindungen oder Kontakte zwischen Sonnentemplern und O.T.O. Logen ?

A: Davon weiss ich nichts.

F: Im "Grossen Theodor-Reuss-Reader" räumen Sie mit dem Gerücht bezüglich Rudolf Steiners angeblicher O.T.O. Mitgliedschaft auf, das von schlecht informierten Autoren und Rezensenten weiter verbreitet wurde. So wurde unlängst das merkwürdige "Das schwarze Reich" von E.R. Carmin wiederveröffentlicht, dass Steiner ebenfalls zum Grossmeister macht und sich dabei auf Symonds und Miers bezieht. Was mich in diesem Zusammenhang interessiert : Wie sind die verschiedenen O.T.O. Gruppen in all den Jahren mit diesem Gerücht umgegangen ? Haben sie versucht, dieses Gerücht zu instrumentalisieren, um aus Steiners verhältnismässig gutem Ruf werbemässig Kapital zu schlagen ?

A: Selbstverständlich brüsten sich alle O.T.O.-Gruppen mit ihren prominenten angeblichen "Ahnherren", und es würde sicherlich keine starke gnostische Schmerzen bereiten, auch Mutter Theresa als thelemitische Heilige in die Crowleysche O.T.O.-Messe aufzunehmen. Sobald sie gestorben ist, natürlich.
Ich habe tatsächlich schon Vorschläge gesehen, u.a. Patti Smith, Maria Magdalena, Eleanor Roosevelt und Madonna als thelemitische Heilige anzubeten. Und warum denn nicht auch die "Golden Girls"?

F: Hatte das Caliphat überhaupt nähere Informationen über diese Episode der O.T.O. Geschichte oder herrschte dort absolutes Unwissen ?

A: Generelles Unwissen, das (bislang) in dogmatischem Festhalten an der selbstgebastelten Ordenshistorie mündet (dasselbe trifft auf Franz Hartmanns oder Carl Kellners angebliche Mitgliedschaft im "O.T.O." zu, oder Crowleys angeblich legitime Autorität als O.T.O.-Führer). Die historischen Unterlagen des "Caliphats" bestehen (abgesehen von den Aussagen Crowleys) allein aus den Ueberbleibseln des mehrmals ausgeraubten Archivs von Crowleys Nachfolger, Karl Germer, und Mikrofilmen einiger Universitätssammlungen. Breeze, der sogenannte "Caliph", verwendet die Ordenskasse ebenfalls, um hin und wieder bei Sotheby's oder Rothschild-Berlin ein paar grad zum Verkauf anstehende Crowley-Manuskripte zu erstehen. — Da war mit Bestimmtheit z.B. nichts Rudolf Steiner-Relevantes darunter.
Es klingt vielleicht eigenartig, aber bevor ich ca. 1990 zu publizieren begann, nahm die offizielle Ordensgeschichte des "Caliphats" ungefähr auf zwei A4-Seiten ihren Platz ein. In der Zwischenzeit ist man rührig geworden und hat sogar Arnoldo Krumm-Hellers "Leben für die Rose" zur Kenntnis genommen.
Der interessierte Leser sollte sich im Zusammenhang mit dem "flexiblen" Geschichtsverständnis des "Caliphats" unbedingt meine im Internet publizierte Korrespondenz mit David Scriven (dem Rex Summus Supremus des "Caliphats" in den US) ansehen. Hier findet man auch die Katalogsliste des diesbezüglichen Archivs, Datum ca. 1992

F: Zu Ihrer Vorliebe für soap-operas : Es gibt eigentlich nur drei Gründe, sich soap-operas anzuschauen, nämlich um sich über armselige Inhalte, peinliche Dialoge und miserable "Schauspieler" zu amüsieren. Ich vermute, Sie sehen da durchaus Parallelen zum O.T.O.-Phänomen ?? Verraten Sie uns Ihre Lieblings-soap-opera ?

A: Selbstverständlich gibt es in meiner Wahrnehmung keine grossen Unterschiede zwischen "Dallas" und "O.T.O.-Phänomen". Bei beiden kann ich zappen, wenn ich von Geld und Intrigen gesättigt bin; beide täuschen Realität vor; beide koagulieren durch die Auslieferung an libidinös vorbeifliessende Bilder (ob nun J.R. Ewing oder Aiwaz) auseinanderfallendes Ich auf Artefakte des Alltags (dieser Prozess wird von einigen Okkultisten als quasi-religiöser Akt von Instant-Erleuchtung erlebt) und beide bilden ikonenhaft zeitgeistgemässe Selbstauflösung und selbstinduzierten Identitätsverlust auf charismatische Stars ab. Linda Gray als die Grosse Hure Babalon.
Meine Lieblings-soap ist natürlich die "Lindenstrasse", weil da mein Arzt praktiziert, — und "Roseanne", weil sie so gut kocht.

In diesem Sinne wünsche ich den Lesern von Sigill weiterhin "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Denn die nächste Episode wird bestimmt besonders aufregend.


© P.R. König und SIGILL, August 1997

 

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